Kill List

Kill List - FilmplakatNoch bevor er sich mit A Field in England (2013) nachhaltig verstörend in die Netzhaut seiner Zuschauer brannte und nächstes Jahr seinen dystopisch-apokalyptischen Thriller High-Rise (2015) auf die Kinos loslässt, machte der britische Regisseur Ben Wheatley bereits mit seinem Hang zum Unbekannten, zum Unbehaglichen und zum Spiel mit den Erwartungen auf sich aufmerksam. Kill List heißt sein zweiter Spielfilm und schlägt die eine oder andere überraschende Richtung ein, die eine endgültige Genreeinordnung ganz bewusst erschwert. Weiterlesen „Kill List“

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The Tree of Life

The Tree of Life

Mit der erst fünften Regiearbeit seiner nunmehr fast vierzigjährigen Karriere als Filmschaffender, geht Terrence Malick in die Vollen und legt mit The Tree of Life ein epochales Werk hin, das mit bildgewaltigen Aufnahmen, aber auch mit einer gewissen Sperrigkeit aufwartet, aufgrund der ungewohnten Erzählweise, die in ihrer elliptischen Form mehr an eine assoziative Collage als an eine stringente Handlung erinnert.

Erinnerung ist ein gutes Stichwort, denn die Geschichte, die uns Malick in nicht immer mundgerechten Brocken serviert, ist zu einem großen Teil die Kindheit des Architekten Jack O’Brien (Sean Penn), so wie sie ihm im Gedächtnis geblieben ist. Als Junge (Hunter McCracken) lebt er mit seinen Eltern (Brad Pitt & Jessica Chastain) und seinen zwei Brüdern (Laramie Eppler & Tye Sheridan) in einer typisch amerikanischen 50er-Jahre-Vorstadtsiedlung. Jack bewegt sich in dieser prägenden Frühphase seines Lebens zwischen zwei Polen: Seine Mutter lehrt ihn durch ihren liebevollen Umgang Mitgefühl und Empathie, während ihm sein Vater den Überlebenskampf in einer rücksichtslosen Welt einbläut, in der sich jeder selbst der nächste ist. Doch die unnachgiebige Natur von Mr. O’Brien sorgt bei Jack für Frust und Hass.

Eingewoben in die ganz persönliche Entwicklung des Jungen ist nichts geringeres als die Entstehung des Lebens, die Malick in berauschenden Bildern zeigt. Die Dramahandlung wird nach fast einer halben Stunde verlassen und weicht zunächst einem Einschub von sehenswerten Sequenzen, die sich dem Urknall, dem Universum und natürlich unserem Planeten Erde widmen. Wir reisen in eine Zeit vor unserer Existenz und erleben das Zusammenspiel von Licht und Schatten, von Feuer und Wasser; wir sehen Himmelskörper sich bewegen und die ersten Kreaturen unsere Welt bevölkern. Die Montage beeindruckender Aufnahmen ist mit mächtiger, sakraler Musik und geflüsterten Bibelzitaten unterlegt, die die fraglos von einer wissenschaftlichen Sichtweise ausgehende Bildebene um religiöse Eindrücke erweitern.

Sobald sich der Regisseur wieder der Familie O’Brien zuwendet, trägt der Zuschauer diese Assoziationen mit sich und überträgt das Essentielle und Bedeutsame vom Allgemeinen ins Spezifische, nämlich von der Gesamtheit aller Existenz bis in das einzelne Leben Jacks, der mit entscheidenden Grundsätzen zu kämpfen hat. Auch in diesen Szenen steckt – viel subtiler – eine allgegenwärtige Schönheit der Existenz. Malick verleugnet Leid und Tod zwar nicht, konfrontiert seinen Protagonisten schließlich auch damit, aber dennoch wohnt seinem Film ein alles durchdringendes, lebensbejahendes Gefühl inne, das sich in vielen kleinen Details äußert.

Sich The Tree of Life auf vordergründig rationaler Ebene zu nähern, ist nicht nur schwierig, sondern letztlich gar nicht angebracht. Malicks assoziativer Bilderrausch fördert und fordert eine andere Herangehensweise, die unserem Innersten entspringt. Über seine vermittelten Emotionen wird das Filmerlebnis für den Zuschauer zu einer stark subjektiven Angelegenheit. Wie viel und welche Bedeutung er jeweils daraus zieht, ist ihm überlassen. Ob sich das Gesehene vollständig in Gedanken und Worten festhalten lässt, ist fraglich. Wer hier einen klassischen Plot sucht, wird ihn ebenso wenig finden wie eine Möglichkeit, den Film über gewohnte Muster greifbar zu machen. Das würde seiner Komplexität ohnehin nicht gerecht werden.

