A Tale of Two Sisters

A Tale Of Two Sisters - FilmplakatWenn es eine Sache gibt, die man den oftmals so überflüssigen US-Remakes von nichtamerikanischen Filmen zugutehalten kann, dann, dass sie wenigstens den ein oder anderen Zuschauer auf das Original aufmerksam machen. 2009 erschien mit Der Fluch der 2 Schwestern (Charles & Thomas Guard) die amerikanisierte Fassung eines sechs Jahre zuvor gedrehten, modernen Klassikers des zeitgenössischen koreanischen Kinos: Das mehr als sehenswerte psychologische Horrordrama A Tale of Two Sisters von Kim Jee-woon. Weiterlesen „A Tale of Two Sisters“

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Dogville

Dogville

Ein Blick entlang Lars von Triers Filmografie offenbart: Von Konventionen hielt der dänische Regisseur noch nie sonderlich viel. Sie sind allenfalls dazu da, verändert oder gar vollständig gebrochen zu werden. Als besonderes Beispiel dient das fast dreistündige Drama Dogville, ein Film wie ein Bühnenstück; auf Minimalkulisse reduziert wird die tragische Geschichte zu einer Herausforderung der Sehgewohnheiten.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine kleine Dorfgemeinschaft in den Rocky Mountains zur Zeit der großen Depression in den Vereinigten Staaten, ein zurückgezogener Ort, in dem jeder jeden kennt. Die Menschen haben nicht viel, doch akzeptieren ihr Schicksal. Lediglich der enthusiastische Idealist Tom (Paul Bettany) ist bestrebt, durch seine allabendlichen Zusammenkünfte in der Kirche die Dorfbewohner zur Verbesserung ihrer selbst zu ermuntern.
Eines Tages jedoch kommt die schöne Grace in den abgelegenen Ort. Sie ist auf der Flucht vor zwielichtigen Gangstern und erbittet Unterschlupf, der ihr schließlich unter der Bedingung, den Dorfbewohnern bei täglichen Arbeiten auszuhelfen, gewährt wird. So muss Grace fortan Kinder unterrichten, einem blinden Mann Gesellschaft leisten, sich um Kranke und Stachelbeersträucher kümmern und noch weitere Hilfsdienste erledigen. Schnell lebt sich Grace ein, erhält sogar ein kleines Einkommen und schließt Freundschaften.
Doch immer wieder taucht die Polizei im Dorf auf, stellt Fragen und hängt Plakate auf, aus denen hervorgeht, dass Grace gesucht wird. Bisher wurde sie zwar immer gedeckt, doch das steigende Risiko setzt die Bewohner unter Druck. Nach und nach wird die einstige Zuflucht zu einem Gefängnis: Grace wird zunächst mit mehr und mehr Aufgaben belangt, ihrer Besitztümer beraubt und schon bald zur Sklavin des gesamten Dorfs. Vorbei ist der höfliche Umgang,  ersetzt von Verachtung und Schuldzuweisungen. An ein schweres Mühlrad gekettet, wird sie zum wehrlosen Opfer von Machtdemonstrationen in Form von Vergewaltigungen.

Hier zeigt sich Dogville dann von seiner finsteren Seite. Mit den Bewohnern des idyllischen Bergdorfes zeichnet Lars von Trier ein Menschenbild voller Feigheit und Opportunismus. Grace ist das Symbol des ausgebeuteten, hilfsbedürftigen Einzelnen durch eine in ihrem innersten verkommene Gesellschaft und zugleich auch ein Stück weit Abrechnung mit dem amerikanischen Traum. Gerade dann nämlich, wenn man glaubt, das anfängliche Misstrauen der Dorfgemeinschaft sei endgültig überwunden und Grace als vollwertiges Mitglied akzeptiert, wird sie am Tag des Dorffestes am 4. Juli zur Fahndung ausgeschrieben. Die Stimmung kippt schlagartig. Statt die junge Frau jedoch aus dem Dorf zu verjagen oder der Polizei auszuliefern, erliegt die kleine Gemeinschaft der Illusion einer moralischen Überlegenheit, sollte man schließlich allen Widrigkeiten zum Trotz eine mögliche Verbrecherin vor dem Gesetz verstecken. Die Gegenleistungen unter dem Vorwand der Güte und Menschlichkeit könnten allerdings kaum unmoralischer sein: Elitär, heuchlerisch, triebgesteuert und absolut gnadenlos unter der bizarren Vorstellung, richtig zu handeln und Grace selbst für ihre Misere verantwortlich machen zu können.

