Begierde

Begierde - FilmplakatNach mehreren Kurzfilmen und einer Tätigkeit in der Werbebranche war 1983 endlich die Zeit für das Spielfilmdebüt von Tony Scott gekommen. Wenige Jahre nach seinem älteren Bruder Ridley, betratt er die Bühne großer Filmemacher, wenn auch noch weit weniger massentauglich als seine späteren Werke. Begierde ist ein Horrordrama, aber stilistisch eben auch eine gewöhnungsbedürftige Mischung aus amerikanischen Independentkino und europäischem Arthaus.

Miriam Blaylock (Catherine Deneuve) ist ein Vampir. Seit Jahrtausenden verspricht sie ihren Partnern ewiges Leben gegen den gelegentlichen Drang nach menschlichem Blut. Seit dem 18. Jahrhundert ist John (David Bowie) der Ehemann an ihrer Seite. Inzwischen schreiben wir die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts und die beiden geben klassischen Musikunterricht in New York. Johns junges, lebendiges Antlitz scheint die physische Unveränderlichkeit des unsterblichen Lebens jedoch ganz plötzlich verloren zu haben. Ein rapides Altern macht sich bemerkbar und verwandelt ihn binnen kurzer Zeit in einen alten Mann. Von seiner Frau belogen und von der drohenden Sterblichkeit bedroht, wendet er sich an die Gerontologin Dr. Sarah Roberts (Susan Sarandon), die sich auf Krankheiten mit unnatürlichen Alterungsprozessen spezialisiert hat.

In diesem Frühwerk sind Scott sowohl sein filmakademischer Hintergrund, als auch seine gesammelte Erfahrung als Werbefilmer anzumerken, wenn er visuell zur Unterstreichung seines Inhalts klassische und moderne Ästhetik kontrastiert und vereint. Bereits die Anfangsszene in einer New-Wave-Diskothek mit Goth-Klientel hätte die 80er Jahre kaum besser repräsentieren können. Einmal in Miriam und Johns elegantem Eigenheim angekommen, fühlt man sich stattdessen wie in eine vergangene Epoche versetzt, wenn Scott der Jahrhunderte alten Einrichtung eine nebulöse Aura durch den geschickten Einsatz von Schleiern und weichem Licht verleiht. Begierde ist ein Film der Kontraste; Miriams Schönheit trifft auf Johns altersbedingte Hässlichkeit, ihre zeitlose Unsterblichkeit betont die menschliche Vergänglichkeit, ihre sexuelle Offenheit kontrastiert klassische Beziehungsmuster. Die ruhige, nach Innen gerichtete Erzählweise und Charakterisierung bildet einen deutlichen Unterschied zu den exploitativen Vampirhorrorfilmen der vorangegangenen Dekade.

Dennoch kann man Scott vorwerfen, sein Film habe zu wenig Substanz, denn die Handlung ist letzten Endes eine knappe Angelegenheit. Als vom europäischen Kino inspiriertes, sehr künstlerisch gehaltenes und in den Hauptrollen entsprechend mit Deneuve und Bowie besetztes Horrordrama, das sich ein wenig vor dem amerikanischen Erzählkino sträubt, ist Begierde natürlich vordergründig als gekonnte Ansammlung audiovisueller Eindrücke konzipiert. Das dünne narrative Konstrukt droht, unter dem Gewicht der ambitionierten Ästhetik zusammenzubrechen und so wirkt zumindest der Abschluss von Scotts atmosphärisch dichten Vampirgeschichte ein wenig einfallslos. Je nach persönlicher Gewichtung bezüglich der Erzählweise und dem Verständnis von Film als visuelles Medium, weiß sein Debüt dennoch mit schöner Bildsprache zu überzeugen.


Originaltitel: The Hunger
Regie: Tony Scott
Drehbuch: Ivan Davis, Michael Thomas
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1983

Copyright der Bilder: Warner Bros.

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