Lässt man sich also auf ein wundersames Drama über das Leben und den Menschen ein, das sich bewusst den Sehgewohnheiten verweigert, bekommt man große Filmkunst geboten. Für alle anderen präsentiert der Ausnahmeregisseur über eine Laufzeit von stattlichen 139 Minuten vorwiegend Langeweile in schönen Bildern.

Sleep Tight

Sleep Tight

Gut fünf Jahre ist es her, dass sich Jaume Balagueró mit dem Horrorfilm [Rec], den er gemeinsam mit Paco Plaza gedreht hatte, einen Namen gemacht hatte. Inzwischen gibt es ein Hollywoodremake namens Quarantäne (John Eric Dowdle, 2008), sowie zwei Sequels des Originals. Während er jedoch seinem Kollegen Plaza den alleinigen Dreh von [REC]³ Genesis (2012) überließ, fabrizierte Balagueró einen kleinen, gemeinen Psychothriller mit einem stark aufspielenden Luis Tosar: Sleep Tight.

Man stelle sich vor, Tag für Tag den freundlichen, stets hilfsbereiten Hausmeister mit einem Lächeln zu grüßen, ohne zu ahnen, welch niederträchtige Kreatur hinter der Fassade steckt. Nach außen hin lässt sich César (Luis Tosar) schließlich nichts anmerken, doch in Wahrheit fühlt er sich vom Glück seiner Mitmenschen angewidert. Insbesondere auf die attraktive Mieterin Clara (Marta Etura) hat er es abgesehen. Tagsüber terrorisiert er sie mit unzähligen anonymen Briefen und SMS, aber nachts beginnt der wirkliche Alptraum; César kann sich als Hausmeister nämlich Zugang zu sämtlichen Wohnungen verschaffen. Kein Problem also, unter Claras Bett zu lauern, sie heimlich mit Chloroform zu betäuben und anschließend ihre Hautcreme mit Bakterien zu präparieren oder Kakerlaken in den Zimmern zu verteilen. Als ihn jedoch das neugierige Nachbarsmädchen Ursula (Iris Almeida) eines nachts aus Claras Wohnung kommen sieht, beginnt sie, ihn zu erpressen. Doch für César ist die Sache eindeutig: Es wird Zeit, Clara eine bisher ungeahnte Grausamkeit erleben zu lassen und das Mädchen von nebenan zum Schweigen zu bringen.

Der Plot von Sleep Tight hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf und setzt auf durchgehende Spannung. Das wirklich Gerissene ist allerdings Regisseur Balaguerós simpler, aber effektiver Trick, den Zuschauer die gesamte Filmhandlung aus der Sicht von César erleben zu lassen. Der unscheinbare Hausmeister ist ein abscheulicher Psychopath, aber zugleich auch die Figur mit der meisten Tiefe und einer allgegenwärtigen Präsenz. In jeder Szene schauen wir César praktisch über die Schulter. Wenn er sich versteckt, hoffen wir insgeheim, dass er nicht entdeckt wird und wenn sich die Lage zuspitzt, will man doch irgendwie sehen, wie er der prekären Situation entkommen kann. Es ist nicht leicht, Balaguerós Falle zu entgehen. Plötzlich empfinden wir Empathie für einen Protagonisten, der die ganze Zeit damit beschäftigt ist, seinem Umfeld Schaden zuzufügen und gleichzeitig seinen eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Nicht zuletzt ist es auch Luis Tosar zu verdanken, der seine Rolle als César glaubwürdig und nachvollziehbar spielt. Immer wieder zieht er uns in seine Nähe, bis wir ihm hoffnungslos ausgeliefert sind. Das ist letzten Endes ziemlich unangenehm; genau wie der Regisseur es geplant hat. Gerade dadurch wird dieser Psychothriller auch für den Zuschauer zum ganz persönlichen, kleinen Alptraum.

Spanien produziert in den letzten Jahren so einige Perlen aus dem Bereich Horror und genrenahen Thrillern. Sleep Tight ist ein ganz starker Vertreter, ein hinterlistiger Film, dessen psychologischer Horror von besonders bösartiger Natur ist und länger nachwirkt, als einem lieb ist.

