The Descent

The Descent - FilmplakatKommt man auf den zeitgenössischen britischen Horrorfilm zu sprechen, führt wohl kein Weg an Neil Marshall und seinem Höhlenschocker The Descent vorbei. Sein zweiter Spielfilm schickt eine Gruppe Frauen auf einen wahrhaft unvergesslichen Trip in beklemmende Tiefen und weiß dabei gleich auf mehreren Ebenen zu überzeugen. Weiterlesen „The Descent“

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Brick

Brick

Die 40er und 50er Jahre bezeichnet man gemeinhin als klassische Ära des Film Noir, einer Stilrichtung von pessimistischen, düsteren Kriminalfilmen, in denen der detektivische Antiheld idealerweise in zwielichtigen Nächten auf moralisch fragwürdige Chraktere trifft und immer tiefer in ein Netz aus Lügen und Intrigen gerät. Nicht minder typisch ist der visuelle Stil, der sich unter anderem besonders in Low-Key-Beleuchtung und für die damalige Zeit ausgefallenem Einsatz von Schatten und Kameraperspektiven äußert. Dass diese Elemente auf die eine oder andere Weise auch in späteren Thrillern erfolgreich Anwendung finden, beweisen Filme wie L.A. Confidential (Curtis Hanson, 1997) oder Memento (Christopher Nolan, 2000). Doch wie sähe es aus, wenn man den Film-Noir-Stil in das Setting einer amerikanischen Highschool verfrachten würde? Funktioniert diese außergewöhnliche Mischung? Rian Johnsons Brick liefert Antworten.

Der Plot dreht sich um den Einzelgänger Brendan (Joseph Gordon-Levitt), der auf der Suche nach seiner Ex-Freundin Emily (Emilie de Ravin) eine finstere Welt voller Manipulation, Drogen und Gewalt betritt, die hinter der idyllischen Fassade einer kalifornischen Highschool lauert. Emilys letzten Anruf erhält der Protagonist an einer Telefonzelle. Die Stimme am anderen Ende klingt verängstigt, verstört und panisch. Es fallen Worte wie „Brick“, „Tug“ und „Pin“. Begriffe mit denen Brendan zunächst nichts anfangen kann, doch mit der Hilfe seines einzigen Vertrauten „The Brain“ (Matt O’Leary) gelangt er an wichtige Informationen, um seine Ermittlungen beginnen zu können. Schnell wird klar, dass Emily in eine gefährliche Sache verwickelt ist, die zwangsläufig ernsthafte Konsequenzen mit sich zieht: Kurze Zeit später findet Brendan ihren Leichnam vor einem Abwassertunnel.
Bei seinen Nachforschungen begegnet er zwielichtigen Gestalten wie der manipulativen Femme fatale Laura (Nora Zehetner), dem aggressiven Tugger (Noah Fleiss) und dem geheimnisvollen Unterweltboss Pin (Lukas Haas). Brendan ist sich des Risikos bewusst, doch er kann nicht ruhen, bevor er herausgefunden hat, was vorgefallen ist und wer Emily ermordet hat.

Die Narration ist recht geradlinig gestaltet; chronologisch hangelt sich Brendan in einer klassischen Detektivgeschichte von einer Person zur nächsten um immer mehr Informationen ans Licht zu bringen. Wortgewandt legt er den Finger dabei stets genau in die richtige Wunde seines Gegenübers. Der Erzählstil bleibt allerdings über die gesamte Laufzeit äußerst subjektiv, denn es gibt keine Szenen ohne den Protagonisten. Die Richtigkeit der Zuschauerwahrnehmung ist also nicht garantiert, dafür sorgt diese Art der Inszenierung aber auch für ihre ganz eigene Spannung. Hinzu kommt, dass die Charaktere vielschichtig miteinander agieren. Nicht selten trifft ein eher einseitiges Vertrauen auf rücksichtslose Manipulation oder gewissenlosen Mord auf der anderen Seite. Intrige wird dem Zuschauer genug geboten, jedoch ohne aufgesetzt zu wirken. Die Motivationen der Figuren bleiben nämlich durchweg naheliegend und nachvollziehbar.

