Battle Royale

Battle Royale

Auch wenn Autorin Suzanne Collins es stets beteuert, nimmt ihr inzwischen niemand mehr so recht ab, dass sie sich für ihre Romantrilogie um die Hunger Games nicht von Battle Royale inspirieren ließ. Während die Verfilmung The Hunger Games (Gary Ross, 2012) allerdings zu einem weichgespülten Sci-Fi-Geplänkel verkam, das die Thematik und die damit einhergehende Gewalt verharmloste, bekommt man mit dem kontroversen japanischen Drama eine düstere Zukunftsvision geboten, die Figuren und Zuschauer gleichermaßen an ihre Grenzen treibt.

Japan in nicht allzu ferner Zukunft. Hohe Arbeitslosen- und Kriminalitätsraten zwingen die totalitäre Regierung, das sogenannte BR-Gesetz zu verabschieden, eine neue Bildungsreform, bei der jährlich eine zufällig ausgewählte Schulklasse ein dreitägiges Todesspiel bestreitet und lediglich der Gewinner, der einzige Überlebende, in die Gesellschaft zurückkehren darf. Dieses Jahr hat es Shuya Nanahara (Tatsuya Fujiwara) und seine Klassenkameraden, die Klasse 3-B der Shiroiwa-Mittelschule, erwischt. Nichtsahnend auf dem Weg zu einem Ausflug, der das Schuljahr abschließen sollte, werden sie während der Busfahrt betäubt und finden sich wenig später auf einer verlassenen Insel wieder. Ihr ehemaliger Klassenlehrer Kitano (Takeshi Kitano) entpuppt sich als Spielleiter des diesjährigen Überlebenskampfs und teilt ihnen die Regeln mit. Bevor sie in dem heruntergekommenen Klassenzimmer auf dem isolierten Eiland erwachten, wurden den Schülern metallene Halsbänder angelegt, die per Fernsteuerung zum detonieren gebracht werden können. Sollten nach Ablauf der drei Tage mehr als ein Schüler am Leben sein, werden sämtliche Halsbänder gesprengt, sodass es keinen Sieger gäbe. Ausgerüstet wird jeder Teilnehmer mit einer zufällig gewählten Waffe und dann kann der makabre Wettbewerb auch schon losgehen.

Dass mit brutalen Auseinandersetzungen und rücksichstloser Gewaltdarstellung gerechnet werden kann, lässt sich schon anhand der Handlungsprämisse erahnen: Eine Schulklasse findet sich auf einmal inmitten eines staatlich sanktionierten Todesspiels wieder, aus dem es kein Entkommen gibt. Was bleibt zu tun? Töten oder getötet werden. Sorgte bereits die explizite Art und Weise, wie sich 14-15 Jahre alte Jugendliche gegenseitig abschlachten, in Japan für einige Kontroversen und die erfolglose Diskussion über das Verbot des Films, entfaltet sich die eigentliche Wirkung des Geschehens durch die sozialpsychologische Komponente, die den Überlebenswillen des Menschen gegen Moralverständnis und Freundschaft antreten lässt. Im Angesicht des Todes katalysieren selbst kleinste Gefühle von Misstrauen oder Eifersucht mörderische Handlungen. Auch Fluchtreflexe bis hin zur völligen Selbstaufgabe lassen sich beobachten. Battle Royale wird dadurch zum nuancierten Gedankenexperiment des sozialen Mit- und Gegeneinanders unter menschenverachtenden Bedingungen und zu einem eindrucksvollen Geflecht verschiedenster Emotionen mit tödlichen Ausprägungen.

Fukasakus Film ist ein dystopischer Gesellschaftsentwurf, in dem Minderjährige zu Opfern eines überforderten Systems werden, das jegliche Menschlichkeit abgelegt hat. Der dreitägige Kampf um Leben und Tod wird zum zugespitzt-pervertierten Spiegelbild des gegenwärtigen, bisweilen gnadenlos erfolgsorientierten Industriestaates Japan. Das Vertrauen in den Staat und in den Menschen wird zur Farce, das Bildungsprogramm zur Barbarei und die Zukunft des Landes zum Resultat einer schockierenden Entmenschlichung.
Battle Royale ist formal und inhaltlich wuchtig, ohne zu ästhetisieren; ein zeitloser Klassiker des postmodernen japanischen Kinos, um den man als Filminteressierter nicht herumkommen wird.

