I’m a Cyborg, But That’s OK

I'm a Cyborg but that's OK - FilmplakatStets perfekt bebildert, vielschichtig konzipiert und mit brutaler Emotion ausgestattet, geben die Filme von Regievirtuose Park Chan-wook eher selten Grund zum Lachen. Inmitten einer Filmografie aus Drama und Thriller wirkt der herzlich-positive I’m a Cyborg, But That’s OK wie ein unerwarteter Gast, ein kunterbunter Fremdkörper. Park und Komödie – kann das funktionieren? Weiterlesen „I’m a Cyborg, But That’s OK“

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Night Fishing

Night Fishing

Gemeinsam mit seinem Bruder Park Chan-kyong testete Park Chan-wook, Regisseur der beliebten Rachetrilogie, das iPhone 4 auf seine Filmtauglichkeit. Trotz der Widrigkeiten, die so ein Unterfangen mit sich bringt, wie leichte Bewegungsunschärfe und höhere Lichtempfindlichkeit, gelang es den Brüdern einen Kurzfilm zu drehen, der sich sehen lassen kann.

Night Fishing nennt sich der gut halbstündige Film und handelt von einem Mann (Oh Kwang-rok), der an einem einsamen Ufer fischt. Ertragreiche Fänge bleiben stundenlang aus, bis schließlich mitten in der Nacht etwas großes angebissen zu haben scheint. Was der Fischer aus dem Wasser zieht, erweist sich jedoch als geheimnisvolle Frau (Lee Jung-hyun) in einem Totengewand.

Das iPhone, schlicht in der Hand gehalten, bietet genügend Potential für einen dokumentarischen Erzählstil. Und auch wenn die Bildsprache teilweise diesen Eindruck erweckt, lässt es sich Park nicht nehmen, hier und da auf seine Ästhetik mit klar definierten Bildkompositionen zu setzen. Dazu gesellt sich ein Spiel mit den Farben; Night Fishing verändert sanft, ja fast heimlich seine Sättigkeit. Den visuellen Experimenten steht der Inhalt übrigens in nichts nach. Besonders die zweite Hälfte des Filmes wirkt umso verschlossener und exotischer, je weniger man mit dem koreanischen Schamanismus und der Geisterbeschwörung vertraut ist. Die assoziative Stärke der Bilder ist dennoch in der Lage, die Atmosphäre zu tragen und für faszinierende 33 Minuten Film zu sorgen.

Stoker

Stoker

Park Chan-wook ist längst nicht mehr bloß ein Geheimtipp unter Cineasten, sondern gehört zu Südkoreas Regie-Elite, die maßgeblich dazu beitrug, dass ihr Heimatland in der letzten Dekade zu einer der weltweit wichtigsten Filmnationen heranwuchs. Inzwischen ist das zeitgenössische koreanische Kino eines der angesehensten der Welt und für viele war es nur eine Frage der Zeit, bis die großen Regisseure sich an Hollywoodprojekten versuchen würden. Kim Jee-woon probierte es dieses Jahr mit dem seichten Actioner The Last Stand, der finanziell hinter den Erwartungen zurückblieb. Park feiert seinen Einstand mit Stoker, einem verstörenden Thriller über die dunklen Geheimnisse einer Familie.

Ihren 18. Geburtstag hat sich India Stoker (Mia Wasikowska) sicher ganz anders vorgestellt. Erst kommt ihr Vater Richard (Dermot Mulroney) bei einem tragischen Autounfall ums Leben und dann taucht auch noch ihr charismatischer Onkel Charlie (Matthew Goode) auf, von dessen Existenz sie bisher nie etwas gewusst hat. Eigentlich stets unterwegs, die Welt bereisend, beschließt Charlie nun aber, eine Weile gemeinsam mit India und ihrer verwitweten Mutter Evelyn (Nicole Kidman) auf dem abgelegenen Anwesen zu leben. Während Evelyn ihre Trauerphase ungewöhnlich schnell überwindet und Charlie sofort als neuen Mann im Haus, als möglichen Ersatz Richards, akzeptiert, bringt India ihre Antipathie deutlich zum Ausdruck. Sie spürt, dass sich hinter dem charmanten Lächeln ihres mysteriösen Onkels eine finstere Natur verbirgt. Doch Charlie ist nicht er einzige, mit dem irgendetwas nicht stimmt…

