Birdman

Birdman
© 20th Century Fox Home Entertainment

Gestern Nacht war es wieder soweit: Die gemäß der Academy besten Filme des Jahres wurden mit Awards ausgezeichnet. Alejandro González Iñárritus Birdman konnte dabei gleich vier der wichtigen Oscars ergattern: Bester Film, Beste Regie, Beste Kamera und Bestes Originaldrehbuch. Doch was hat es eigentlich mit diesem ersten Versuch Iñárritus, sich auf Komödienterrain zu begeben, auf sich und ist Michael Keaton wirklich so gut wie alle sagen?

Von manchen liebevoll als „Michael Keaton – The Movie“ betitelt, handelt der Film vom in die Jahre gekommenen, ehemaligen Superheldendarsteller Riggan Thomson, der sich nun alternativ als Regisseur und Hauptdarsteller im Theater versucht. Verkörpert wird er von – wie passend – Michael Keaton, einem in die Jahre gekommenen, ehemaligen Superheldendarsteller, der Kassenerfolge mit Batman (Tim Burton, 1989) und Batmans Rückkehr (Tim Burton, 1992) feierte. Riggan war einst Birdman, Held bombastischer Actionblockbuster und sieht das Theater im Herbst seiner Karriere nun als letzte Chance, seine unterdrückte Sehnsucht nach Anerkennung zu befriedigen. Dabei stehen ihm nicht nur die Probleme seiner gescheiterten Ehe, seine enttäuschte Tochter Sam (Emma Stone), sein exzentrischer Schauspielkollege Mike (Edward Norton) und die boshafte Kritikerin Tabitha Dickinson (Lindsay Duncan) im Weg, sondern auch seine innere Zerissenheit, die sich in Form seines Alter Egos Birdman manifestiert.

In rund dreißig Tagen gedreht, lässt Iñárritu seinen inzwischen zweifach oscarprämierten Kameramann Emmanuel Lubezki Keaton auf Schritt und Tritt im und um das St. James Theatre in New York verfolgen, um die Illusion einer unendlichen Einstellung zu erzeugen. Per digitaler Schnitttechnik wurde jeder Szenenübergang fließend gestaltet, harte Cuts werden rigoros vermieden. Eine ähnliche Technik konnte man bereits im ebenfalls von Lubezki gefilmten Children of Men (Alfonso Curón, 2006) und wird hier erneut äußerst effektiv eingesetzt. Ohne Unterlass mitten im zeitlich nur selten per Raffer beschleunigten Geschehen dabei zu sein und Riggans verzweifelte Versuche, seine Bühnenadaption von Raymond Carcers What We Talk About When We Talk About Love trotz zahlreicher Zwischenfälle und Rückschläge erfolgreich zu gestalten, mitzuerleben ist bereits formal ein filmischer Hochgenuss. Iñárritu ist ohnehin bereits für seine hochwertige audiovisuelle Gestaltung bekannt, doch mit Birdman übertrifft er sich selbst und dreht seinen bis dato technisch anspruchsvollsten und ausgereiftesten Film.

Das wäre jedoch nur halb so interessant, wenn der Inhalt nicht mithalten könnte. Glücklicherweise liefern sämtliche Darsteller und vor allem Keaton, Norton und Stone sehr starke Schauspielleistungen ab. Für Michael Keaton ist Birdman zweifelsohne eine irrwitzige One-Man-Show, die aufgrund seiner persönlichen Geschichte eine amüsante Metaebene gewinnt. Seine Rolle als ausgebrannter Schauspieler, der stets bloß auf seine Verkörperung des Superhelden Birdman reduziert wird und sich nun zwischen großen Egos, Kunst und Kommerz hin- und herbewegt, um mit der Welt Schritt halten zu können, spielt er bravourös; mal unfassbar witzig, dann gleichermaßen wieder tragikomisch, doch stets authentisch und erfrischend selbtironisch. Umgeben von seinen auf ganz verschiedenen Ebenen wichtigen Mitmenschen, die das Business unzweifelhaft verändert, teilweise irreparabel zerstört hat, ensteht aus dieser wundersamen kleinen Geschichte ein komödiantischer Geniestreich, der stellenweise an die Stimmungen eines Michel Gondry oder Wes Anderson erinnert, sie jedoch niemals kopiert und stattdessen seinen ganz eigenen Stil findet. Nach bisher ausschließlich ernsten, gewichtigen und tragischen Dramen, offenbart sich Birdman als nie geforderter, doch eindrucksvoller Beweis Iñárritus, auch die Komödie kompetent zu beherrschen.

