Primer

Primer - FilmplakatEs ist immer wieder eindrucksvoll, wenn aus wenig finanziellen Mitteln ganz besondere filmische Projekte realisiert werden. Primer ist Shane Carruths Debütfilm aus dem Jahr 2004 und kostete lediglich rund 7000 Dollar. Carruth zeichnete nicht nur für Regie und Drehbuch verantwortlich, sondern übernahm auch die Produktion, den Schnitt, die Musik und stand darüber hinaus in der Hauptrolle vor der Kamera seines intelligenten, kleinen Science-Fiction-Films.

Vier Ingenieure führen neben ihrer Arbeit für einen großen Konzern privat Hardware-Funktionstests durch, um sich eigene Projekte zu finanzieren. Als Aaron und Abe unabhängig von ihren Kollegen ihr jüngstes technisches Gerät zur Gewichtsreduzierung von Objekten testen, kommt es zu einer unerwarteten Nebenwirkung, die sich nach weiterer Experimentierung bestätigt: Während die Maschine eingeschaltet ist, bewegen sich Dinge in ihrem Inneren um ein Vielfaches schneller in der Zeit fort als außerhalb ihres Wirkungsfelds. Unter der Annahme, dass Menschen bei selbstständigem Verlassen einer eigens für ihre Größe konzipierten Box mit der gleichen Wirkung die Möglichkeit hätten, in der Zeit zurückzureisen, intensivieren Aaron und Abe mittels eines neuen Prototypen ihre Tests, die unter anderem das Beobachten von Aktienkursen zur eigenen Bereicherung involvieren.

Man könnte nun theoretisch immer mehr über den Plot von Primer schreiben, doch wirkliche Spoilergefahr bestünde nicht, denn die Handlung wird sehr schnell so komplex, dass es ohne Visualisierung auf Anhieb gar nicht so leicht ist, all ihren Details und Implikationen zu folgen. Wenn Aaron und Abe mit jeder Zeitreise eine neue Zeitlinie ermöglichen, aber das mit einigen hochinteressanten Entwicklungen aufwartende Drehbuch dies aus dramaturgischen Gründen nicht immer eindeutig kennzeichnet, ist vom Zuschauer höchste Konzentration gefordert, um beim ersten Anschauen des Films am Ende den Überblick zu behalten. Primer ist eine Low-Budget-Zeitreisegeschichte, die eben nicht mit irgendwelchen außergewöhnlichen Schauwerten auftrumpfen möchte, sondern mit ihrer ungewöhnlichen, aber eben auch anspruchsvollen Erzählstruktur zu überzeugen weiß.

Carruth schöpft sein Wissen hierfür aus seiner Erfahrung als studierter Mathematiker und ehemaliger Ingenieur. Dass sein Film beim Publikum nach der ersten Sichtung das ein oder andere Fragezeichen zurücklässt, ist wenig überraschend. Ein Blick in hilfreiche Diagramme zu Verlauf und Anordnungs der Zeitlinien, sowie zur Funktionsweise des eigentlichen Zeitreiseprozesses ist nicht verwerflich, wenn er dabei hilft, die in der Tat genauestens durchdachte Logik des mit 77 Minuten Laufzeit angenehm kompakten Films zu verstehen. Timecrimes (Nacho Vigalondo, 2007) und Triangle (Christopher Smith, 2009) wagen sich an relativ ähnliche Versuche, jedoch nicht ansatzweise so kompliziert verpackt und komplex strukturiert wie Carruths Werk. Als leicht zugänglich kann man Primer deshalb auf keinen Fall bezeichnen, doch wer den nötigen Aufwand betreiben möchte und sich auf diese zunächst undurchsichtige, experimentelle Reise durch die Zeit(en) begibt, wird mit wirklich cleverer Science-Fiction belohnt.


Originaltitel: Primer
Regie: Shane Carruth
Drehbuch: Shane Carruth
Produktionsland: USA
Produktionsjahr 2004

Copyright der Bilder: Palisades Tartan

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2 Gedanken zu “Primer

  1. Schön die Qualität dieses Filmchens beschrieben. Ich empfehle einfach mal ganz dringend den Nachfolger UPSTREAM COLOUR! Während PRIMER bei mir noch eher den Status eines coolen Experiments, kniffligen Rätsels und starkem Debüts genießt, ist UC nicht weniger als ein filmgewordener Rausch voll audiovisueller Perfektion. Ähnlich schwer zu durchdringen, aber dabei auch noch unendlich schön, tragisch und nachdenklich. Einer der besten Filme des neuen Jahrtausends!

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    1. Danke für die Empfehlung, auch wenn ich mir den sogar schon seit einer ganzen Weile vormerke. Es gibt irgendwie so ein paar Filme, die ich mir – warum auch immer – dann doch immer wieder für später aufgehoben habe. Es wird aber bald wirklich mal Zeit, denke ich. Selbst „Primer“ habe ich viel zu lange vor mir hergeschoben, obwohl ich so viel gutes darüber gehört hatte. :)

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