Park macht keinen Hehl daraus: Das Drehbuch von Wentworth Miller ist nicht auf eine ‚Whodunnit‘-Geschichte ausgelegt, die den Zuschauer zum Detektiv macht und nach dem Täter fahnden lässt. Im Gegenteil, dass Charlie Stoker sich die Hände schmutzig macht, um unliebsame Störfaktoren aus dem Weg zu räumen, wird schnell klar. Indias abweisende Art und ihr früher Verdacht sind gut nachvollziehbar. Richards Unfall, Charlies plötzlicher Einzug in das Stoker-Anwesen, das Verschwinden der Haushälterin, vieles deutet recht schnell daraufhin, dass Charlie einen bestimmten Plan verfolgt. Diese Grundprämisse erinnert außerdem nicht zufällig an Alfred Hitchcocks Im Schatten des Zweifels (1943) und bleibt auch nicht die einzige Hommage an den Master of Suspense. Parks Thriller dreht sich primär um ein Figurentrio auf engstem Raum, ein Psychospiel, das mal in die eine, mal in die andere Richtung kippt. Die eigenartigen Beziehungen der Charaktere und verschwimmende Machtverhältnisse bestimmten den Plot, der im Vergleich zu den vorherigen Werken des Koreaners insgesamt vielleicht etwas konventioneller ausfällt und eben mehr an klassische Hollywoodthriller erinnert.

Wer aber Angst hat, die Hitchcock-Huldigung verkomme zur uninspirierten Kopie, zum Quasi-Remake und -Remix bekannter Versatzstücke, sei unbesorgt: Park Chan-wook arbeitete erneut mit seinem langjährigen Kameramann Chung Chung-hoon zusammen, der einmal mehr bezaubernde Bilder aufgenommen hat, die keinen Zweifel daran lassen, dass der Regisseur seinen stark ästhetisierten Stil auch in Hollywood beibehält. Kamera und Schnitt sind von gewohnt herausragender Qualität und sorgen für einige unheimlich kreative Sequenzübergänge, die man so noch nicht gesehen hat. Vom Set- und Kostümdesign bis hin zum Sound hat Park wieder einmal sämtliche Aspekte seines Films präzise aufeinander abgestimmt, um seine künstlerische Vision zu verwirklichen. Von einem reinen Produzentenfilm und einer sich der Masse anbiedernden Auftragsarbeit ist Stoker meilenweit entfernt. Spätestens die finalen Konfrontationen lassen sämtliche Zweifel verschwinden und Fan-Herzen höher schlagen, wenn emotionalen Höhepunkten nicht gerade zimperliche Auseinandersetzungen folgen.

Eine Handlung, die sich auf wenige Charaktere konzentriert, bedingt natürlich überzeugendes Schauspiel von seinen Darstellern. Matthew Goode macht seine Sache ausgezeichnet als psychopathischer Onkel, der mit seinem freundlichen, aber bestimmten Auftreten einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Die verbitterte Witwe, der schon seit langer Zeit jegliche Bindung zu ihrer Tochter fehlt, nimmt man Nicole Kidman, die trotz ihrer mimischen Beschränkungen eine solide Vorstellung abliefert, problemlos ab. Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist aber die junge India, ein sozial und emotional abgeschottetes, introvertiertes, morbides Mädchen, das im Film als einzige Figur eine ziemlich drastische Entwicklung durchmacht. Die Dialoge beschränken sich auf die nötigsten Dinge, die gesagt werden müssen, ansonsten trägt Mia Wasikowska den Film mit ihrer eindringlichen Mimik und Gestik. Riskantes Unterfangen, aber hier voll und ganz gelungen. India ist ein vielschichtiger Charakter, der sich nach und nach wie in einer Art bizarren Coming-Of-Age-Geschichte selbst entdeckt und im Wechselspiel mit Onkel Charlie ein verborgenes Verlangen erweckt, das nicht ohne weitreichende Konsequenzen bleiben kann.

