Protégé

Protégé - FilmplakatManchmal ist es bloß eine schmale Gratwanderung zwischen Gerechtigkeit und Verbrechen. Das bekommt vor allem Daniel Wu zu spüren, der im Thriller Protégé von Derek Yee zwischen die Fronten gerät. Weiterlesen „Protégé“

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Der Sternwanderer

Der Sternwanderer

Wenn man gute Fantasyliteratur sucht, liegt man mit den Romanen und Comics von Neil Gaiman sicher nicht verkehrt. Der Erfolg seiner Arbeit bescherte uns darüber hinaus bisher drei Filmadaptionen seiner Werke. Dazu gehört neben MirrorMask (Dave McKean, 2005) und Coraline (Henry Selick, 2009) auch Matthew Vaughns Der Sternwanderer, ein märchenhaftes Abenteuer über einen gefallenen Stern.

Protagonist Tristan (Charlie Cox) lebt in einem kleinen englischen Städtchen mit dem passenden Namen Wall, denn nur eine kleine Mauer trennt diesen wirklich unspektakulären Ort vom fantastischen Königreich Stronghold. Als er jenseits dieser Grenze einen Stern vom Himmel stürzen sieht, ist das die Gelegenheit, ihn seiner Angebeteten, der stadtbekannten Schönheit Victoria (Sienna Miller), als Beweis seiner Zuneigung zu bringen. Dummerweise muss Tristan an der Einsturzstelle feststellen, dass es sich bei dem gefallenen Stern nicht um einen leuchtenden Gesteinsbrocken handelt, sondern dass er in Gestalt einer jungen Frau namens Yvaine (Claire Danes) daherkommt. Auf einmal scheint so ein Stern wohl nicht mehr das geeigneteste Geschenk für seine Liebste zu sein. Zu allem Überfluss haben es einige zwielichtige Gestalten auf Yvaine abgesehen. Die Hexe Lamia (Michelle Pfeiffer) erhofft sich vom Herzen des gefallenen Sterns ewige Jugend für sich und ihre Schwestern; der rücksichtslose Septimus (Mark Strong) ist Anwärter auf den Thron von Stronghold, nachdem der bisherige Monarch und alle anderen möglichen Erben unglücklicherweise rein zufällig verstorben sind, und benötigt ein Juwel, das Yvaine bei sich trägt, um seinen Anspruch rechtmäßig geltend machen zu können. Es versteht sich von selbst, dass Tristan schlussendlich nicht umhin kommt, Yvaine beizustehen und sie vor allen Widrigkeiten zu beschützen.

Natürlich ist der Plot grundsätzlich keine Offenbarung. Der Sternwanderer stützt sich auf simple, altbekannte Elemente, allerdings glücklicherweise auf erfrischend unterhaltsame Art. Es ist hierbei besonders die Tatsache hervorzuheben, dass der Film sich selbst und gängige Fantasykonventionen nicht immer ganz so ernst nimmt. Es gibt ein wenig Kitsch und auch ein paar Klischees, doch stets mit einem Augenzwinkern serviert. Das Zusammenspiel der Charaktere ist amüsant und liebenswert. Düstere Fantasy epischen Ausmaßes im Stile der Der-Herr-der-Ringe-Trilogie (Peter Jackson, 2001-2003) darf man hier nicht erwarten. Matthew Vaughns Film präsentiert sich eher als zauberhaftes Märchen, das auf humorvolle Weise immer wieder mit den Erwartungen des Zuschauers spielt. Auch Robert De Niro fügt sich nahtlos in die Reiher lustiger Augenblicke ein, wenn er in seiner Nebenrolle als gewiefter Luftpirat seiner heimlichen Leidenschaft, dem Tragen von Frauenkleidern, nachgeht.