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Die Werckmeisterschen Harmonien

Die Werckmeisterschen Harmonien

Wenn jemand einen Film dreht, der eine Laufzeit von gut 145 Minuten aufweist und in nur 39 lange Sequenzen unterteilt ist, klingt das zunächst einmal recht anstrengend. Nun, leichte Kost ist Béla Tarrs Die Werckmeisterschen Harmonien zwar tatsächlich nicht, dafür aber eine hypnotische Meditation über ein tristes Dorf im ungarischen Nirgendwo, einen slowakischen Wanderzirkus und einen ausgestopften Wal.

Ein kleines Dorf in Ungarn, von nichts umgeben als klirrender Kälte. Die Situation ist angespannt, denn die wirtschaftliche Lage sieht alles andere als rosig aus. Arbeitslosigkeit macht sich in den Straßen breit und ganze Haushalte verschwinden. Die Stimmung droht zu kippen; ein Umbruch steht kurz bevor. Und inmitten all diesem Unmut befindet sich der junge János Valuska (Lars Rudolph) und visualisiert in der zehnminütigen Eröffnungssequenz den Aufbau einer Sonnenfinsternis unter Zuhilfenahme einiger Trunkenbolde kurz vor Schließung der Kneipe. Schnell wird klar, dass dieser Mann auf irgendeine Weise anders als die schwermütigen Dorfbewohner ist. Valuska ist ein unschuldiger Träumer, scheinbar so fern von den alltäglichen Problemen. Dennoch muss er von Bürger zu Bürger eilen und deren Nachrichten überbingen, Forderungen und Drohungen mit Konsequenzen. In einer Stadt voll von unterschwelligem Grimm wird er zum hilflosen, neutralen Beobachter wie der Zuschauer.
Als eines Nachts ein riesiger Container auf den Dorfplatz gefahren wird, der einen Zirkus aus der Slowakei samt ausgestopftem Wal beherbergen soll, droht die Lage endgültig zu kippen und lässt den Film in eine poetische, aber auch grausame letzte halbe Stunde kulminieren.

Und gerade diese finalen dreißig Minuten zeigen den unmenschlichen Höhepunkt einer negativen Entwicklung, die sich langsam aber sicher durch Film und Dorfgemeinschaft zog. Valuska besucht den Zirkus, tritt in den finsteren Container und sieht in die leblosen Augen des Meeressäugers. Doch er findet keine Antworten, keine Offenbarung. Die Zeichen stehen längst auf Widerstand gegen die Obrigkeit, wie er unweigerlich miterleben muss.
Béla Tarrs komplett in schwarz-weiß gehaltener Film ist von langsamer, fast schon schleichender, aber unaufhaltsamer Natur. Die Sonnenfinsternis, die Valuska zu Beginn des Filmes illustriert, erweist sich im Nachhinein als Allegorie auf die revolutionsbereite Gesellschaft und ihre Folgen, wenn der junge Bote etwa davon spricht, wie eine Dunkelzeit erst Angst und Terror verbreite, bevor das Licht zurückkehre.
Visuell weiß Die Werckmeisterschen Harmonien zu beeindrucken, besonders in den surrealen Momenten, wenn wie aus dem Nichts ein meterlanger Container minutenlang durch die Straße gezogen wird, wenn Valuska das Innere dieses Containers betritt und vor allem, als der angriffslustige Mob ein örtliches Krankenhaus stürmt und alles kurz und klein schlägt. Licht und Schatten tun ihr Übriges, das Dorf wirkt kalt, einsam und anonym. Auch als Valuska sich schließlich auf dem Dorfplatz von Menschenmassen umgeben sieht, bleibt die Stimmung merkwürdig kafkaesk.