Bellflower

Bellflower

Wenn ein junger Kerl namens Evan Glodell nicht mehr als etwa 17.000$ in die Hand nimmt, ein Drehbuch schreibt, eine Kamera bastelt, ein Auto umbaut,  seinen eigenen kleinen Film dreht und darin noch lässig-souverän die Hauptrolle spielt, als wäre er schon seit Jahren im Geschäft, ist es ihm gar nicht hoch genug anzurechnen, dass sein mächtiges Debüt Bellflower fast wie selbstverständlich Buddy-Komödie, Romanze und apokalyptisches Drama in sich vereint.

Woodrow (Evan Glodell), ein sympathischer, junger Typ, der auch in jede konventionelle Liebeskomödie gepasst hätte, und sein bester Kumpel Aiden (Tyler Dawson) leben im sonnigen Kalifornien in den Tag hinein. Sie beschäftigen sich mit dem Bau eines Flammenwerfers und träumen von einem Feuer speienden Muscle Car für ihre ganz persönlichen Weltuntergangsfantasien. Mother Medusa heißt ihre imaginäre Gang, die das post-apokalyptische Ödland unsicher machen soll; zwei Jungs und ihr Wunsch, die Welt brennen zu sehen. Eines Abends begegnet Woodrow in einer Bar der toughen Milly (Jessie Wiseman). Sie ist seine neue Liebe und zugleich der Anfang vom Ende.

Bereits zu Beginn des Films betreibt Glodell gut platziertes Foreshadowing, eine schnell geschnittene Montage kurzer Sequenzen, die eine düstere Zukunft andeuten, jedoch ohne im Detail zu spoilern. Im weiteren Handlungsverlauf geraten diese Bilder aufgrund der harmonischen Freundschaft zwischen Woodrow und Aiden, sowie der liebevollen Beziehung zu Milly beinahe in Vergessenheit, doch tatsächlich setzen sie sich im Hinterkopf des Zuschauers fest wie kleine Nadelstiche, die den Zweifel in jede Szene tragen. Wenn Milly und Woodrow einen Trip nach Texas unternehmen, geben sie ein wirklich schönes Paar ab. Nicht nur den Dialogen, aber auch den Schauspielern ist es zu verdanken, dass jeder dieser Momente ungemein authentisch wirkt. Die Darsteller agieren erfrischend unverkrampft und verkürzen mit Leichtigkeit die Distanz zwischen Zuschauer und Charakteren. Glodell schafft es, Emotionen tatsächlich zu vermitteln statt sie unbeholfen aufzuzwingen.
Und doch erinnern wir uns an diese unruhigen, unangenehmen Sequenzen, die der Handlung vorausgingen. Dass Bellflower in der zweiten Hälfte kippt, ist unausweichlich. Ein irreparabler Riss durchzieht plötzlich alle äußeren und inneren Ebenen des Films. Die Stimmung verändert sich schlagartig, Woodrows Leben fängt Feuer und mündet in eine Abwärtsspirale der Zerstörung. Hier ist dann auch der Zeitpunkt erreicht, an dem der Regisseur mit der Chronologie der Geschehnisse bricht. War die Filmhandlung zuvor noch relativ stringent aufgebaut, driftet nun alles auseinander. Das rationale Element wird schwächer und die Szenen werden auf halluzinogene Weise von Gefühlsausbrüchen dominiert. Der Wahrheitsgehalt schwindet und übrig bleiben nur Flammen und schmerzhafte Erinnerungen an vergangenes Glück.

Ästhetisch bewegt sich Glodell auf videoclipgeprägtem Arthausterrain, allerdings steht dieser Stil Bellflower unheimlich gut. Gerade durch die Nähe, die er inhaltlich aufzubauen versteht, kann man ihm nicht die prätentiöse Formverliebtheit eines überambitionierten Filmschulabsolventen vorwerfen. Sein Drama ist ungemein ehrlich und verträgt die eigens präparierten Kameras für den „schmutzigen“ Look, sowie die stellenweise übersatten Farben ohne Einbußen.

Bellflower ist eine gefährliche Mixtur, ein dreckiger Cocktail aus den Zutaten Freundschaft, Liebe, Verrat und Schmerz. Evan Glodell erzählt vom Auf- und Niedergang einer Beziehung, von Verrat und unbändigem Zorn, von psychischer und physischer Vernichtung und von seiner ganz privaten Apokalypse.

