Re-Cycle

Re-Cycle FilmplakatNachdem die Pang Brothers als bemerkenswertes Regieduo erstmals mit Bangkok Dangerous (1999) und anschließend noch stärker mit The Eye (2002) in der Filmwelt auf sich aufmerksam machten, drehten sie 2006 mit Re-Cycle eine surreale, kleine Geschichte, die gehörig mit den Genre-Erwartungen ihrer Zuschauer spielt. Weiterlesen „Re-Cycle“

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I’m a Cyborg, But That’s OK

I'm a Cyborg but that's OK - FilmplakatStets perfekt bebildert, vielschichtig konzipiert und mit brutaler Emotion ausgestattet, geben die Filme von Regievirtuose Park Chan-wook eher selten Grund zum Lachen. Inmitten einer Filmografie aus Drama und Thriller wirkt der herzlich-positive I’m a Cyborg, But That’s OK wie ein unerwarteter Gast, ein kunterbunter Fremdkörper. Park und Komödie – kann das funktionieren? Weiterlesen „I’m a Cyborg, But That’s OK“

Dog Bite Dog

Dog Bite Dog- FilmplakatDass das Hongkong-Kino inzwischen gerne immer wieder Antithesen zum einst so glorreichen Heroic-Bloodshed-Genre hervorbringt, ist nichts neues, doch wie viele Filme wagen wirklich den endgültigen Schritt in absolut nihilistisches Territorium? Eine Antwort darauf liefert Cheang Pou-Soi mit vielleicht einem der unangenehmsten HK-Thriller überhaupt: Dog Bite Dog. Weiterlesen „Dog Bite Dog“

Science of Sleep

Science of Sleep

Science of Sleep ist der dritte Film von Michel Gondry und nach Human Nature (2001) und Vergiss mein nicht (2004) seine erste Regiearbeit, bei der das Drehbuch nicht von Charlie Kaufman stammt, sondern von ihm selbst. Nichtsdestotrotz bleibt der Hang zum Surrealen bestehen, äußert sich aber nun in einem kreativen Basteltrieb, der mit Pappe und Cellophan osteuropäischen Animationsfilmen Tribut zollt. Außerdem spielen erneut Träume und die Liebe eine wichtige Rolle, dieses Mal aber mit einer französischen Note.

Stéphane Miroux (Gael García Bernal), Sohn eines Mexikaners und einer Französin, kehrt nach dem Tod seines Vaters nach Frankreich zurück, wo ihm seine Mutter (Miou-Miou) einen Job besorgt hat. Doch mit der langweiligen Büroarbeit bei einer Kalenderfirma kann sich der kreative Künstler ganz und gar nicht anfreunden. Hinzu kommt, dass er sich aufgrund seiner mangelnden Französischkenntnisse mit Englisch durchschlagen muss. Eines Tages verliebt sich Stéphane in die neue Nachbarin aus der Wohnung gegenüber, Stéphanie (Charlotte Gainsbourg), doch sein verträumter Charakter und sein zunehmender Realitätsverlust erschweren die Beziehung erheblich.

Gondrys Film ist die Geschichte eines Mannes voller Ideen, der seinen Einfallsreichtum künstlerisch auszudrücken weiß, aber im Gegenzug Defizite im sozialen Miteinander aufweist. Was die Kreativität betrifft, erscheint der Protagonist tatsächlich gewissermaßen ein Alter Ego des Regisseurs zu sein und wenn man Gondry in dem ein oder anderen Interview erlebt hat, bemerkt man, dass er sich mit seiner Filmfigur auch ein Stück weit die Schüchternheit und die Zurückhaltung teilt. Science of Sleep wird daduch und nicht zuletzt auch durch den dazu passenden Charme seines Produktionslandes Frankreich zum persönlichsten Werk Michel Gondrys. Dies wird nicht nur durch das Drehbuch und die Charaktere zum Ausdruck gebracht, sondern auch durch seine Machart.
In der amerikanischen Produktion Vergiss mein nicht zeigt sich natürlich schon, was in seinen Filmen zu erwarten ist, doch dieses Mal beschreitet er den Weg noch radikaler und eigenwilliger. Hauptfigur Stéphane ist ein Träumer, der schon als Kind Probleme hatte, Fantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden. Science of Sleep ist nun aber keiner dieser Filme, der es darauf anlegt, die Unterscheidung für seine Zuschauer ebenso schwierig zu gestalten, sondern ganz im Gegenteil: In den Traumsequenzen lebt Gondry seine unerschöpfliche Ideenvielfalt förmlich aus, indem er Stéphane an bizarren Orten aus ganz verschiedenen Materialien auftreten lässt. Der Regisseur ist ein großer Verfechter von handgemachten Spezialeffekten und – in diesem Fall – selbsgebastelten Kulissen, denen man dies auch ansieht. Mit jeder Menge Pappe und Stop-Motion-Animationstechnik erschafft er surreale Traumwelten, die mit vollem Bewusstsein künstlich, aber auch künstlerisch daherkommen.

