The Red Spectacles

The Red Spectacles

The Red Spectacles ist der erste Film in einer langen Reihe aus Radiodramen, Real- und Animationsfilmen und Comics, die sich um eine Elitepolizeieinheit namens Kerberos dreht und entsprechend als „Kerberos Saga“ betitelt ist. Zugleich ist er auch der erste Realfilm von Mamoru Oshii, der zuvor als Animator und Regisseur ausschließlich im Animebereich arbeitete. Herausgekommen ist eine Art Sci-Fi-Thriller, der sich jedoch mit zunehmender Laufzeit einer allzu genauen Genreeinteilung verweigert und mit der Wahrnehmung von Protagonist und Zuschauer experimentiert.

Die korrupte Polizeieinheit Kerberos wurde von der Regierung entwaffnet und aufgelöst. Doch drei ihrer Mitglieder sind nicht gewillt, sich zu ergeben. Zu Beginn des Films sind die zum Abschuss Freigegebenen auf der Flucht vor und liefern sich actionreiche Schusswechsel gegen Horden von Kopfgeldjägern. Dabei werden allerdings zwei der Ex-Polizisten verwundet und nur dem unverletzten Koichi (Shigeru Chiba) gelingt die Flucht per Helikopter. Drei Jahre später kehrt er zurück, um seine Kameraden zu retten, wie er es ihnen, kurz bevor sie getrennt wurden,  verspochen hatte.

Sowohl stilistisch als auch inhaltlich ist das Land, das Koichi einst kannte, nicht mehr das selbe. Der Film ist von nun an nicht mehr bunt, sondern kontrastreich ausgeleuchtet und in Sepiatöne getaucht. Die Straßen scheinen verwaist und unsicher. Koichis wachsende Paranoia bestätigt sich, als er von den Leuten eines Mannes mit Namen Bunmei (Tesshô Genda) verfolgt und in einem Hotel attackiert wird. Während Koichi seine zahlreichen Angreifer einen nach dem anderen ausschaltet, zeigt sich ein weiteres Gesicht von Oshiis Film: Die Kampfeinlagen sind überzeichnet und slapstickartig, als seien sie eher einem nicht ganz ernsten Manga entsprungen. Plötzlich mischen sich vermehrt humoristische Szenen in den im Grundton nach wie vor spannenden Film. Ein Running-Gag ist beispielsweise Koichis immer wieder auftauchender Durchfall, der ihn zur Flucht in die nächstgelegene Toilette zwingt. Allerdings verwandelt sich The Red Spectacles nicht auf einmal in eine Komödie, denn genügend Szenen sind ernst, düster und vor allem mysteriös. Spätestens dann, wenn Koichi von Bunmei geschnappt und gefoltert wird, lässt Oshii sein Werk in traumähnliche, surreale Ebenen gleiten.

Warhnehmung und Realität driften mehr und mehr auseinander. Ab welchem Zeitpunkt sich die Handlung möglicherweise nur in Kiochis Kopf abspielt, ist nicht unmittelbar ersichtlich. Möglicherweise nachdem er in Bunmeis Verhörsaal das Bewusstsein verlor oder möglicherweise auch an einem geheimen Untergrund-Nudelstand, an dem er von einem alten Bekannten betäubt wurde. Im späteren Verlauf des Films reißt Oshii die Wahrnehmungsgrenzen wörtlich noch radikaler ein, wenn er Koichi ganze Teile der Kulisse und der Beleuchtung wütend zerstören lässt. Sowohl an diesem Punkt, als auch bei den Geständnissen seiner ehemaligen Kameraden, die sich Koichi von Bunmei gezwungen in einem Kinosaal anhören muss, wird klar, dass Oshii eine Auseinandersetzung mit dem Medium Film an sich wichtiger erschien, als die Immersion seines Werks. Hier zeigt sich auch der Einfluss von Oshiis Lieblingsregisseuren wie beispielsweise Godard und Fellini, die sich ihrerseits nicht selten mit der Kunstform Film und ihrem Einfluss als solche auf die Realitätswahrnehmung des Zuschauers beschäftigten.