Das erfreuliche Fazit: Skeptiker dürfen aufatmen. Stoker ist ein rundum gelungenes US-Debüt von Park Chan-wook. Und auch wenn der Film nicht an vergangene Meisterwerke des Regisseurs wie Oldboy (2003) und Lady Vengeance (2005) heranreicht, bleibt er als spannender Psychothriller in Erinnerung, als audiovisuell beeindruckende Hitchcock-Hommage mit ungemein viel Stil.

Oldboy

Oldboy - FilmplakatUnter Filmfans ist es eigentlich gar nicht mal so leicht, jemanden zu finden, der Oldboy nicht kennt. Nicht umsonst avancierte Park Chan-wooks Rachethriller zum postmodernen Kultklassiker, der nicht nur ihm zum internationalen Durchbruch verhalf, sondern auch den Weg für die erfolgreichste Ära in der Geschichte des koreanischen Kinos ebnete und Südkorea in der restlichen Welt als ein Land etablierte, das ungemein viel filmische Qualität produziert. Weiterlesen „Oldboy“

Durst

Durst

Spätestens mit seiner Rachetrilogie und dem Gewinn der goldenen Palme für Oldboy (2003) erlangte Regisseur Park Chan-wook auch außerhalb Koreas eine gewisse Popularität. Nach der skurrilen Liebeskomödie I’m a Cyborg, But That’s OK (2006) erschien 2009 sein neuestes Werk. Dieses Mal dreht sich alles um Vampire. Und obwohl die Thematik Gefahr läuft, dieser Tage in Folge eines Überangebots ihren Glanz zu verlieren, ist Parks Durst alles andere als blutleer.

Der fromme Krankenhaus-Priester Sang-hyeon (Song Kang-ho) meldet sich freiwillig für ein medizinisches Experiment in Afrika. Doch die Bluttransfusion eines unbekannten Spenders lässt ihn nach seinem Ableben im Operationssaal wieder auferstehen. Nach seiner Rückkehr nach Korea wird dieses Ereignis von fanatischen Gläubigen wie ein Wunder gefeiert und Sang-hyeon als Heiliger verehrt. Mehr denn je zuvor vermittelt sein Glaube wieder Hoffnung unter den Patienten des Krankenhauses. Die Sache hat allerdings einen Haken: Das unbekannte Blut weckte in Sang-hyeon den unsättbaren Durst nach Blut. Da er als Priester das Töten von Menschen selbstverständlich nicht mit sich selbst und Gott vereinbaren kann, lebt er zunächst von Blutreserven und abgezapftem Blut von Komapatienten.
Als er der von ihrer Adoptivfamilie schlecht behandelten Tae-ju (Kim Ok-bin) begegnet und sich in ihm Gefühle regen, wird sein Leben endgültig aus der Bahn geworfen. Die Situation droht zu eskalieren, als Tae-ju von Sang-hyeon ebenfalls zum Vampir gemacht wird. Sie legt ihre Menschlichkeit und somit auch ihre moralischen Skrupel nahezu vollständig ab.

Park fotografiert sein Vampirdrama in ästhetisch präzisen Bildern. Beinahe jede Einstellung ist kompositorisch perfekt und gleicht einem kleinen Gemälde. Musikalisch zeichnet sich Cho Young-wook erneut für den Soundtrack verantwortlich und übertrifft sich ein weiteres Mal selbst. Stimmungsvolle Kompositionen und ein leicht folkloristischer Einschlag unterstreichen die Atmosphäre passend. Handwerklich bleiben keine Fragen offen. Park Chan-wook beweist hier einmal mehr sein enormes Talent.

Ähnlich wie bereits der schwedische So finster die Nacht (Tomas Alfredson, 2008) offenbart auch Durst eine neue Perspektive auf ein fast schon abgeschmacktes Motiv. Park stellt Themen wie moralischen Zwiespalt, Rache und den Verlust den Menschlichkeit in den Vordergrund. Auch inzestuöse Anlagen werden angeschnitten. Man könnte vorwerfen, Park wüsste nicht, welche Richtung er denn nun einschlagen solle, tatsächlich aber ist diese Vielfalt dramaturgisch vorteilhaft für Film, selbst wenn manche Dinge nur an der Oberfläche angekratzt werden. Durst ist ein ruhiges Drama, das mit einigen mitreißenden Szenen aufwarten kann und keine einzige Sekunde langweilt.