Stéphane ist ein Mensch, der seinen Freiraum braucht. Eingeschränkt durch die Arbeit und die Sprachbarriere, findet er nur in seinen Träumen freie Entfaltung – bis er Stéphanie begegnet. Erst in ihrer Gegenwart kann der introvertierte und bisweilen kindlich naive Künstler aus sich herauskommen, indem er ihr seine kleinen Erfindungen und Ideen präsentiert. Doch gerade dann offenbaren sich auch seine fehlenden sozialen Kompetenzen und sein gestörtes Verhältnis zur Realität. Gael García Bernal bringt diesen ambivalenten Charakter überaus authentisch zum Ausdruck und macht den Film zu weit mehr als einer bunten Bilderflut, nämlich zu einer äußerst emotionalen Angelegenheit. Dass dieser Aspekt Michel Gondry besonders wichtig ist, zeigt sich in jeder Szene, in der Stéphane und Stéphanie miteinander agieren; mal unbeschwert und heiter, dann wieder missverstanden und unbeholfen. Der Protagonist steckt bei seinem Streben nach Glück in einem steten Kampf mit sich selbst.

Science of Sleep geizt nicht mit klugen Einfällen und kleidet diese ganz persönliche Suche nach Entfaltung und Liebe in ein fantasievolles Gewand aus überbordendem Surrealismus und ehrlichen Gefühlen. Wer allerdings mit Gondrys Stil noch nicht so vertraut ist, ist mit Vergiss mein nicht als Einstiegswerk zunächst besser aufgehoben, denn Science of Sleep geht in allen Belangen noch einen Schritt weiter. Ein Schritt des Filmemachers, dem möglicherweise nicht jeder zu folgen bereit ist.

Goyas Geister

Goyas Geister

Wenn es eine Sache gibt, der sich der in Tschechien geborene Amerikaner Miloš Forman stets mit besonderer Hingabe widmet, dann ist es der Kampf des Individuums gegen eine mächtige Institution, um ihre Falschheit zu entlarven. Das war bereits in seinem preisgekrönten Drama Einer flog über das Kuckucksnest (1975) der Fall und setzt sich auch in seinen späteren Werken wie beispielsweise Larry Flynt – Die nackte Wahrheit(1996) und dem 2006 produzierten Goyas Geister fort.

Spanien, 1792. Francisco de Goya (Stellan Skarsgård) hat sich einen Namen als Künstler gemacht und ist mittlerweile als Hofmaler für den spanischen König tätig. Seine Muse Inés (Natalie Portman), die Tochter des befreundeten Kaufmanns Tomás Bilbatúa (José Luis Gómez), findet sich sowohl auf einzelnen Gemälden, als auch als Teil seiner Fresken wieder. Eines Tages wird sie jedoch fälschlicherweise der Häresie angeklagt, die sie der Inquisition unter Folter gestehen muss. Pater Lorenzo (Javier Bardem), der, inspiriert durch kirchenfeindliche Zeichnungen Goyas, diese eigentlich nicht mehr zeitgemäßen Inquisitionsmethoden erst wieder eingeführt hatte, vergewaltigt die im Verlies dahinvegetierende junge Frau mehrfach. Nachdem Lorenzo von Inés‘ Vater unter einem Vorwand zu sich nach Hause eingeladen und anschließend ebenfalls unter Folter ein absurdes Geständnis unterzeichnen muss, wird er von der Kirche zum Ketzer erklärt und muss aus Spanien fliehen. 15 Jahre später kehrt er zurück und bringt die gewaltsamen Auswirkungen der französischen Revolution mit sich, als Napoléons Truppen in das Land einmarschieren.