Grand Budapest Hotel

Grand Budapest Hotel

Wenn ein großes Starensemble zusammenkommt, um als irrwitzige Figuren vor bunter Kulisse gefilmt zu werden, ist es mal wieder soweit: Wes Anderson dreht einen neuen Film! Mit illustren Darstellern wie unter anderem Ralph Fiennes, Jeff Goldblum, Willem Dafoe, Saoirse Ronan, Edward Norton und Tilda Swinton verwirklichte er eine wundersame Kriminalkomödie über einen Mord im ruhmreichen Grand Budapest Hotel, in der fiktiven südosteuropäischen Alpenrepublik Zubrowka.

Wir schreiben das Jahr 1932. Flüchtlingsjunge Zéro (Tony Revolori) ist der neue Lobby Boy im Grand Budapest Hotel und als solcher dem exzentrischen Concierge Monsieur Gustave (Ralph Fiennes), seines Zeichens galanter Charmeur älterer wohlhabender Damen, unterstellt. Eine von M. Gustaves liebsten Stammgästen, die 84-jährige Witwe Céline Villeneuve Desgoffe und Taxis (Tilda Swinton), verstirbt jedoch nur wenige Tage nachdem sie mit dem Concierge die Nacht verbracht und anschließend das Hotel verlassen hat, unter mysteriösen Umständen. Sie hat ihm das unbezahlbare Gemälde Junge mit Apfel des niederländischen Renaissancemalers Johannes von Hoytl vererbt, was den Zorn ihrer Familie, insbesondere den ihres Sohnes Dmitri (Adrien Brody) und seines mordlustigen Gefährten J. G. Jopling (Willem Dafoe) auf sich zieht. Währenddessen ermittelt die Polizei um Inspector Henckels (Edward Norton) den Todesfall, vermutet Mord und verdächtigt M. Gustave. Da bleibt einem treuen Lobby Boy wie Zéro nichts anderes übrig, als seinen Vorgesetzten und Mentor, dabei zu unterstützen, den Gefahren von allen Seiten aus dem Weg zu gehen und dieses unsägliche Missverständnis aufzuklären. Dass im Übrigen für die friedliche Republik Zubrowka in Bälde ein Krieg mit einem faschistischen Staat bevorsteht, gerät dabei beinahe zur Nebensache.

Fans des Regisseurs dürfen sich auf eine gewohnt verrückte Geschichte mit großem Cast und verrücktem Allerlei einstellen. Hört man den Namen Wes Anderson, assoziiert man damit sein Faible für farbenfrohe und enorm detailreiche Kulissen, symmetrische Kameraarbeit und bekloppt liebenswerte Charaktere. Ging es in seinem vorherigen Film Moonrise Kingdom noch um die junge Liebe zweier ausreißender Kinder, steht dieses Mal ein Kriminalfall im Mittelpunkt dessen Opfer der unschuldige M. Gustave werden könnte. So geht es letztlich darum, die Unschuld zu beweisen, das teure Gemälde in Sicherheit zu bringen, nicht von Dmitris Handlanger ermordet und nicht von der Polizei verhaftet zu werden. Ein scheinbar wirres Hin- und Her mit einem Concierge und seinem Lobby Boy, aus dessen Perspektive das Geschehen erzählt wird, in steter Bewegung. Der Film gewinnt dadurch eine erfrischende Dynamik, die bis zum Schluss zu unterhalten weiß.

Formal scheint alles wie gehabt zu sein: Zentrale Fluchtpunkte, typische 90°-Kameraschwenks und Charaktere, die sich dem Bild unterordnen – nie umgekehrt. Tatsächlich aber ist Grand Budapest Hotel stilistisch sogar noch weit strenger als bisher; eine Entwicklung, die sich bereits seit Der fantastische Mr. Fox abgezeichnet hatte, wenngleich dort auch aus technischen Gründen, aufgrund seiner Beschaffenheit als reiner Stop-Motion-Film. Fakt ist jedoch, dass Anderson sich immer weniger Ausbrüche aus seiner ästhetischen Gestaltung erlaubt. Solange dies im Zusammenspiel mit dem Inhalt noch so hervorragend funktioniert wie hier, braucht man nicht von einer selbstauferlegten Einengung zu sprechen, doch Abweichungen von dieser formalen Homogenität wären eine willkommene Abwechslung, bevor Andersons Stil zur langweiligen Gewohnheit wird.