Auf visueller Ebene findet ein Kontrast zum klassischen Film Noir selbstverständlich bereits eine Basis im ungewöhnlichen Setting der Highschool. Darüber hinaus wirkt der Einsatz von Licht und Schatten wie Anlehnung und Antithese zugleich an diese so prägende Stilrichtung für das Thrillergenre. Ganz im Stile von Chinatown (Roman Polański, 1974) ist auch Brick ein Neo-Noir, der eines der grundlegenen Film-Noir-Prinzipien umkehrt und statt auf beklemmende Nachtszenen zu setzen, weitläufige Areale am hellichten Tag zu zentralen Orten der Handlung macht. Brendan ist kein Trenchcoat-Detektiv, der durch finstere Gassen schleicht, sondern ein Teenager, der in gleißender kalifornischer Sonne über eine Highschool schlurft, die wie ausgestorben zu sein scheint. Das Schulgebäude wirkt genau so verlassen wie der Schulhof, der Sportplatz, der Parkplatz, was passenderweise die Isoliertheit von Brendan und seinen Ermittlungen unterstreicht. Im späteren Handlungsverlauf verlagert sich das Geschehen auch vermehrt auf Szenen mit engen Fluren oder niedrigen Decken, wenn sich Brendan auf den Pin einlässt und in den kriminellen Untergrund hinabsteigt. Die Farbpalette des Films ist eher blass und unauffällig, kräftiges Rot dient allerdings als Signalfarbe, sei es Lauras Kleid, wenn Brendan ihr das erste Mal begegnet oder die Jacke von Footballspieler Brad, der für Brendan als Schlüssel zum Netzwerk des Pin dient.

Zugegeben, die Charaktere wirken allesamt darauf bedacht, nie zu viel zu sagen und zu jedem Zeitpunkt im Sinne der Handlung genau die richtigen Worte zu wählen, doch das Zusammenspiel von Dialogen, Figuren und visuellem Stil ist derart durchdacht, dass Rian Johnsons Experiment genau aufgeht und nie wirklich wie ein Fremdkörper wirkt. Brick nutzt das Setting weder für plumpen Teenieklamauk, noch für ein Coming-Of-Age-Drama, sondern für einen herausragenden Neo-Noir, der sich sowohl klassischer Motive bedient, als auch die Stilrichtung um eine postmoderne Ästhetik erweitert und somit einen einzigartigen Detektivthriller von außerordentlicher Qualität erzeugt.

Adams Äpfel

Adams Äpfel

Der Däne Anders Thomas Jensen ist eigentlich Drehbuchautor, aber so manches Mal hat er darüber hinaus selbst Regie geführt. Über sein Heimatland hinaus bekannt wurde er dabei vor allem durch seine skurrile Komödie Dänische Delikatessen (2003). Zwei Jahre später folgte mit Adams Äpfel seine nächste Regiearbeit, nicht minder ausgefallen und ebenso unterhaltsam.

Im Zentrum der Handlung stehen Pfarrer Ivan (Mads Mikkelsen), der sich mitten im dänischen Nirgendwo um die Resozialisierung Straffälliger kümmert, und der Neuzugang seiner illustren Gruppe, Neonazi Adam (Ulrich Thomsen). Vor der kleinen Kirche, in der Ivan mit unendlicher Gutmütigkeit die verirrten Seelen zurück auf den richtigen Pfad führen will, wächst ein prächtiger Apfelbaum. Wie jeder Neuankömmling im Gotteshaus muss sich auch Adam eine Aufgabe stellen, auf die er seine Aufmerksamkeit lenken kann. Seine Entscheidung: Einen Apfelkuchen backen.
Während Ivan von seinen Methoden absolut überzeugt ist, sind die weiteren Bewohner seines Horts der Nächstenliebe in Wahrheit nicht so resozialisiert, wie er glaubt. Dazu gehören der insgeheim rückfällige Triebtäter Gunnar (Nicolas Bro), der arabischstämmige Tankstellenräuber Khalid (Ali Kazim) und die Alkoholikerin Sarah (Paprika Steen). Als hielte dieses verrückte Ensemble, in das sich Pfarrer Ivan problemlos einreihen lässt, Adam nicht schon genug auf Trab, lässt sich eines Tages ein Schwarm Krähen im Apfelbaum nieder. Für Ivan ein ganz klares Zeichen, dass eine höhere Macht versucht, Adam an der Erfüllung seiner Aufgabe zu hindern.

