Kagemusha

Kagemusha - FilmplakatHatte Akira Kurosawa in der ersten Hälfte seiner fünfzigjährigen Regiekarriere noch dreiunzwanzig Filme gedreht, waren es in der zweiten Hälfte nur noch sieben. In diese Jahre des langsamen Ausklangs fällt auch Kagemusha, Kurosawas poetischer Abgesang auf eine seiner liebsten Perioden, die Sengoku-Zeit das feudalen Japans. Bilder der Erinnerung und Bilder des Zerfalls; und auch wenn er sich mit dem wenige Jahre später erschienenen und populäreren Ran (1985) noch ein weiteres, ein allerletztes Mal dem Samuraifilm widmete, steht gerade Kagemusha mit seiner Handlung an der Schwelle zwischen zwei Epochen sinnbildlich für das Ende einer Ära.

Japan, 1572. Es ist die Zeit der streitenden Reiche. Fürst Takeda Shingen belagert mit seinem Clan eine Festung des verfeindeten Ieyasu Tokugawa, wird jedoch eines Abends von einem Scharfschützen niedergeschossen. Ein Monate zuvor begnadigter Dieb, der dem Fürsten wie ein Zwilling glich, soll nun in die Rolle Shingens schlüpfen, damit dessen Tod vor dem Feind und vor den eigenen Samurai, die nur dem Patriarchen die Treue schulden, geheim zu halten. Eine solche Rolle wird als Kagemusha bezeichnet, als sogennanter Schattenkrieger, der die Stellung als Doppelgänger bezieht. Zuerst mit einigen Problemen bezüglich der Pflichten und Sitten behaftet, wächst der Kagemusha niederen Standes jedoch in seine neue Aufgabe hinein und entwickelt sich schon bald zur fast perfekten Täuschung.

Vor dem Hintergrund realer historischer Persönlichkeiten und Ereignisse rund um den Takeda-Clan und seine Widersacher, das Nobunaga-Tokugawa-Bündnis, erzählt Kurosawa viel mehr als nur eine simple Variation des „Der Prinz und der Bettelknabe“-Prinzips. Das Klammern an den Shingen-Doppelgänger, das Verschweigen des fürstlichen Ablebens wird auch zum Symbol eines Gefühls, einer Angst vor der Wahrheit. Die Zeit der Samuraikriege der streitenden Clans ist vorbei, denn der technische und gesellschaftliche Fortschritt hat auch das japanische Mittelalter eingeholt, um ihm ein Ende zu bereiten und die Neuzeit einzuleiten. Wo Takeda Shingen, so sagt man, sich wie ein Berg auf seine unbezwingbare Defensivstärke verlassen hatte und der Kagemusha ihn so weit es geht in dieser Philosophie imitiert, ist es Shingens Sohn Katsuyori, der in die Offensive geht und seinen Clan bei der berühmten Schlacht von Nagashino ins Verderben führt, als die traditionelle Kavalleriekriegsführung seiner Samurai auf das unüberwindbare, alles vernichtende Musketenfeuer von Oda Nobunagas Truppen trifft.

Kurosawas Film zeichnet Bilder des Untergangs mit von toten Kriegern übersähten Schlachtfeldern, aber nie ohne den Blick für das Schöne zu verlieren. In den Einstellungen, die eindrucksvoll choreografierte Truppenbewegungen vor Sonnenuntergängen oder mit ihren prächtigen Bannern auf dem Weg zu feindlichen Burgen zeigen steckt ein filmisches Erinnerungsstück an eine zugleich grausame wie glorreiche, aber vor allem wichtige Epoche japanischer Geschichte. Kagemusha ist das gefühlvolle Gedenken an eine Ära, die auch für den Regisseur Kurosawa in seinen Themen, Motiven und Ausdrucksformen prägend wie kaum eine zweite war, denn: Wen verbindet der Filmliebhaber schließlich mit dem Genre des Samuraifilms, wenn nicht Japans bekanntesten Regisseur aller Zeiten?


Originaltitel: Kagemusha
Regie: Akira Kurosawa
Drehbuch: Akira Kurosawa, Masato Ide
Produktionsland: Japan, USA
Produktionsjahr: 1980

Copyright der Bilder: 20th Century Fox

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5 Gedanken zu “Kagemusha

    1. Kurosawa ist toll. Visuell eindrucksvoll und inhaltlich extrem interessant. Wie oft mich seine Filme schon dazu verleitet haben, japanische Geschichte nachzuschlagen, kann ich schon gar nicht mehr sagen. :D

      Leider kostet seine Samurai-Collection mit 5 Filmen mittlerweile 90€ oder so. Ich habe sie vor vielen Jahren mal für 10€ gekauft, was für ein Fang!

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