Optisch präsentiert sich Der Sternwanderer in recht klassischer Fantasy-Ästhetik ohne irgendwelche Schwächen. Im Gegenteil: Lamias Hexereien sind schön anzusehen, mal effektgeladen, als sich ein Gasthaus förmlich aus dem Nichts erhebt, mal subtiler, wenn sie beispielsweise fremde Körper auf urkomische Weise zu lenken versucht. Noch ist die Action nicht so krachend wie in Kick-Ass (2010), aber Matthew Vaughn deutet dennoch bereits sein Talent an. Das Drehbuch kommt ohne Längen und unnötige Schnörkeleien aus und erzählt eine einfache, aber unterhaltsame Geschichte. Und gerade die Interaktionen der einzelnen Figuren sind lässig und gewitzt, sorgen so für eine angenehm unversteifte Atmosphäre, die Der Sternwanderer zu einem äußerst gelungenen zweistündigen Spaß machen.

La Antena

La Antena

Sähe er sich konfrontiert mit einem Schwarz-Weiß-Film, bei dem sämtliche Dialoge gelesen werden müssen und dessen Darsteller gnadenloses Overacting betreiben, nähme der durchschnittliche Zuschauer vermutlich Reißaus. In dem Fall entginge ihm allerdings eine visuell interessante Stummfilmhommage des argentinischen Regisseurs Esteban Sapir und zwar das Centerpiece des Fantasy Filmfests 2007: La Antena

Die Filmhandlung unterwirft sich dabei in erster Linie dem visuellen Konzept und ist entsprechend simpel gestrickt: Der schurkische Mr. TV (Alejandro Urdapilleta) kontrolliert bereits durch sein hypnotisches Fernsehprogramm und seine manipulativen Lebensmittel eine ganze Stadt. Die Einwohner kommunizieren über lautlose Worte, die ihren Mündern entschweben, denn der mächtige Alleinherrscher hat ihnen ihre Stimmen entzogen. Als er die letzte verbliebene Stimme der Stadt, die bekannte Sängerin La Voz (Florencia Raggi) entführt, scheint der erste Teil seines Plans abgeschlossen zu sein. Zeit also, zur nächsten Stufe überzugehen, nämlich den Bürgern auch noch die Worte zu nehmen. Doch Mr. TV hat die Rechnung ohne einen findigen TV-Mechaniker (Rafael Ferro) gemacht, der sich gemeinsam mit seiner Familie und dem augenlosen, doch insgeheim ebenfalls noch mit einer Stimme ausgestatteten Sohn der entführten Sängerin aufmacht, ihm das Handwerk zu legen.

Wie bereits angedeutet, ist das Kernstück des Films seine Schwarz-Weiß-Ästhetik im retrofuturistischen Look, der an die Werke von Fritz Lang erinnert. Neben dem ansehnlichen Setdesign und einem überlegten Wechselspiel von Licht und Schatten ist der Clou vor allem die ungewöhnliche Art der Dialoge. Ganz im Stile der Stummfilm-Ära ertönen keine Worte, sondern werden in Textform wiedergegeben. Statt jedoch Zwischentitel auf schwarzem Grund einzublenden, schweben die Buchstaben direkt aus den Mündern der Charaktere. Je nach Lautstärke sind die Worte groß und fett oder klein und schmächtig; mal wird vor Wut ein Wort beiseite geschoben, mal ein geflüsterter Satz hinter vorgehaltener Hand versteckt. Esteban Sapirs kreative Verknüpfung von Form und Inhalt kommt hier voll und ganz zur Geltung.
Anders verhält es sich leider mit der Motivik und Symbolik des Films. La Antena erzählt seine Geschichte natürlich in Bildern. Und wenn man ein Auge zudrückt, mag man sie als ausdrucksstark bezeichnen, doch tatsächlich sind sie meistens einfach zu plump. Während die Kritik an einer manipulativen Medienherrschaft, verkörpert durch einen Bösewicht, der einen kleinen Fernseher an seinem Gesicht befestigt hat, noch als amüsant und dem Tenor des Films entsprechend durchgeht, wirken Dinge wie metallene Hakenkreuze auf der einen, sowie Davidssterne auf der anderen Seite zu banal, zu offensichtlich. Der faschistische Tyrann gegen den Familienvater aus dem Volk, so weit so gut, aber der Plot ist ohnehin schon ziemlich direkt, das Overacting der Darsteller tut sein Übriges, da sind dann noch die platten Symbole zu viel des Guten. An dieser Stelle hätte dem Film etwas Subtilität durchaus gut getan.

