Blancanieves

Blancanieves - FilmplakatManchmal muss man sich beeilen, ganz gleich, wie ungewöhnlich die eigene Idee auch sein mag. Mit Blancanieves hatte Pablo Berger einen modernen Stummfilm gedreht, doch für die ganz große Überraschung beim internationalen Publikum konnte er nicht mehr sorgen, da ihm Michel Hazanavicius mit The Artist (2011) denkbar knapp zuvorkam. Auswirkungen auf die eigentliche Qualität des Films hat das verpasste Timing aber selbstverständlich nicht. Weiterlesen „Blancanieves“

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John Dies at the End

John dies at the End - FilmplakatDa wird für gewöhnlich jedem Anflug von Spoilern so vorsichtig wie möglich aus dem Weg gegangen und dann kommt einfach Don Coscarellis John Dies at the End daher und verrät dreist im Titel, dass eine seiner zentralen Figuren am Ende das Zeitliche segnen wird. Dieser eigenwillige Umstand der skurrilen Literaturverfilmung ist allerdings noch das geringste Beispiel für das bewusste Brechen mit Konventionen und Erwartungshaltungen, denn was das Abdriften in immer bizarrere und groteskere Gefilde angeht, macht diesem seltsamen Mix aus Fantasy, Horror, Sci-Fi und Komödie so schnell keiner etwas vor. Weiterlesen „John Dies at the End“

Holy Motors

Holy Motors

Leos Carax, mit bürgerlichem Namen Alex Oscar Dupont, gilt generell als schwieriger Umgang, gesprächsscheu und zurückgezogen, ganz auf sein filmisches Schaffen konzentriert. Seine Kunstwerke sind selten, doch wenn sie ihren Weg in das Kino finden, thematisieren die verschiedensten Facetten von denkbaren Lebensgeschichten außerhalb gesellschaftlicher Konventionen. Der nach dreizehnjähriger Langfilm-Abstinenz vollendete Holy Motors ist da keine Ausnahme. Carax ist einmal mehr darauf aus, den Zuschauer zu irritieren, aber auch zu inspirieren; zum Nachdenken zu bringen und zugleich rücksichtslos zu überrumpeln.

Holy Motors folgt einem Tag im Leben des Monsieur Oscar (Denis Lavant), der in einer weißen Limousine durch Paris fährt und eine Reihe von Terminen wahrnimmt. Diese lassen ihn immer wieder in vollkommen unterschiedliche Rollen schlüpfen. Das Fahrzeug fungiert dabei als Masken-, Kostüm- und Requisitenwagen zugleich. Wenn M. Oscar dann aussteigt, tritt er mal als verwahrloste Bettlerin auf einer Brücke auf, entführt als widerwärtiger Gnom ein amerikanisches Model auf einem Friedhof und versucht als glatzköpfiger Auftragskiller seinen Doppelgänger zu töten. In seiner Pause spielt er Akkordeon und versammelt eine Masse musizierender Menschen, die ihm durch eine Kathedrale folgen. Anschließend geht es weiter mit noch mehr eigenartigen Episoden bis M. Oscar schließlich Feierabend macht.

Diese surreale Aneinanderreihung von Geschichten wirkt bisweilen wie eine Kurzfilmsammlung verschiedenster Genres und Stimmungen, verknüpft durch das handlungsgebende Element des M. Oscar, hervorragend verkörpert vom enorm wandlungsfähigen Denis Lavant. Der Schauspieler, der bereits in vergangenen Filmen von Carax Hauptrollen übernahm, wie beispielsweise im fremdartigen Liebesdrama Die Liebenden von Pont-Neuf (1991), stellt hier sein ganzes Können unter Beweis.

So wirkt Holy Motors zwar auch ein Stück weit wie eine kunterbunte Denis-Lavant-Show, doch das funktioniert eigentlich ganz wunderbar. Carax schenkt einer rationalen, übergeordneten Handlung keine Aufmerksamkeit. Die Magie des Augenblicks und die Schönheit des Moments sind hier von viel größerer Wichtigkeit. Der Film wird zugleich auch zu einem Gedankenspiel über Schauspiel in seiner denkbar radikalsten Form. Es gibt keine Kameras, die M. Oscars Treiben festhalten, das Schauspiel wird zur Kunst, die ihre Kraft aus dem Vorgang selbst schöpft. Der Akt verschmilzt mit der Realität, die Trennung wird immer schwieriger, spielt aber auch keine Rolle mehr. Längst ist das wirkliche Leben mit so vielen Rollen durchsetzt, die wir tagein, tagaus einnehmen. Das gesamte Dasein ist ein Spiel, das sich die Welt zum Kino macht.