Béla Tarrs Film basiert auf dem Roman „The Melancholy Of Resistance“ von László Krasznahorkai, der außerdem am Drehbuch mitschrieb und so zusammen mit Tarr ein Werk schuf, in dem Mächte am Werk sind, deren Ausmaß und Folgen erst erfassbar scheinen, wenn alles zu spät ist. Und doch sind es Mächte, deren Weg vorhersehbar ist, die einem beinahe schon natürlichen Lauf der Dinge folgen, ganz so wie die Himmelskörper, wenn sich die Sonne verdunkelt.

The Cell

The Cell

The Cell war 2000 der Start in Hollywood für den indischen Regisseur Tarsem Singh, der zuvor nur Werbe- und Musikvideos drehte, dafür aber bereits vielfach gelobt und geachtet wurde. Besonders mit seinem mehrfach ausgezeichneten Musikvideo zu R.E.M. – Losing My Religion machte er auf sich aufmerksam. Seinen kreativen und sehr eigenen Stil konnte er fortan also auch in Spielfilmlänge ausleben.

Carl Stargher (Vincent D’Onofrio) ist ein Serienmörder, der seine Opfer – junge Frauen – in einen Tank speert und filmt, wie sie ertrinken, während sich der Tank unaufhörlich mit Wasser füllt. Den Ermittlern um Peter Novak (Vince Vaughn) gelingt es schließlich, den Täter zu fassen, doch eine weitere Frau wird noch vermisst und nur Stargher kennt den Aufenthaltsort des sich automatisch füllenden Tanks. Das Problem ist jedoch, dass Stargher psychisch am Ende ist und eine Form von Schizophrenie aufweist, die jede vernünftige Befragung unmöglich macht. Die einzige Möglichkeit, um an die Information zu gelangen, ist ein Projekt, das ursprünglich zur Betreuung von Komapatienten entwickelt worden ist und Catherine Deane (Jennifer Lopez) in die Gedankenwelt ihrer Patienten eindringen lässt. Kurzerhand wird Stargher angeschlossen. Der Ort des Tanks muss innerhalb weniger Stunden gefunden werden, bevor es zu spät ist. Ein Wettlauf gegen die Zeit, aber auch vor allem ein Kampf gegen die abgründige Psyche eines schizophrenen Killers beginnt.

Die Ästhetik von The Cell ist wohl das herausragendste Merkmal, das den Film klar von seiner Genrekonkurrenz der sonst so typischen Serienmörderthriller unterscheidet. Catherine Deane dringt in den Geist von Carl Stargher ein und was sie dort vorfindet, ist alles andere als gewöhnlich. Starghers Psyche beheimatet eine alptraumhafte, surreale Welt mit zu Puppen präparierten Frauen, mittelalterlichen Foltergeräten und orientalischen Dekorationen. Tarsem Singhs Stil ist dabei geprägt von großen bunten Stoffen, goldenen Ornamenten und pompösen Gewändern; festgehalten wird dies durchgehend in perfekt abgestimmten Kameraeinstellungen, die so für ein einzigartiges visuelles Erlebnis sorgen. Düstere Korridore wechseln sich mit gigantischen Kanälen, langen Treppen und einsamen Wüsten ab. Die Gedankenwelten sind in der Tat beeindruckend, sodass die Rahmenstory um den Mörder in der realen Welt bisweilen in den Hintergrund zu rücken scheint. Tatsächlich sprach Tarsem Singh in einem Interview darüber, dass es ihm in erster Linie um die Reisen in die Psyche ging und dass der Plot um den Killer letzten Endes dann doch mehr zweckhaft angelegt ist. Diese Erkenntnis tut dem Filmgenuss aber keinen Abbruch. Spannung ist bis zum Ende vorhanden.

The Cell kann nicht mit überraschenden Plotwenden aufwarten und erreicht auch nicht die enorme Qualität eines Sieben (David Fincher, 1995), ist aber trotzdem ein ordentlicher Thriller, der eben vor allem durch seine fantastischen Gedankenreisen heraussticht und keine einzige Minute langweilt. Besonders Liebhaber surrealer und fantastischer Bilder werden diesen Film zu schätzen wissen und sich den Namen Tarsem Singh merken.