So ist La Antena letztlich zwar keine Offenbarung und verfolgt das Konzept style over substance vielleicht zu kompromisslos, kann aber gerade durch die außergewöhnliche Stummfilmästhetik und dem erfrischend neuartigen Einsatz von Zwischentiteln als sehenswertes Experiment bezeichnet werden.

Ex Drummer

Ex Drummer

Während der belgische Regisseur Koen Mortier mitten in der Prä-Produktion seines ersten Hollywoodfilms, der Chuck-Palahniuk-Adaption Haunted, steht, lohnt es sich, einen Blick auf sein Spielfilmdebüt zu werfen, das in seinem Heimatland einiges an Aufsehen erregte und Diskussionen ob seiner Kontroversität auslöste. Kein Wunder, denn Ex Drummer ist eine anarchische und voyeuristische Tour de Force durch soziale Brennpunkte voller Hass und Gewalt.

Dries (Dries Van Hegen) ist ein erfolgreicher Schriftsteller, der in seinem luxuriösen Penthouse-Apartment regelmäßig Geschlechtsverkehr mit mehreren Frauen – inklusive seiner sexuell aufgeschlossenen Freundin Lio (Dolores Bouckaert) – hat. Tatsächlich aber ödet ihn sein Lebensstil an. Da kommt es ihm gerade recht, dass eines Tages zufällig drei heruntergekommene Typen an seiner Tür klingeln, weil sie für einen einmaligen Auftritt ihrer Band einen Drummer suchen. Diese illustren Gestalten können gegensätzlicher zu Dries kaum sein: Koen (Norman Baert) ist der Sänger der Band, durchgehend auf einem Trip und stets gewaltbereit, um vor allem Frauen  blutig zu schlagen. Der schwule Jan (Gunter Lamoot) spielt mit seinem steifen Arm den Bass, hat eine glatzköpfige Mutter, die mit Koen schläft und einen gemeingefährlichen Vater, der mit einer Zwangsjacke fixiert werden muss. Der dritte im Bunde ist Ivan (Sam Louwyck), der beinahe taube Gitarrist. Er lebt in einem zugemüllten Loch von Wohnung, in dem seine kleine Tochter zugrunde geht, weil sich seine koksende Frau einen Scheißdreck darum scherrt.
Dries willigt letztlich ein, das Schlagzeug für die Band zu spielen, denn er sieht die Möglichkeit, in der untersten Unterschicht Belgiens wie ein Tourist umherzuspazieren, die Leute ohne Rücksicht und ohne Menschlichkeit zu manipulieren und so einen Ideenschub für einen neuen Roman zu erhalten.

Mortier illustriert in seinem Film ein heruntergekommenes, dreckiges Moloch voller Gewalt. Wir bekommen einen Einblick in den Teil der Gesellschaft, dessen Lage alles andere als rosig aussieht. Wir erfahren hautnah, was diese Menschen denken, was sie fühlen (nicht mehr viel) und wie sie handeln. Koens Ventil ist der Pflasterstein mit dem er Frauen die Gesichter zertrümmert. Jan hingegen behandelt seinen Vater wie ein wildes Tier und schleudert seiner Mutter nichts als Schimpfworte entgegen. Und wenn Ivan abends nach Hause zurückkehrt, sind Stress mit seiner Frau und bittere Tränen seiner Tochter vorprogrammiert. Ex Drummer zeigt eine gefährliche Unterschicht, auf die sich die Abscheu des Zuschauers fokussieren würde, wäre da nicht Erfolgsautor Dries, der als Intellektueller ganz bewusst in dieses Milieu abtaucht und Gott spielt.
Immer wieder streut er Kommentare und Meinungen, die seine Bandmitglieder in ihren Ansichten beeinflussen. Ohne Mitgefühl suhlt er sich in dieser faszinierenden Umgebung aus Leid und Zorn, die er nie zuvor so hautnah erleben durfte. So verachtenswert die von Vorurteilen und Rassismus geprägte Unterschicht in all ihrem Dreck und der Gewalt auch sein mag, der eiskalte Dries ist in Wahrheit der gefährlichste, aber auch der interessanteste Charakter von allen.

