Jin-Roh

Jin-Roh - FilmplakatNach The Red Spectacles (1987) und Stray Dogs (1991) erschien 1999 mit Jin-Roh der dritte Film über Mamoru Oshiis Polizeispezialeinheit Kerberos. Dieses Mal übernahm er für sein Drehbuch zwar nicht selbst Regie, sondern beauftragte Hiroyuki Okiura damit, dennoch ist Oshiis Erzählstil auch atmosphärisch zu jeder Zeit spürbar. Ursprünglich war der Film bereits einige Jahre früher und als Verfilmung mit echten Darstellern geplant, wurde aber aufgrund von Oshiis Arbeit an Ghost in the Shell (1995) verschoben und schließlich als Animationsfilm realisiert. Weiterlesen „Jin-Roh“

Pola X

Pola X

Auf den diesjährigen internationalen Filmfestspielen von Cannes kehrte ein wunderlicher Franzose nach fast 13 Jahren mit einem neuen Langfilm zurück und war umgehend für die Goldene Palme nominiert. Die Rede ist von Leos Carax, der mit seinem neuesten Streich Holy Motors die Kritiker begeisterte; ganz anders als seinerzeit sein vorheriger Film Pola X aufgenommen wurde und den man auch vor allem aus finanzieller Sicht als gescheitertes Experiment bezeichnen muss. Dennoch lohnt sich ein näherer Blick auf die sperrige Literaturadaption (nach Herman Melvilles Roman Pierre: or, The Ambiguities), die eine eigentümliche Geschichte von Inzest und künstlerischer Emanzipation erzählt.

Pierre (Guillaume Depardieu) ist ein verwöhnter Erfolgsautor, reich, jung und schön. Er lebt mit seiner geliebten Mutter Marie (Catherine Deneuve) auf dem Land, in einem teuren Anwesen in der Normandie. Die andere wichtige Frau in seinem Leben ist seine Verlobte Lucie (Delphine Chuillo), die er bald ehelichen wird. Es mangelt ihm an nichts in dieser idyllischen kleinen Welt, fernab vom Lärm der Städte, wie in einer längst vergangenen Epoche. Als jedoch eine mysteriöse fremde Frau (Yekaterina Golubeva) in sein Leben tritt und sich als seine Schwester offenbart, lässt sich Pierre auf ein inzestuöses Verhältnis und eine Abkehr von seinem bisherigen Leben ein.

Zu den zentralen Motiven von Pola X gehören definitiv die Veränderung, der Wandel und das Lösen von gefestigten Verhältnissen. Dies zeigt sich einerseits im Privaten, wenn Pierre plötzlich sein isoliertes Dasein auf dem Land, seinen vermögenden Lebensstil, in dem es ihm an nichts mangelt, aufgibt und sich mit seiner neu entdeckten Schwester Isabelle nach Paris aufmacht. Auf der anderen Seite geht es für Carax allerdings noch stärker um Pierres Selbstverständnis als Künstler, indem er ihn sich einer anarchistischen Künstlerkommune anschließen lässt, die für ihre gesellschaftskritischen und bisweilen terroristischen Tendenzen ein heruntergekommenes Lagerhaus als Stützpunkt nutzt. Er wendet sich gegen die Seichtheit des Populären und die Anbiederung an die Masse, die zwangsläufig zu Lasten einer Wahrhaftigkeit im Verhältnis zwischen Künstler, Werk und Publikum geschieht und sucht nach einer neuen Ehrlichkeit in der Kunst. Dass Pierres neugewonnene Ansicht vom Künstlertum auch ein Stück weit die persönliche Einstellung des Regisseurs wiederspiegelt, ist naheliegend, gilt der Franzose selbst schließlich als eigenwilliger Künstler.

Leos Carax inszeniert Pierres Wandel in unaufgeregten Bildern. Obwohl Melvilles Romanvorlage aus dem Jahr 1852 stammt und die Handlung für den Film vom Amerika des 19. Jahrhunderts in das Frankreich der Gegenwart verlegt wurde, wirken die Handlungsorte oft seltsam zeitlos. Autos, Straßenschilder und Fernseher weisen das moderne Setting zwar als solches aus, bleiben aber kleinere Details; die Handlung scheint sich viel mehr in einem ganz eigenen, filmischen Kosmos abzuspielen. Der Kontrast zwischen dem ländlichen Idyll und der verschmutzten Großstadt hatte zu Melvilles Zeiten kurz vor und während der Industrialisierung der Vereinigten Staaten eine größere Bedeutung und ist durch die Verlagerung des Geschehens einiger Kontexte beraubt, funktioniert in Pola X aber speziell auf der ästhetischen Ebene noch tadellos. Durch die ruhige Erzählweise, die den Figuren und ihrer Umgebung Raum gibt, und die dichte, surreale Atmosphäre, geraten die sonnigen Wiesen der Normandie beim tristen Braun in Braun der Pariser Industrieanlagen in der zweiten Hälfte des Films beinahe in Vergessenheit.

