Of Freaks and Men

Of Freaks and Men

Der russische Regisseur Alexej Balabanow ist schon seit über 20 Jahren im Geschäft, dennoch im Westen eher ein Geheimtipp. Dabei hätte sein zynisch-böses Schaffen definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient. Mit Of Freaks and Men drehte er 1998 einen Film über die niederträchtige Ausbeutung zweier Familien durch die aufkommende Pornografie.

St. Petersburg um die Jahrhundertwende. Immigrant Johann (Sergej Makovetsky) verdient sich sein Geld mit Fotografien und Filmen, auf denen nackte junge Mädchen mit einer Rute den Hintern versohlt bekommen. Sein Partner Wiktor hat noch weit verstörendere Fantasien, die er verwirklicht sehen will. Eingewoben in dieses zweifelhafte Geschäft sind die Schicksale von Liza (Dinara Drukarowa), der Tochter eines Ingenieurs, die zur Hauptdarstellerin in Johanns neuestem Pornofilm wird, und den minderjährigen siamesischen Zwillingen Tolia (Chingiz Tsydendambayev) und Kolia (Alyosha Dyo), die Wiktor als Freak-Attraktion vermarktet. Darauf, dass Liza eine gestörte Sexualität entwickelt und einer der Zwillinge dem Alkoholismus verfällt, nimmt niemand Rücksicht. Im Gegenteil, Johann und Wiktor schrecken selbst vor Morden nicht zurück, um die männlichen Machtpositionen in den reichen Familien einzunehmen und sie somit vollständig kontrollieren und benutzen zu können. Auch die Dienstmädchen und sogar die blinde Pflegemutter der Zwillinge werden Teil der menschenverachtenden Pornomaschinerie, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint.

Balabanow zeigt uns mit Of Freaks and Men einen Film über opportunistische, boshafte Menschen, die sich nicht nur in einem verpönten Bereich verdingen, sondern dies auch mit einer infamen Zielstrebigkeit tun, die ihre Mitmenschen zu bloßen Objekten macht und sie nachhaltig zerstört. Immer wieder fragt man sich, ob man denn nun schon am Ende dieser kranken und ausschließlich wirtschaftlichen Interessen folgenden Rücksichtslosigkeit angelangt sei, nur um anschließend miterleben zu müssen, wie der Regisseur noch einmal kräftig nachlegt. Es gibt auch Augenblicke der Hoffnung, doch schon nach kurzer Zeit werden diese von Balabanow mit einer gehörigen Portion Zynismus zerschmettert. Und auch wenn der Film bisweilen so wirkt, als würde er ins Groteske abdriften, bewegt er sich stets in einem vorstellbaren, wenngleich schockierenden Rahmen.

Bemerkenswert ist außerdem, dass sich Balabanow einer visuellen Gestaltung bedient, die weitgehend auf Farben verzichtet. Der Vorspann ist sogar komplett in schwarz-weiß gehalten und verzichtet auf gesprochene Dialoge. Stattdessen werden in Stummfilmmanier Zwischentitel mit dem Gesagten eingeblendet. Nach diesen einleitenden Minuten wird Of Freaks and Men zwar zum Tonfilm, die Zwischentitel bleiben aber bestehen und werden zu einer bissigen Erzählstimme, die das Geschehen kommentiert und um Informationen erweitert. Farblich ist der Großteil des Films in sepiafarbene Töne getaucht, die passenderweise an alte Fotografien aus der gezeigten Epoche erinnern und die Atmosphäre des finsteren Dramas verdichten.

Inhaltlich kann ein Film kaum weiter weg von einem typischen Feel-Good-Movie sein als Of Freaks and Men und doch oder gerade deshalb ist der Film unheimlich interessant. Die Darstellung von menschenverachtenden Verhältnissen, um sie dem Zuschauer vor Augen zu führen, ist filmhistorisch nicht unbedingt eine neue Idee, aber in Verbindung mit der ungewöhnlichen Ästhetik und der Verlagerung der Handlung in eine uns fremde Zeit, schafft Balabanow ein starkes Stück des heutzutage oft zu Unrecht missachteten osteuropäischen Kinos.