Die scheußliche Doppelmoral wird in Anbetracht der kargen Kulisse umso deutlicher: Wenn Grace vergewaltigt wird und der Zuschauer durch die bloß auf dem Boden eingezeichneten Wände weiterhin das geschäftige Dorftreiben im Hintergrund beobachten kann, zeigt sich, dass von Trier mit der visuellen Reduktion auf die richtigen Mittel zurückgegriffen hat. Häuser, Straßen, Bäume und sogar der Hund sind nur Kreideskizzen. Das Setdesign beschränkt sich darüber hinaus lediglich auf ein paar vereinzelte Möbel und Gebrauchsgegenstände. Der Fokus richtet sich dadurch unweigerlich auf die Menschen und das ausgezeichnete Schauspiel des gesamten Casts. Auf minimale Akzente beschränkt, soll nichts Audiovisuelles von der intensiven Handlung ablenken.

Gesellschaftliche Abgründe zwischen Selbstsucht und Ohnmacht, jede Schuld von sich weisend, mit einem Moralbegriff, der hier als leere Worthülle entlarvt wird. Dogville ist ein filmisches Experiment über den Menschen als Rudeltier, stark inszeniert und nachhaltig wirkungsvoll.

Bad Santa

Bad Santa

Es ist mal wieder soweit, die Vorweihnachtszeit ist da! Das bedeutet für das Fernsehprogramm vor allem eines: Jede Menge Weihnachtsfilme, die den Zuschauer in die richtige Weihnachtsstimmung versetzen sollen. Jahr für Jahr setzt man dabei allerdings auf herzerwärmende, klischeebeladene Geschichten, deren zahme Konfliktansätze sich schnell in familiäres Wohlgefallen auflösen. Glücklicherweise gibt es auch Ausnahmen, die all denen eine willkommene Abwechslung bieten, die sich nicht zum x-ten Mal ansehen möchten, wie sich Tim Allen in sein Weihnachtsmannkostüm quetscht.

Regisseur Terry Zwigoff – der ein oder andere kennt von ihm vielleicht Ghost World (2001) oder Art School Confidential (2006) – machte sich 2003 daran, eine solche Ausnahme zu kreiren. Bad Santa heißt das Werk und handelt vom verkommenen Säufer Willie (Billy Bob Thornton), der tagsüber für die Kinder den Weihnachtsmann im Kaufhaus mimt, nur um selbiges anschließend an Heiligabend mit seinem als Elf verkleideten, kleinwüchsigen Kollegen Marcus (Tony Cox) bis auf den letzten Dollar auszurauben. Die Lage verkompliziert sich jedoch, als Gestalten wie ein zwielichtiger Kaufhausdetektiv (Bernie Mac), ein gutgläubiger kleiner Junge (Brett Kelly) und eine Frau mit Santa-Fetisch (Lauren Graham) Willies kriminelles Dasein kreuzen.

Das Hauptargument des Filmes, das dem familienfreundlichen Weihnachts- und damit verbundenen Konsumwahn seinen Spiegel vorhält, ist unzweifelhaft die Figur des fluchenden, trinkenden, rauchenden und lüsternen Willie, die von Billy Bob Thornton mit einer unheimlich lässigen Souveränität verkörpert wird. Er kommt besoffen und viel zu spät zur Arbeit, stürzt in die Dekoration, schläft sich seinen Rausch am falschen Ort, zur falschen Zeit aus oder treibt es auch mal in den Umkleidekabinen der Abteilung für Frauenbekleidung. Dass er dazu noch Kinder absolut verabscheut, qualifiziert ihn selbstverständlich noch weniger für den Job als Santa, doch seine niedrigen Lohnforderungen lassen der Kaufhausleitung keine Wahl. Billy Bob Thornton spielt eine menschgewordene Frechheit und sorgt mit seinem desinteressierten, ungehobelten und fragwürdigen Auftreten für schockierte Kinder und empörte Eltern.
Darum dreht sich letztlich der gesamte – im übrigen von den Coen-Brüdern produzierte – Film, was zwar weitgehend hervorragend funktioniert, aber auch irgendwann ein paar Abnutzungserscheinungen zeigt. Nichtsdestotrotz hat Bad Santa sich sein R-Rating redlich verdient und ist damit nur Erwachsenen zugänglich. Dieses Alleinstellungsmerkmal als familienuntauglicher Weihnachtsfilm macht ihn zu etwas Besonderem. Das ist dann als Marketingkniff nicht nur für die Produzenten lukrativ, sondern eben auch für den Zuschauer lohnenswert, der damit eine bissige, schwarze Komödie serviert bekommt, die zum Glück nicht irgendwann in zuckersüßem Kitsch zergeht. Das Drehbuch umschifft zwar nicht alle Klischees, die Hollywood in diesem Genre zu bieten hat, löst seine Charakterentwicklungen und das dazugehörige Filmende aber recht gekonnt, ohne allzu aufgesetzt und künstlich zu wirken.