Miloš Forman teilt die Handlung seines Filmes in zwei wesentliche Abschnitte: Die erste Hälfte beschäftigt sich mit den unmenschlichen Prinzipien und der moralischen Verwerflichkeit der Kirche, während sich die zweite Hälfte dem gewaltsamen Umsturz der Machtverhältnisse widmet. Über all dem steht allerdings nicht – wie man vielleicht vermuten würde – die persönliche Geschichte des Künstlers Francisco de Goya, sondern die Wandlung des Geistlichen Lorenzo vom gläubigen Mönch zum revolutionären Atheisten. Dahinter steckt eine allgegenwärtige Kritik an der Institution Kirche. Die Figur des Tomás, der zunächst verzweifelt versucht, die Freilassung seiner Tochter zu erbitten, zeigt mit seiner anschließenden Folterung Lorenzos auf, wie irrsinnig es ist, Geständnissen, die unter der sogenannten peinlichen Befragung in einem Inquisitionsprozess gemacht wurden, einen Wahrheitsgehalt zuzusprechen. Zudem liegt es dem Regisseur am Herzen, die widerliche Doppelmoral der Kirchenmitglieder zum Vorschein zu bringen, indem er Lorenzo als Charakter präsentiert, der seine Machtverhältnisse ausnutzt, seine Menschlichkeit ablegt und sich an der gefangenen Inés vergeht. Dieser erste Abschnitt ist spannend inszeniert und hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf.
Der Vergeltungsplot und die Systemkritik, die die Geschichte bis hierhin so stark gemacht haben, würden sogar abgetrennt vom zweiten großen Handlungsabschnitt funktionieren. Danach geht dem Film ein wenig die Luft aus. Zwar ist es interessant, zu sehen, wie sich Lorenzo unter dem Druck der politischen Verhältnisse zum Befürworter atheistischer Ideen und revolutionärer Gedanken gewandelt hat, doch die persönlichen Schicksale von Goya und Inés verlieren an Bedeutsamkeit, obwohl ihnen auch hier nicht wenige Szenen gewidmet sind. Positiv ist zu bemerken, dass Forman eine einseitige Betrachtungsweise der Geschehnisse ablehnt und in kompromisslosen Bildern zeigt, dass die Revolution nicht nur Gutes mit sich bringt, sondern erst einmal Gewalt und Leid gegenüber hilflosen und auch unschuldigen Menschen, um ihre Prinzipien durchzusetzen und eine neue Geisteshaltung zu etablieren. Abgesehen davon fehlt dem Schlussdrittel etwas die Kraft, ganz so wie Goya, der mittlerweile taub und altersschwach hinkend, mit den Geschehnissen nicht mehr mithalten kann.

Wer bei Goyas Geister ein filmisches Porträt über Francisco de Goya erwartet, wird enttäuscht; eine Sache, die sich dem Film vorwerfen lässt. Forman drehte ein sehenswertes historisches Drama, doch der Name Goya führt in die Irre, ist die Figur selbst schließlich weitgehend nur Zuschauer der Handlung und nicht etwa Protagonist, der maßgeblichen Einfluss darauf nimmt. Dabei böte gerade Goyas Konflikt mit der Kirche einiges an Potential, um Formans Intentionen zu stärken und dem Charakter etwas an Passivität zu nehmen. Dass sich der Maler beispielsweise für seine kritischen Bilder persönlich vor der Inquisition verantworten musste, lässt der Film völlig außer Acht.
Nichtsdestotrotz gelingt dem Regisseur ein guter Historienfilm über die menschenverachtenden Methoden der spanischen Inquisition und ihre Vertreter, der zwar den titelgebenden Francisco de Goya zu sehr vernachlässigt, aber den Kampf des Indivuums gegen die Institution von innen heraus annimmt, indem er einen souverän aufspielenden Javier Bardem in der Rolle des Lorenzo in den Mittelpunkt rückt.

Fell

Fell

Eine Fotografin, die sich in einen derart behaarten Menschen verliebt, dass er glatt als Bruder von Chewbacca durchgehen könnte? Was sich wie eine absurde Komödie anhört, ist in Wahrheit sowohl ein nicht zu unterschätzendes Drama über eine ungewöhnliche Liebe, als auch eine Frage nach Norm und Ästhetik im New York der späten 50er Jahre.

Diane Arbus (Nicole Kidman) gehört als Tochter eines Modezaren und Ehefrau des gefragten Fotografen Allan Arbus (Ty Burrell) zum angesehenen Kreis der New Yorker High Society. In ihrem gepflegten Apartment, das zugleich auch als Fotostudio dient, assistiert sie ihrem Mann bei kommerziell vielversprechenden Aufträgen wie den beispielsweise typischen Hausfrauenwerbefotos dieser Zeit. Doch irgendwie fühlt sich Diane fehl am Platz. In ihr herrscht ein unbeschreibliches Verlangen nach dem Außergewöhnlichen, nach dem Verbotenen; ein Gefühl, das sie gleichermaßen verängstigt und fasziniert.
Als im Apartment unter dem Dach ein vollständig behaarter Mann namens Lionel (Robert Downey Jr.) einzieht, lässt sich Diane von ihrer Neugier und ihrem unerklärbarem Trieb leiten und entwickelt eine immer stärkerer Bindung zum an Hypertrichose erkrankten neuen Nachbarn, der sie schließlich ermutigt, ihren eigenen Weg als Künstlerin zu beschreiten, fernab vom ästhetischen Ideal der Gesellschaft.

