Zazie

Zazie - FilmplakatSo unterschiedlich kann Filmkultur sein: Steht der französische Film zu Beginn der 60er Fahre bei Filmfreunden für gewöhnlich ganz im Zeichen der Nouvelle Vague um Namen wie François Truffaut und Jean-Luc Godard, die dem Film formal und inhaltlich neuen Anspruch verliehen, kommt zur gleichen Zeit Louis Malle an und verwandelt mit Zazie einfach mal ganz Paris in eine kunterbunte Klamauk-Party! Weiterlesen „Zazie“

Ein Brief, der nie ankam

Ein Brief der nie ankam
© The Criterion Collection

Der in Georgien geborene Regisseur Michail Kalatosow ist der westlichen Welt wohl am ehesten durch seine Filme Wenn die Kraniche ziehen (1957) und Ich bin Kuba (1964) bekannt. Ersterer gewann 1958 die Goldene Palme in Cannes, zweitgenannter wurde von der Sowjetunion für 30 Jahre ins Archiv verbannt. Dazwischen drehte Kalatosow den leider viel zu unbekannten Ein Brief, der nie ankam, ein packend inszeniertes und herausragend bebildertes Drama, das mehr Beachtung verdient.

Im Frühling wird eine vierköpfige Gruppe von Forschern, bestehend aus Sabinin (Innokenti Smoktunowski), seinem Freund Sergei (Jewgeni Urbanski) und dem Geologenpaar Tanya (Tatjana Samoilowa) und Andrei (Wassili Liwanow), in der sibirischen Taiga abgesetzt; das Ziel der Expedition: Die Entdeckung eines Diamantenvorkommens, um der angeschlagenen Wirtschaft der sowjetischen Nation wieder auf die Beine zu helfen. Ein mühevolles Unterfangen, das den kompletten Sommer einnimmt. Als es schließlich doch noch zum Diamantenfund kommt, währt die Freude nur kurz, denn zwischen der Mine und dem Helikopter, der die vier wieder nach Moskau bringen sollte, tobt ein alles verschlingender Waldbrand, der die Rückkehr in einen gnadenlosen Kampf ums Überleben verwandelt.

Vier Menschen gegen die Natur, aber auch für und wider sich selbst, könnte man sagen, denn Kalatosow nutzt das Wechselspiel der Charaktere, um verschiedene Facetten des Menschseins zum Vorschein zu bringen und so fern von der Zivilisation große Emotionen zu erzeugen. Der titelgebende Brief ist für Sabinins Frau in der Heimat gedacht. Bei jeder Gelegenheit schreibt der Expeditionsleiter daran weiter, obwohl es keine Möglichkeit gibt, ihn ihr zukommen zu lassen. So wird das Schriftstück zu einem Journal seiner Gedanken und Gefühle. Letztere spielen auch für seinen Begleiter Sergei eine entscheidende Rolle, dessen unmögliche Liebe zu einer vergebenen Frau in Moskau sich hier in Sibirien zu einer enormen Frustration steigert, die er letztlich gegen Tanya und Andrei richtet. Bevor also die sich über Meilen erstreckenden Flammen die Gruppe auseinander reißen können, ist es zuvor psychologisch bereits geschehen.

Sowohl bei den inneren Konflikten, die sich im Mit- und vor allem im Gegeneinander äußern, als auch bei den konkreten Gefahren der die vier Menschen umgebenden Wildnis, drängt Kalatosow die von Sergei Urussewski gekonnt geführte Kamera stets ganz nah an das Geschehen. Bei entscheidenden Bewegungen scheint der Zuschauer förmlich an Körper und Gesicht der Figuren zu kleben, wenn sie sich ihren beschwerlichen Weg sowohl durch das Geäst, als auch durch die immer unangenehmer werdende Gruppendynamik kämpfen. Bereits vor Beginn der Katastrophe machen wunderschöne Weitwinkelaufnahmen die sibirische Natur fast greifbar; sobald die Flammen ausbrechen und nur Zentimeter von der Linse entfernt lodern, wird dem Zuschauer die gewaltige Kraft vollends bewusst. Schnitte setzt Kalatosow nur dort, wo es wirklich nötig ist.