Erneut – wie auch bereits in Pola X (1999) – lässt Carax die Beschaffenheit und den Zweck der Kunst, sowie den Künstler dahinter zum Fokus seines Films werden. „Was, wenn es keinen Betrachter mehr gibt?“, fragt M. Oscar an einer Stelle und wirft damit nur eine von vielen Fragen auf, die sich um Inszenierung, Illusion und Wirklichkeit drehen. Holy Motors ist ein Kunstfilm durch und durch und als solcher sucht er die Konfrontation mit dem Zuschauer. Antworten präsentiert Carax kaum, dafür regt er zweifellos zum inneren Diskurs über die Bedeutung des Kunstbegriffs an. Und wenn das in Form eines vielfältigen, rauschhaften Kabinetts illustrer Geschichten stattfindet, von denen jeder einzelnen ein ganz eigener Kinozauber innewohnt, dann bitte gerne mehr davon!

Dredd

Dredd

Comicverfilmungen in den 90er Jahren, das war so eine Sache. Damals wie heute erfreute sich das Genre zwar großer Beliebtheit, aber mit Joel Schumachers Beiträgen zum Batman-Universum, Batman Forever (1995) und Batman & Robin (1997), schien seinerzeit ein Tiefpunkt erreicht, was den Anspruch der Umsetzung anging. Umgeben von ebenfalls mäßigen Asterix-Filmen, Lucky Luke (1991) von und mit Terrence Hill, einem alles andere als empfehlenswerten Captain America (Albert Pyun, 1991) und den kultigen, aber mehr vom Nostalgie-Bonus, als durch tatsächliche Qualität profitierenden Turtles-Realverfilmungen, markieren sie eine Epoche, in welcher der comiclesende Kinogänger nicht unbedingt zu beneiden war. Keine Überraschung also, dass sich Judge Dredd (Danny Cannon, 1995) mit Sylvester Stallone  mühelos in die Reihe teurer, aber trashiger Machwerke einfügte.

Ob man nun wirklich jeden Stoff einer Neuinterpretation unterziehen muss und wie das immer häufigere Auftauchen von Remakes und Reboots zu bewerten ist, soll vorerst unkommentiert im Raum stehen. Tatsache ist jedoch, dass die Comics um den Polizisten, Richter und Henker in Personalunion namens Dredd förmlich nach einer filmischen Neubearbeitung schrien, die dem rauen, dystopischen Zukunfstszenario ihrer Vorlage gerecht wurde.

Mit dem letztes Jahr erschienenen Dredd versprach Regisseur Pete Travis, den Fans genau das bieten zu können, wonach sie sich gesehnt haben: Kompromisslose, brutale Action zwischen Gut und Böse in der gigantischen Metropolregion Mega-City One, einem grauen Moloch voller Armut und Kriminalität. Letztere nimmt überhand und kann nur durch die zugleich richtende und vollstreckende Elitepolizeieinheit der Judges bekämpft werden. Einer ihrer größten Veteranen ist Dredd (Karl Urban), der den Auftrag bekommt, in einem der größten Slums der Stadt einem riesigen Hochhauskomplex für Recht und Ordnung zu sorgen, denn in den oberen Stockwerken hat sich die skrupellose Drogenbaronin Ma-Ma (Lena Headey) breit gemacht. An Dredds Seite kämpft die junge, unerfahrene Rekrutin Cassandra Anderson (Olivia Thirlby), die den Judge mit ihren telepathischen Fähigkeiten unterstützen soll.

