Prometheus

Prometheus

Für die einen ist Ridley Scotts Prometheus ein blasphemisches Prequel der Alien-Reihe, ein Projekt, das an seinen eigenen Ansprüchen scheitert. Andere wiederum haben in dem Science-Fiction-Film einen ihrer persönlichen Höhepunkte des aktuellen Kinojahres gefunden und sind Scott für seine Rückkehr in das Genre dankbar. Doch was ist Prometheus nun wirklich? Die Erwartungen waren im Vorfeld jedenfalls enorm, denn kaum ein anderer Film wurde dieses Jahr derart gehypt.

Als Vorgeschichte zum Science-Fiction-Klassiker von 1979 angelegt, spielt Prometheus einige Jahre vor Ellen Ripleys Erstkontakt mit dem Alien.
Die Handlung beschäftigt sich mit nichts geringerem als der Suche nach dem Schöpfer der Menschheit. Angeregt von einem in unterschiedlichen Höhlenzeichnungen an ganz verschiedenen Orten der Welt auftauchenden Sternenbild, begibt sich eine Forschergruppe um Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) auf eine Mission, den Ursprung der rästelhaften Abbildungen zu untersuchen. Ziel des Forschungsschiffes Prometheus ist der Planet LV-223, innerhalb jenes geheimnisvollen Systems. Neben Shaw und Holloway gehören zur siebzehnköpfigen Besatzung auch der Androide David (Michael Fassbender) und die kühl kalkulierende Meredith Vickers (Charlize Theron), die als Leiterin des Unternehmens vor allem die Interessen der Weyland Corporation wahrt, der Firma, die das ambitionierte Projekt finanziert.
Als die Crew jedoch auf der Planetenoberfläche nicht nur die Relikte ihrer möglichen Schöpfer entdeckt, sondern auch auf eine unbekannte, schwarze Substanz stößt, wird die Forschungsreise zum alptraumhaften Überlebenskampf.

Nun spaltet der Film sichtlich die Gemüter. Auf der einen Seite wird die hohe audiovisuelle Qualität gelobt, andererseits richtet sich viel Kritik gegen das Drehbuch und die Charaktere. Tatsächlich sind die Figuren, die uns im Film als ein Team von Experten vorgestellt werden, bisweilen so naiv und unvorsichtig, dass man sich fast schon entsetzt an den Kopf greifen muss. Nicht nur, dass die Crew beispielsweise recht früh auf die Idee kommt, einfach die Helme abzusetzen, nein, auch die Neugier scheint bei so manch einem Forscher die Vernunft außer Kraft zu setzen. Nachvollziehbareres Handeln hätte dem ein oder anderen Charakter gut zu Gesicht gestanden und ihn vermutlich vor einem vermeidbaren Tod bewahrt. Die Handlung selbst ist logischerweise unweigerlich mit diesen Schwächen verknüpft, wenn bestimmte Plot Points überhaupt erst nur durch unkluges Verhalten ausgelöst werden. Darüber hinaus fungiert die schwarze Substanz, die auf dem Planeten gefunden wurde, für Scott und seine Drehbuchautoren als flexibles Element, dass je nach Wunsch, den Plot in eine bestimmte Richtung lenkt. Mal fungiert sie als säureähnlicher Stoff, dann wieder als Träger einer Infektion, zu variabel sind die Eigenschaften der außerirdischen Flüssigkeit, ihre Inkonsistenz hinterlässt einen faden Beigeschmack.

Bei all den Makeln, die in der Filmhandlung stecken, ist es aber auch lobenwert zu erwähnen, wie sich Prometheus nicht einfach nur gedankenlos in den Alien-Kanon einfügen will, sondern stattdessen einen etwas anderen Stil anstrebt. Der geradlinige Horror ist einer komplexeren Struktur gewichen, einer Art Sci-Fi-Thriller, der zwar nach wie vor auf eine finstere Bedrohung setzt, sich aber auch mit Fragen nach dem Sinn des Lebens oder der Überwindung der eigenen Sterblichkeit befasst. Dabei durchdringt Scotts Film zwar zu keinem Zeitpunkt die Oberfläche des philosophischen Potentials, aber verleiht sich so eine ganz eigene Identität. Da die Laufzeit des Films natürlich nicht ausreicht, diese prinzipiell umfangreiche Thematik ausreichend zu bearbeiten und zugleich spannende Thriller-/Horrorkost zu bieten, bleiben am Ende einige Fragen unbeantwortet. Zusätzlich muss aber auch bedacht werden, dass bereits jetzt sowohl ein längerer Director’s Cut, der den Film um eine gute halbe Stunde erweitern könnte, angekündigt wurde, als auch mögliche Sequels. Inhaltliche Sackgassen, die in der Kinoversion vorkommen, müssen demnach nicht zwangsläufig für immer ins Leere führen. Dass dem Zuschauer die längere Schnittfassung zunächst vorenthalten wird, nur um sie nachträglich als BluRay auf den Markt zu bringen, ist selbstverständlich rein kommerziell motiviert; bedauerlich, aber nicht überraschend.