Adams Äpfel setzt natürlich auf den schwarzen Humor durch die Interaktion seiner abgedrehten Charaktere. Interessanterweise ist es Neonazi Adam, der dem Zuschauer am normalsten erscheint. Trotz seiner rechten Vergangenheit ist es besonders die rationale Herangehensweise, die ihn womöglich zur stärksten Identifikationsfigur macht. Ivan hingegen ist das krasse Gegenteil. Seine Weltsicht ist vom Glauben an Gott und an das Gute im Menschen auf nahezu fanatische Weise geprägt. Kein Wunder also, dass der Pfarrer und der Neonazi immer wieder aneinander geraten. Beachtlich ist, dass es gerade dieses blinde Folgen einer Lebenseinstellung ist, die Adam so an Ivan stört, obwohl rechtsgerichtete Menschen nicht gerade für das Infragestellen dogmatischer Prinzipien bekannt sind. Das ist aber auch das schöne daran: Anders Thomas Jensen gibt sich nicht mit flachen Klischees zufrieden. Stattdessen zeigt er auf, dass Neonazis ebenfalls Menschen mit ihren individuellen Stärken und Schwächen und vor allem der Fähigkeit zur Veränderung sind. So treibt Ivan auf ganz andere Art als er es beabsichtigt einen Resozialisierungsprozess an, der ohne äußeren Druck auskommt, sondern aus Adam selbst herorgeht. Auf der anderen Seite muss sich auch der Pfarrer der Welt stellen. So sehr er unweigerlich von seinem Menschenbild überzeugt ist, so schmerzhaft, aber auch überaus wichtig ist es für ihn, von Adam davon überzeugt zu werden, dass die Welt eben nicht ausschließlich gut ist.

Doch aus Ivans Verschließen vor der Realität resultiert letztlich sogar die meiste Komik. Der Widerspruch zwischen Ivans Wahrnehmung und dem tatsächlichen Verhalten seiner scheinbar geheilten Ex-Straftäter sorgt ein ums andere Mal für Lacher. Allerdings gelingt Jensen mit Adams Äpfel auch in den entscheidenden Szenen der an sich schwierige Spagat zwischen Witz und Ernst. Sein Film ist eine mit biblischen Verweisen gespickte Parabel über Gut und Böse, Versuchung und Erlösung, sowie ein Aufeinandertreffen von ungebrochenem Glauben und schonungsloser Realität in einem humoristischen, rabenschwarzen Gewand.

Nuit Noire

Nuit Noire

Nuit Noire ist die zweite abendfüllende Regiearbeit des Belgiers Olivier Smolders und zugleich eine finstere Reise durch schier ewige Nacht und kafkaeske Bildebenen, die verstärkt auf Metaphern und Impressionen setzen, als auf kohärente Erzählstruktur.

Oscar (Fabrice Rodriguez) ist ein Insektenspezialist, der im Museum seines Vaters arbeitet. Seine jeden Abend daheim präparierten Insekten nimmt er tagsüber mit an seinen Arbeitsplatz, um Käfer für Käfer akkurat mit einer Nadel auf eine Tafel zu stecken und mit Schildern zu versehen, auf denen der Name der jeweiligen Spezies geschrieben ist. Tagsüber ist dabei fast zu viel gesagt, denn tatsächlich ist das Sonnenlicht alle 24 Stunden für nur etwa 15 Sekunden zu sehen, danach herrscht wieder Finsternis wie eine nicht enden wollende Nacht. Während Oscar bei der Insektenpräparation Ruhe und Sicherheit ausstrahlt, ist er doch bei seinem Psychotherapeuten davon überzeugt, als Kind verantwortlich für den Tod seiner Schwester gewesen zu sein. Dieser jedoch bezweifelt, dass Oscar je eine Schwester gehabt hatte, obwohl sein Patient ihren Tod in seinen Erinnerungen immer und immer wieder vor sich sieht. Als wäre das nicht genug, steht in seiner Wohnung eine seltsam aufgeblähte Frau kurz vor einer außergewöhnlichen Metamorphose, die die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen lässt.