Take Shelter

Take Shelter

„There’s a storm coming like nothing you’ve ever seen, and not a one of you is prepared for it.“

Wenn jemand introvertierte Personen verkörpern kann, die ein wenig neben der Gesellschaft stehen und entrückte Gedanken beherbergen, dann ist das wohl Michael Shannon. Sein Schauspiel ist subtil, authentisch und mitunter ziemlich respekteinflößend. Spielt er in Werner Herzogs My Son, My Son, What Have Ye Done (2009) noch einen verwirrten Muttermörder auf der Suche nach Gott und sich selbst, begegnet er uns nun in Take Shelter als ein von Alpträumen geplagter Familienvater, der einen Sturm mit verheerenden Folgen vorhersieht.

Eigentlich führt Curtis (Michael Shannon) mit seiner Frau Samantha (Jessica Chastain) und seiner Tochter Hannah (Tova Stewart) ein typisches kleinbürgerliches Leben in einem Städtchen in Ohio, wären da nicht diese Visionen, die ihm den Schlaf rauben und ihn eine nahende Katastrophe sehen lassen, vor der es sich zu schützen gilt. Auf seine tägliche Arbeit in der Kiesgrube kann er sich längst nicht mehr konzentrieren. Ein ungutes Gefühl beschleicht den Familienvater und veranlasst ihn dazu, einen Tornadoschutzbunker unter seinem Garten zu errichten. Das Projekt nimmt beängstigende Züge an, als Curtis massive Kredite aufnimmt, das Haus seiner Familie aufs Spiel setzt und unerlaubterweise Gerätschaften von seiner Arbeitsstelle ausleiht, um ja den Bunker rechtzeitig vor einem Sturm fertigzustellen, den irgendwie nur er zu erwarten scheint.

Jeff Nichols‘ Film ist ein zum einen ein sehr persönliches Drama, auf der anderen Seite aber auch Milieustudie amerikanischer Vorstadtgemeinschaften. Der drohende Sturm fungiert dabei als Metapher in mehrfacher Hinsicht. Dominant ist natürlich Curtis ganz eigenes Schicksal von einem Mann, der mit seinem Verhalten Familie und soziales Umfeld aus dem Blick verliert, weil ein irrationaler Antrieb einen Tornadoschutzbunker in den Mittelpunkt seines Lebens rückt. Das Ganze ist äußerst bedenklich, wenn man die emotionale und finanzielle Belastung für seine Familie berücksichtigt. Dazu kommt, dass seine Tochter taub ist und seine Frau Jessica deshalb auf seine Unterstützung angewiesen ist, um dem Kind den Rückhalt und die Aufmerksamkeit zu geben, die es benötigt. Curtis‘ Unsicherheit lässt ihn außerdem seine eigene Psyche ihn Frage stellen. Seine Mutter war damals an paranoider Schizophrenie erkrankt. Ob die Visionen ihres Sohnes nun wirklich prophetische Fähigkeiten oder doch eher Symptome einer psychischen Störung sind, ist die Frage. Der Regisseur lässt über den gesamten Handlungsverlauf stets mehrere Interpretationen seiner Geschichte zu.

Betrachtet man Curtis‘ Träume, wird allerdings auch klar, dass die Motivation seines für Außenstehende nicht nachvollziehbaren Handelns Verlustängste sind. Ängste, die vor allem den amerikanischen Mittelstand beschäftigen: Der Verlust der Familie und finanzielle Probleme. Die soziologische Komponente der Sturmmetapher liegt in gesellschaftlichen Katastrophen wie der Wirtschaftskrise begründet und die Ignoranz von Curtis‘ Mitbürgern spiegelt nur allzu gut die weit verbreitete Auffassung derer wieder, die vor politischen und ökonomischen Umwälzungen die Augen verschließen. Insofern wird der Sturm zu einer Gefahr, die alle betrifft, doch mit der auf verschiedenste Weise umgegangen wird. In diesem gesellschaftspolitischen Kontext, lässt sich für dessen spezifische Bedeutung sicherlich so einiges einsetzen, doch über die Grundhaltung lässt der Regisseur keinen Zweifel aufkommen. Dass diese Lesart nicht im Konflikt mit den anderen – psychische Erkrankung / physische Bedrohung – steht, zeigt auf, wie vielschichtig Nichols Film hinter der scheinbar simplen Handlung tatsächlich ist.

