Aguirre, der Zorn Gottes

Aguirre, der Zorn Gottes - FilmplakatBevor Werner Herzog seinen liebsten Feind Klaus Kinski in Fitzcarraldo (1982) als wahrhaft überpassionierten Opernliebhaber in den Dschungel schickte, führte er ihn bereits zehn Jahre zuvor auf eine waghalsige Expedition in den Regenwald, deren Scheitern – wie auch die Entstehung des Filmes selbst – schon im Voraus gewiss zu sein scheint. Aguirre, der Zorn Gottes war ein ambitioniertes Projekt, gespickt mit gefährlichen Widrigkeiten. Die Geschichte des Films ist tatsächlich untrennbar mit seinen sehr problematischen Produktionsbedingungen verknüpft.

Der Urwald entlang des Amazonas im 16. Jahrhundert: Eine Expedition spanischer Konquistadoren ist auf der Suche nach der sagenumwobenen goldenen Stadt, Eldorado. Unter ihnen auch Don Lope de Aguirre (Klaus Kinski), der das Ziel um jeden Preis erreichen will.  Nachdem ein Hochwasser sämtliche Flöße fortspült, soll die Expedition abgebrochen werden, doch Aguirre stiftet zur Meuterei an und lässt den bisherigen Anführer Don Pedro de Ursúa (Ruy Guerra) gefangennehmen. Mit einem neuen, größeren Floß wird die Reise forgesetzt, immer tiefer in das Herz des Dschungels, die Strömung entlang und vorbei an feindlich gesinnten Stämmen, die die Ufer bewohnen.

Die Stimmung in der Gruppe sind angespannt, denn Herzog zeichnet Kinskis Figur Aguirre als getriebenen, tyrannischen Mann, der nur wenig Empathie aufzubringen weiß. Stattdessen driftet er – und mit ihm die gesamte Atmosphäre des Films – immer mehr in Richtung Wahnsinn. Nahrungsprobleme, Angriffe von Ureinwohnern und Krankheiten plagen die Spanier auf ihrer Suche nach dem legendären Eldorado, das sich für alle außer Aguirre ganz allmählich als närrische Träumerei entpuppt. Der ambitionierte Konquistador lässt nicht von seinem Plan ab und sei es auch, dass ihm im Laufe der Zeit die Expeditionsmitglieder ausgehen und er später Ansprachen vor einer Horde Affen halten muss.

Herzogs Film ist gleichermaßen das Porträt eines obsessiven Konquistadors, wie auch Dokumentation des geistigen Zerfalls im fiebrigen Urwald, der ohne Gnade seine Opfer fordert. Diese Reise in den Abgrund ereignet sich aber nicht nur auf der Leinwand, denn die Filmcrew hatte an den authentischen Drehorten mit allerhand Problemen zu kämpfen. Das Hochwasser hatte sich beispielsweise tatsächlich ereignet und Flöße des Teams fortgetragen. Herzog arrangierte sich jedoch mit der unangenehmen Situation und schrieb den Zwischenfall kurzerhand zu einem Teil des Drehbuchs. Auch die angriffslustige Art Aguirres setzte sich abseits der Kamera fort, wenn Kinskis exzentrisches Gehabe zu großen Streitereien führte, bei denen ihm Herzog sogar drohen musste, damit der Schauspieler das Set nicht verließ. Das Budget war zu gering, die Kamera gestohlen und die klimatischen und logistischen Bedingungen vor Ort mehr als strapazierend.

Spezialeffekte und Studioaufnahmen konnte sich Herzog nicht leisten, daher kommt Aguirre, der Zorn Gottes fast schon in einer Art dokumentarischem Stil daher, was der finsteren Atmosphäre jedoch keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Der Dschungel ist als solcher spürbar, ein realer Ort, überwältigend und beängstigend zugleich, passend untermalt von den Krautrockklängen der deutschen Band Popol Vuh.

Einen Film über den Dschungel zu drehen, der an Geist und Körper nagt, bedeutete in diesem Fall, die Anstrengungen nicht nur im filmischen Bild zu simulieren, sondern auch in der Wirklichkeit spüren zu müssen. Umso eindrucksvoller darf das Ergebnis der Mühen bezeichnet werden. Aguirre, der Zorn Gottes treibt seine Figuren in den Wahnsinn, seine Macher an den Rand des selben und der Zuschauer ist mittendrin im Geschehen, lässt sich auf dem Amazonas treiben, in das urwüchsige Grün des Regenwalds, das alles und jeden verschlingt.


Originaltitel: Aguirre, der Zorn Gottes
Regie: Werner Herzog
Drehbuch: Werner Herzog
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 1972

Copyright der Bilder: StudioCanal

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7 Gedanken zu “Aguirre, der Zorn Gottes

  1. Muss ich unbedingt noch mal sehen den Film. Auf dem Papier schreit der ja förmlich danach, von mir geliebt zu werden, beim ersten Schauen konnte ich dem (außer der fulminanten Eröffnungssequenz) aber leider gar nichts abgewinnen. Ich war sehr müde, vielleicht lag es daran…

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  2. es hat eine gewisse Ironie, dass sich Kinski ebenso wahnsinnig am Set gab, wie seine Figur im Film ist :D
    laut Herzog haben die mitspielenden Indianer ihm angeboten, Kinski wegen dessen Verhaltens zu ermorden

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  3. Ich finde auch, dass die minimalistische Ausstattung einen „dokumentarischen Stil“ hervorbringt, der die besondere Atmosphäre dieses Films erst ausmacht, die dann wunderbar surreal wird – ein schönes Review!
    robert/filmkuratorium.de

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