Wer jedoch eine stringente und stets verständliche Narration erwartet, ist bei Nuit Noire sicherlich falsch. Immer wieder werden Oscar und der Zuschauer mit surrealen Elementen konfrontiert, die an der Realität zweifeln lassen. Zwischendurch präsentiert uns Olivier Smolders immer wieder Stücke aus Oscars Erinnerung, die entweder als kleine Bühnenstücke mit Theaterkulisse daherkommen oder in einer rauschenden Super-8-Kamerästhetik. Im Museum sind Gedichte durch die Lautsprecher zu hören und sämtliche Charaktere des Films verhalten sich auf die ein oder andere Art seltsam. Viele davon erwecken ohnehin den Eindruck, nur Symbol oder Metapher zu sein. Da wären die beiden alten Männer auf ihrem Tandem für das Zwillingsmotiv oder die Frau in Oscars Apartment, die wie ein Insekt eine physische Metamorphose durchmacht, während Oscar eine Verwandlung psychologischer Natur erlebt.
Smolders ist dabei gar nicht so sehr an der Narrationsstruktur interessiert, als viel mehr an der Atmosphäre, am Gefühl, das entsteht, wenn er seine Vorstellung von surrealem Drama ausbreitet. Nuit Noire wirkt daher oftmals wie eine Traumreise, deren einzelne Stationen nur lose assoziativ verknüpft sind.

Man nehme also Franz Kafkas „Die Verwandlung“, die düsteren Alptraumwelten eines David Lynch, füge ein wenig Ästhetik von Jean-Pierre Jeunet hinzu und garniere das Ganze mit gilliameskem Wahnsinn: Heraus kommt ein nicht leicht verdauliches, irrationales Etwas, das sich zeitweise in seiner Ästhetik und Metapherorgie verliert, aber insgesamt eine sehenswerte bizarre Erfahrung ist.

Dark Horse

Dark Horse

Mit der skurrilen Komödie Dark Horse schrieb und drehte der Isländische Regisseur Dagur Kári – bekannt durch Nói albínói (2003) – seinen ersten dänischsprachigen Spielfilm. Heraus kam ein interessanter Blick auf amüsant merkwürdige Charaktere und ihre aus den Bahnen laufenden Lebensgeschichten.

Die Handlung dreht sich zum einen um einen sorglosen jungen Mann namens Daniel (Jacob Cedergren), der sein Geld mit Liebeserklärungen verdient, die er im Auftrag anderer an Häuserwände sprüht und um einen Richter (Morten Suurballe), der seinen Beruf nur äußerst gelangweilt ausübt und dabei Daniel, den man beim Sprayen erwischt hat, zu mehreren Sozialstunden verurteilt.
Das kommt Daniel nicht so gelegen, ist er doch ohnehin schon immer knapp bei Kasse; das wiederum derart, dass sein Vermieter schon daran ist, seine Tochter Daniels Hausrat an der Straße verkaufen zu lassen. Als wären nicht genug Probleme, verliebt sich Daniel auch noch in Francesca (Tilly Scott Pedersen), die ihren Bäckereijob aufgrund der Einnahme von psychedelischen Pilzen am Arbeitsplatz verloren hat. Ihre Liebesbeziehung wäre weniger problematisch, wenn nicht bereits Daniels bester und einziger Kumpel, der korpulente Morfar (Nicolas Bro) seit langem in Francesca verliebt gewesen wäre und sich nun darüber beklagen muss, dass sein Freund ihm die potentielle Liebe vor der Nase weggeschnappt hat. So bleibt ihm letztlich nichts anderes als die große Leidenschaft zum Fußball, die auch seinem zukünftigen beruflichen Aufstieg gewidmet sein soll: Die theoretische Prüfung zum Schiedsrichter hat Morfar mit Bravour bestanden; jetzt gilt es, seinen wuchtigen Körper für die praktische Prüfung in Form zu bringen.
Und dann wäre da ja auch noch der eingangs erwähnte Richter. Ihm ist in seiner Haut nicht so wohl; seine Familie und sein Beruf langweilen ihn und er erwägt einen Tapetenwechsel. Verpflichtende Auslandsreisen kommen ihm da stets sehr gelegen.