Bildgewaltige Aufnahmen mit Handkamerabewegungen, wie sie heute viel zu selten auf der Leinwand zu spüren sind, und die tragische Zusammenkunft von Mensch und Natur im ehrfurchtgebietenden Inferno erheben Ein Brief, der nie ankam zu einem eindrucksvollen Stück russischer Filmgeschichte, das jedes Cineastenherz höher schlagen lässt.

The Housemaid

The Housemaid

Auch wenn Remakes alter Filmperlen nur selten die Qualität ihres Originals erreichen, so lenken sie doch zumindest häufig vermehrt das Interesse auf die entsprechenden Klassiker. 2010 erschien mit The Housemaid ein Remake des gleichnamigen Films von Kim Ki-young aus dem Jahr 1960, der seinerzeit als erster koreanischer Film überhaupt eine Auszeichnung bei den Filmfestspielen in Cannes gewann. Danach sollte es rund dreiundvierzig Jahre dauern, bis mit Oldboy (Park Chan-wook, 2003) erstmals wieder ein Film aus Korea die Jury begeistern würde.

Kims Film beginnt mit dem wohlhabenden Komponisten und Klavierlehrer Dong-sik (Kim Jin Kyu), der mit seiner schwangeren Frau (Ju Jeung-nyeo) und seinen beiden Kindern in ein neues Haus gezogen ist. Das Leben läuft in geregelten Bahnen, lediglich die Arbeit an der Nähmaschine macht seiner Frau derart gesundheitlich zu schaffen, dass die Hausarbeit liegen bleibt. Aus diesem Grund stellt Dong-sik eine Haushälterin (Lee Eun-shim) ein, die sich um das Kochen, das Putzen und das Töten von ungewolltem Ungeziefer kümmern soll. Doch schon bald stellt sich heraus, dass sie ganz andere Dinge im Sinn hat. Es gelingt ihr, Dong-sik zu verführen und von ihm schwanger zu werden. Mit dieser Schwangerschaft ist sie in der Lage, die Familie, die ihren Ruf in der Öffentlichkeit gefährdet sieht, zu erpressen. Als Dong-siks Sohn in dem Glauben, von der Haushälterin vergiftetes Wasser serviert bekommen zu haben, voller Panik die Treppe hinabstürzt und regungslos liegen bleibt, bricht die Familienidylle endgültig zusammen.

The Housemaid illustriert in starken Schwarz-Weiß-Bildern die graduelle Zerstörung einer Familie. Eine hübsche Femme Fatale kommt ins Haus, setzt die Familie unter Druck und verbreitet  Unsicherheit. Die eigenen vier Wände werden für Dong-sik zu einem klaustrophobischen Ort der Angst. Normalerweise strahlt das eigene Zuhause Ruhe und Geborgenheit aus. All das fällt jedoch wie ein Kartenhaus in sich zusammen und scheint ferner denn je zu sein, seitdem die Haushälterin die Macht hat. Schmerzhaft werden Dong-sik und seine Frau getrennt; er wird gezwungen, die Nächte in Zukunft mit seiner Haushälterin zu verbringen. Die gesamte Familiensituation wird pervertiert.
Ebenso ausdrucksstark wie die visuelle Gestaltung präsentiert sich übrigens das Schauspiel, insbesondere von Lee Eun-shim, die als Haushälterin eine instabile, irrationale und manipulative Frau äußerst überzeugend darstellt.

Kim Ki-young drehte mit The Housemaid ein starkes Familiendrama, das mit zunehmender Laufzeit immer beängstigender und beklemmender wird, den Zuschauer packt und ihm vor Augen führt, wie leicht eine heile Welt in Stücke gerissen werden kann.