Auch auf visueller Ebene hält sich Ex Drummer kaum zurück. Die Kulissen sprechen eine deutliche Sprache, explizite Gewalt- und Sexszenen tun ihr Übriges. Das ausufernde und in Gewalttätitgkeiten kulminierende regionale Rockfestival, auf dem die Band schließlich auftritt, bildet da mit seiner fiebrigen Atmosphäre einen der Höhepunkte. Aber auch das blutige Finale, das anschließend in eine Reihe verstörender Monologe übergeht, zeigt, dass der Regisseur sein Handwerk versteht. Nicht nur auf der Bildebene, auch auf der Tonspur wird brachial geknüppelt; die passende Musikuntermalung hämmert sich in den eskalierenden Szenen von einem Punkrocksong zum nächsten.
Koen Mortier gelingt mit seinem Regiedebüt eine radikale Reise in eine kalte Welt ohne Zukunftsaussichten, eine Parabel über soziale Verelendung. Beginnt Ex Drummer noch als schwarze Komödie, der raueren Art, so endet er schließlich als finsterer, kontroverser Albtraum ohne Rücksicht auf Verluste.

Planet Terror

Planet Terror

Quentin Tarantino und Robert Rodriguez sind nicht nur Kollegen in ihrem Handwerk, sondern auch gute Freunde, die dem jeweils anderen immer mal wieder Freundschaftsdienste in dessen Film erweisen. Im Jahr 2007 erschienen dann erstmals Filme von beiden in einem Double Feature, angelehnt an die Vorführungen zweier Kinofilme zum Preis von einem in sogenannten Grindhouses in den 70er-Jahren. Entsprechend betitelten die beiden Regisseure ihr gemeinsames Kunstwerk auch mit dem Namen „Grindhouse“. Während Tarantino mit Death Proof eine Art Roadmovie mit rasanten Verfolgungsjagden im Stile von Fluchtpunkt San Francisco (Richard C. Sarafian, 1971) inszenierte, setzte Rodriguez auf eine muntere Zombiesplatterei namens Planet Terror.

Lieutenant Muldoon (Bruce Willis) und seine Jungs wurden in Afghanistan durch ein gefährliches Giftgas mit einem Virus namens DC2 infiziert. Die Folgen sind gradueller Zerfall des Körpers und eine auf triebgeleitetes Zombieverhalten reduzierte Hirnfähigkeit. Um dem entgegenzuwirken, hilft nur eine dauerhafte Dosis des Gifts selbst. Bei der Übergabe von DC2 an einer Militärbasis kommt es jedoch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, bei denen das giftige Gas freigesetzt wird und die Bewohner der umliegenden Stadt nach und nach in Zombies verwandelt.
Währenddessen trifft die Ex-Go-Go-Tänzerin Cherry Darling (Rose McGowan) im außerhalb der Stadt gelegenen Barbecue-Restaurant „The Bone Shack“ auf ihren Ex-Freund El Wray (Freddy Rodríguez), dem aufgrund einer mysteriösen Vergangenheit jeglicher Waffenbesitz untersagt ist. Ob er sich tatsächlich daran hält, ist eine andere Sache, denn Waffen werden schon bald überlebenswichtiger denn je. Die Rückkehr in die Stadt wird zu einer Fahrt ins örtliche Krankenhaus, denn unterwegs wird Cherry von Zombies angegriffen und verliert ihr rechtes Bein, bevor El Wray die Kreaturen in die Flucht schlagen kann.
Im Krankenhaus hat Dr. Block (Josh Brolin) alle Hände voll zu tun, denn mehr und mehr Leute werden mit Verletzungen – insbesondere Bisswunden – eingeliefert. Während seine Ehefrau, die Anästhesistin Dakota Block (Marley Shelton), noch an diesem Tag eigentlich mit ihrer lesbischen Freundin durchbrennen wollte, bricht die Hölle aus in den Fluren, als die zombiefizierten Patienten in die Offensive gehen. Schon bald finden sich die letzten Überlebenden im „The Bone Shack“ ein, um der Zombiehorde erbitterten Widerstand zu leisten.