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Dark City

Dark City

Das Science-Fiction-Genre wurde um die Jahrtausendwende vor allem vom Blockbuster Matrix (Andy & Lana Wachowski, 1999) bestimmt. Neben den herausragenden Spezialeffekten begeisterte besonders das Grundkonzept über die Unsicherheit von Wahrnehmung, Erinnerung und – daraus folgend – Realität. Schade ist allerdings, dass das breite Publikum den bereits wenige Monate zuvor erschienenen Dark City in der Hinsicht fast völlig missachtete. Dabei hätte Alex Proyas‘ düsterer Sci-Fi-Thriller im Film-Noir-Gewand weitaus mehr verdient, als bloß in Cineastenkreisen bekannt zu sein.

John Murdoch (Rufus Sewell) erwacht in einem ihm unbekannten Hotelbadezimmer in einer Badewanne. Er weiß weder wie er hier hingekommen ist, noch was geschehen ist. Neben dem Bett liegt die Leiche einer jungen Frau. Kurz darauf klingelt das Telefon und ein nervöser Dr. Schreber (Kiefer Sutherland) am anderen Ende rät Murdoch, umgehend zu fliehen. Tatsächlich sind bereits drei in schwarze Mäntel gehüllte Gestalten auf ihrem Weg durch die Hotelflure. Murdoch entkommt vorerst, doch die einzigen Anhaltspunkte seiner bruchstückartigen Erinnerung sind eine Frau namens Emma (Jennifer Connelly) und ein Ort namens Shell Beach. So viele Fragen der Filmbeginn für Protagonist und Zuschauer gleichermaßen aufwirft, so beeindruckend enthüllt Regisseur Proyas die Antworten Stück für Stück im weiteren Handlungsverlauf.

Warum haben es diese seltsamen Typen auf Murdoch abgesehen? Sind sie eventuell nur Konstrukte seines Geistes? Warum kann sich Murdoch eigentlich nicht mehr erinnern? Ist er tatsächlich ein von Inspector Bumstead (William Hurt) gesuchter Mörder? Und welche Ziele verfolgt eigentlich der ominöse Dr. Schreber? In Bezug auf den Plotinhalt wären weitere Fragen oder Hinweise schon zu viel des Guten, denn gerade bei einem Film wie Dark City, dessen enthüllende Plotpoints die Stützpfeiler der Handlung sind, kann so manche riskante Andeutung im Voraus den Spaß verderben.
Das Setting selbst ist – wie der Titel schon erahnen lässt – eine dunkle Stadt. Dunkel allein schon deshalb, weil der Plot sich im Zwielicht der Nacht entfaltet. Zwischen Laternenschein und Leuchtreklame trifft der Gothic Style aus Proyas‘ The Crow (1994) auf das Art-Déco-Design von Die Stadt der verlorenen Kinder (Jean-Pierre Jeunet & Marc Caro, 1995) und auf deutschen Expressionismus. Die spannende Atmosphäre des Geschehens pendelt irgendwo zwischen Hitchcock, Lang und Kafka, büßt gegen Ende mehr und mehr an Subtilität ein, weiß aber grundsätzlich zu überzeugen. Getreu dem Film-Noir-Stil der Nachkriegszeit bestimmen auch bei Proyas starke Kontraste und kräftige Schatten die Szenenbeleuchtung.

Dark City ist ein finsterer Mix aus Neo Noir und Science Fiction, dessen packende Suche nach Antworten die Realitätswahrnehmung mehr als ein Mal in Frage stellt; Alex Proyas gelang ein stilsicherer Thriller, der in Sachen Art Design und visuelle Effekte fast zeitlos zu gefallen weiß und bis heute unverdient wenig Beachtung geschenkt bekommt.

Perfect Blue

Perfect Blue

Hätte David Lynch sich mal an einem Animationsfilm versucht, wäre vielleicht Perfect Blue dabei herausgekommen. So aber war es natürlich an niemand geringerem als Satoshi Kon, sich mit seinen psychologischen Experimenten in Animeform hervorzutun. Entstanden ist dabei 1998 ein gekonnter Psychothriller, der sich auf drei Realitätsebenen mit der Suche nach Identität und Wirklichkeit beschäftigt.