Die Figur der Diane Arbus war tatsächlich eine real existierende Fotografin, die vor allem für ihre experimentellen Porträtfotos von gesellschaftlichen Außenseitern (darunter eben auch deformierte oder anderweitig äußerlich auffällig erkrankte Menschen). Steven Shainbergs Film bezeichnet sich im Originaltitel als imaginäres Porträt und weist bereits im Vorspann darauf hin, dass die Filmhandlung keine wirkliche Episode aus Diane Arbus‘ Leben wiedergibt, sondern vielmehr eine mögliche innere Erfahrung zeigt, die sie als Künstlerin zu ihren außergewöhnlichen Werken motiviert haben könnte. Zentral ist hierbei vor allem nicht nur auf filminhaltlicher Ebene, wie sich ein Wandel vom Ästhetikbegriff in Diane Arbus‘ Leben und somit auch in ihrer Arbeit vollzieht, sondern eben naheliegenderweise auch im Visuellen von Shainbergs Film selbst. Am Auffallendsten äußert sich dies im Kontrast der verschiedenen Beleuchtungen und Kulissen. Auf der einen Seite lebt Dianes Musterfamilie in ihrem perfekten, aufgeräumten Apartment, auf der anderen Seite Lionel im zwielichtigen Dachgeschoss, das mit all den kleinen Details seinen ganz eigenen Charme versprüht. Das endgültige Eindringen der Fremdartigkeit in die heile Arbuswelt nimmt der Regisseur schließlich so wörtlich, dass er Lionels illustre Freunde – ebenfalls Randfiguren der Gesellschaft – über eine Dachluke munter in die Wohnung der Familie spazieren lässt.

Fell muss sich sicherlich vorwerfen lassen, die reale Person Diane Arbus eher unzureichend zu charakterisieren und auf ihre Fotografien selbst so gut wie gar nicht einzugehen. Dianes Ausbruch aus den gesellschaftlichen Normen und den bürgerlichen Vorurteilen mag die Verbindung zu den Fakten sein, doch Steven Shainberg konzentriert sich in seinem Film ebenfalls überaus deutlich auf das Kuriosum des haarigen Lionel und die entstehende Liebe zwischen den Protagonisten. Trotz der surrealen Ansätze, bleibt die Handlung erstaunlich bodenständig und driftet nie in den Bereich der Phantastik ab, obwohl man Steven Shainberg sicher keinen Vorwurf machen würde, wenn er sein Stichwort „innere Reise“ voll ausgeschöpft hätte.
So serviert er dem Zuschauer ein ordentliches Drama, das sich handwerklich gut und unaufdringlich präsentiert, aber vermutlich auch ohne den Namen Diane Arbus funktioniert hätte.

Anderland

Anderland

Nach mehreren Kurzfilmen, von denen es einige sogar bis nach Cannes schafften, drehte der Norweger Jens Lien mit seinem zweiten Spielfilm Anderland eine schwarze Satire, die 2006 dreifach mit dem nordischen Filmpreis Amanda ausgezeichnet wurde. Belohnt wurden die stilsichere Regie, das interessante Drehbuch und die überzeugende Hauptrolle in Person von Trond Fausa Aurvaag, der sich als irritierter Protagonist in einer kafkaesken Gesellschaft wiederfindet.

Die Geschichte von Andreas (Trond Fausa Aurvaag) beginnt in einer kargen Einöde, als er – der einzige Fahrgast – irgendwo im Nirgendwo aus einem Bus steigt. Kaum einen Schritt in die graue Wüste gemacht, wird er bereits von einem Ein-Mann-Begrüßungskomittee empfangen und kurz darauf in einem schwarzen Wagen in die Stadt gefahren. Dort findet er eine Welt vor, der es zunächst an nichts zu mangeln scheint. Für perfekte Jobs mit netten Chefs ist gesorgt, für postmoderne Wohnungen mit teurer Inneneinrichtung ebenfalls und auch die Frauen lassen sich leichter auf Beziehungen ein als gedacht. Doch schon bald wird Andreas klar, dass irgendetwas mit dieser Stadt nicht stimmt und ein Leben in dieser Gesellschaft mit mehr Abstrichen verbunden ist, als ihm lieb ist. Das überfreundliche Verhältnis zum Chef, zu den Kollegen und auch zur neuen Beziehungspartnerin Anne Britt (Petronella Barker) wird schnell zur Farce. Von echten Emotionen fehlt jede Spur. Alle Menschen begegnen Andreas stets höflich, aber auch unerträglich oberflächlich. Zudem gibt es keine Konflikte, weder Tod noch Schmerz, keine Kinder, kein Dreck, keine Träume. Das Essen schmeckt fad und der Alkohol zeigt keine Wirkung. Andreas gerät ins Straucheln, sich in diesem kalten System zurechtzufinden, bis er schließlich auf einen Mann trifft, der in seiner Kellerwohnung ein Loch in der Wand entdeckt hat, durch das Musik und das Gelächter von Kindern dringen.