Abgesehen von dieser Konstellation sorgen auch weitere Figuren wie etwa Francescas liebessehnsüchtige Mutter oder ein lüsterner Freund Morfars für die ein oder andere humorvolle Szene – sofern man mit dem Humor etwas anfangen kann, denn nicht selten wird dort einfach mal ganz trocken lakonisiert und das ist tatsächlich nicht jedermanns Geschmack. Die Nebenfiguren sind natürlich eher schablonenhaft konzipiert und es sind eher die Hauptfiguren, die dem Film die emotionale Tiefe verleihen. Mit diesen Charakteren beschäftigt sich der Plot dafür umso intensiver und so manche wortlose Szene sagt mehr als jeder Dialog.
Visuell zeigt sich Dark Horse in einer kontrastreichen Schwarz-Weiß-Ästhetik, die nur in einer einzigen signifikanten Szene von Farbe durchbrochen wird. Káris Bildkompositionen verdeutlichen sein Können mit Licht und Schatten und vor allem mit Mustern und Strukturen, die bei einem Farbfilm sicher weit unauffälliger erscheinen würden. In vielen Szenen geht sein Film über den Standard seichter Komödien hinaus und verfolgt mit seiner Optik auch einen gewissen künstlerischen Anspruch. Ob das nun gelungen ist oder nicht, sei dahingestellt, aber schön anzusehen ist der Film auf alle Fälle.

Dark Horse ist eine dieser skandinavischen Produktionen, die eine ungemeine Gelassenheit ausstrahlt, ohne das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Grundsätzlich ist Dagur Káris Film ein nachdenkliches Werk, das zeigen immer wieder die Konflikte der Charaktere mit anderen Charakteren oder – und vor allem – mit ihren Lebenssituationen. Dass darüber hinaus die humorvolle und sympathische Stimmung nicht verloren geht, ist eine der ganz großen Stärken des Films und macht ihn zu einer unterhaltenden Komödie mit gewissem Anspruch.

MirrorMask

MirrorMask

Neil Gaiman ist neben seinen zahlreichen Comics und Romanen in der Filmwelt vor allem derzeit durch die Adaptionen seiner Werke Coraline (Henry Selick, 2009) und Der Sternwanderer (Matthew Vaughn, 2007) bekannt. Der nicht minder visuell beeindruckende Fantasyfilm MirrorMask, den Gaiman mit seinem langjährigen Freund und Illustrator Dave McKean schuf, scheint – vor allem dadurch, dass er nie ins Kino kam – etwas unauffälliger platziert zu sein, obwohl er sich keinesfalls hinter der Konkurrenz verstecken muss.

Die junge Helena (Stephanie Leonidas) muss jeden Abend aufs Neue als Jongleurin im Zirkus ihrer Eltern auftreten, obwohl sie nicht die geringste Lust verspürt, den ohnehin zum Scheitern verurteilten Traum ihres Vaters (Rob Brydon) zu unterstützen. Als ihre Mutter (Gina McKee) eines Abends vor einem Auftritt zusammenbricht und ins Krankenhaus zur Operation gebracht wird, wird Helena aus ihrem Alltagsleben gerissen: In der folgenden Nacht findet sie sich auf einmal in einer bizarren, surrealen Welt wieder, deren Bewohner allesamt merkwürdige Masken tragen. Die Welt und ihre Königin des Lichts liegen im Sterben, weil sich ausbreitende Schatten alles Leben verschlingen. Nur ein magisches Artefakt, die Spiegelmaske, kann wieder Ordnung in das Chaos bringen und das Königreich vor dem Untergang bewahren. Und so macht sich Helena kurzerhand mit dem Künstler Valentine (Jason Barry) auf die Suche danach. Doch die finstere Königin das Schattenreichs hat da auch ein Wörtchen mitzureden und ihre rebellische Tochter spielt letzten Endes eine noch weit entscheidendere Rolle.

MirrorMask lebt vor allem vom starken Artdesign, das in den verschiedenen Kreaturen und Umgebungen zum Ausdruck kommt. Ob launische Folianten, katzenartige Wesen mit menschlichen Fratzen oder schwebende Giganten; Gaiman und McKean haben ihrer Kreativität freien Lauf gelassen und auf diese Weise eine stimmige Fantasywelt geschaffen, die sich positiv von verkrusteten Genreklischees abhebt. Dass die Charaktere dabei letztlich ein wenig zu kurz kommen, ist zu verschmerzen. Statt enormer Charaktertiefe wird hier eben mehr auf ästhetische Vielfalt gesetzt. Der Unterhaltung tut das jedenfalls keinen Abbruch.