Was folgt, ist ein dynamisch inszenierter, erbitterter Kampf von Stockwerk zu Stockwerk mit jeder Menge Blei und Blut. Travis macht keinen Hehl daraus, die Handlung linear und actionlastig zu konzipiert zu haben. Emotionaler Tiefgang bleibt zwar auf der Strecke, die Identifikation mit den Figuren fällt schwer und hinterlässt den Zuschauer durchgehend distanziert, dafür aber glänzt Dredd mit einem wirklich coolen Design, starken Visual Effects und pumpendem Soundtrack. Der Anspruch ist nicht etwa wie im 1995er Judge Dredd, dem Charakter des Dredd vergeblicherweise mehr Tiefe zu verleihen, indem man ihn mit seiner Loyalität konfrontiert, in eine kitschige Liebesgeschichte verwickelt und über einen mehr als lächerlich-pseudokomischen Sidekick das Menschliche aus ihm herauszukitzeln versucht, sondern schlicht seine Stärken zu betonen: Dredd ist perfekt für den Kampf gegen das Verbrechen ausgebildet, folgt seinen Prinzipien und fackelt nicht lange. Man mag es Simplifizierung nennen, im Grunde ist es aber eine Rückbesinnung auf das, was die Figur und ihr Handeln ausmacht. Wo Sylvester Stallone vor gut 17 Jahren scheiterte, vermittelt Karl Urbans Auftreten eine überfällige Geradlinigkeit.

Auf der Gegenseite steht mit der Antagonistin Ma-Ma eine Figur von beeindruckender Grausamkeit, gewaltbereit und nicht weniger selbstsicher als der wortkarge Judge, der versucht, sie zu Fall zu bringen. Lena Headey überzeugt als vernarbte Drogenbaronin auf ganzer Linie und erzeugt eine ambivalente Ästhetik zwischen dem Hässlichen dieser Welt und der Schönheit des Augenblicks, hervorgerufen durch die Droge Slo-Mo, die für einige der schönsten Zeitlupenaufnahmen der letzten Jahre sorgt.

Wer dreckige Sci-Fi-Action sucht, die sich auf das Wesentliche konzentriert, liegt hier genau richtig. Es rummst und kracht gewaltig, es geht immer höher, immer härter und ohne lange Verschnaufpausen. Simpel, aber effektiv. Das macht Dredd zu einem sehenswerten, brutalen Spaß mit dem einzigen Anspruch, eben genau das zu sein und nichts weiter.

Berberian Sound Studio

Berberian Sound Studio

Filme über das Filmemachen bieten uns oftmals einen wunderbaren Einblick in den Entstehungsprozess und all die großen und kleinen Probleme, die damit verbunden sind. Während sich jedoch bereits Regisseure wie Federico Fellini in Achteinhalb (1963) und François Truffaut in Die amerikanische Nacht (1973) dem eigentlichen Filmdreh widmeten, sieht man einen Film über die Abteilungen der Postproduktion ausgesprochen selten. Peter Strickland hat sich nun der Sache angenommen und rückt in seinem jüngsten Werk Berberian Sound Studio die nachträgliche Vertonung eines Horrorfilms in den Mittelpunkt.

Italien 1976: Der britische Toningenieur Gilderoy (Toby Jones) tritt seine neue Stelle im Berberian Sound Studio an. Dass er sich dort allerdings um das Sounddesign eines Films ähnlich den Gialli, schockierenden Thriller-/Horrorklassikern der 70er, kümmern soll, wird ihm erst nach der Ankunft bewusst. Das Filmprojekt, in das der schüchterne und mit seinem neuen Arbeitsumfeld noch ein wenig überforderte Mann involviert ist, nennt sich ‚The Equestrian Vortex‘ und handelt vom Okkulten, von grausamen Hexen, mit einer gehörigen Portion brutaler Gewalt und reißerischer Erotik. Gilderoy erfüllt seine Pflichten professionell und gewissenhaft, stößt dabei jedoch immer tiefer in eine scheinbar fiktive Klangwelt vor, deren alptraumhafte Geräuschkulisse nach und nach sämtliche Fasern der Realität zu durchdringen droht.

Berberian Sound Studio ist ein Film über einen Film, dessen unmenschlicher Horror uns nie gezeigt wird. Was dem Zuschauer an visuellen Reizen vorenthalten wird, erreicht ihn umso wuchtiger über die Gehörgänge. Wenn die Schauspielerinnen bei der Nachvertonung in die kleine Kabine vor das Mikrofon treten und sich die Lungen aus dem Leib schreien, sind auf der Leinwand nicht etwa die zu vertonenden Szenen des fiktiven Giallos zu sehen, sondern die Gesichter der Frauen, die bei aufgerissenen Augen und verzerrter Mimik ihre Stimmen zu Instrumenten des Schreckens werden lassen. Wenn es an Handlungssegmente geht, die die Vertonung von brutalen Stürzen aus großer Höhe, dem Herausreißen von Haaren oder auch dem Zufügen von Schmerz durch ein glühendes Eisen erfordern, beobachten wir Gilderoy, wie er mit verschiedenste Gemüsesorten zerreißt, zerrupft oder auf dem Boden aufprallen und zermatschen lässt.

