Fallen Angels

Fallen Angels

Hongkong war bis in die späten 90er-Jahre das kommerziell drittgrößte Filmland hinter Indien und den USA. Als cineastisches Zentrum der kantonesischspachigen Menschen Ostasiens, die sich dort künstlerisch viel freier entfalten konnten als im streng regulierten China oder Taiwan, brachte es so einige bemerkenswerte Filmemacher hervor, wie beispielsweise Wong Kar-Wai. 1995 erschien sein visuell berauschendes Drama Fallen Angels, der Quasi-Nachfolger zu Chungking Express aus dem Vorjahr.

Die Handlung teilt sich in zwei relativ unabhängige Stränge, die sich nur geringfügig überlappen. Da gibt es zum einen die Geschichte des Auftragskillers Wong Chi-Min (Leon Lai) und einer mysteriösen Frau (Michelle Reis), die ihm die Gebäudepläne seiner Ziele faxt und als Agentin seiner Auftraggeber fungiert. Sie reinigt in Abendkleidung sein Apartment und setzt sich in seiner Lieblingsbar stets auf seinen Platz. Im Gegensatz dazu entwickelt Wong Chi-Min zu seiner beruflichen Partnerin keine Gefühle, stattdessen lässt er sich auf eine kurzlebige, oberflächliche Beziehung mit der Prostituierten Blondie (Karen Mok) ein.
Der zweite Handlungsstrang beschäftigt sich mit dem stummen Ho Chi-Moo (Takeshi Kaneshiro), einem entflohenen Häftling, der nach Schließung in verschiedene Geschäfte eindringt, sie wieder öffnet und vorbeikommende Passanten zu Kunden macht. Oft begegnet er dabei der depressiven Charlie (Charlie Yeung), deren Freund sie für eine andere Frau namens Blondie verlassen hat. Gemeinsam begeben sie sich auf eine eher halbherzige Suche nach Blondie, verbringen dafür eine Menge Zeit zusammen. Ho Chi-Moo beginnt, sich zu verlieben.

Immer wieder springt Wong zwischen den Episoden hin und her, sorgt für eine ausgewogene Dynamik des gesamten Plots und lässt die Wege der Charaktere gelegentlich kreuzen, aber nie mit wirklich nachhaltigem Einfluss. Es sind kleine, profane Begegnungen wie als wenn man auf einen flüchtigen Bekannten trifft. Davon ab stehen beide Geschichten für sich, widmen sich aber gleichermaßen Themen wie der emotionalen Kälte der Stadt, gestörter Kommunikation und der Vergänglichkeit von Beziehungen.
Um dies besser in den Kontext von Wongs Œuvre einzuordnen, kommt man um einen Blick auf Chungking Express nicht herum. Ursprünglich wurde die Handlung von Fallen Angels für diesen Film geschrieben, doch das ganze Projekt wäre damit zu lang geworden und so beschloss Wong, diesen Teil des Drehbuchs abzukoppeln und einen eigenen Film daraus zu machen. Deshalb sind sich beide Filme auch in gewisser Weise ähnlich und doch geht Fallen Angels noch einen Schritt weiter – sowohl ästhetisch, als auch inhaltlich.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger spielt der Film ausschließlich in der Nacht. Wong nutzt das finstere und zugleich bunte Hongkong in all seiner visuellen Pracht als Setting für seine Handlung, die er mal mit extremem Weitwinkelobjektiv, dann in statischer Slow-Motion, bewusst überbelichtet oder im Hintergrund im Zeitraffer präsentiert. Das ist allerdings kein Bruch zu Chungking Express, sondern eine konsequente Fortführung des Stils in eine bisweilen befremdliche, aber definitiv ernstere Atmosphäre und gleichzeitig aber mit den Momenten der Wechselhaftigkeit und der Unruhe wie eine Reminiszenz an sein Frühwerk As Tears Go By (1988).
Auf der Inhaltsebene ist es im Nachhinein ebenfalls die richtige Entscheidung, Fallen Angels als eigenständiges Werk und nicht als Teil von Chungking Express gedreht zu haben. Zwar geht es auch hier um Menschen, die für einen bestimmten Abschnitt ihres Lebens den Weg mit einem geliebten Menschen teilen, doch während wir in Chungking Express auf starke, unabhängige Individuen treffen und eher eine leichte Stimmung vorherrscht, passt es in Fallen Angels geradezu perfekt zur molochartigen Darstellung der Metropole Hongkong, dass Wongs Figuren hier längst keine Ideale mehr haben, keine Träume. Die Stadt hat sie verschlungen: Maschinenhaft führt Wong Chi-Min seine Aufträge aus, es gibt keine Fragen und keine Entscheidungen; das überlässt er anderen. Ho Chi-Moo ist letzlich wie ein streunender Hund, der seinen Halt in Charlie findet und ihr überallhin folgt.

