Under the Skin

Under the Skin - FilmplakatHollywoodstar Scarlett Johansson verführt als Alien in Menschengestalt unschuldige Männer: Was wie ein reißerischer Aufhänger klingt, ist tatsächlich die Prämisse von Jonathan Glazers Science-Fiction-Drama Under the Skin, bei dem man eine ordentliche Portion Bereitschaft für langsames, scheinbar unspektakuläres und kryptisches Erzählen mitbringen sollte.

Einsam zieht sie in einem weißen Van ihre Runden durch Glagow, auf der Suche nach willigen Männern. Ein Halt am Straßenrand, ein kurzer Wortwechsel und schon wird das nächste Opfer, von der eigenen Lust getrieben, in die tödliche Falle gelockt, um anschließend wie eine bloße Ressource verarbeitet zu werden. Den Namen der attraktiven Frau (Scarlett Johannsson) erfahren wir nicht. Stattdessen begleiten wir sie als stiller Beobachter auf ihrer langwierigen Mission, die vielleicht als Nahrungsbeschaffung konzipiert ist, sich aber in eine subtile Entdeckungsreise der faszinierenden Spezies Mensch verwandelt.

Under the Skin ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Michael Faber aus dem Jahr 2000. Anders als seine Vorlage, hält sich der Film radikal mit Informationen zurück, präsentiert sich bis zum Schluss als surreales Mysterium und ist aufgrund seiner arthousetypischen Eigenheit alles andere als leicht verdaulich. Eher zäh, könnte man sagen, weil er dazu neigt, fast schon übertrieben entschleunigt vor sich hin zu plätschern. Dennoch: Wer dazu Zugang findet, wird mit einer hochinteressanten Perspektive auf Mensch und Menschheit belohnt. Die Protagonistin streift mit ihrem apathischen Blick emotionslos mechanisch durch den Westen Schottlands und verrichtet ihre extraterrestrische Arbeit, bis sie auf einen entstellten jungen Mann trifft, der an heftigen Deformationen  leidet – der Gedanke an Der Elefantenmensch (David Lynch, 1980) ist unvermeidlich – und sich nicht wie all die anderen Männer zuvor bloß nach ihrem Frauenkörper und sexueller Befriedigung sehnt. Hier beginnt ihr Zweifeln, ihre Neugier und vor allem ihre Sehnsucht nach der emotionalen Reichweite der so komplexen Kreatur Mensch.

Dass die Identifikation des Zuschauers mit Johanssons zurückhaltendem, gefühlskalten Schauspiel schwerfällt, ist keine Überraschung. Glazers Protagonistin mit ihrer ausdruckslosen Mimik und sporadischen Smalltalk-Dialogfetzen ist – ganz wörtlich – fremd in ihrem Körper. Das Zusammentreffen dieser Figur mit den guten und schlechten Seiten der menschlichen Natur erlaubt einen Außenblick, wie er sich sonst nur schwer einnehmen ließe. Sämtliches Worldbuilding hinter dem reduzierten Plot so dermaßen fragmentarisch und mysteriös zu lassen, hilft dabei, nicht von den Eigenarten einer außerirdischen Gesellschaft abgelenkt zu werden und sich stattdessen voll und ganz darauf konzentrieren zu können, wie fremdartig der Mensch aus einer nichtmenschlichen Perspektive heraus wirken muss.

Um die Authentizität bei der Dokumentation menschlichen Verhaltens zu erhöhen, sind die Szenen, in denen die Außerirdische mit ihrem Van am Straßenrand Männer aufliest, mit versteckten Kameras gedreht worden. Scarlett Johansson in ihrer schwarzen Perrücke hat tatsächlich in ihrer Rolle nichtsahnende Passanten angesprochen und somit für Glazer auf ihre positiven und negativen Reaktionen getestet. Die Schlüsselszenen des Films entstanden jedoch wie gewohnt nach Drehbuch, dabei können sich insbesondere die surreal gestalteten Segmente des Verarbeitungsprozesses vor völliger Schwärze sehen lassen.

Mit seiner wortkargen Langsamkeit und seiner sperrigen Handlung, die zum anthropologischen Diskurs einlädt, aber konkrete Antworten verweigert, ist Under the Skin definitiv kein Film, der es jedem oder wenigstens vielen recht macht, sondern viel mehr ein Wagnis für aufgeschlossene, geduldige Cinephile, die vor der Gefahr der Langeweile nicht zurückschrecken.


Originaltitel: Under the Skin
Regie: Jonathan Glazer
Drehbuch: Jonathan Glazer, Walter Campbell
Produktionsland: Großbritannien, USA, Schweiz
Produktionsjahr: 2013

Copyright der Bilder: Senator Film

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