Die Gewalt definiert sich durch die Klänge und manifestiert sich erst vor dem inneren Auge des Zuschauers; ein geschickter Schachzug von Regisseur Strickland, der seiner Giallo-Hommage nicht nur neue Aspekte abgewinnt, indem er den Fokus bei einem eigentlich ausgesprochen visuellen Genre rein auf die auditive Ebene legt, sondern seinen Film auch zu einer Auseinandersetzung mit der Illusion des Kinos macht, wenn die Magie des Films durch ihren dargestellten Entstehungsprozess ein Stück weit in Frage gestellt wird.

Erfindet Strickland den Horrorfilm neu? Sicher nicht, aber altbekannte Elemente werden auf kluge Weise verändert und umgeordnet, um den Zuschauer mit einem ungewohnten Blickwinkel zu konfrontieren. Zwar mag die Handlung hier und da vielleicht etwas dünn und gegen Ende sogar konfus erscheinen, doch wichtiger ist ohnehin die extrem dichte Atmosphäre, die durch Bild und vor allem Ton erzeugt wird. Die einnehmende Sogwirkung des düsteren Tonstudios, ein wie von der Außenwelt isolierter Mikrokosmos, lässt einen nicht mehr los. Berberian Sound Studio ist Verbeugung vor den großen italienischen Klassikern und zugleich Anschauung des filmischen Sinnesbetrugs, dem unsere Wahrnehmung immer wieder aufs Neue erliegt. Erfrischend anders und unheimlich gut.

Die Jagd

Die Jagd

Wie eine unüberlegte Unwahrheit das Leben eines Menschen zur Hölle machen kann, zeigt Thomas Vinterberg in seinem jüngsten Film Die Jagd, einem eindringlichen Drama, das seinem Hauptdarsteller Mads Mikkelsen eine Auszeichnung in Cannes einbrachte.

Lucas (Mads Mikkelsen) hat es wahrlich nicht einfach. Seine Anstellung als Lehrer musste er aufgeben, weil das Gymnasium wegen Schülermangels geschlossen wurde. Jetzt arbeitet er notgedrungen als Erzieher im Kindergarten seines Heimatdorfs, lebt von seiner Frau getrennt und hat kaum Gelegenheit seinen vierzehnjährigen Sohn Marcus (Lasse Fogelstrøm) zu sehen, der bei seiner Mutter lebt und von der Kontaktaufnahme zu seinem Vater abgehalten wird. In der Kindergruppe der kleinen Gemeinschaft betreut er unter anderem auch die fünfjährige Klara (Annika Wedderkopp), die Tochter seines besten Freundes Theo (Thomas Bo Larsen). Das Mädchen himmelt Lucas an, erkennt in ihm einen Halt in der stressigen Situation zwischen Streitigkeiten ihrer Eltern, der Nichteinhaltung von Terminen und einem daraus resultierenden Gefühl der Vernachlässigung. Als sie Lucas im Kindergarten jedoch einen Kuss auf den Mund gibt, macht dieser ihr deutlich, dass das nicht in Ordnung sei. Irritiert und gekränkt erzählt sie der Kindergartenleiterin Grethe (Susse Wold), dass sie Lucas hasse und vermischt ihre Gedanken mit der Erinnerung an ein pornografisches Bild, das ihr von ihrem älteren Bruder vor wenigen Tagen aus Spaß gezeigt wurde. Mit der Behauptung, Lucas habe ihr seinen Penis gezeigt, löst sie unwissentlich eine Hexenjagd aus, deren Missbrauchsvorwürfe den Erzieher an den Abgrund treiben.

Die filmische Behandlung des Themas Kindesmissbrauch ist für Vinterberg nichts neues. Bereits 1998 widmete er sich in Das Fest innerfamiliären Zerwürfnissen und einer alles überdeckenden Scheinheiligkeit, die einen Mantel kollektiven Schweigens über eine solche Tat legte. Von einem müden Aufguss ist Die Jagd allerdings weit entfernt. Zunächst einmal sind die Zeiten der Dogme-95-Bewegung für den Regisseur wohl endgültig vorbei. Der körnige, dokumentarische Handkamerastil, der Verzicht auf zusätzliche Ausleuchtung und die nicht vorhandene Musik sind längst einer klaren, bodenständigen Ästhetik gewichen, die aber nach wie vor authentisch und unterstützend wirkt, sich den Figuren und ihren persönlichen Dramen unterordnet.