Die Bilder des Films sind zurückhaltend, aber präzise. In den Traumsequenzen weht ein Hauch von Horror, während über dem restlichen Geschehen stets ein unbehaglich mysteriöses Gefühl liegt. Ästhetisch präsentiert sich das Ganze sehr stimmungsvoll, ohne an Authentizität zu verlieren. Dazu trägt natürlich auch mal wieder das gekonnte Schauspiel Michael Shannons bei, der einmal mehr als eigenwilliger Charakter zu überzeugen weiß. Jessica Chastain in ihrer Rolle als besorgte Ehefrau, die das Handeln ihres Mannes zu verstehen sucht, soll an dieser Stelle ebenfalls lobend erwähnt werden.

Take Shelter ist nicht einfach nur ein spannendes, wenngleich sehr langsames Drama, sondern funktioniert darüber hinaus auch noch auf mehreren Bedeutungsebenen, die zum wiederholten Ansehen einladen. Jeff Nichols vollbrachte damit zweifellos einen der stärksten Filme des vergangenen Jahres, der den zahlreichen positiven Kritiken ohne Frage gerecht wird.

Der Gott des Gemetzels

Der Gott des Gemetzels

So nah sich Theater und Film auch bisweilen stehen, eine Adaption von einem Medium in das andere ist keine leichte Aufgabe. Hart ausgedrückt gibt nicht wenige Stücke, die in ihrer Verfilmung trotzdem nur bloß wie ein mit der Kamera aufgenommenes Bühnenspiel daherkommen und die ganz eigene Sprache des Films zu vergessen scheinen. Roman Polański allerdings gelingt es mit seinem neuesten Werk Der Gott des Gemetzels, die Stärken des Theaters hervorzubringen und in eine kurzweilige und bissige Komödie zu verpacken.

Die Handlungsprämisse ist simpel: New York. Ein elfjähriger Junge schlägt einem gleichaltrigen Mitschüler im Streit mit einem Stock ins Gesicht. Anschließend treffen sich die Eltern des Schlägers, Nancy (Kate Winslet) und Alan Cowen(Christoph Waltz), mit den Eltern des Opfers, Penelope (Jodie Foster) und Michael Longstreet (John C. Reilly) in deren Wohnung, um sich zu entschuldigen und zu einer Einigung zu gelangen, denn immerhin hat der Sohn der Longstreets durch den Hieb sogar zwei Schneidezähne verloren. Ein zivilisiertes Gespräch unter Erwachsenen hätte nach wenigen Minuten sein Ende nehmen können, hätten sich die Cowens nicht überreden lassen, doch noch auf einen Kaffee zu bleiben. In der Folge stellt sich heraus, dass der Vorfall alles andere als geklärt ist. Diskussionen, verbale Seitenhiebe und wechselnde Fronten zeigen auf, dass sich hinter der erwachsenen Fassade ein streitsüchtiges Quartett befindet, dass sich zwar mit anderen Mitteln, aber dennoch einen weit heftigeren Kampf liefert als die Kinder. Unvereinbare Weltsichten werden offenbar, treffen aufeinander und werden schließlich durch Alkohol in eine gnadenlose Abrechnung katalysiert, die vor allem eines ist: Wahnsinnig amüsant.

Polańskis Komödie lebt natürlich von den Dialogen. Es gibt zwar kleinere Slapstickelemente, die unter anderem ein Handy, Tulpen und Erbrochenes involvieren, aber der Fokus liegt klar auf den Charakteren und was sie so von sich geben, um ihr Gegenüber nach allen Regeln der Kunst zu vernichten. Das ist natürlich naheliegend und bei Yasmina Rezas Theatervorlage „Le dieu du carnage“ nicht anders. Ihr Stück ist einer der größten Broadway-Erfolge der letzten Dekade und brachte unzählige Menschen zum Lachen. Umso besser also, dass die Französin auch am Drehbuch der Adaption mitschrieb, um der Geschichte ihre bissige Wortgewandtheit zu bewahren.