Pola X ist schwerfällig und teilweise zäh bis anstrengend. Dazu trägt auch das leider etwas steife Spiel von Guillaume Depardieu als Pierre bei. Dass Carax damit an den Kassen floppte, ist keine Überraschung, doch wenn man sich auf diesen Weg eines verwöhnten Schriftstellers zum heruntergekommenen Gesellschaftskritiker einlässt, auf einen Weg von der Populärliteratur zur künstlerischen Wahrheit, dann besteht die Möglichkeit, ein ungewöhnliches, aber unheimlich faszinierendes Stück Fim zu erleben.

eXistenZ

Existenz

Spätestens seit den 90er Jahren stößt man im Science-Fiction-Genre immer öfter auf alternative Realitätsebenen. Sei es nun im actionorientierten Blockbusterkino wie Matrix (Andy & Lana Wachowski, 1999) und Inception (Christopher Nolan, 2010) oder in den zu Unrecht weniger beachteten Filmperlen, die die Thematik nicht selten intellektueller, psychologischer und abgründiger verarbeiten wie beispielsweise Dark City (Alex Proyas, 1998). Zu Filmen letzterer Art gehört auch David Cronenbergs eXistenZ, der das Spiel um virtuelle Realitäten gekonnt mit dem für den kanadischen Regisseur so typischen Body Horror vereint.

Die Zeit der konventionellen Videospiele, ist passé. Heutzutage kann ein Spiel – einmal mit dem menschlichen Körper verbunden – direkt vor dem geistigen Auge erlebt werden. Möglich macht diese Art der Unterhaltung vor allem die führende Game-Designerin Allegra Geller (Jennifer Jason Leigh). Bei der öffentlichen Vorführung ihrer neuesten Schöpfung, eXistenZ, kommt es jedoch zu einem terroristischen Angriff, der ihre Ermordung zum Ziel hatte. Gemeinsam mit Ted Pikul (Jude Law), der sich seinen neuen Job in der Marketingabteilung ganz anders vorgestellt hatte, gelingt es Allegra zu fliehen. Besorgt darüber, dass ihr „Game Pod“ Schaden genommen haben könnte, bittet sie Ted darum, mit ihr das Spiel zu betreten, um auf Nummer sicher zu gehen.

Was dann folgt ist ein unbehaglicher Trip in eine virtuelle Realität, deren künstliche Charaktere eine irritierende Befremdlichkeit ausstrahlen und sowohl Ted, als auch den Zuschauer ein wachsendes Gefühl von Paranoia erleben lassen. Cronenbergs visuelle Gestaltung der Spielwelt ist dabei aber niemals extravagant oder aufdringlich. Teure CGI-Effekte sucht man vergeblich. Wird zwischen den Ebenen gewechselt, äußern sich die Unterschiede viel subtiler, beispielsweise in leicht veränderter Kleidung, merkwürdigen Gegenständen und ungewöhnlichen Dialogen mit den nichtmenschlichen Figuren. Die visuell ausgefallensten Elemente sind hier sicherlich die organischen Gerätschaften wie etwa der fleischige, nierenähnliche Pod, der über eine Art Nabelschnur an einen Menschen angeschlossen wird, um das Spielen zu ermöglichen oder die aus Fleisch und Knochen bestehende Pistole, die Zähne verschießt.

Auch wenn Cronenberg natürlich mit der Wahrnehmung seiner Zuschauer spielt, ist eXistenZ allerdings keineswegs zu verkopft. Im Gegenteil, die merkwürdige Atmosphäre, die Konfusion der Hauptcharaktere, sorgt auch für den ein oder anderen amüsanten Moment. Darüber hinaus lässt es sich der Regisseur ebenfalls nicht nehmen, die Handlung mit bizarren, sexuell aufgeladenen Metaphern zu versehen. Allein dadurch, dass man ein Videospiel über einen organischen Schlauch in eine kleine Öffnung im unteren Rückenbereich anschließt, bieten sich dafür selbstverständlich genügend Möglichkeiten. Wie soll man den Film also einordnen? Es ist Science-Fiction über künstliche Welten, die auf effektgeladenes Spektakel verzichtet, aber stattdessen mit cronenberg’schem Bio-Ekel angereichert ist ohne jedoch zu stark in Richtung klassischem Horror zu driften. eXistenZ ist ein mysteriöser Thriller ohne Längen, dafür mit jeder Menge Spannung bis zum interessanten, wenngleich nicht völlig unvorhersehbaren Ende.

