Eros Plus Massacre

Eros Plus Massacre

Die Nachkriegszeit bedeutete für Japan eine Phase der Veränderung. Nicht nur wirtschaftlich bewegte sich das Land zu einer der weltweit stärksten Industriemächte hin, sondern auch gesellschaftlich machten die Menschen einen erheblichen Wandel durch, der zu einem pluralisierten Wertesystem führte, welches sich nun neben den traditionellen Hierarchien einem ausgeprägten Bewusstsein von Individualismus und Egalität zuwandte. Vor diesem Hintergrund entstand eine lose, avantgardistische Filmbewegung, die man weitläufig als Japanese New Wave bezeichnet. Einer ihrer Vertreter ist Yoshishige Yoshida, der 1969 einen ungemein faszinierenden, aber nicht minder fordernden, filmischen Monolithen namens Eros Plus Massacre auf seine Zuschauer losließ.

Dieses massive Werk mit seiner Laufzeit von über dreieinhalb Stunden widmet sich dem Leben des anarchistischen Revolutionärs und Philosophen Sakae Osugi (Toshiyuki Hosokawa), der im Jahr 1923 vom japanischen Militär ermordet wurde. Yoshida beleuchtet Osugis Wertvorstellungen und dessen seinerzeit ungewöhnlich ausgeweitetem Freiheitsbegriff, der freie Liebe propagierte. Damit unmittelbar verknüpft sind seine gleichzeitigen Liebesbeziehungen zu drei Frauen: Seine Ehefrau Yasuko (Masako Yagi), die Feministin Noe (Mariko Okada) und die eifersüchtige Geliebte Itsuko (Yûko Kusunoki).
Diese Handlungsebene folgt Osugi in den 1910er-Jahren, der mit seinen Schriften die Öffentlichkeit, aber auch im direkten Dialog seine Partnerinnen von seiner Philosophie absoluter Unabhängigkeit überzeugen will. Doch sein Kampf, die starren Gesellschaftsstrukturen zu durchbrechen, fordert Opfer. Seine engsten Verbündeten scheinen sich langsam von ihm abzuwenden und auch in ihm selbst wachsen die Zweifel.

Wenngleich Osugis Geschichte für sich alleinstehend bereits einen interessanten Film böte, erweitert Yoshida sein sozialkritisches Werk um eine reflexive Ebene, indem er einen weiteren Handlungsstrang aus dem zeitgenössischen Japan mit Osugis philosophischen Betrachtungen verwebt. Diese Parallelhandlung dreht sich um die beiden Studenten Eiko (Il Riko) und Wada (Daijiro Harada), die freie Sexualität praktizieren und eine politische Recherche betreiben, bei der sie scheinbar ziellos umherwandern und Episoden japanischer Revolutionäre der Jahrhundertwende nachspielen und nachspielen lassen. Auf diese Weise wird Yoshidas Film nicht nur eine Betrachtung japanischer Geschichte, sondern eben auch von Geschichtlichkeit, Erinnerung und Verarbeitung derselben. Fakt und Fiktion, Wahrheit und Verklärung, Tradition und Moderne werden zu einem unzertrennlichen Geflecht, das seine Dekonstruktion sozialer Strukturen sogar auf das Medium des Films an sich und seine ästhetischen Stilmittel ausweitet, wenn sich Osugis Leben in fast schon gemäldeartigen Aufnahmen den radikalen und experimentellen Einstellungen gegenübersieht, die Eiko und Wadas ungewöhnliche Erforschung polit- und gesellschaftshistorischer Zustände festhalten. Sowohl hier, als auch im Spiel mit Kameras, brennendem Filmmaterial und der finalen Metaebene des Films, die sich gegen Ende schließlich vollständig offenbart, führt uns Yoshida die manipulative Kraft von Filmbildern vor Augen.

Es ist sicher nicht unwahrscheinlich, dass Eros Plus Massacre beim ersten Ansehen eine überwältigende oder gar erschlagende Wirkung beim Zuschauer hervorruft. Die thematische Komplexität in Verbindung mit der experimentellen Herangehensweise und der überlangen Laufzeit ließe sich durchaus als anstrengend bezeichnen, doch wenn man bereit ist, sich auf Yoshidas Ausnahmefilm einzulassen, erlebt man vielleicht eines der herausragendsten soziokulturellen Kunstwerke des japanischen Kinos.