Inhaltlich tritt an die Stelle eines verachtenswerten Heile-Welt-Gehabes nun eine nicht minder abscheuliche direkte Offensive, die eine ganze Ortschaft gegen einen einzelnen Mann aufbringt. Die Rollen scheinen klar verteilt zu sein, denn wir wissen ja, dass Lucas nichts getan hat, und doch lässt sich die Schuldfrage nicht ohne weiteres abhaken. Klara versucht den Erwachsenen zu erklären, dass sie gelogen und etwas dummes gesagt hat, doch es ist bereits zu spät. So richtig zugehört wird ihr diesmal nicht. Vinterberg zeigt uns Blindheit und Verständnislosigkeit, die einerseits wütend macht, sich andererseits jedoch nicht undenkbar anfühlt. Unmenschlich? Definitiv. Aber auch ein Stück weit nachvollziehbar, wenn man sich in Theo hineinversetzt, der in dem Glauben ist, dass sich sein bester Freund an seiner kleinen Tochter vergriffen hat. Es sind unangenehme Gedanken zu denen der Regisseur seine Zuschauer zwingt.

Die Problematik ist nicht nur zeitlos wichtig, sondern auch gerade in Dänemark hochaktuell. Die öffentliche Diskussion um Kindesmissbrauch an Kindergärten und einige tatsächliche – nicht zwangsläufig bewiesene – Verdachtsfälle aus den vergangenen Jahren bewirkten, dass sich männliche Erzieher inzwischen  hilflos, verunsichert und vor allem stark eingeschränkt fühlen. Strenge Reglementierungen legen fest, dass sie sich nicht mehr allein in einem Raum mit den Kindern aufhalten dürfen, dass sämtliche Türen des Gebäudes immer offen sein müssen und dass sogar in einigen Einrichtungen Körperkontakte wie Umarmungen oder auf den Schoß setzen verboten sind. Die tatsächliche Zahl der Missbrauchsfälle ist nicht gestiegen, wohl aber ein übersensibler Drang nach Schutz, der zu einer beinahe obsessiven Angst angewachsen ist.

Daher ist Vinterbergs Die Jagd auch ein Spiegel der gegenwärtigen dänischen Gesellschaft und ihrem Umgang mit Richtlinien zum Schutz vor sexuellen Übergriffen an Kindern. Hinter diesen Verordnungen mögen die besten Absichten stecken, wie auch hinter dem kollektiven Ausschluss Lucas‘ von der Dorfgemeinschaft, doch letztlich hat die Medaille auch eine leider zu wenig beachtete Kehrseite, wenn unschuldige Menschen fortan unter Dauerverdacht stehen. Der Film konkretisiert einen dieser Verdachtsfälle, denkt ihn konsequent weiter und zeigt uns eindrucksvoll wie ein Mensch beobachtet, isoliert und anschließend gejagt wird. Absolute Empfehlung, aber nichts für heitere DVD-Abende.

Killer Joe

Killer Joe

Nach fünfjähriger Drehpause meldete sich William Friedkin 2011 mit einem neuen Langfilm zurück. Bekannt wurde er als prägender Regisseur der New-Hollywood-Ära mit Brennpunkt Brooklyn (1971) und Der Exorzist (1973). Sein jüngstes Werk brachte ihm bei den Filmfestspielen in Venedig eine Nominierung für den goldenen Löwen ein, ist die Adaption eines Theaterstücks von Tracy Letts und nennt sich schlicht Killer Joe.

Chris (Emile Hirsch) steht das Wasser bis zum Hals: Sein Stoff ist abhanden gekommen und nun schuldet er einem Drogenbaron eine ganze Menge Geld. Die Zeit rennt ihm davon, als ihm die Idee kommt, einen Auftragsmörder auf seine Mutter anzusetzen. Seines Wissens nach ist ihre 50.000 Dollar schwere Lebensversicherung auf seine geistig beeinträchtigte Schwester Dottie (Juno Temple) ausgestellt, die gemeinsam mit ihm, ihrem Vater Ansel (Thomas Haden Church) und dessen zweiter Frau Sharla (Gina Gershon) in einem Trailerpark lebt. Zu diesem Zweck kontaktiert Chris den charismatischen Cop Joe (Matthew McConaughey), der sich nebenberuflich als Killer ein wenig hinzuverdient. Da die Familie nicht in der Lage ist, Joes Honorar im Voraus zu bezahlen, lässt er sich auf einen Kompromiss ein und akzeptiert die junge Dottie als Vorschuss. Doch als die Sache nicht ganz so läuft, wie sich alle Beteiligten vorstellen, zeigt sich auch, dass mit dem freundlichen Auftragskiller nicht zu spaßen ist.