Die Optik ist natürlich die große Stärke des Films und das tragende Element für seine Wirkung. Der Grundton des Films ist überwiegend in gelblichen und bräunlichen Farben gehalten. Dass die CGI an manchen Stellen nicht so butterweich zu den realen Darstellern passen wie in höher budgetierten Filmen, fällt nur sehr geringfügig ins Gewicht. Der Plot hingegen hat im Mittelteil nicht viel mehr zu bieten als die Reise von Helena und Valentine durch verrückte Orte, gegen Ende löst er sich dann aber doch noch einmal ein wenig vom allzu Typischen.
Alles in allem ist MirrorMask eine erfrischende Fantasygeschichte, die zwar Gaimans andere Werke nicht übertrifft, aber dennoch – besonders stilistisch – frischen Wind ins Genre bringt.

Tideland

Tideland
© Concorde Home Entertainment

Terry Gilliam ist in seiner Arbeit oft nicht gerade vom Glück verfolgt, aber statt sich davon abschrecken und in kommerzielle Schemata drängen zu lassen, nimmt er den Kampf jedes Mal aufs Neue auf, so seltsam die Ergebnisse seines Schaffens auch sein mögen. Skurrilität ist daher eine Eigenschaft, die alle seine Filme teilen. Tideland bildet in dieser Hinsicht auch keine Ausnahme.

Als die elfjährige Jeliza-Rose (Jodelle Ferland) ihre Mutter (Jennifer Tilly) durch eine Überdosis Drogen verliert, bricht ihr nicht minder abhängiger Vater (Jeff Bridges) mit ihr in die Einsamkeit Texas‘ auf, um zum Haus seiner Mutter zurückzukehren. Im heruntergekommenen, verlassenen Haus angekommen, lässt er sich von seiner Tochter – wie üblich – einen Schuss setzen. Ein Schuss zu viel, denn auch er segnet das Zeitliche; allerdings von Jeliza-Rose unbemerkt. Fortan bleibt er gemütlich in seinem Schaukelstuhl sitzen und verwest vor sich hin, während seine Tochter Streifzüge in die Umgebung unternimmt und auf sehr eigenartige Menschen wie die hexenhafte Dell (Janet McTeer) und ihren geistig zurückgebliebenen Bruder Dickens (Brendan Fletcher) trifft.

Die Erzählperspektive bleibt dabei stets so nah wie möglich bei Jeliza-Rose und lässt selbst die schrecklichsten Dinge durch unschuldige Kinderaugen betrachten. Ihre Alice-In-Wonderland-artige Reise driftet nämlich nicht selten ins Morbide, Perverse oder gar Abartige ab, ohne den kindlichen Zauber zu verlieren. Ein schmaler Grat, den Gilliam durchaus meistert. So ist der viel ältere, geistig zurückgebliebene Dickens zunächst zwar nur ein Spielpartner für Jeliza-Rose, entwickelt sich aber zu einer Art Verlobter für das Mädchen und lässt Gilliam damit natürlich brisante Themen wie Pädophilie streifen. Auch leicht nekrophile Anlagen finden sich beispielsweise in Form der auf einem Auge blinden Dell wieder, die sich um ihre längst verstorbene Mutter kümmert, als wenn diese es bedürfe. Durch die Kinderaugen Jeliza-Roses betrachtet, werden diese Eigenarten einerseits verharmlost, andererseits durch gerade diese Konstellation zwischen unschuldigem Kind und fremdartiger Perversion intensiviert.

In ästhetischer Hinsicht werden dem Zuschauer stimmige Bilder der ländlichen, texanischen Pampa präsentiert, die einen unterschwelligen Hauch von Abenteuer versprühen, was Jeliza-Roses Ausflüge passend unterstreicht. Musikalisch bleibt Tideland ziemlich unauffällig und tut sich weder positiv, noch negativ hervor.
Bei aller wunderbaren Skurrilität und Surrealität, die den Erlebnissen von Jeliza-Rose innewohnt, muss sich der Film jedoch den Vorwurf gefallen lassen, vor allem im Mittelteil ebenso ziellos umherzuwandern wie das elfjährige Mädchen. Terry Gilliam hat die Dramaturgie etwas vernachlässigt und stattdessen alles einfach mal auf sich zukommen lassen. Dadurch entstehen gewisse Längen, deren Spannungslevel nicht allzu hoch ist, aber wer darüber hinwegsehen kann, bekommt ein ordentliches, merkwürdiges, ja gilliameskes Drama serviert, das allerdings nicht an die alten Meisterwerke des Regisseurs, Brazil (1985) oder Twelve Monkeys (1995), heranreicht.