Die Ästhetik von Planet Terror zeigt sich, ganz wie im Konzept des Projekts zu erwarten, in einem auf alt getrimmten, unsauberen Look, der dem Zuschauer implizieren soll, es tatsächlich mit einer nicht ganz intakten und sauberen Filmrolle aus den 70ern zu tun zu haben. Hierfür bedient sich Rodriguez eines stellenweise verwaschenen und grobkörnigen Bildes, auf dem bisweilen verfärbte Ränder auftauchen. Dabei überlagern diese Bildeffekte nie auf zu penetrante Art und Weise das Gesehene. Die Actionszenen bleiben klar erkennbar und präsentieren sich in hoher Qualität, der man trotz Hommage an trashige Exploitationfilme die Produktionskosten natürlich ansieht.
Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Der Film ist kein düsterer Zombiehorror, sondern ein amüsantes blutiges Spektakel. Sei es nun Sheriff Hague, der seinem Bruder J.T. um jeden Preis die Rezeptur für dessen unschlagbare Barbecuesauce entlocken will oder El Wray auf einem Minibike, Rodriguez‘ Schlachtplatte nimmt sich keine Sekunde ernst und das ist auch durchaus gut so.

Abschließend bleibt also nur noch zu sagen, dass Planet Terror als actionreiche Zombie-Splatterkomödie im Exploitationstil wunderbare Abendunterhaltung ist. Ein gelungener Streifen für jede Menge Spaß. Maschinengewehr als Beinprothese inklusive!

There Will Be Blood

There Will Be Blood

Das oscarprämierte Meisterwerk There Will Be Blood von Paul Thomas Anderson – unter anderem durch Filme wie Magnolia (1999) bekannt – gilt bei vielen Filmfreudigen und Kritikern als der beste Film der letzten Dekade. Darüber kann man sicherlich streiten, aber dass wir es hier mit einem intensiven Charakterdrama über Opportunismus und Selbstzerstörung eines überehrgeizigen Mannes zu tun haben, lässt sich nur schwer leugnen.

„I have a competition in me; I want no one else to succeed.“Daniel Plainview

Die Handlung des Films dreht sich um den aufstrebenden Tycoon Daniel Plainview (großartig gespielt von Daniel Day Lewis), der mit seinem jungen Adoptivsohn H.W. (Dillon Freasier) zu Beginn des 20. Jahrhunderts im florierenden Ölgeschäft Kaliforniens tätig ist, nachdem es einige Jahre zuvor mit dem Schürfen nach Gold nicht so recht klappte. Mittlerweile erfreut sich Daniel überregionaler Bekanntheit und verdient mit seinem Unternehmen recht solide, als eines Nachts ein junger Mann namens Paul Sunday (Paul Dano) in sein Büro tritt und ihm eine Information anbietet, die maßgeblich für seinen weiteren Erfolg sein sollte: Er verrät Daniel, dass unter dem Grund, auf dem sich die Ranch seiner Familie befindet, fässerweise Öl fließe. Die Information bewahrheitet sich vor Ort und Daniel wittert ein lukratives Geschäft. Anschließend kauft er den wertvollen Grundbesitz der naiven Familie zu einem Spottpreis; nur der äußerst gläubige Zwillingsbruder Pauls, Eli (ebenfalls Paul Dano), verlangt eine Spende für die Kirche der Gemeinde. Daniel jedoch hat nur den Gewinn im Sinn und zögert diese in seinen Augen lästige Nebensächlichkeit immer weiter hinaus. Stattdessen entsteht dafür umso schneller ein riesige Förderanlage, bestehend aus mehreren Bohrtürmen über verschiedene aufgekaufte Grundstücke der Umgebung verteilt. Aber die Bohrarbeiten laufen nicht ohne Probleme ab. Es kommt zu einem folgenschweren Unfall, der einen Arbeiter das Leben und H.W. das Gehör kostet. Eli ist der Meinung, dass all das ohne den Segen Gottes ohnehin kein gutes Ende nehmen kann, doch Daniels Augen richten sich ausschließlich auf sein immer größer werdendes Reich aus schwarzem Gold.

