Tokyo Tribe

Tokyo Tribe - FilmplakatNormalerweise läuft ein Künstler mit hohem Output Gefahr, für seine Quantität einiges an Qualität einzubüßen, nicht so jedoch bei Sion Sono, bei dem die Abstände zwischen zwei Filmen exponentiell zu schrumpfen scheinen, ohne dass man ihm vorwerfen könnte, nur noch lieblos seine Pflicht zu erfüllen. Im Gegenteil, inzwischen tobt er sich richtig aus. War Why Don’t You Play in Hell? (2013) noch sein ultimativer Film über Film, widmet er sich ein Jahr später mit Tokyo Tribe in völlig abgedrehter Manier der Musik, genauer der HipHop-Szene eines alternativen Japans.

In dieser Zukunftsvision befindet sich Tokyo als Neonmoloch in der Hand von verschiedenen Gangs, wie den Bukuro Wu-Ronz, den Shinuku Saru, den Gira Gira Girls, den Hands, den Nerimothafuckaz und den Musashino Saru. Im Gegensatz zum Rest geht es besonders letzteren ganz gechillt um Freundschaft und Spaß. Das passt dem hitzköpfigen Anführer der Wu-Ronz, Mera (Ryōhei Suzuki), ganz und gar nicht, der Saru-Mitglieder unter einem Vorwand in sein Territorium lockt, um deren Anführer Tera (Ryuta Sato) aus seiner Deckung zu locken und zu ermorden. Als wäre das nicht genug, zettelt Gangsterboss Buppa mit einer neuen Bande namens Waru einen alles vernichtenden Krieg in der ganzen Stadt an, der keinen der Clans unberührt lässt – und das bloß für eine junge Frau, die so schnell wie möglich gefunden werden soll.

Tokyo Tribe ist die gleichnamige Verfilmung des Mangas von Santa Inoue und kann am ehesten als wildes, impulsives Rap-Musical bezeichnet werden, als ungezügelte Hip-Hopera, in der der Übergang zwischen Rapbattles und blutigen Fehden fließend ist. Durch aufwändige Setdesigns und an zahlreichen perfekt choreografierten Komparsen entlang folgt die Kamera ihren Protagonisten auf Schritt und Tritt, wenn nahezu alle Dialoge gerappt und mit coolen Beats unterlegt vorgetragen werden. Etwas, woran man sich schnell gewöhnt, weil Sono es gelingt, seinem Film einen kraftvollen und dynamischen Flow zu verpassen, der so schnell nicht mehr loslässt. Mit seinem großen Cast und den komplexen Sequenzen ist Tokyo Tribe zweifellos der technisch ambitionierteste Film des Japaners, der auf den Zuschauer einen faszinierend bunten und brutalen audiovisuellen Angriff auf die Sinne niederprasseln lässt. Kompetente Rapeinlagen aller Beteiligten, verrückte Kostüme und irre Kampfszenen dominieren Szene um Szene mit comichaftem Overacting und gnadenlos witziger Überdramatisierung.

Obwohl Sono extrem vielbeschäftigt ist und auch seit diesem Film bereits wieder viele weitere gedreht hat, ist von Ermüdungserscheinungen wirklich nicht das geringste zu spüren. Tokyo Tribe sprüht geradezu vor Kreativität, Verspieltheit und Mut, um ein ganz besonderes filmisches Musical-Erlebnis zu schaffen, das mit irrsinnigen Ideen und virtuoser Inszenierung maximalen Spaß verspricht.


Originaltitel: Tokyo Tribe
Regie: Sion Sono
Drehbuch: Sion Sono, Santa Inoue
Produktionsland: Japan
Produktionsjahr: 2014

Copyright der Bilder: Rapid Eye Movies

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2 Gedanken zu “Tokyo Tribe

    1. Ja, empfiehlt sich auch, weil die deutsche Veröffentlichung erst nächstes Jahr UND teurer erscheint…
      Aufpassen muss man trotzdem manchmal bei Sono-Filmen, fürchte ich. Meine UK-Version von „Guilty of Romance“ ist z.B. ein anderer Cut als die deutsche Veröffentlichung. Bei „Tokyo Tribe“ habe ich aber nichts zu verschieden langen Fassungen gelesen. Alles gut, denke ich. :)

      Gefällt 1 Person

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