Killer Joe basiert auf einem Bühnenstück und beschränkt sich als solches auf eine handvoll Figuren und wenige Locations. Friedkin verfilmt praktisch einen Neo-Noir auf engstem Raum, denn seine Charaktere verwehren sich jeder Einteilung in ‚gut‘ und ‚böse‘. Stattdessen sind alle Interaktionen und deren Motivationen miteinander verwoben; ein Geflecht verzweifelter Taten und zwielichtiger Naturen. Lediglich die von Juno Temple überzeugend verkörperte Dottie bewegt sich in einem naiven Taumel durch ihr opportunistisches Umfeld. Chris stürzt immer tiefer in einen Strudel der Aussichtslosigkeit, Ansel ist ein Feigling und Sharla ein selbstsüchtiges Biest.

Zwar ist Friedkins Darstellung dieser Familie aus der amerikanischen Unterschicht nicht völlig frei von Klischees, aber Killer Joe eben auch keine Sozialstudie. Dafür sorgt allein schon der Auftritt der titelgebenden Figur, die zwischen all den Emotionen und der negativen Energie, die vom restlichen Cast ausgeht, fast schon auf irrsinnige Weise am vernünftigsten erscheint, obwohl er derjenige ist, der gegen Bezahlung Menschen tötet. Seine charmante, sachliche Art steht damit natürlich in einem Kontrast zu seinem Beruf, was filmgeschichtlich betrachtet nun nichts neues wäre, doch tatsächlich ist Joe als Charakter weit komplexer und ambivalenter angelegt als es der erste Eindruck vermuten ließe. Die Faszination, die er auf die Familie und auf den Zuschauer ausübt, ist natürlich dem überragenden Schauspiel Matthew McConaugheys zu verdanken, der hier zweifellos eine seiner besten Leistungen zeigt.

Mit seiner Handlung, die Prinzipien folgt, bei denen alles irgendwie anders – sprich: schlimmer – läuft, als geplant und jeder einzelne nach dem für ihn bestmöglichen Ausweg sucht, steht Killer Joe ein wenig in der Tradition von Filmen wie Fargo (Joel & Ethan Coen, 1996) und Snatch (Guy Ritchie, 2000). Die Schwarzhumorigkeit kommt auch bei Friedkin nicht zu kurz und doch geht er noch einen drastischeren Schritt weiter ins Abscheuliche und Absurde, wenn es im Schlussdrittel zum bitterbösen Finale kommt, das definitiv nicht jedem schmecken wird. Wer sich nun auf Killer Joe einlässt, sieht ein groteskes Kammerspiel, das in eine abstoßende und doch genau richtige Eskalation mündet, bei der jeder Charakter das bekommt, was er verdient. Gleichzeitiger Verzehr von Chicken Wings auf eigene Gefahr!

Life of Pi

Life of Pi

Wenn es eine Sache gibt, die Ang Lee und seine Filme auszeichnet, dann ist das die enorme thematische Vielfältigkeit. Schier mühelos wechselt der taiwanische Regisseur zwischen Genres und Kulturen hin und her. Ob nun Tiger & Dragon (2000), ein chinesischer Wuxia-Film, oder Brokeback Mountain (2005), ein US-Drama über homosexuelle Cowboys, Lee fühlt sich in den unterschiedlichsten Geschichten wie zuhause. Sein neuester Streich ist Life of Pi, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellerromans von Yann Martel, der von einem indischen Jungen und einem bengalischen Tiger handelt, die nach einem Schiffbruch in einem Rettungsboot über das Meer treiben.