Jens Lien präsentiert auf wunderbare Weise ein System, dessen Selbsterhaltung oberstes Gebot ist. Es generiert keine wirkliche Zufriedenheit. Das Individuum muss alle seine persönlichen Wünsche und Träume, die nicht zugleich dem System dienlich sind, zurückstellen. Da es in dieser Gesellschaft keine echten Emotionen gibt und auch alle sonstigen negativen Faktoren wegrationalisiert scheinen, geht alles eigentlich problemlos vonstatten, wäre da nicht eben dieser Neuankömmling Andreas, der nach mehr strebt als der gewöhnliche oberflächliche Mensch. Tag für Tag hat er auf der Arbeit nichts zu tun außer ein paar Zahlen in einen Computer einzutippen. Im ansehnlich ausgestatteten Haus seiner neuen Freundin, in das er gezogen ist, gibt es nur Langeweile. Der Sex mit seiner Partnerin ist ein bloßer mechanischer Vorgang und die Gespräche mit ihr sind inhalts- und bedeutungslos, drehen sich allenfalls um neue Inneneinrichtung. Andreas vermisst etwas, auch wenn er nicht genau sagen kann, was. Irgendwann ist allerdings der Punkt erreicht, an dem er seinen einzigen Ausweg aus dieser zu perfekten Welt im Suizid sieht. Doch ganz egal, wie oft er sich vor die U-Bahn wirft, keine Wunde und kein Knochenbruch ist tödlich. Schon nach kurzer Zeit sieht Andreas wieder aus wie neu: Vollkommen unversehrt. Gibt es kein Entkommen aus dieser gefühllosen Welt, die vom Regisseur durch die Farblosigkeit der Häuserfassaden und die Sterilität der Büroräume auch auf visueller Ebene eine bedrückende Wirkung auf Protagonist und Zuschauer ausübt?
Und dann trifft Andreas schließlich auf Hugo, der in seiner Kellerwohnung sitzt, und einer schönen Melodie lauscht, die aus einem kleinen Loch in der Wand ertönt. Andreas beginnt, das Loch nach und nach zu vergrößern. Mittlerweile kommen ihm Kuchengeruch und Kinderstimmern entgegen. Die Sehnsucht wird größer und größer, das andere Ende des gegrabenen Tunnels zu erreichen. Der Lärm, den Andreas und Hugo jedoch dabei verursachen ruft die mysteriösen Männer in grauen Overalls auf den Plan, die man am ehesten als verlängerten Arm einer höheren Gewalt, beziehungsweise des Systems selbst betrachten kann. In diesen Momenten kommen natürlich am stärksten Gedanken an Franz Kafka auf, denn wie schon in Werken wie „Das Schloss“ des verstorbenen Autors, in denen die unerreichbare Obrigkeit alle in ihren Augen störenden Elemente in Ungewissheit und Ohnmacht zurücklässt, treten auch hier die grauen Männer auf und konfrontieren Andreas mit den Folgen, die man zu spüren bekommt, wenn man sich nicht anpasst.

So absurd und grotesk einem manche Szenen auch erscheinen mögen und dem Zuschauer unweigerlich ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubern, so beklemmend und erschreckend ist Anderland zugleich. Denn auch wenn die dargestellte Dystopie eine stark überzeichnete Wirklichkeit ist, so kommt diese Vision von einer Gesellschaft, die Gefühle vernachlässigt und fast schon klinische Perfektion anstrebt, nicht aus dem Nichts, sondern ist in technologisch fortgeschrittenen und wohlhabenden europäischen Staaten wie Norwegen bereits in Ansätzen erkennbar.
In Liens Film steckt somit ein gewisser Horror vor einer nicht undenkbaren Entwicklung. Mit Anderland ist ihm aber eine intelligente Satire gelungen, die nie in einen drögen, verkopften Essay abrutscht, sondern durchgehend unterhaltsam bleibt und letzten Endes vielleicht sogar ein wenig zu kurz scheint, denn eine konsequentere Steigerung um die Verwirrungen des Protagonisten hätte das Werk vermutlich noch stärker gemacht als es ohnehin bereits ist.