Wer sich also einmal einen etwas anderen Weihnachtsfilm ansehen will, liegt hier genau richtig. Bad Santa ist ein (fast) rücksichtsloser Gegenentwurf zu all den Wohlfühlfilmen, die den Dezember jahrein, jahraus dominieren.

Oldboy

Oldboy - FilmplakatUnter Filmfans ist es eigentlich gar nicht mal so leicht, jemanden zu finden, der Oldboy nicht kennt. Nicht umsonst avancierte Park Chan-wooks Rachethriller zum postmodernen Kultklassiker, der nicht nur ihm zum internationalen Durchbruch verhalf, sondern auch den Weg für die erfolgreichste Ära in der Geschichte des koreanischen Kinos ebnete und Südkorea in der restlichen Welt als ein Land etablierte, das ungemein viel filmische Qualität produziert. Weiterlesen „Oldboy“

Reconstruction

Reconstruction

Christoffer Boe macht in Reconstruction kein Geheimnis daraus, dass unter anderem Godard und Lynch wichtige Inspirationsquellen seiner Arbeit sind. Der Däne legt mit seinem Film ein vertracktes, urbanes Werk über die Liebesschicksale von vier Menschen vor, das sich selbst als Konstrukt versteht und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb erstaunlich gut funktioniert.

Eine Erzählstimme leitet den Film ein. Wir begleiten einen jungen Mann namens Alex (Nikolaj Lie Kaas) auf dem Weg in eine Kneipe in Kopenhagen. Als er sie betritt, erspäht er eine attraktive blonde Schwedin (Maria Bonnevie)  an der Theke, zu der er sich auch anschließend hinzugesellt. Die beiden kennen sich nicht, heißt es, und doch erkennen sie etwas im jeweils anderen wieder, spüren ein Gefühl von Vetrautheit. Der Erzähler fragt uns, ob dies der Anfang oder das Ende sei. Es ist beides zugleich.
Und tatsächlich verläuft die Handlung alles andere als linear. Einige Dinge sind gegeben, wie beispielsweise die Tatsache, dass Alex eine Beziehung mit Simone (erneut Maria Bonnevie) hat, doch die Frau aus der Kneipe, Aimee, lässt ihn irgendwie nicht mehr los; immer wieder zieht es ihn zu ihr hin. Und so beginnt Alex eine Affäre mit Aimee, die ihn vor folgenschwere Entscheidungen stellt. Eine der möglichen Handlungslinien endet in einer Situation, in der seine Freundin Simone, seine Nachbarin, sein bester Freund und sogar sein Vater nichts mehr von Alex‘ Existenz wissen. Es scheint nur noch Aimee zu geben, die ihn kennt, doch wie lange geht das gut? Dann wechselt der Film wieder in andere Richtungen. Es gibt verschiedene Handlungsansätze und alternative Resultate. Doch trotzdem sind alle irgendwie miteinander verknüpft. Bestimmte Dialoge überlagern sich in den verschiedenen Realitätsebenen und wiederkehrende Muster tauchen auf. Außerdem gibt es da noch Aimees Mann August (Krister Henriksson), ein Autor, der an einem Buch schreibt, in dem interessanterweise Teile der Filmhandlung von „Reconstruction“ selbst mit Charakteren namens Alex und Aimee in den Hauptrollen vorkommen.

Kristoffer Boe macht es dem Zuschauer tatsächlich nicht einfach. Reconstruction ist ein non-lineares Werk mit zusätzlichen Meta-Ebenen und einzelnen Handlungsbrocken, die einem nach und nach serviert werden. Diese verschiedenen sich überlagernden Realitätsebenen und das Doppelgängermotiv kamen bereits in Filmen David Lynchs vor, doch anstelle eines müden Abklatschs, ist Reconstruction ein eigenständiger und guter Film. Begleitet von subtiler, aber düsterer und depressiver Musik beobachten wir das Drama um Alex in einem Kopenhagen, das einen kalten und einsamen Eindruck macht. Trotz aller sonst so typisch post-mordernen Vertracktheit nach dem Motto „Je komplizierter die Narrationsstruktur, desto künstlerisch anspruchsvoller ist der Film.“, kann man Boe nicht vorwerfen, die emotionale Ebene völlig außer Acht zu lassen. Das Innenleben der Charaktere wird zwar nicht allzu detailliert preisgegeben, doch sind es die schmerzhaften Momente, wenn sich ihre Schicksale verknüpfen, um an anderen Stellen wieder auseinander zu reißen und Wunden zu hinterlassen, die einem zeigen, wie schwer der Umgang mit Liebe für einzelne Individuen sein kann.