Angelegt hat P.T. Anderson das gesamte Geschehen als zeitintensives Drama, in dessen Mittelpunkt die Entwicklung des vom Erfolg bessessenen Daniel Plainview und seine Beziehungen zu seinem Adoptivsohn, sowie zum enttäuschten und hasserfüllten Eli steht. Daniel verspricht den Farmern, auf deren Böden er Bohrungen betreibt, eine allgemeine Verbesserung sämtlicher Lebensstandards, doch wie so oft sind es leere Reden, die lediglich darauf abzielen, die Leute auf seiner Seite zu haben und jegliche Skepsis schon im Keim zu ersticken. Tatsächlich interessiert den Ölbaron nur sein sich rasch vermehrender Reichtum. Um dieses Ziel zu erreichen, geht er stellenweise wörtlich über Leichen. Auch sein Adoptivsohn, der anfangs als nicht wegzudenkender Begleiter Daniel auf Schritt und Tritt zu unterstützen versucht, rückt für den Geschäftsmann nach seinem Gehörverlust alsbald in den Hintergrund. Daniel ist der neuen Belastung nicht gewachsen, er konzentriert sich lieber wieder auf das, wovon er am meisten versteht: Die Ausbeutung der Farmer und die Gewinnmaximierung seines Unternehmens. Dieser unverbesserliche Charakterzug lässt schlussendlich auch den Antagonismus zum religiösen Eli entstehen, der nie auch nur im Geringsten daran denkt, mit seiner Forderung nach der Spende klein bei zu geben. Seinen eigenen Vater beginnt er zu verachten, da dieser dem gottlosen Daniel seinen Erfolg erst ermöglichte. Die Obsession, die Eli allerdings in Daniel verabscheut, beherrscht auch ihn immer mehr. Daniels Besessenheit mit rücksichtslosem Geschäftserfolg steht schließlich Elis Wunsch nach Vergeltung gegenüber und gipfelt in einem geradezu wahnsinnigem Finale, das selbst ein Stanley Kubrick nicht besser hätte inszenieren können.

Mit dem Stichwort Kubrick muss man unweigerlich auf die ästhetische Ebene von There Will Be Blood zu sprechen kommen, denn in vielen Szenen zeigt sich mal mehr, mal weniger deutlich die Andersons Wertschätzung des verstorbenen Regisseurs. Allein die grundlegene Struktur des Films, der sich in zwei distinkt durch Orts- und Zeitwechsel von einander abhebende Abschnitte teilt, erinnert in dieser Form vor allem an Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum (1968). Auffällig sind auch die visuellen Parallelen der Endsequenz von There Will Be Blood zum einen zu Szenen aus Shining (1980), als auch erneut zu 2001: Odyssee im Weltraum. Zu sehr dabei ins Detail zu gehen, würde massiv Spoilern, von daher sei es zunächst dabei belassen. Aufmerksamen Zuschauern werden diese Anspielungen aber so oder so auffallen. Musikalische Parallelen erzeugt P.T. Anderson ebenfalls und das schon zu Beginn seines Filmes. Im weiteren Verlauf ist das in dieser Hinsicht nicht mehr allzu auffällig, aber der Soundtrack von There Will Be Blood ist losgelöst davon ohnehin passend eingespielt.