Mima Kirigoe (Junko Iwao) singt in einer auf niedlich getrimmten, aber nicht allzu erfolgreichen Girlgroup namens „Cham“. Als ihr Agent jedoch rät, eine Schauspielkarriere zu beginnen, kehrt sie dem Musikgeschäft den Rücken und nimmt eine Rolle in einer TV-Serie an. Sie spielt in dieser Serie jedoch eine Stripperin in einem Nachtclub und stimmt sogar zu, eine Vergewaltigungsszene zu drehen. Dieses neue Image, das sie dadurch von sich in der Öffentlichkeit generiert, entspricht allerdings so gar nicht dem ursprünglichen Bild vom unschuldigen, süßen Mädchen, das ihre Fans von ihr hatten, als sie noch mit ihren Freundinnen als Girlgroup in rosafarbenen Kleidchen auftrat.
Neben Selbstzweifeln und Schuldgefühlen gegenüber ihren ehemaligen Kolleginnen scheint sie außerdem ein fanatischer – beinahe wahnsinnig anmutender – Fan zu verfolgen, der alles tun würde, damit Mima wieder ihrem eigentlichen Image entspricht. Seine verunsichernde Visage taucht immer häufiger an den Orten auf, an denen sich Mima gerade aufhält. Darüber hinaus erhält sie obszöne Telefonanrufe und merkwürdige Fanpost. Eine Website namens „Mima’s Room“, für die Mima selbst nicht verantwortlich ist und von der sie bis vor kurzem nichts wusste, veröffentlicht erstaunlicherweise Informationen über sie, die niemand außer ihr selbst hätte wissen können. Allmählich drängt sich ihr die Frage nach der eigenen Identität auf. Als schließlich die ersten Menschen sterben, mit denen Mima in ihrem täglichen Umfeld zu tun hat, tut sich ein psychischer Abgrund auf, der sie nach und nach zu verschlingen droht.

Die Handlung zeigt sich in sauberen, soliden Animationen und in einem relativ nüchternen Stil ohne allzu überstilisierte visuelle Elemente, die man in manch anderen Animes nur zur Genüge findet. Bei Perfect Blue jedoch würde das auch gar nicht so wirklich passen. Der finstere und bisweilen verwirrende Plot ist ein einziges Psychospiel, eine mentale Achterbahnfahrt der Protagonistin und konzentriert sich dementsprechend auf viele Szenen, deren Einordnung ein bisschen Überlegung bedarf. Wahnvorstellungen und Paranoia suchen Mima heim, die sich mehr und mehr selbst fragt, welche Version ihrer selbst denn nun die wahre Mima sei. Ist sie in ihrer neuen Rolle als Schauspielerin endlich frei, endlich sie selbst oder lügt sie sich nur des Erfolges wegen etwas vor? Ist ihre Entscheidung die moralische Beschmutzung ihrer selbst?
Die eingangs erwähnten drei Realitätsebenen teilen sich auf in die Film-im-Film-Realität von Mimas Darstellung als Stripperin, in ihre Wahnvorstellungen und in die tatsächliche sie umgebende, aber nicht minder düster werdende Wirklichkeit. Dass die Person, die Mima in der TV-Serie verkörpert, zudem noch an einer Persönlichkeitsspaltung leidet, macht’s dem Zuschauer ebenfalls nicht unbedingt leichter. Die verschiedenen Ebenen lassen sich anfangs noch distinkt trennen, doch je tiefer Mima in die geistige Finsternis hinabsteigt, desto verwaschener werden die Grenzen. Geschickte Schnitte werfen den Zuschauer in ein Kaleidoskop aus Wahrnehmungen von blutigen Morden und mysteriösen Doppelgängern. Perfect Blue entwickelt sich zu einem nicht ganz einfach zu durchblickenden Geflecht von Angst und Verzweiflung, das sein Publikum anschließend mit einer verstörenden Auflösung zurücklässt.

Nach einem gemächlichen Beginn, steigert sich Perfect Blue in der zweiten Hälfte zu einem lynchesken Alptraum, einem außerordentlich gut konzipierten Psychothriller, auf den auch ein Alfred Hitchcock stolz sein könnte.
Kons Film ist ein Anime von solch beeindruckender Art, dass es schon verwundert, noch nichts von einem der heutzutage ja üblichen US-Remakes zu hören. Die entsprechenden Rechte liegen zwar bei Darren Aronofsky, doch dieser schien sie nur zu benötigen, weil er den Aufbau der Badewannenszene aus Perfect Blue für eine entsprechende Sequenz in Requiem For A Dream (2000) wiederverwendete. Vielleicht ist es auch besser so, denn ein mögliches Remake hätte eine nur zu schwere Aufgabe, die Kraft und den Charme des Originals adäquat einzufangen. So ist Perfect Blue ein Pflichtfilm für Animefans, aber vor allem auch für Freunde von unbehaglichen Psychothrillern, die ihre Figuren und den Zuschauer gleichermaßen fordern.