Bellflower

Bellflower

Wenn ein junger Kerl namens Evan Glodell nicht mehr als etwa 17.000$ in die Hand nimmt, ein Drehbuch schreibt, eine Kamera bastelt, ein Auto umbaut,  seinen eigenen kleinen Film dreht und darin noch lässig-souverän die Hauptrolle spielt, als wäre er schon seit Jahren im Geschäft, ist es ihm gar nicht hoch genug anzurechnen, dass sein mächtiges Debüt Bellflower fast wie selbstverständlich Buddy-Komödie, Romanze und apokalyptisches Drama in sich vereint.

Woodrow (Evan Glodell), ein sympathischer, junger Typ, der auch in jede konventionelle Liebeskomödie gepasst hätte, und sein bester Kumpel Aiden (Tyler Dawson) leben im sonnigen Kalifornien in den Tag hinein. Sie beschäftigen sich mit dem Bau eines Flammenwerfers und träumen von einem Feuer speienden Muscle Car für ihre ganz persönlichen Weltuntergangsfantasien. Mother Medusa heißt ihre imaginäre Gang, die das post-apokalyptische Ödland unsicher machen soll; zwei Jungs und ihr Wunsch, die Welt brennen zu sehen. Eines Abends begegnet Woodrow in einer Bar der toughen Milly (Jessie Wiseman). Sie ist seine neue Liebe und zugleich der Anfang vom Ende.

Bereits zu Beginn des Films betreibt Glodell gut platziertes Foreshadowing, eine schnell geschnittene Montage kurzer Sequenzen, die eine düstere Zukunft andeuten, jedoch ohne im Detail zu spoilern. Im weiteren Handlungsverlauf geraten diese Bilder aufgrund der harmonischen Freundschaft zwischen Woodrow und Aiden, sowie der liebevollen Beziehung zu Milly beinahe in Vergessenheit, doch tatsächlich setzen sie sich im Hinterkopf des Zuschauers fest wie kleine Nadelstiche, die den Zweifel in jede Szene tragen. Wenn Milly und Woodrow einen Trip nach Texas unternehmen, geben sie ein wirklich schönes Paar ab. Nicht nur den Dialogen, aber auch den Schauspielern ist es zu verdanken, dass jeder dieser Momente ungemein authentisch wirkt. Die Darsteller agieren erfrischend unverkrampft und verkürzen mit Leichtigkeit die Distanz zwischen Zuschauer und Charakteren. Glodell schafft es, Emotionen tatsächlich zu vermitteln statt sie unbeholfen aufzuzwingen.
Und doch erinnern wir uns an diese unruhigen, unangenehmen Sequenzen, die der Handlung vorausgingen. Dass Bellflower in der zweiten Hälfte kippt, ist unausweichlich. Ein irreparabler Riss durchzieht plötzlich alle äußeren und inneren Ebenen des Films. Die Stimmung verändert sich schlagartig, Woodrows Leben fängt Feuer und mündet in eine Abwärtsspirale der Zerstörung. Hier ist dann auch der Zeitpunkt erreicht, an dem der Regisseur mit der Chronologie der Geschehnisse bricht. War die Filmhandlung zuvor noch relativ stringent aufgebaut, driftet nun alles auseinander. Das rationale Element wird schwächer und die Szenen werden auf halluzinogene Weise von Gefühlsausbrüchen dominiert. Der Wahrheitsgehalt schwindet und übrig bleiben nur Flammen und schmerzhafte Erinnerungen an vergangenes Glück.

Ästhetisch bewegt sich Glodell auf videoclipgeprägtem Arthausterrain, allerdings steht dieser Stil Bellflower unheimlich gut. Gerade durch die Nähe, die er inhaltlich aufzubauen versteht, kann man ihm nicht die prätentiöse Formverliebtheit eines überambitionierten Filmschulabsolventen vorwerfen. Sein Drama ist ungemein ehrlich und verträgt die eigens präparierten Kameras für den „schmutzigen“ Look, sowie die stellenweise übersatten Farben ohne Einbußen.

Bellflower ist eine gefährliche Mixtur, ein dreckiger Cocktail aus den Zutaten Freundschaft, Liebe, Verrat und Schmerz. Evan Glodell erzählt vom Auf- und Niedergang einer Beziehung, von Verrat und unbändigem Zorn, von psychischer und physischer Vernichtung und von seiner ganz privaten Apokalypse.

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