A Scanner Darkly

A Scanner Darkly

Philip K. Dick gehört auch heute noch zu den beliebtesten Science-Fiction-Autoren überhaupt, kein Wunder also, dass inzwischen nicht wenige seiner Werke für die große Leinwand adaptiert wurden. Zu den gelungenen Verfilmungen gehören vor allem Blade Runner (Ridley Scott, 1982) und Minority Report (Steven Spielberg, 2002). Seit 2006 kann man auch Richard Linklaters A Scanner Darkly dazuzählen, eine düstere Zukunftsvision über Identität, Täuschung, Sucht und Kontrolle.

Die Handlung des Films spielt in den USA der nicht allzu weit entfernten Zukunft. Der Kampf gegen die Drogen scheint verloren, die Regierung weiß sich nur noch mit einem weit verzweigten Netzwerk aus Video- und Audioüberwachung, sowie zahlreichen Informanten und Undercoverfahndern zu helfen, mit deren Hilfe man an die hohen Tiere hinter dem illegalen und gefährlichen Halluzinogen Substance D gelangen will.
Fred (Keanu Reeves) ist einer dieser Fahnder und wird unter dem Namen Robert Arctor in die nicht ungefährliche Szene eingeschleust. Doch auch umgekehrt operieren Dealer verdeckt in den Behörden. Um also seine Identität zu schützen und nicht als Arctor erkannt zu werden, trägt Fred – wie viele andere Fahnder  auch – auf dem Revier einen Hightech-Tarnanzug, einen sogenannten „Jedermann-Anzug“, der individuelle Merkmale von Gesicht und Körper unkenntlich macht. Auf der einen Seite wertet er Videoaufnahmen aus und observiert einen kleinen Haushalt Drogensüchtiger, andererseits ist er als Robert Arctor gleichzeitig Teil dieser kleinen Gruppe, um Informationen zu sammeln. Zu seinem alltäglichen Umgang gehören dort der redselige, paranoide James Barris (Robert Downey Jr.), der lethargische, leicht dümlich wirkende Ernie Luckman (Woody Harrelson) und die körperkontaktscheue Donna Hawthorne (Winona Ryder), die Arctor Substance D beschafft.
Als es durch die Anschuldigungen eines anonymen Informanten dazu kommt, dass Arctor verdächtigt wird, einer terroristischen Organisation anzugehören, wird die Überwachung verschärft und Fred ist gezwungen, sich selbst zu überwachen. Zur gleichen Zeit wird er immer abhängiger von der psychoaktiven Substance D, obwohl er ursprünglich undercover nur vorgeben sollte, Drogenkonsument zu sein. Die Kommunikation zwischen seinen beiden Gehirnhälften ist geschädigt und Freds Wahrnehmungsvermögen gestört. Er beginnt, nicht mehr unterscheiden zu können, wann er in welcher Rolle agiert.

Diese Verwirrung und Paranoia, die den Protagonisten immer stärker befällt, soll auf gewisse Weise ebenso auf uns, die Zuschauer, einwirken. Die wichtigsten Plot Points wurden um die Frage nach der wahren Identität und Absicht der Charaktere gestaltet. So wie sich die Polizei weder über Freds wahre Identität im Klaren ist, noch die Motivationen der einzelnen Mitglieder des überwachten Haushaltes durchschaut, stellen sich auch dem Zuschauer einige Fragen. Durch die eingeschränkte Wahrnehmung Freds bzw. Robert Arctors bleibt zudem der Realitätsgehalt einiger Sequenzen fraglich. Eine permanente Unsicherheit macht sich breit, bis einem der finale Twist einen Schlag in die Magengrube verpasst.

Neben den Wendungen zeichnet sich der Plot vor allem durch lange, aber ungemein amüsante Dialogpassagen aus. Besonders Robert Downey Jr. blüht dabei als abgedrehter James Barris auf, der hinter allen Ereignissen groß angelegte Verschwörungen vermutet, die den gemeinsamen Drogenkonsum auffliegen lassen wollen. Sein Verfolgungswahn verleitet ihn zu abstrusen Annahmen gefährlichen Behauptungen. Ernie Luckman wirkt stellenweise als gelassenerer Gegenpol, lässt sich in seiner Naivität allerdings auch nur allzu leicht von den paranoiden Emotionen mitreißen.
So humorvoll diese Gespräche auch in Szene gesetzt sind, zeigen sie jedoch zugleich die ernstzunehmenden Auswirkungen von Substance D auf das Wahrnehmungsvermögen seiner Konsumenten. Dass es real existierende Halluzinogene mit ähnlichen Effekten gibt, ist selbstverständlich kein Zufall. Die viel wichtigere Kritik äußert Philip K. Dick in seiner Geschichte allerdings an dem wachsenden Verlangen des Staates nach absoluter Kontrolle, nach allgegenwärtiger Transparenz und sei es auch mit skrupellosen Mitteln. War diese Vorstellung bei Erscheinen der Romanvorlage im Jahr 1977 noch stärker der Gedanke einer Science-Fiction, so scheint sie heute gegenwärtiger denn je.