Ein solches Konzept wie Der Gott des Gemetzels, in dem sich vier Menschen auf engstem Raum in verbaler Kriegsführung üben, kann sich aber selbstverständlich nur auf hervorragende Schauspieler stützen, um Erfolg zu haben. Glücklicherweise überzeugt das Darstellerquartett auf ganzer Linie, sei es Jodie Foster als intellektueller Gutmensch oder Christoph Waltz als arroganter und gewissenloser Anwalt, Kate Winslet als besoffene Brokerin oder John C. Reilly, hinter dessen anfangs sympathischer Fassade ein Macho mit Minderwertigkeitskomplexen zum Vorschein kommt. Alle vier spielen ihre Charaktere authentisch und effektiv, auch wenn diese leider ein wenig stereotyp sind und sich in der kurzen Laufzeit des Films nicht weiter entfalten können. Andererseits ist es aber auch erstaunlich, wie viel in den nur gut 80 Minuten zum Vorschein kommt. Polański hält seine Komödie kompakt und pointiert. Keine Zeile wirkt überflüssig; Längen sucht man vergebens. Ein längerer Handlungszeitraum hätte zwar vielleicht die Charaktere vertieft, aber vielleicht käme Der Gott des Gemetzels dann auch nicht so gut auf den Punkt. So bleibt es ein starker Film über vier Erwachsene, die sich im Grunde keinen Deut zivilisierter als ihre Kinder verhalten, all ihre Zurückhaltung ablegen und sich in ihrer Borniertheit regelrecht zerfetzen. Für den Zuschauer besteht dabei die Gefahr, sich regelrecht tot zu lachen. Vorsicht!

Drive

Drive

Cannes, 2011. Es war Nicolas Winding Refns erste Einladung zum renommiertesten internationalen Filmfestival und direkt ein voller Erfolg. Sein jüngstes Werk Drive lief an, begeisterte die Jury und brachte ihm den Preis für die beste Regie ein. Nachdem Bronson (2008) dem dänischen Regisseur bereits zum Durchbruch in Europa verhalf, ist sein aktueller Film zugleich seine erste Hollywoodproduktion und bei dieser Qualität außerdem eine hervorragende Grundlage für eine aufstrebende Karriere in der amerikanischen Traumfabrik.

Im Mittelpunkt des Filmplots steht der namenlose Protagonist (Ryan Gosling), der tagsüber bei seinem Kumpel Shannon (Bryan Cranston) in der Werkstatt arbeitet und zwischendurch Zusatzeinnahmen durch diverse Autostunts bei Filmproduktionen verzeichnet. Sein wirklich gefährlicher Job ist allerdings der des Fluchtfahrers für Raubüberfälle. Bereits zu Beginn des Films macht der Fahrer deutlich: Er gibt seinen Kunden ein fünfminütiges Zeitfenster, er beteiligt sich nicht am Überfall selbst, er führt keine Waffe mit sich; er tut lediglich eine Sache: Er fährt.
Mit fast schon stoischer Gelassenheit sitzt er am Steuer und manövriert seinen Wagen durch sämtliche Widrigkeiten. Alles ändert sich jedoch, als er seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan) und ihren Sohn kennenlernt. Schon bald wird die junge Mutter zu einer guten Bekanntschaft. Der Fahrer unternimmt mit ihr gemeinsame Ausflüge, ist ihr bei der Reparatur ihres Wagens behilflich und passt auf ihren Sohn auf, wenn sie mal außer Haus ist. Als Irenes Mann Standard (Oscar Isaac) aus dem Gefängnis entlassen wird und sich zu einem weiteren Überfall gezwungen sieht, um seine immensen Schulden bei zwielichtigen Gestalten, die er vor seiner Frau geheimhält, zu begleichen, erklärt sich der Fahrer bereit, zu helfen und das zu tun, was er am besten kann: Fahren. Leider verläuft nicht alles nach Plan. Das Ding geht mehr als nur schief; der Fahrer hinterlässt ungewollt ein paar Leichen und ist nun im Besitz von einer Menge Geld, die ihm nicht gehört.