Mit den Schlagworten Vergänglichkeit und Fremdbestimmung schließt sich der Kreis, denn ebenso vergänglich wie die Liebe in Wongs Filmen war auch die Vormachtstellung des Hongkong-Kinos im ostasiatischen Raum. Zwei Jahre nach dem Erscheinen von Fallen Angels erlangte das zensurfreudige China die Kontrolle über die ehemalige britische Kolonie und macht das Leben und Schaffen der kreativen Köpfe seither alles andere als leicht.

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Die Stadt der verlorenen Kinder

Die Stadt der verlorenen Kinder

Immer dann, wenn Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro gemeinsam einen Film machen, darf man mit einem extraordinären Art Design und einer eher unkonventionellen Ästhetik rechnen. Das war bereits bei der morbiden Endzeitkomödie Delicatessen (1991) so und das ist auch bei Die Stadt der verlorenen Kinder der Fall.

Der verrückte Wissenschaftler Krank (Daniel Emilfork) lässt von seinen Lakaien sämtliche Kinder der Stadt entführen, um ihnen mittels einer großen Maschine die Träume zu stehlen. Ein Plan, der ihn vor dem Altern bewahren soll. Als jedoch auch der kleine Junge, den der bärenstarke und liebesvolle One (Ron Perlman) bei sich aufgenommen hat, verschleppt wird, macht dieser sich zusammen mit der jungen Miette (Judith Vittet) auf, seinen „kleinen Bruder“ aus den Fängen Kranks zu retten. Doch der ist kein zu unterschätzender Gegner, denn seine sektenartigen Kinderfänger agieren in der gesamten Stadt und sein Labor ist von zahlreichen Seeminen umgeben.

Die Stadt der verlorenen Kinder gestaltet sich als stellenweise amüsantes, jedoch weitgehend düsteres Abenteuer in einer surrealen Stadt voller Kanäle, Treppen und Gassen. Das bereits angesprochene Art Design ist herausragend; seinerzeit auch von Terry Gilliam gelobt. Ein leichter Hauch von Art Déco findet sich in einigen Inneneinrichtungen und Kostümen, aber ebenfalls sind immer wieder Ventile, Schläuche und viktorianisch anmutende Maschinerien im Bild zu sehen. Die Stadt ist ein beklemmender, dreckiger Ort in Braun- und Grüntönen, die für eine stimmungsvolle Atmosphäre sorgen.
One und Miette begegnen bei ihrer Rettungsmission außerdem seltsamen Charakteren wie skrupellosen siamesischen Schwestern oder Kranks geklonten Gehilfen (Dominique Pinon), deren Original seine ganz eigenen Rachepläne verfolgt und eine tragende Rolle im Plot spielt.

Jeunet und Caro schufen mit Die Stadt der verlorenen Kinder ein fantastisches Abenteuer voller düsterer Gestalten, einen kleinen makabren Alptraum für jedes Alter. Es ist eine unterhaltsame Reise durch eine zwielichtige, feuchte Stadt, die der Zuschauer auf alle Fälle einmal wagen sollte. Und vor allem Liebhaber von Jeunets unverkennbarer Handschrift werden mal wieder voll und ganz auf ihre Kosten kommen.