Visuell verpackt Richard Linklater die Satire in einen aufwändigen Animationsstil. Der Film wurde zunächst ganz konventionell mit den Darstellern gedreht, aber anschließend per Rotoskopieverfahren animiert, sozusagen digital „übermalt“. Diese Entscheidung erscheint auf den ersten Blick eigenwillig, veranschaulicht im Endeffekt aber wunderbar die verquere Wahrnehmung der Drogensüchtigen, sowie den ansonsten  nur schwer vorstellbaren Jedermann-Anzug. Linklater hatte die Rotoskopietechnik bereits bei Waking Life (2001) angewandt und nun für A Scanner Darkly noch weiter perfektioniert, obwohl sich die Post-Produktion des Filmes ziemlich in die Länge zog. Doch die Zeit hat sich gelohnt, denn herausgekommen ist eine gelungene Philip-K.-Dick-Adaption, ein Blick auf eine beängstigende Zukunftsgesellschaft, deren Parallelen zur Gegenwart unverkennbar sind und ein unterhaltsamer Animationsfilm für Erwachsene.

The Fall

The Fall

Im Jahr 2000 beeindruckte der indische Regisseur Tarsem Singh noch mit einigen überaus stark bebilderten surrealen Traumsequenzen im Thriller The Cell, doch dann wurde es erst einmal still um den Filmemacher und es sollte ganze sechs Jahre dauern, bis er sein neuestes Werk den Zuschauern präsentierte. In der Zwischenzeit hatte Tarsem Singh seinen visuellen Stil derart verfeinert, dass aus The Fall ein opulentes, visuelles Meisterwerk geworden ist.

Die Handlung dreht sich um die sechsjährige Alexandria (Catinca Untaru), die sich in einem Krankenhaus im Los Angeles der zwanziger Jahre  ihre Zeit vertreiben muss, bis ihr gebrochener Arm geheilt ist. Als sie den Stuntman Roy (Lee Pace) kennenlernt, der nach einem tiefen Sturz am Filmset nun mit gelähmten Beinen im Bett liegt, ändert sich ihr ereignisloser Alltag, denn ihr neuer Freund beginnt, eine fantastische Geschichte zu erzählen, die das Interesse des neugierigen und redseligen Mädchens weckt. Roy schildert ein packendes Abenteuer von sechs Helden, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten und die dennoch ein gemeinsames Schicksal verbindet: Die Rache am grausamen Gouverneur Odious.
Unter den Gefährten befinden sich so illustre Gestalten wie ein Bandit, ein Sprengmeister, ein Inder, ein ehemaliger Sklave, ein Mystiker und sogar Charles Darwin in Begleitung eines kleinen Äffchens. So spannend die Geschichte auch ist, Roy erzählt sie nur gegen kleine Gegenleistungen. Immer wenn Alexandria hören möchte, wie es weitergeht, muss sie nicht ungefährliche Aufträge wie das Beschaffen von Morphium ausführen. Ist das Abenteuer um die sechs Helden zunächst noch eine erstrebenswerte Belohnung, wird die Geschichte allerdings im weiteren Verlauf immer aussichtsloser und grausamer, während zugleich die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit immer mehr zu verschwimmen scheinen.

Und besonders die fantastischen Elemente gelingen Tarsem Singh mal wieder ausgesprochen gut. Alexandria vermischt die gesehenen Dinge und Menschen aus dem Krankenhaus mit ihrer Vorstellung von Roys erzählter Geschichte. Dadurch entsteht zu den Charakteren eine surreale Vertrautheit, welche die beiden Narrationsebenen verbindet. Beispielsweise finden sich die Masken, die die Krankenhausmitarbeiter der Röntgenabteilung tragen, in Roys Geschichte als Helme von Gouverneur Odious‘ Männern wieder.
Die grundsätzliche Struktur der Handlung ist allerdings nicht neu, denn The Fall basiert auf dem bulgarischen Drama Yo Ho Ho (Zako Heskija, 1981). Dafür wartet Tarsem Singhs Film mit umso bildgewaltigeren Einstellungen auf. An erstaunlichen 26 Locations in über 18 Ländern gedreht, präsentieren sich dem Zuschauer eindrucksvolle Wüstenlandschaften, und prachtvolle Tempel mit imposanter Architektur. Die Darsteller sind dazu passend in bunte Kostüme gekleidet, die das ein oder andere Mal bewusst als dominante Farbe vor den in Erdtönen gehaltenen Hintergründen auftreten.