Der Film, so auch letzten Endes vom Erzähler betont, ist natürlich nur ein Film. Eine Konstruktion aus Szenen und Bildern. Aber genau darin liegt auch die Stärke des Werks und die Rechtfertigung für die Narrationsstruktur, die auf den ersten Blick als unnötig prätentiös erscheinen könnte. Denn Boe verdeutlicht mit Reconstruction, dass es keine stringente Handlung braucht, um eine Liebesgeschichte zu erzählen. Genau so irrational und schwer greifbar wie die Liebe selbst präsentiert sich die fragmentarische Filmhandlung. Gemäß dem Filmtitel rekonstruieren wir Alex‘ vergangenes, gegenwärtiges und mögliches zukünftiges Leben anhand von kleinen Szenen und Handlungsverläufen, um die emotionale Ebene zu erfassen, die uns ansonsten nämlich auch nur in einigen wenigen, aber dafür umso intensiveren Schüben vermittelt wird.

Ist Reconstruction letzten Endes nur die in Augusts Kopf gesponnene Handlung seines neuen Romans, bei der er die Affäre seiner Frau zum Vorbild nahm? Haben wir es mit es mit dem realen Leben eines jungen Mannes zu tun, der durch göttliche Intervention die Folgen seines beabsichtigten Handelns gezeigt bekommt? Oder sind Alex und Aimee eigentlich nur Platzhalter, um zu zeigen, dass ihre schmerzhaften Erfahrungen ganz und gar nicht besonders sondern realer und alltäglicher sind, als wir es eventuell wahrhaben wollen? Wie auch immer die Antwort ausfällt – wenn man sich dabei überhaupt festlegen kann oder möchte – Reconstruction ist ein interessantes, ästhetisches und bewegendes Drama, das einmal mehr beweist, dass der dänische Film nicht zu unterschätzen ist und auch abseits der Dogme95-Bewegung hervorragende Kunstwerke hervorbringt.

Kontroll

Kontroll

Historisch betrachtet gehört Ungarn nicht gerade zu den Speerspitzen des Films, obwohl das Medium dort eine hohe kulturelle Bedeutung hat. Etwa dreißig Filme werden jährlich in Ungarn produziert. Dass Masse nicht alles ist, sondern Qualität wichtig ist, um sich auch international durchzusetzen, beweist Nimród Antal mit seinem düsteren Genremix Kontroll, der auf zahlreichen Festivals von Kritikern gefeiert wurde.

Dunkle Schächte, verlassene Bahnsteige, endlose Rolltreppen und steriles Neonlicht; dies ist die Welt des Budapester U-Bahnkontrolleurs Bulcsú (Sándor Csányi ), der täglich mit seiner illustren Gruppe an Kollegen zahlreichen Problemen mit Fahrgästen ausgesetzt ist. Da wären wild pöbelnde Fußballfans, unkommunikative ausländische Reisende oder auch ein jugendlicher Sprayer, der einfach zum Spaß die Kontrolleure terrorisiert. Das treibendste Plotelement bleibt jedoch der mysteriöse Mörder, der im Untergrund sein Unwesen treibt und scheinbar wahllos Fahrgäste umbringt, indem er sie immer dann auf die Gleise schubst, wenn die nächste Bahn einfährt. Bulcsús Suche nach dem Killer wird dabei von allerlei nichtigen Problemen und seltsamen Begegnungen unterbrochen, die episodisch erzählt werden. So trifft er unter anderem auf eine junge Frau namens Szofi (Eszter Balla), die in einem Bärenkostüm durch die U-Bahnstationen streift und Bulcsú den Kopf verdreht. Die einzelnen Plotbausteine ergeben zwar nicht zwangsweise eine stringente Handlung, sind allerdings trotzdem merkbar miteinander verbunden. Ein Gefühl kryptischer Vertracktheit im Stile eines David Lynch stellt sich am Ende jedoch nicht ein.

Antal erzählt seine Geschichten über die Budapester Verkehrsbetriebe in stellenweise beeindruckenden Bildern von urbaner Ästhetik. Einigen Einstellungen haftet in der Tat etwas poetisches, leicht surreales an, wie beispielsweise als Bulcsú im Schatten vor zwei riesigen Ventilatoren steht. Das U-Bahnnetz entwickelt sich in Kontroll zu einer ganz eigenen, merkwürdigen Welt, die den Zuschauer in ihren Bann zieht.

Kontroll ist ein spannender Film, der zwischen komödiantischen Passagen, Selbstfindungsdrama und düsterem Thriller schwankt. Nimród Antal meistert diese Mischung mit Bravour und fesselt in jeder einzelnen Szene an den Bildschirm. Ein kleines ungarisches Glanzstück, das zwar bisweilen von der Alltagsrealität der Budapester U-Bahn abweicht, so aber auch zu einem einzigartigen Filmerlebnis wird.