So negativ sich das Ganze bisher auch lesen mag, stellt sich doch die Frage, wie schwerwiegend die inhaltlichen Unzulänglichkeiten sind, besonders unter Berücksichtigung der Ästhetik, die ausgesprochen gut gelungen ist. Sobald das Forschungsteam Fuß in die eigentümlichen Gebäude auf der Planetenoberfläche setzt, ist es nämlich wieder da, das unbehagliche Gefühl, das einst Alien beim Zuschauer auszulösen vermochte. Das Setdesign sorgt einmal mehr für eine enorme Faszination, eine dichte Atmosphäre und eine beklemmende Paranoia, dass man angesichts dessen auch den einen oder anderen Fehltritt verzeihen mag. Wenn sich der Zuschauer dennoch stets bewusst macht, dass Prometheus zwar im Alien-Universum spielt, aber seinen eigenen Weg geht und kein bloßer Abklatsch des altbekannten Konzepts sein möchte, dann funktioniert Scotts neuestes Werk auch als stimmiger Horrorthriller, den jeder Science-Fiction-Fan gesehen haben sollte.

Moonrise Kingdom

Moonrise Kingdom

Das Filmfestival von Cannes hat traditionell eher den Fokus auf bedeutsame, ernste Filme gerichtet. Umso erfrischender also, dass es 2012 mit einer gewissen Leichtigkeit eröffnet wurde, als Wes Anderson seine neue Komödie Moonrise Kingdom präsentierte.

Wir schreiben das Jahr 1965. Ort der Handlung: Eine kleine Insel ohne befestigte Straßen vor der Küste von New England. Der zwölfjährige Sam (Jared Gilman) ist Pfadfinder bei den Khaki Scouts, die gleichaltrige Suzy (Kara Hayward) die introvertierte Tochter eines neurotischen Anwaltspaars (Frances McDormand & Bill Murray). Die Kinder verlieben sich ineinander und beschließen, der Welt den Rücken zu kehren und in die Wildnis zu fliehen. Selbstverständlich sind die Erwachsenen ganz und gar nicht damit einverstanden. Scout Master Randy Ward (Edward Norton) organisiert seine Pfadfinder umgehend zu einem Suchtrupp, Suzys besorgte Eltern setzen ihre Hoffnung in den Polizisten der Insel, Captain Sharp (Bruce Willis). Es dauert nicht lange, bis die Suche nach den beiden Ausreißern eine immer größere Personenzahl involviert und als zu allem Überfluss auch noch ein gewaltiger Sturm die Inselregion heimsucht, droht der jungen Liebe ein jähes Ende.

Auf den ersten Blick bleibt der Regisseur seinem Stil treu: Moonrise Kingdom ist ein waschechter Wes Anderson mit dysfunktionalen Familien und jeder Menge bunter Details, die seine typische Ästhetik prägen. Alles wie gehabt? Nicht ganz, denn zum einen verbergen sich unter der Oberfläche des Films ganz persönliche Erfahrungen und Erinnerungen aus Andersons Kindheit im Pfadfinderlager, die ihn zu dieser Geschichte inspirierten. Das Verhältnis des Regisseurs zu seinem Werk ist dieses Mal also deutlich intimer als bei seinen vorherigen Filmen und verleiht ihm eine autobiografische Note.
Im Widerspruch dazu – und das ist die auffallendste Schwäche des Films – steht seltsamerweise die ungewöhnliche Distanz, die der Zuschauer zu den Figuren hat. Ganz anders als beispielsweise in Die Royal Tenenbaums (2001), Die Tiefseetaucher (2004) und Darjeeling Limited (2007) bleiben die Charaktere in Moonrise Kingdom blasser als gewohnt. Anderson kratzt hier nur an der Oberfläche und erreicht zu keinem Zeitpunkt die emotionale Tiefe, die seine Filme sonst so auszeichnet. Insbesondere gegen Ende zeigt sich auch die Dramaturgie als nicht ganz so ausgeklügelt, wenn sich die Ereignisse ein wenig überschlagen und die Geschichte zu einem gehetzten Ende gebracht wird, mit dem es sich Anderson ein wenig zu einfach macht.

Trotzdem bietet Moonrise Kingdom starke Unterhaltung und wird für Freunde skurriler Komödien sicher nicht langweilig. Es handelt sich zwar nicht um Wes Andersons besten Film, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Visuell zeigt sich der Regisseur mal wieder in Hochform. Verblichene Gelbtöne dominieren die Farbpalette ohne ins allzu Künstliche eines Jean-Pierre Jeunet abzudriften. Kostüm- und Setdesign sind herausragend stilvoll und zeigen einmal mehr, wie es Anderson gelingt, ein dichtes, ästhetisches Universum zu errichten, das all seine Filme verbindet. Das aufgebotene Darstellerensemble spielt seine Rollen überzeugend, sowohl die etablierten Stars um Murray, Willis und Norton, als auch die beiden Jungschauspieler Kara Hayward und Jared Gilman. Der Soundtrack reicht von opulenten Orchesterstücken bis hin zu französischen Chansons und untermalt die Bilder perfekt.
An manchen Stellen fragt man sich zwar, ob Moonrise Kingdom nicht ein wenig mehr Substanz hätte vertragen können, in Anbetracht der so liebevoll erzählten Geschichte möchte man Anderson diesen Makel aber gern verzeihen und den Film genießen.