Das Interessante an der Handlung ist vor allem, die Richtung, die sie einschlägt und ihre Inszenierung. Drive bietet alle Voraussetzungen für einen Thriller und kann grundsätzlich auch diesem Genre zugewiesen werden, wartet jedoch mit einem unerwartet ruhigen Erzähltempo auf, wodurch sich die Geschichte in Richtung Drama verlagert. Den Charakteren und der Entwicklung ihrer Beziehung wird mehr Platz eingeräumt, als für einen Plot mit solch einem Potential für rasante Action üblich ist. Wenn der Fahrer mit Irene und ihrem Sohn Benicio durch ein trockenes Flussbett fährt und dabei den schönen Tag genießt oder ihr bei den Einkäufen hilft, weil ihr Wagen nicht startet, dann vergisst man schon Mal, dass es sich bei Drive eigentlich um einen Film über einen Fluchtfahrer handeln soll. Genau dann allerdings ist man als Zuschauer auch der Figur am nächsten, denn diese glücklichen Momente sind es, die für den Fahrer die Leere seines sonstigen Lebens füllen und ihn seinen riskanten Alltag einfach mal vergessen lassen.
Bei all diesen ruhigen Szenen kann man Nicolas Winding Refn zwar auch vorwerfen, er nutze die Zeit nicht genügend, um seine Charaktere eingehender zu beleuchten, weil er vor allem seinen Protagonisten letztlich nicht viele Worte verlieren lässt, aber diese schüchterne, geheimnisvolle Art gehört auch irgendwie zur Natur des Fahrers. Dass sich hinter seinem Auftreten eine bisher ungeahnte Entschlossenheit verbirgt, die sich in extremen Taten äußern kann, erlebt der Zuschauer besonders in der zweiten Hälfte des Films, wenn sich die Grundstimmung ins Negative verlagert und die Zeit der Abrechnung immer näher rückt. In diesen Momenten wird auch deutlich, warum Refns Film in Deutschland keine Jugendfreigabe erhalten hat, denn die Gewaltdarstellungen sind nahezu kompromisslos – eine Vorliebe des Regisseurs, die sich durch seine gesamte Filmografie zieht.

Wenn man in Cannes den Preis für die beste Regie gewinnt, dann kommt das nicht von ungefähr. Dass Nicolas Winding Refn sein Fach versteht, hat er selbst bei den vergleichsweise rohen und niedriger budgetierten, dänischen Produktionen wie Pusher (1996) oder Bleeder (1999) bereits durchscheinen lassen. Mittlerweile ist sein Stil noch um einiges gereift. Allein die Anfangssequenz, bis erstmals der Filmtitel auf der Leinwand erscheint, erzeugt eine unheimlich dichte Atmosphäre, der man durch das geschickte Zusammenspiel von Beleuchtung, pinker Textfarbe und poppig-elektronischer Musik ein gewisses 80er-Flair nicht absprechen kann. Wie sehr die Kameraarbeit im gesamten Film mit dem Lichteinsatz und der Bildkomposition im Einklang steht, ist kaum zu beschreiben. Der Däne zeigt mit Drive zweifellos seine handwerklich bisher beste Arbeit, die sicher noch den einen oder anderen Filmstudenten in Fragen nach filmischer Ästhetik beschäftigen wird. Die – zugegeben nicht allzu zahlreichen – Actionszenen sind dynamisch inszeniert und mit überzeugender Sounddichte versehen. Was die Filmmusik angeht, so hält sie sich weitgehend dezent, aber durchaus passend. Der Hauptsong A Real Hero mag vielleicht ein wenig kitschig klingen, ist aber letzlich gar nicht so übel.

Wer von Drive nach dem Anschauen des Trailers aber einen satten Actionkracher mit unzähligen Verfolgungsjagden erwartet, liegt genauso falsch wie diejenigen, die bei Nicolas Winding Refns vorherigem Film Walhalla Rising (2009) mit Nonstop-Wikingeraction gerechnet haben. Der Regisseur bringt damit möglicherweise genau den europäischen Arthouse-Touch, den so einige amerikaniche Produzenten suchen. Vielleicht ist das auch eine weitere große Stärke des Dänen: Mit den Erwartungen des Zuschauers zu spielen und basierend auf klaren Konzeptionen überraschend andersartige Filme entstehen zu lassen. Möglicherweise ist es nun genau das, was man in Zukunft von diesem Regisseur erwarten sollte, aber das muss ja nichts schlechtes sein. Ganz im Gegenteil, Drive ist ein ausgezeicheter Film mit dem Potential, nicht wenige Filmliebhaber absolut zu begeistern.

Rango

Rango

Vier Jahre nachdem Gore Verbinski mit dem Piratengenre abschloss und Fluch der Karibik 3 (2007) gedreht hatte, erschien mit Rango sein nächster Film. Dieses Mal stiefelt der Regisseur schnurstracks in den Wilden Westen und Johnny Depp folgt ihm, um dem Protagonisten im ersten abendfüllenden Animationsfilm der Spezialeffektfirma Industrial Light & Magic seine Stimme zu verleihen.

