Jin-Roh

Jin-Roh - FilmplakatNach The Red Spectacles (1987) und Stray Dogs (1991) erschien 1999 mit Jin-Roh der dritte Film über Mamoru Oshiis Polizeispezialeinheit Kerberos. Dieses Mal übernahm er für sein Drehbuch zwar nicht selbst Regie, sondern beauftragte Hiroyuki Okiura damit, dennoch ist Oshiis Erzählstil auch atmosphärisch zu jeder Zeit spürbar. Ursprünglich war der Film bereits einige Jahre früher und als Verfilmung mit echten Darstellern geplant, wurde aber aufgrund von Oshiis Arbeit an Ghost in the Shell (1995) verschoben und schließlich als Animationsfilm realisiert.

Die Geschichte setzt vor den anderen Kerberos-Adaptionen ein und erzählt als Prequel von den totalitären Verhältnissen eines vom faschistischen Deutschland beherrschten Japans in einer alternativen Version der 50er Jahre. Um dem Aufständen und Anschlägen aus den Reihen der Bevölkerung entgegenzuwirken, wurde eine spezielle Anti-Terror-Einheit der Polizei gegründet, die unter dem Namen Kerberos in der Hauptstadt agiert.
Als Kerberos-Mitglied Kazuki Fuse (Yoshikazu Fujiki) dem Befehl, eine junge Terroristin zu erschießen nicht Folge leistet und diese sich vor seinen Augen in die Luft sprengt, wird er suspendiert und muss zur Neubewertung zurück in das Trainingscamp. Am Grab der Verstorbenen begegnet er deren Schwester Kei Amemiya (Sumi Mutoh). Während sich zwischen den beiden eine sonderbare Berziehung entwickelt, dringt Kazuki immer tief in ein Netz aus Lügen und Verschwörungen vor, die für ihn und die junge Frau tödliche Konsequenzen haben können.

Trotz der Prämisse, einen ausartenden Konflikt zwischen der aufständischen Bevölkerung und der Regierung zu haben, der sich in brutalen Straßenkämpfen und Terroranschlägen äußert, war bei einem Drehbuch von Oshii selbstverständlich nicht mit einem actionreichen Unterhaltungsfilm zu rechnen. Wie so oft, ergründet der Japaner gesellschaftliche Strukturen und philosophische Grundfragen aus einer gleichermaßen nachdenklichen wie poetischen Haltung heraus. Jin-Roh zeigt die Spezialeinheit zwar in Aktion, konzentriert sich aber vordergründig einerseits auf Traumabewältigung des Protagonisten in Form eines ruhigen Charakterdramas und erforscht auf der anderen Seite die verschiedenen gegenläufigen Agenden der im japanischen Staatsapparat operierenden Organisationen als komplexer Politthriller.

Über all den Verstrickungen, in denen Kazuki seine ganz eigenen Motivationen verfolgt und der Annäherung an Kei, die auch mehr verbirgt, als sie preisgibt, schwebt eine poetische Aura, wie sie Oshii gerne hervorhebt, während er gleichzeitig das Geschehen entschleunigt. Hier spielt er, respektive Okiura, mit der Symbolik einer Version des Rotkäppchen-Märchens, die ein wenig anders verläuft, als wir es kennen. Damit einher geht auch immer wieder die Wolfs-Symbolik in Bezug auf den Protagonisten. Das Wechselspiel von Schuld und Unschuld, von Macht und Ohnmacht wird immer wieder spürbar. In stimmungsvollen Bildern wird so eine metapherngeschwängerte Atmosphäre erzeugt, die die Kämpfe im Inneren der Figuren treffend illustriert.

Jin-Roh ist ein anspruchsvoller und aufgrund seiner Komplexität, nicht zuletzt aber auch wegen seiner dargestellten Gewalt, alles andere als ein familientauglicher Anime. Mit dem Ausgangsmaterial der Kerberos-Saga muss man nicht vertraut sein und auch die beiden vorherigen Adaptionen sind nicht entscheidend, da sie in der internen Chronologie nach den Ereignissen dieses Films angesiedelt sind.


Originaltitel: Jinrō
Regie: Hiroyuki Okiura
Drehbuch: Mamoru Oshii
Produktionsland: Japan
Produktionsjahr: 1999

Copyright der Bilder: Rapid Eye Movies

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4 Gedanken zu “Jin-Roh

  1. Huch, ich wusste noch gar nicht, dass es noch zwei andere Filme in der Richtung gibt. Muss ich gleich mal recherchieren.
    Bei näherer Betrachtung finde ich die Möglichkeit, „Jin-Roh“ als Animationsfilm zu Gesicht bekommen zu haben, als unglaublich wertvoll, da die bedrohliche Atmosphäre schon in den ersten Augenblicken fest zupackt. Es ist ein Film, der mit jeder weiteren Sichtung wächst und wächst. Eine wahre Perle seiner Zunft mit einem famosen Soundtrack.

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      1. Es ist schwer, sich nach „Jin-Roh“ vorzustellen, wie solche Filme wohl in echt ausgesehen hätten, bzw. es tun. In Comicform ist das wieder eine andere Sache, auf die ich sogar richtig Lust hätte. Aber wow, da hat er ordentlich was reingesteckt, bei diesem enormen Umfang.

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