Mystery Men

Mystery Men

Heutzutage sind Superheldenfilme und deren Parodien in beinahe ermüdender Regelmäßigkeit auf der Kinoleinwand zu sehen, doch bereits 1999 schuf Kinka Usher mit seinem ersten und einzigen Spielfilm Mystery Men eine Komödie, die durch die gekonnte Karikatur gängiger Superheldenklischees auch heute noch zu überzeugen weiß.

Die Handlung beginnt mit einem schurkischen Angriff auf ein Seniorentreffen, das die eher wenig erfolgreichen Superhelden Mr. Furious (Ben Stiller), Shoveler (William H. Macy) und Blue Raja (Hank Azaria) versuchen zu verhindern. Als das selbst von Polizisten verspottete Trio daran scheitert, liegt es an keinem geringeren als dem stadtbekannten und überaus beliebten Superhelden Captain Amazing (Greg Kinnear), die Angreifer zu überwältigen. Der schmierige Vorzeigeheld hat allerdings ein kleines Problem: Es gibt keine wirklichen Superschurken mehr in der Stadt, die seinen rapide sinkenden Werbeeinnahmen entgegenwirken könnten. Also wird kurzerhand Captain Amazings Erzfeind Casanova Frankenstein nach 20 Jahren aus der Irrenanstalt entlassen, doch der hat nicht die geringste Lust, dem Superhelden in die Hände zu spielen. Er sprengt die Anstalt in die Luft und nimmt den überheblichen Captain Amazing gefangen.
Zeit also für die zweitklassigen Superhelden, sich zu beweisen, die Stadt zu retten und Captain Amazing zu befreien. Doch zuvor soll ein Casting helfen, weitere Unterstützung gegen das Böse zu gewinnen, denn momentan sind Mr. Furious, Shoveler und Blue Raja den Schergen von Casanova Frankenstein noch deutlich unterlegen.

Zwei Jahre vor dem Erscheinen von Kinka Ushers Superheldenparodie sorgte Joel Schumachers filmisches Debakel Batman & Robin für einen vorläufigen Knockout des Superheldengenres. Dementsprechend war Mystery Men kein besonderer Erfolg beschert und erwies sich als Flop. Mehr Anerkennung hätte der Film jedoch verdient gehabt, denn trotz stellenweise übertriebener Albernheit und äußerst eindimensionaler Charaktere zünden dennoch die meisten der zahlreichen Gags und Seitenhiebe. Die Figuren werden hauptsächlich auf ihre Heldenfähigkeit reduziert; so wird Mr. Furious ausgesprochen wütend, der Shoveler kämpft mit Bergarbeiterhelm und Schaufel für Gerechtigkeit und Blue Raja wirft mit Besteck auf seine Gegner. Es gibt unter anderem noch absurde Gestalten wie den Invisible Guy, der behauptet, unsichtbar werden zu können, aber nur dann, wenn gerade niemand hinsieht oder den Spleen, dessen Fürze eine betäubende Intensität aufweisen. Mit einer charmant-skurrilen, aber eigentlich überaus ineffektiven Superheldentruppe stellt Kinka Usher das Genre auf den Kopf. Das Ganze ist zwar simpel gestrickt, aber die Darsteller – allen voran Ben Stiller und William H. Macy – überzeugen dafür auf ganzer Linie.
Auch Elemente wie der nicht ganz so strahlende Captain Amazing, dessen Moral den eigenen Vorteil an die höchste Stelle setzt oder das kuriose Casting, bei dem allerlei selbsternannte Superhelden auftauchen und das in zahlreichen Comics praktizierte Heldentum endgültig ins Lächerliche ziehen, rauben dem Genre auf geschickte Weise die letzte Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit.

Wenn Helden auf Schurken treffen, ist natürlich Ärger vorprogrammiert. Die entsprechenden Actionszenen sind solide inszeniert und witzig anzusehen. Die Farbgebung des Films ist wie erwartet ziemlich bunt, von den verrückten Kostümen bis hin zur Beleuchtung und Ausstattung der Handlungsorte. Stilistisch hat man es hier mit einem noch überzeichneteren Setting als dem Gotham City aus Tim Burtons ohnehin schon stark comicartigen Batman (1989). Während heutige Superheldenfilme einen authentischeren, realistischeren Look anstreben, steckt Mystery Men noch voll und ganz in den 90ern.

Die Geschichte von trotteligen Loser-Helden, die letzten Endes doch erfolgreich den Kampf gegen das Böse aufnehmen ist aus heutiger Sicht sicherlich weit weniger einfallsreich als noch damals, funktioniert in Mystery Men aber trotzdem ganz gut. Kinka Ushers leider einziger Film ist zwar ein finanzieller Reinfall, was das Aus für den Regisseur bedeutete, aber nichtsdestotrotz ein fulminanter Spaß, der mit einigen lustigen Einfällen zu unterhalten weiß.