Zazie

Zazie - FilmplakatSo unterschiedlich kann Filmkultur sein: Steht der französische Film zu Beginn der 60er Fahre bei Filmfreunden für gewöhnlich ganz im Zeichen der Nouvelle Vague um Namen wie François Truffaut und Jean-Luc Godard, die dem Film formal und inhaltlich neuen Anspruch verliehen, kommt zur gleichen Zeit Louis Malle an und verwandelt mit Zazie einfach mal ganz Paris in eine kunterbunte Klamauk-Party!

Zazies größter Wunsch ist es, einmal mit der Métro durch Paris zu fahren. Und der wäre für das zwölfjährige Mädchen aus der Provinz (gespielt von Catherine Demongeot) beinahe in Erfüllung gegangen, als ihre Mutter sie für zwei Tage in der Hauptstadt bei Onkel Gabriel (Philippe Noiret) und Tante Albertine (Carla Marier) ablädt, um ihren Liebhaber zu besuchen. Dummerweise streiken derzeit sämtliche öffentliche Verkehrsmittel. Doch die freche Zazie lässt sich nicht aufhalten und so beginnt eine verrückte Reise durch das bestreikte Chaos der Stadt.

Was Malle in der Folge entfesselt, ist ein wahres Humorgewitter, das in vielen Farben und Formen auf den Zuschauer niederprasselt und ihn gnadenlos überrumpelt. Hier drängen sich Slapstickhommagen an die Stummfilmära und an Cartoons, flotte Sprüche, bei denen kein Blatt vor den Mund genommen wird, und vollkommen absurde, ja, surreale Situationen allesamt gleichermaßen so in den Vordergrund, dass bei der Fülle an Gags leicht das ein oder andere Detail übersehen werden könnte.

Formal wird auch die Kamera stets auf Trab gehalten. So unvorhersehbar wie sich der Plot um Zazies Odyssee durch Paris entwickelt, so unberechenbar handhabt Malle auch Bildkomposition und Kamerabewegung. Für Schauspieler, Crew und Zuschauer gibt es keine ernsthaften Ruhepausen, denn in nahezu jeder Einstellung scheint irgendetwas zu passieren. Einfach nur eine Art rastlosere, französische Version von Pippi Langstrumpf sollte man allerdings nicht erwarten, denn auch wenn Zazie ebenfalls allerlei neunmalklugen Schabernack betreibt und die Erwachsenenwelt so richtig durchschüttelt, sind ihr Gebrauch von Schimpfwörtern und die gelegentlichen sexuellen Anspielungen des Films bezüglich ihres Onkels bestimmt kein Thema für die Jüngsten. Seinerzeit verweigerte die FSK sogar die Jugendfreigabe, bevor eine Zensur der Synchronisation den Film in Deutschland wieder zugänglich machte.

Kinder mögen zwar nicht die primäre Zielgruppe von Zazie sein, dennoch macht der Film einen höllischen, geradezu kindischen Spaß zwischen Slapstick-Albernheiten und kurios-grotesker Situationskomik. Ganz Paris scheint wahnsinnig geworden zu sein und Malle hält diese anarchistische Heiterkeit spielend für die Ewigkeit fest.


Originaltitel: Zazie dans le métro
Regie: Louis Malle
Drehbuch: Louis Malle, Jean-Paul Rappeneau
Produktionsland: Frankreich, Italien
Produktionsjahr: 1960

Copyright der Bilder: Pierrot Le Fou

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