Bei The Cell hatte man Tarsem Singh nicht zu Unrecht vorgeworfen, sich zu stark auf das Visuelle konzentriert zu haben und dabei die Geschichte vernachlässigt zu haben, da vieles letzlich doch um die Traumsequenzen herumkonstruiert erschien. Die Ästhetik von The Fall ist sogar noch durchdachter und noch aufwändiger, hat aber zugleich auch eine stärkere Bindung zur Handlung und lässt den Film viel mehr wie eine kunstvolle Einheit wirken statt wie ein steifes Konstrukt. Tarsem Singh hat ein fantastisches Epos abgeliefert, das aufgrund seiner visuellen Kraft zu einem zeitlosen Meilenstein der Filmästhetik werden könnte.

Das Mädchen, das durch die Zeit sprang

Das Mädchen das durch die Zeit sprang

Lange Zeit befanden sich in der Filmografie von Mamoru Hosoda nur diverse Episoden der TV-Serie Digimon, deren Verfilmung, sowie ein One-Piece-Film, aber dann drehte er 2006 mit Das Mädchen, das durch die Zeit sprang einen Anime, der sich vor den ganz großen der Konkurrenz keinesfalls verstecken muss.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die 17-jährige Schülerin Makoto (Riisa Naka), deren schulische Leistungen zu wünschen übrig lassen und die anstelle von lästigen Pflichten wie Tests und Unterrichtsstunden am liebsten einen nie enden wollenden Sommer mit ihren beiden Freunden Chiaki (Takuya Ishida) und Kousuke (Mitsutaka Itakura) auf dem Baseballfeld verbringen würde. Makoto lebt sorglos in den Tag hinein bis ihr im Biologieraum ihrer Schule etwas widerfährt, das ihr Leben grundlegend verändert: Sie stolpert, landet auf einem mysteriösen nussähnlichen Objekt und besitzt fortan die Fähigkeit, in der Zeit zu springen. Makoto ist selbstverständlich schnell begeistert und nutzt diese Kräfte, um den Spaßfaktor ihres Alltags zu erhöhen und um bestimmte Situationen besser zu meistern als noch beim ersten Versuch. So springt sie beispielsweise während eines gemeinsamen Karaokeabends kurz vor Ende einfach ein paar Stunden zurück, um das Ganze noch einmal zu erleben oder wiederholt einen gescheiterten Test in der Schule, indem sie mit dem Wissen der Lösungen einfach zurückspringt, um anschließend eine bessere Note zu erzielen. Doch schon bald muss auch Makoto feststellen, dass sich nicht alle Fehler durch Zeitmanipulation beheben lassen – im Gegenteil: Manches wird dadurch erst schlimmer als noch zuvor…

Ähnlich wie bei Butterfly Effect (J. Mackye Gruber & Eric Bress, 2004) gehen die Zeitsprünge mehr und mehr schief. Allen guten Absichten zum Trotz, werden die Resultate nach den jeweiligen Veränderungen immer negativer, mit teils gravierenden Ausmaßen. Passend dazu driftet der Film von einer leichten Komödie zu einem emotionsgeladenen Drama mit tragischen Momenten. Anfangs ist es noch ein absurder Spaß, zu sehen, wie Makoto nach jedem Zeitsprung durch die Gegend purzelt und ungewollt die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zieht. Doch mit der Zeit sind die Probleme nicht mehr irgendwelche Kleinigkeiten wie das Verschlafen am frühen Morgen, das sich mit einem kleinen Sprung zurück vermeiden ließ, sondern ernsthafte Angelegenheiten wie Freundschaft und Liebe. Makoto muss schmerzhaft erfahren, wie fragil solche Dinge sind und wie leicht man sich alles mit falsch durchdachten Zeitsprüngen versauen kann – vor allem, wenn man zu spät merkt, dass die Anzahl der möglichen Sprünge begrenzt sein könnte.

Wie schon bereits der von Satoshi Kon gedrehte Paprika (2006), basiert Das Mädchen, das durch die Zeit sprang auf einem Roman von Yasutaka Tsutsui und erneut ist die Animeumsetzung äußerst gelungen. Sympathische Charaktere agieren hier mit dynamischen Animationen vor herausragend gezeichneten Hintergründen in einem völlig zu Recht mehrfach ausgezeichneten Mix aus Komödie und Drama mit Science-Fiction-Elementen, der mit einer gefühlvollen Geschichte zu begeistern weiß.