Blue Ruin

Blue Ruin - FilmplakatZöge man Parallelen zwischen filmischen Stilrichtungen und Musikgenres, dann wäre Jeremy Saulniers Blue Ruin wohl am ehesten mit dem Subgenre des Sludge Metal vergleichbar: Hart, schleppend, morastig. Das kleine Rachedrama wurde über Kickstarter finanziert, muss sich qualitativ aber keineswegs vor den Großen verstecken. Es ist nicht das erste Projekt und es wird auch nicht das letzte sein, das beweist, dass Crowdfunding durchaus eine ernstzunehmende Finanzierungsalternative bieten kann.

Der obdachlose Dwight (Macon Blair) führt ein kümmerliches Leben in seinem Auto am Strand, stets auf der Suche nach ein wenig Geld und Nahrung. Als er erfährt, dass Wade Cleland (Sandy Barnett), der Mann, der seine Eltern ermordete, aus dem Gefängnis entlassen wird, macht sich Dwight auf in seine Heimatstadt, um Vergeltung zu üben. Er beobachtet, wie die Familie Cleland Wade aus dem Gefängnis abholt und folgt ihnen in einen Club. Auf der Toilette ersticht er Wade und flieht. Da es selbst einige Zeit später weder eine Berichterstattung in den Nachrichten, noch eine Ermittlung durch die Polizei gibt, muss Dwight davon ausgehen, dass die Clelands die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen und nun ihrerseits auf Rache aus sind.

Was Blue Ruin von so manchem Vertreter des populären, aber teils eben auch übersättigten Genres abhebt, ist der Umgang mit Vergeltung, fern von jeder Romantisierung. Es gibt weder einen perfiden Plan, noch eine gekonnte Durchführung. Protagonist Dwight ist ein absolut gewöhnlicher Typ, der mit kompetentem Waffeneinsatz nicht vertraut ist und mit dem Töten eines Menschen Neuland betritt. Entsprechend unbeholfen und mit mehr Glück als Verstand gestaltet sich sein Rachefeldzug und der anschließende Überlebenskampf gegen die aufgebrachte Cleland-Familie. Saulniers ruhiges, unaugeregtes Erzähltempo unterstricht noch einmal, wie bedrohlich amateurhaft so eine Rachegeschichte aussehen kann, wenn sie Menschen involviert, die eigentlich kaum weiter weg von Gewaltakten sein könnten. In dieser trockenen Authentizität erinnert der Film nicht selten an No Country For Old Men (Joel & Ethan Coen, 2007)

Über Bild und Ton wird nichts stilisiert, denn Selbtjustiz ist kein Schauwert. Sie ist wie ein Felsbrocken, der ins Rollen gerät und seinen Weg unbeirrt fortsetzt. Das ist ungemütlich und holprig; Saulnier verleiht dem tragischen Geschehen keine überspitzte Ästhetisierung, keine poetische Eleganz und keine triefende Melodramatik. Deshalb ist der zögerliche, feige Dwight als Hauptfigur auch so gefährlich: Kein verletzter Stolz, kein zügelloser Zorn treibt ihn voran, sondern nur der Wunsch nach einem Ende, nach etwas um die unendliche Leere zu füllen, die ihn als Menschen zurückließ, der nichts mehr zu verlieren hat. So bedient sich Blue Ruin nicht vieler Worte und kommt dazu ohne viel Action aus. Rache wird hier auf eine grausame Einfachheit reduziert, in der kein heroisches oder erlösendes Element steckt. Es geht letztendlich auch weniger darum, wer hier wen erwischt, sondern ob das, was übrig bleibt, überhaupt noch menschlich sein kann.


Originaltitel: Blue Ruin
Regie: Jeremy Saulnier
Drehbuch: Jeremy Saulnier
Produktionsland: USA, Frankreich
Produktionsjahr: 2013

Copyright der Bilder: Ascot Elite

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