Das Abenteuer beginnt allerdings zunächst nicht ganz so abenteuerlich: In einem Terrarium auf der Rückbank eines Autos ist probt ein Chamäleon  (Johnny Depp) Theaterstücke auf der Suche nach sich selbst. Aber wie es der Zufall so will, kann es seine Identitätskrise schon bald  versuchen, draußen zu bewältigen, denn eine Bodenwelle schleudert das Tier aus dem fahrenden Wagen mitten in die texanische Wüste. Dort trifft der Protagonist auf  eine weitere Echse, das Leguanfräulein namens Beans (Isla Fisher), die sich auf dem Weg in ein kleines Westerndorf  mit dem einladenden Namen Dirt („Dreck“) befindet. Im örtlichen Saloon angekommen, verpasst sich das Chamäleon den Namen Rango. Die Dorfbewohner sind schnell beeindruckt, als der Fremde von einer Geschichte erzählt, in der er sieben Brüder mit nur einer Kugel erledigte. Diese erlogene Prahlerei verhilft Rango daraufhin unverhofft zum Posten des Sheriffs von Dirt, ein erstrebenswerter Posten, wenn es da nicht zwei Probleme gäbe: Zum einen gehen die Wasservoräte des Dorfes zur Neige und zum anderen überleben Sheriffs in Dirt für gewöhnlich nie sonderlich lange.

Die Handlung ist eine weitgehend typische Westerngeschichte, die sich vielfach vor Genregrößen wie Für eine Handvoll Dollar (Sergio Leone, 1964) und – natürlich – Django (Sergio Corbucci, 1966) verbeugt, aber auch selbstverständlich mit ganz eigenen außergewöhnlichen Einfällen aufwarten kann. Zu nennen ist hier allein schon die packende Verfolgungsjagd durch eine Schlucht mit auf Fledermäusen reitenden Maulwürfen. Neben den durchgehend dynamisch inszenierten Actionszenen, in denen Rango und seine illustre Truppe, mit der er die Suche nach dem Wasser angeht, mit allerlei Gefahren konfrontiert werden, sind es besonders die gewitzten Dialoge, die den Film ausgesprochen sympathisch machen. Das titelgebende Chamäleon stiehlt dabei seinen Mitstreitern allerdings ein wenig die Show, denn mal wieder ist es zum einen eine Rolle, die Gore Verbinski für Johnny Depp maßgeschneidert zu haben scheint, auf der anderen Seite befindet sich der Protagonist zugleich auf einer Metaebene, in der er das klassische Heldentum karikiert und reflektiert. Rango wird zu Filmbeginn als schauspielendes Chamäleon präsentiert, im Saloon von Dirt gibt er sich bewusst heroisch und wird schließlich von enthusiastischen Bürgern in eine Rolle gedrängt, die er nach kurzem Zweifel dankend annimmt. Die Wüste wird zu Rangos Bühne, der Sheriffstern sein Kostüm. Und obwohl Rango eigentlich nur den Helden spielt, lässt sich im Laufe des Abenteuers nicht abstreiten, dass ihm diese Rolle vielleicht besser steht, als anfangs gedacht. Eine Gruppe Eulen-Mariachis tut dann ihr übriges und schwächt auf amüsante Weise die filmische Immersion noch weiter, indem sie als begleitende Erzählinstanz auftreten, die immer wieder vom nahenden Tod des Helden singt.

Auf der visuellen Ebene ist Rango ausgezeichnet. Der Stil hebt sich erfreulicherweise von der abstrakteren, cartoonartigen Ästhetik vieler Konkurrenzfilme aus dem Hause Pixar oder Dreamworks ab und besticht durch hohen Detailreichtum sowohl bei Figuren, als auch bei der Umgebung. Die Farbpalette bleibt dem Genre angemessen bei überwiegend erdigen Tönen, was dem Film trotz der nicht zu leugnenden Überzeichnung einen realistischen Touch verleiht. Für die Musik komponierte Hans Zimmer gewohnt gute Stücke, die jede Szene passend untermalen.

Der Animationsfilmeinstand von Gore Verbinski und Industrial Light & Magic darf zweifellos als gelungen bezeichnet werden. Gerade die etwas andere Herangehensweise an bekannte Konventionen – in erster Linie in Gestalt des unterhaltsam und intelligent konzipierten Hauptcharakters – machen Rango zu einem empfehlenswerten Filmspaß.