Natürlich spielt auch immer die Erwartungshaltung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Weiß man diese einzigartige, bisweilen künstliche Anderson-Ästhetik sehr zu schätzen, dauert es möglicherweise noch eine ganze Weile, bis dessen Filme die ersten Ermüdungserscheinungen hervorrufen. Andererseits werden die Menschen, denen die, zugegeben, sehr eigene Regie noch nie so recht gefallen hat, auch mit Grand Budapest Hotel wenig anfangen können, denn diese herrlich verrückte Komödie ist Wes Anderson durch und durch. Gut so!

Moonrise Kingdom

Moonrise Kingdom

Das Filmfestival von Cannes hat traditionell eher den Fokus auf bedeutsame, ernste Filme gerichtet. Umso erfrischender also, dass es 2012 mit einer gewissen Leichtigkeit eröffnet wurde, als Wes Anderson seine neue Komödie Moonrise Kingdom präsentierte.

Wir schreiben das Jahr 1965. Ort der Handlung: Eine kleine Insel ohne befestigte Straßen vor der Küste von New England. Der zwölfjährige Sam (Jared Gilman) ist Pfadfinder bei den Khaki Scouts, die gleichaltrige Suzy (Kara Hayward) die introvertierte Tochter eines neurotischen Anwaltspaars (Frances McDormand & Bill Murray). Die Kinder verlieben sich ineinander und beschließen, der Welt den Rücken zu kehren und in die Wildnis zu fliehen. Selbstverständlich sind die Erwachsenen ganz und gar nicht damit einverstanden. Scout Master Randy Ward (Edward Norton) organisiert seine Pfadfinder umgehend zu einem Suchtrupp, Suzys besorgte Eltern setzen ihre Hoffnung in den Polizisten der Insel, Captain Sharp (Bruce Willis). Es dauert nicht lange, bis die Suche nach den beiden Ausreißern eine immer größere Personenzahl involviert und als zu allem Überfluss auch noch ein gewaltiger Sturm die Inselregion heimsucht, droht der jungen Liebe ein jähes Ende.

Auf den ersten Blick bleibt der Regisseur seinem Stil treu: Moonrise Kingdom ist ein waschechter Wes Anderson mit dysfunktionalen Familien und jeder Menge bunter Details, die seine typische Ästhetik prägen. Alles wie gehabt? Nicht ganz, denn zum einen verbergen sich unter der Oberfläche des Films ganz persönliche Erfahrungen und Erinnerungen aus Andersons Kindheit im Pfadfinderlager, die ihn zu dieser Geschichte inspirierten. Das Verhältnis des Regisseurs zu seinem Werk ist dieses Mal also deutlich intimer als bei seinen vorherigen Filmen und verleiht ihm eine autobiografische Note.
Im Widerspruch dazu – und das ist die auffallendste Schwäche des Films – steht seltsamerweise die ungewöhnliche Distanz, die der Zuschauer zu den Figuren hat. Ganz anders als beispielsweise in Die Royal Tenenbaums (2001), Die Tiefseetaucher (2004) und Darjeeling Limited (2007) bleiben die Charaktere in Moonrise Kingdom blasser als gewohnt. Anderson kratzt hier nur an der Oberfläche und erreicht zu keinem Zeitpunkt die emotionale Tiefe, die seine Filme sonst so auszeichnet. Insbesondere gegen Ende zeigt sich auch die Dramaturgie als nicht ganz so ausgeklügelt, wenn sich die Ereignisse ein wenig überschlagen und die Geschichte zu einem gehetzten Ende gebracht wird, mit dem es sich Anderson ein wenig zu einfach macht.

Trotzdem bietet Moonrise Kingdom starke Unterhaltung und wird für Freunde skurriler Komödien sicher nicht langweilig. Es handelt sich zwar nicht um Wes Andersons besten Film, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Visuell zeigt sich der Regisseur mal wieder in Hochform. Verblichene Gelbtöne dominieren die Farbpalette ohne ins allzu Künstliche eines Jean-Pierre Jeunet abzudriften. Kostüm- und Setdesign sind herausragend stilvoll und zeigen einmal mehr, wie es Anderson gelingt, ein dichtes, ästhetisches Universum zu errichten, das all seine Filme verbindet. Das aufgebotene Darstellerensemble spielt seine Rollen überzeugend, sowohl die etablierten Stars um Murray, Willis und Norton, als auch die beiden Jungschauspieler Kara Hayward und Jared Gilman. Der Soundtrack reicht von opulenten Orchesterstücken bis hin zu französischen Chansons und untermalt die Bilder perfekt.
An manchen Stellen fragt man sich zwar, ob Moonrise Kingdom nicht ein wenig mehr Substanz hätte vertragen können, in Anbetracht der so liebevoll erzählten Geschichte möchte man Anderson diesen Makel aber gern verzeihen und den Film genießen.