Über mehr als zwei Stunden hinweg breitet Paul Thomas Anderson letztlich ein enormes Drama aus, das von seiner präzisen, stilsicher erzeugten Stimmung und überaus starken Charakterdarstellungen lebt. Zweifellos einer der wichtigsten Filme der letzten Jahre.

Paranoid Park

Paranoid Park

Gus Van Sant war danach, einen Film über Schuld, Reue und Paranoia zu drehen; ein ruhiges Drama über einen Jugendlichen an einer High School. Um die Rollen dieses Umfelds auch authentisch zu besetzen, suchte er sich sogar fast den gesamten Cast über die Internetcommunity MySpace zusammen. Ein Wagnis, das zwar nicht perfekt, aber durchaus gut funktioniert. Paranoid Park versprüht eine ganz eigene Art von Magie.

„Dude, I don’t think I’m ready for Paranoid Park“, sagt Alex (Gabe Nevins), doch das Drängen seines Kumpels Jared (Jake Miller) treibt die beiden letztendlich in den Skatepark am Fluss, den die zahlreichen Skater der Stadt ganz allein illegal errichtet haben. Der Paranoid Park ist ein faszinierender Ort, an dem Alex Stunden verbringen könnte, die ihn von den Problemen seiner geschiedenen Eltern oder gar von seiner oft nur allzu nervigen Freundin Jennifer (Tylor Momsen) ablenken. Alles wäre im Lot, gäbe es da nicht diesen Zwischenfall an den nahegelegenen Gleisen, bei dem ein Mann vom Sicherheitsdienst von einem Zug überrollt wird. Die Polizei fahndet nach dem Täter. Selbst an Alex‘ High School werden die skatenden Schüler nach Informationen befragt. Die Situation verunsichert Alex, denn er scheint mehr über den Tod des Sicherheitsmannes zu wissen, als er vor Detective Lu (Dan Liu) zugibt.

Was nun tatsächlich dahintersteckt, wird jedoch erst im nicht chronologischen Verlauf der Handlung nach und nach aufgedeckt und atmosphärisch bebildert. Die gesamte Stimmung des Films kann teilweise schon fast als hypnotisch bezeichnet werden, vor allem, wenn Van Sant immer wieder auf den gekonnten Einsatz von nahen Zeitlupenaufnahmen setzt, die mit sphärischer Musik unterlegt sind. Stilistisch ist Paranoid Park also ziemlich faszinierend, doch die Charaktere können da nicht ganz mithalten. So ist Alex‘ Freundin Jennifer eine Figur, die über ihr bloßes Klischee hinaus nichts weiter zu bieten hat. Auch Alex selbst nimmt man nicht in jeder Phase des Films seine inneren Konflikte ab. Trotz der Schwächen fügen sich die Charaktere jedoch weitgehend passend ins Geschehen ein, was nicht zuletzt an der Natürlichkeit ihrer Darsteller liegt, die einiges wettmacht.
Musikalisch wird abgesehen von den genannten sphärischen Klanglandschaften auch einiges geboten. Neben französische Experimentalmusik reihen sich impulsiver Emocore und poppige Klassiker. Die bunte Mischung wirkt aber an keiner Stelle unpassend, sondern stets gekonnt eingesetzt.

Insgesamt ist Paranoid Park zwar ein nachdenkliches Drama, das hin und wieder den Eindruck erweckt, dass Gus Van Sant mehr auf Ästhetik als auf Charaktertiefe oder Plot setzt, aber nichtsdestotrotz ein gutes Filmerlebnis, das den Zuschauer mit seiner hypnotischen Kraft zu faszinieren weiß.