Wie überlebt man 227 Tage auf hoher See, wenn der einzige Begleiter eine hungrige Raubkatze ist? Piscine Molitor Patel (als Jugendlicher: Suraj Sharma; als Erwachsener: Irrfan Khan), genannt Pi, teilt sein unglaubliches Abenteuer mit einem Schriftsteller (Rafe Spall), der seinen Glauben verloren hat.
Politische Unruhen zwingen den jungen Pi, Sohn eines Zoodirektors, und seine Familie, Indien zu verlassen und nach Amerika auszuwandern. Mit an Bord des Ozeandampfers, auf dem sie ihre Reise antreten, sind auch sämtliche Tiere des Zoos. Als das Schiff in einem gewaltigen Sturm kentert, ist Pi der einzige menschliche Überlebende und teilt sein Rettungsboot fortan lediglich mit einem bengalischen Tiger namens Richard Parker.

Pis Prioritäten ändern sich selbstredend schlagartig und fordern seinen Mut, seinen Einfallsreichtum und seinen Glauben. Ein behelfsmäßiges Mini-Floß soll den Jungen Tag und Nacht vor seinem gefräßigen Begleiter schützen, gleichzeitig muss Richard Parker ebenso mit ausreichend Nahrung versorgt werden, damit er sich nicht gegen Pi wendet. Was ohnehin schon als eine außergewöhnliche Grundlage für eine Geschichte betrachtet werden kann, nimmt einen noch unglaublicheren Verlauf in Richtung Fantastik, wenn Mensch und Tiger einige surreale Erfahrungen machen; seien es nun tausende von Leuchtquallen, ein Schwarm fliegender Fische oder ein von zahlreichen Erdmännchen beheimatetes Eiland. In diesen Szenen spielt der Film dann seine Stärken voll aus, denn die audiovisuelle Kraft von Life of Pi ist enorm. Die Spezialeffekte können auf ganzer Linie überzeugen, sind dabei jedoch nie bloßer Selbstzweck, denn eine unglaubliche Geschichte verlangt natürlich auch nach unglaublichen Bildern. Das Glanzstück der zauberhaften Inszenierung ist allerdings der Tiger Richard Parker, am Computer erstellt und doch so unheimlich lebensecht. Durch seine Mimik und Gestik wird der Tiger zu einer authentischen Figur, die Angst einflößt, zum Lachen bringt oder zu Tränen rührt. Glücklicherweise lässt Lee dem Kitsch keine Chance: Richard Parker wird zu keinem Zeitpunkt vermenschlicht, in jedem Augenblick spürt man das Raubtier in ihm.

Von Pis Kindheit, die einen Jungen hin- und hergerissen zwischen Hinduismus, Islam und Christentum zeigt, bis hin zum Fazit, mit dem der gealterte Pi seine Erzählung vom Dasein als Schiffbrüchiger abschließt: Life of Pi beschäftigt sich zwar mit einer allgegenwärtigen Glaubensthematik, dies jedoch auf erfrischend unverkrampfte Art ohne Belehrungs- oder Missionierungsdrang. Die religiöse Komponente gibt keinen „richtigen“ Weg vor, sondern verweist auf ganz verschiedene Möglichkeiten. Ein derart freiheitlicher Ansatz wird somit eher zu einem philosophischen Konzept, das niemanden abschrecken sollte, diese unvergessliche, märchenhafte Erfahrung zu machen, ein – völlig zurecht – oscarnominiertes Filmabenteuer zu bestaunen.

Looper

Looper

Nach dem herausragenden Brick (2005), einem Neo-Noir mit Highschool-Setting, und dem gelungenen Brothers Bloom (2008), einer Komödie über ein Brüderpaar von Trickbetrügern, stößt Regisseur Rian Johnson nun in das Science-Fiction-Genre vor und präsentiert mit seinem dritten Spielfilm Looper einen Blockbuster, der nicht nur sich, sondern auch seine Zuschauer ernst nimmt.

