The Terror Live

The Terror Live - FilmplakatWem der Sinn nach mehr Medienkritik steht, die wie im letztjährigen Nightcrawler (Dan Gilroy, 2014) diesen gewinnorientierten, rücksichtslosen Apparat und seine fragwürdigen Methoden entlarvt, und gleichzeitig beklemmende, an eine einzelne Location gebundene Thrillerkost im Stil eines Nicht auflegen! (Joel Schumacher, 2002) sucht, wird mit The Terror Live, dem dritten Spielfilm von Kim Byeong-woo garantiert fündig.

Ohne viel Vorgeplänkel stürzt sich Kims erster Versuch im Mainstream in das Geschehen: Radiomoderator Yoon Young-hwa (Ha Jung-woo) wird in seiner Sendung von einem Mann angerufen, der damit droht, die vom Fenster des Studios sichtbare Mapo-Brücke zu sprengen. Nachdem Yoon den Anrufer zunächst noch als Spinner abtut, muss er kurz darauf feststellen, dass es sich nicht um einen Scherzanruf handelt, als mehrere Explosionen die Brücke erschüttern und die nun darauf festsitzenden Menschen in Lebensgefahr schweben. In der Überzeugung, dass der Mann erneut anrufen wird, wittert Yoon instinktiv die Chance, über einen Deal wieder zu seiner vorherigen Position als bekannter TV-Nachrichtensprecher zurückzukehren. Statt also die Polizei zu informieren, verspricht er seinem Sender Exklusivrechte und Quotenanstieg. In einer spontanen Livesendung versucht er den Terroristen hinzuhalten, um das mediale Interesse zu stillen, während dieser nicht nur damit droht, die Unschuldigen auf der Brücke zu töten, sondern auch eine in Yoons Ohrlautsprecher befindliche Sprengladung zu zünden, sollte sich die Regierung nicht vor laufender Kamera auf seine Forderung einlassen.

In annähernd Echtzeit entwickelt sich durch das eingeschränkte Setting ein adrenalingeschwängertes Kammerspiel mit der Dringlichkeit eines Speed (Jan de Bont, 1994). Doch der zeitkritische Konflikt kann nicht im Stile klassischer Actionthriller gelöst werden, sondern hängt am seidenen Faden der Kommunikation. Während der skrupellose Produzent (Lee Geung-young) Yoon entprechende Fragen vorgibt, um aus dem Terroranschlag die ultimative Sensation zu kreieren und so lange wie möglich hinzuziehen, damit die Quoten ansteigen, drängt die Polizei darauf, feinfühliger mit der Situation umzugehen. Zum bedenklichen Umgang eines solchen Akts durch die Medien gesellt sich schließlich die Ignoranz der politischen Authorität, wenn sich die Regierung einschaltet, aber nicht kooperativ, sondern provokativ reagiert.

Yoon bleibt nichts übrig, als sich an diesen Drahtseilakt ohne Absicherung zu wagen und Kim inszeniert diese Drucksituation in gut 100 Minuten, die weder dem Protagonisten, noch dem Zuschauer eine längere Atempause gönnen. Besonders stark agiert The Terror Live dann, wenn das nervöse Zusammenspiel aller Parteien nicht nur mit dem Motiv von Kontrollverlust spielt, sondern insbesondere auch keine eindeutige Klärung der Schuldfrage zulässt, die in einer zivilisierten Gesellschaft zu einer solchen Ausnahmesituation führen würde. Diese Komplexität führt Hand in Hand mit der spürbaren Dramatik zu einem derart spannungsgeladenen Thriller, dass es gar nicht nötig gewesen wäre, sich gegen Ende wieder auf typische, binäre Konfliktdarstellung und -lösung in Form eines spektakulären Showdowns einzulassen. So gelingt es Kim zwar nicht, seinen Film zu einem verdientermaßen herausragenden Abschluss zu führen, stellt aber dennoch in absolut sehenswerter Form unter Beweis, wie ein modernes, fesselndes Kammerspiel voller Suspense aussehen kann.


Originaltitel: The Terror Live
Regie: Kim Byeong-woo
Drehbuch: Kim Byeong-woo
Produktionsland: Südkorea
Produktionsjahr: 2014

Copyright der Bilder: Lotte Entertainment

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2 Gedanken zu “The Terror Live

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