Was sich wie ein wirrer, weitgehend sepiafarbener Mix aus spannendem Thriller, blödelndem Slapstick und irrationaler Avantgarde anhört, funktioniert interessanterweise erstaunlich gut. In stilvoller Ästhetik zeigt sich The Red Spectacles als schattenhaftes Experiment mit den Grenzen der Wahrnehmung und kann durchaus als gelungener – wenngleich nicht immer leicht verdaulicher – Realfilmeinstand von Mamoru Oshii bezeichnet werden.

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Ghost in the Shell

Ghost in the Shell

Der 1989 erschienene und mehrfach ausgezeichnete Manga Ghost in the Shell von Masamune Shirō wurde zur Vorlage eines außergewöhnlichen Films, der maßgeblich dazu beitrug, dass sich Anime im internationalen Markt etablieren konnten. Mamoru Oshii drehte damit sein wohl erfolgreichstes Werk im Jahr 1995 und machte sich dadurch einen Namen als Regisseur, der im Animebereich vor allem eher das erwachsene Publikum bedient.

Das Jahr 2029: Ein Großteil der Menschen ist teilweise oder nahezu vollständig mit künstlichen Körperteilen versehen. Während der Körper eines jeden Cyborgs komplett ersetzt werden kann, ist dessen Geist (Ghost) ein menschliches Gehirn, isoliert in seiner Schale (Shell).
Als ein unbekannter Hacker namens Puppetmaster (Iemasa Kayumi) auftaucht, sämtliche Sicherheitsbarrieren der Shell überwindet und dadurch die Kontrolle über Cyborgs erlangt, um diese für seine kriminellen Handlungen einzusetzen, sieht das Innenministerium Handlungsbedarf. Die geheime Sektion 9 des Ministeriums beauftragt ihre Mitarbeiter Major Kusanagi Motoko (Atsuko Tanaka), deren Shell vollständig künstlich ist, und Batō (Akio Ôtsuka) mit der Jagd nach dem gefährlichen Hacker. Da alle gehackten Cyborgs anschließend keine Erinnerungen an das Geschehene aufweisen, erweist sich die Suche jedoch als schwerer als gedacht.

Diese Suche nach dem Puppetmaster ist allerdings zugleich eine Suche nach der Antwort auf essentielle Fragen des Menschseins. In langen Einstellungen porträtiert Oshii ein urbanes Zukunftsszenario, dessen Gesellschaft der unseren bisweilen gar nicht so fern zu sein scheint. Die rasante Dynamik einiger gut inszenierter Actionszenen wird immer wieder von philosophischen Betrachtungen des Lebens unterbrochen, die den Grundtenor des Animes als sehr nachdenklich bestimmen. Die Überlegungen gehen dabei in die Richtung eines Blade Runner (Ridley Scott, 1982) und widmen sich vor allem der Problematik, wann man aufhört ein Mensch zu sein. Auf visueller Ebene ist Ghost in the Shell ein zeitloses Meisterwerk. Das bereits 1995 unheimlich tolle und detailreiche Design kann sich auch heute noch sehen lassen.

Dem Erfolg von Ghost in the Shell folgten schließlich weitere Filme, TV-Serien und Specials, die das Universum erweitern und abrunden, die Qualität und Originalität des ersten Films jedoch nie ganz erreichen. Mamoru Oshiis Film ist außerdem nicht nur für den Animemarkt richtungsweisend, sondern auch für das gesamte Genre des Science-Fiction-Films; besonders im Kassenschlager Matrix (Andy & Lana Wachowski, 1999) werden einige Elemente aus Ghost in the Shell aufgegriffen. Auch Regisseur James Cameron zeigte sich von Oshiis Werk begeistert und jedem Liebhaber von guter Science-Fiction wird es garantiert ähnlich ergehen.