Wir schreiben das Jahr 2044; Zeitreisen sind noch nicht erfunden, aber einige Jahre später werden sie es sein. Und man wird sie verbieten. Doch kriminelle Subjekte und Gruppierungen nutzen illegale Zeitmaschinen, um unerwünschte Personen auszulöschen. Menschen werden in die Vergangenheit zurückgeschickt und dort von sogenannten Loopern hingerichtet. Anschließend werden die Leichen verbrannt und damit jede Spur verwischt. Es ist, als hätten sie nie existiert. Joe (Joseph Gordon-Levitt) ist einer dieser Looper, ein egozentrischer Henker, der keine Fragen stellt, solange er bezahlt wird. Das Opfer taucht vor ihm am vereinbarten Ort zum vereinbarten Zeitpunkt auf, Joe erschießt es und kassiert. Routine.
Jeder Looper gelangt in seinem Leben außerdem an den Punkt, an dem er seinen letzten Job, nämlich sich selbst erledigt. Anschließend hat er die nächsten dreißig Jahre ein unbeschwertes Leben, bis er schließlich durch die Zeit zurückgeschickt und von seinem vergangenen Ich getötet wird, damit sich seine Auftraggeber von jeder möglichen Verbindung lösen. Man spricht hierbei vom Schließen seines Loops. Als Joe jedoch eines Tages seinem zukünftigen Ich (Bruce Willis) gegenübersteht, zögert er und ermöglicht seinem Loop damit die Flucht. Wer seinem Loop entkommen lässt, ist allerdings geliefert: Joes Arbeitgeber sehen sein Versagen gar nicht gerne und wenn er seine eigene Haut retten will, muss er schleunigst sein dreißig Jahre älteres Ich aufspüren und töten. Der Joe aus der Zukunft kann sich mit dieser Idee aber natürlich gar nicht anfreunden und verfolgt stattdessen seine ganz eigenen Pläne.

Looper ist ein einfallsreicher Thriller im Sci-Fi-Gewand. Wie im Genre so üblich funktioniert das immer dann besonders gut, wenn die Handlungsprämisse mindestens interessant und bestenfalls innovativ ist. Die Geschichte um Auftragskiller, die ihre Opfer aus der Zukunft geschickt bekommen, fügt sich in eine Reihe von Zeitreisefilmen ein, darf aber durch diesen etwas anderen Ansatz an die Thematik als gelungener Unterbau für die Filmhandlung bezeichnet werden. Statt die innere Logik seiner aufgestellten Plotregeln zum Mittelpunkt des Geschehens zu machen und lediglich durch eine Actionsequenz nach der anderen zu verbinden, rückt Rian Johnson das Storytelling in den Fokus. Er verleiht der Handlung auf diese Weise nicht nur eine gewisse Komplexität, sondern nähert sich seinen Figuren auch auf emotionaler Ebene an. Ein Aspekt, den vergleichbare Sci-Fi-Blockbuster wie beispielweise Inception (Christopher Nolan, 2010) trotz ihrer handwerklichen Qualitäten zu sehr außer Acht lassen. Doch Johnson ist der emotionale Zugang zu seinen Charakteren wichtig. Aus diesem Grund lässt er es sich auch nicht nehmen, den Plot des Films immer wieder zu entschleunigen, um den Figuren mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Der Plan geht deshalb auf, weil das durchdachte Drehbuch mit seinen Wendungen garantiert, dass der nächste spannende Augenblick dennoch nie zu lange auf sich warten lässt. Der Regisseur bleibt seinem intelligenten Erzählstil treu und verweigert sich der rasanten Eintönigkeit vieler Actionthriller, deren dünne Handlung ohnehin nur Mittel zum Zweck ist.

Visuell erinnert Looper in seinen Großstadtsequenzen durch die Lichteffekte an Klassiker wie Blade Runner (Ridley Scott, 1982), spielt sich jedoch besonders in der zweiten Filmhälfte mehr auf dem Land ab, wo die futuristischen Elemente weniger zum Tragen kommen und eher dezent eingesetzt werden. Dadurch wahrt der Film eine ungewöhnliche Authentizität, die ihm gut zu Gesicht steht.
Der Look von Joseph Gordon-Levitt als Joe mag zunächst gewöhnungsbedürftig sein, erscheint aber angesichts der Tatsache, dass sein zukünftiges Ich von Bruce Willis verkörpert wird, letztlich doch sehr passend. Die Maske leistete gute Arbeit; eine Ähnlichkeit der beiden Gesichter lässt sich nicht abstreiten. Und wen die Geschichte genügend fesselt, der stört sich an Gordon-Levitts angepasstem Aussehen auch nicht länger.

Auf einem Markt von zahlreichen teuren Hollywoodproduktionen, die nicht mit Spezialeffekten geizen, wohl aber desöfteren am Drehbuch sparen, zeigt sich Looper als gelungene Abwechslung zum anspruchslosen Effektkino. Massenkompatibilität muss eben nicht zwangsläufig negativ konnotiert sein, doch die in der Traumfabrik vorherrschende Hirn-aus-und-ab-die-Post!-Mentalität, wenn es um große Blockbuster geht, wird leider nicht verschwinden, solange sie sich auszahlt.