Videodrome

Videodrome

Ob nun Survival à la Alien (Ridley Scott, 1979) und Das Ding aus einer anderen Welt (John Carpenter, 1982), unzählige Teenieslasher oder Geschichten über paranormale Aktivitäten in Häusern: Horrorfilme und -spielarten gibt es zuhauf. Wovor man sich aber am meisten gruselt, bleibt eine ganz persöhnliche Angelegenheit. Sollte man jedoch jener Horrorart zugetan sein, die mit Zeit- und Raumwahrnehmung von Protagonist und Zuschauer spielt, ihre Figuren mit einem fremdartigen, monströsen Geheimnis konfrontiert und eine Faszination oder gar Obsession mit jenem Etwas auslöst, das in das Menschsein eindringt, um Geist und/oder Körper zu verändern, dann ist man bei den Filmen von David Cronenberg prinzipiell gut aufgehoben.

Im 1983 erschienenen Videodrome geht es um Max Renn (James Woods), den Betreiber eines kleinen TV-Senders mit Nischenpublikum, immer auf der Suche nach neuen Extremen von Sex und Gewalt. Als er über seinen Techniker Harlan (Peter Dvorsky) auf ein verschlüsseltes Programm stößt, das reale Folterszenen und Tötungen unter dem Namen Videodrome ausstrahlt, versucht Max Kontakt zu dem Sender aufzunehmen, denn diese kontroversen Inhalte sind womöglich genau das, was sein eigener Kanal braucht. Dabei begibt er sich nichtsahnend auf eine verstörende Reise in einen bizarren Alptraum zwischen physischen Transformationen und finsteren Verschwörungen, die ihn an die Grenzen der Wahrnehmung treiben.

Nun ist Cronenberg hinlänglich als Meister des Body Horror bekannt und auch Videodrome ist diesbezüglich nicht gerade zimperlich, doch zugleich ist der Film noch weit mehr als das. Mit Fleisch und Blut hält sich der Kanadier, wie gewohnt, nicht zurück, aber den Großteil seiner Kraft schöpft der Film aus Max‘ berechtigten Zweifeln an seinem eigenen Realitätsempfinden. Videodrome erzeugt eine schattenhafte Atmosphäre, die Fragen nach Halluzination und Wirklichkeit nicht eindeutig beantwortbar machen. Thematisch verwoben ist auf geschickte Weise die allgegenwärtige, manipulative Macht der Medien, die sich symbolisch und motivisch in jeder Szene manifestiert. Protagonist Max wird dabei gleichermaßen zum Spielball eines kafkaesken Horrorszenarios und zum Sinnbild des Zuschauers, dem Cronenberg hier vor 20 Jahren bereits die zeitlose Frage nach den Auswirkungen und Abhängigkeiten von medialer Unterhaltung stellte. Wenngleich er in seiner beängstigenden und eben auch brutalen Bildsprache sein Anliegen auf die Spitze treibt, hat der Film in seiner Kernaussage auch heute nichts an Aktualität eingebüßt.

Videodrome ist eklig, intelligent und gesellschaftskritisch in einem. David Cronenberg gelang ein surreales Kunstwerk, ein wirklich kluger Horrorfilm, der sich in die Psyche einnistet und seine Botschaft in alptraumhaften Bildern vermittelt. Ob als bloßer fleischiger Schocker oder eben mit all seinen Facetten der Medien- und Konsumkritik, Videodrome funktioniert auf so vielen Ebenen, dass es schon fast ein Unding wäre, würde sich jemand Horrorfan schimpfen und gleichzeitig diesen Klassiker nicht kennen. In diesem Sinne:

„Long live the new flesh!“

eXistenZ

Existenz

Spätestens seit den 90er Jahren stößt man im Science-Fiction-Genre immer öfter auf alternative Realitätsebenen. Sei es nun im actionorientierten Blockbusterkino wie Matrix (Andy & Lana Wachowski, 1999) und Inception (Christopher Nolan, 2010) oder in den zu Unrecht weniger beachteten Filmperlen, die die Thematik nicht selten intellektueller, psychologischer und abgründiger verarbeiten wie beispielsweise Dark City (Alex Proyas, 1998). Zu Filmen letzterer Art gehört auch David Cronenbergs eXistenZ, der das Spiel um virtuelle Realitäten gekonnt mit dem für den kanadischen Regisseur so typischen Body Horror vereint.

Die Zeit der konventionellen Videospiele, ist passé. Heutzutage kann ein Spiel – einmal mit dem menschlichen Körper verbunden – direkt vor dem geistigen Auge erlebt werden. Möglich macht diese Art der Unterhaltung vor allem die führende Game-Designerin Allegra Geller (Jennifer Jason Leigh). Bei der öffentlichen Vorführung ihrer neuesten Schöpfung, eXistenZ, kommt es jedoch zu einem terroristischen Angriff, der ihre Ermordung zum Ziel hatte. Gemeinsam mit Ted Pikul (Jude Law), der sich seinen neuen Job in der Marketingabteilung ganz anders vorgestellt hatte, gelingt es Allegra zu fliehen. Besorgt darüber, dass ihr „Game Pod“ Schaden genommen haben könnte, bittet sie Ted darum, mit ihr das Spiel zu betreten, um auf Nummer sicher zu gehen.

Was dann folgt ist ein unbehaglicher Trip in eine virtuelle Realität, deren künstliche Charaktere eine irritierende Befremdlichkeit ausstrahlen und sowohl Ted, als auch den Zuschauer ein wachsendes Gefühl von Paranoia erleben lassen. Cronenbergs visuelle Gestaltung der Spielwelt ist dabei aber niemals extravagant oder aufdringlich. Teure CGI-Effekte sucht man vergeblich. Wird zwischen den Ebenen gewechselt, äußern sich die Unterschiede viel subtiler, beispielsweise in leicht veränderter Kleidung, merkwürdigen Gegenständen und ungewöhnlichen Dialogen mit den nichtmenschlichen Figuren. Die visuell ausgefallensten Elemente sind hier sicherlich die organischen Gerätschaften wie etwa der fleischige, nierenähnliche Pod, der über eine Art Nabelschnur an einen Menschen angeschlossen wird, um das Spielen zu ermöglichen oder die aus Fleisch und Knochen bestehende Pistole, die Zähne verschießt.

Auch wenn Cronenberg natürlich mit der Wahrnehmung seiner Zuschauer spielt, ist eXistenZ allerdings keineswegs zu verkopft. Im Gegenteil, die merkwürdige Atmosphäre, die Konfusion der Hauptcharaktere, sorgt auch für den ein oder anderen amüsanten Moment. Darüber hinaus lässt es sich der Regisseur ebenfalls nicht nehmen, die Handlung mit bizarren, sexuell aufgeladenen Metaphern zu versehen. Allein dadurch, dass man ein Videospiel über einen organischen Schlauch in eine kleine Öffnung im unteren Rückenbereich anschließt, bieten sich dafür selbstverständlich genügend Möglichkeiten. Wie soll man den Film also einordnen? Es ist Science-Fiction über künstliche Welten, die auf effektgeladenes Spektakel verzichtet, aber stattdessen mit cronenberg’schem Bio-Ekel angereichert ist ohne jedoch zu stark in Richtung klassischem Horror zu driften. eXistenZ ist ein mysteriöser Thriller ohne Längen, dafür mit jeder Menge Spannung bis zum interessanten, wenngleich nicht völlig unvorhersehbaren Ende.