Jin-Roh

Jin-Roh - FilmplakatNach The Red Spectacles (1987) und Stray Dogs (1991) erschien 1999 mit Jin-Roh der dritte Film über Mamoru Oshiis Polizeispezialeinheit Kerberos. Dieses Mal übernahm er für sein Drehbuch zwar nicht selbst Regie, sondern beauftragte Hiroyuki Okiura damit, dennoch ist Oshiis Erzählstil auch atmosphärisch zu jeder Zeit spürbar. Ursprünglich war der Film bereits einige Jahre früher und als Verfilmung mit echten Darstellern geplant, wurde aber aufgrund von Oshiis Arbeit an Ghost in the Shell (1995) verschoben und schließlich als Animationsfilm realisiert. Weiterlesen „Jin-Roh“

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Ghost in the Shell 2: Innocence

Ghost in the Shell 2 - Innocence

Wenn man einen Klassiker des Animationsfilms dreht, der den Test der Zeit besteht und auch heute noch ein ganzes (Sub-)Genre prägt, und schließlich neun Jahre später ein Sequel in Angriff nimmt, darf das getrost als wagemutig bezeichnet werden. Doch auch angebrachte Skepsis hielt Mamoru Oshii nicht davon ab, seinem Cyberpunk-Meisterwerk Ghost in the Shell (1995) einen weiteren Film folgen zu lassen, erneut auf einem Teil der Mangavorlage von Masamune Shirow basierend.

Ghost in the Shell 2: Innocence spielt 2032, drei Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils, und erzählt erneut von einem Fall für Sektion 9, der Spezialeinheit zur Bekämpfung von Cyberterrorismus. Cyborg Batō (Akio Ôtsuka) wird damit beauftragt, herauszufinden, was eine Reihe für sexuelle Befriedigung konstruierte Androiden dazu trieb, ihre Besitzer zu töten. Die Suche nach dem Urheber dieser scheinbaren Fehlfunktion führt ihn mit seinem Kollegen Togusa (Kôichi Yamadera) immer tiefer ein gefährliches Netz aus Hackern, Yakuza und tödlichen Begleitpuppen, die mehr zu sein scheinen als bloß modifizierte Roboter.

Einmal mehr, wie bereits im Vorgänger, versteht Oshii seinen Film nicht als rasanten Thriller, sondern vor dem Hintergrund des ungewöhnlichen Kriminalfalls als ruhiges, äußerst nachdenkliches Werk, das abseits der vereinzelten, dynamisch inszenierten Auseinandersetzungen zum Philosophieren einladen soll. Wenngleich die etwas zu häufige Nutzung von Aphorismen großer Namen zur Plakativität neigt, sind die Überlegungen und Diskussionen zwischen Batō und Togusa hochinteressante Ansätze zum Thema Dualismus von Körper und Geist oder zur Frage nach der Möglichkeit einer Seele in der Maschine.

Audiovisuell spielt der Film zweifellos in der oberen Liga. Für den Soundtrack ist erneut Kenji Kawai verantwortlich, der es schafft, die beiden Filme mit seinen altjapanischen Choralgesängen und dem Einsatz von Taiko-Trommeln auch musikalisch zu verbinden. Trotz des starken Kontrasts zwischen der Science-Fiction-Thematik und der folkloristisch anmutenden Vertonung, wirken die Kompositionen nie wie ein Fremdkörper.
Auch ästhetisch orientiert man sich am ersten Teil, greift aber aufgrund der neuen technischen Möglichkeiten nun auf den gelegentlichen Einsatz von dreidimensionalen CGI-Elementen zurück, die die Zeichnungen in ausgewählten Szenen unterstützen sollen. Das wirkt teilweise ein wenig befremdlich, manchmal sogar unpassend, ist an der ein oder anderen Stelle aber dennoch ganz gut gelungen. Zeichen- und Animationsqualität sind erwartungsgemäß hervorragend, die detailreichen Hintergründe wunderschön gestaltet.

Fans von Ghost in the Shell können alle Zweifel über Bord werfen, denn statt ein verwässertes, für die Massen aufbereitetes Sequel zu drehen, das sich vordergründig auf Action konzentriert, hält Oshii an seiner Linie fest und wagt wieder den philosophischen Diskurs im schön bebilderten Cyberpunkgewand. Obwohl der noch kultigere, rundere Vorgänger qualitativ nicht ganz erreicht wird, braucht sich Ghost in the Shell 2: Innocence definitiv nicht zu verstecken, denn von einem überflüssigen oder gar gescheiterten zweiten Teil ist der Film weit entfernt.

Angel’s Egg

Angel's Egg

Es ist nicht einfach, einen Film zu besprechen, der sich in seiner Dialogarmut hauptsächlich auf surrealistische und symbolische Kompositionen aus Bild und Ton stützt, dennoch ist Angel’s Egg von Mamoru Oshii wert, all jenen nähergebracht zu werden, die ein Werk nahezu ausschließlich aufgrund seiner Ästhetik genießen können und kein Problem darin sehen, dass der skizzenhaft umrissene Plot zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten zulässt. Alle anderen könnten sich möglicherweise zu Tode langweilen.

Die Handlung spielt in einer Art postapokalyptischem Setting mit viktorianischer Architektur. Ein junges Mädchen (Mako Hyôdô) wandert durch die Stadt; unter ihrem Kleid verbirgt es ein mysteriöses, riesiges Ei, das es um jeden Preis zu beschützen scheint. Der einzige andere Mensch, dem sie auf den düsteren, trostlosen Straßen begegnet, ist ein Mann (Jinpachi Nezu), der ein großes Kreuz mit sich herumträgt. Obwohl seine Herkunft und seine Motivation unbekannt bleiben, begleitet er das Mädchen fortan. Die beiden begegnen auf ihrem Weg sonst keiner Menschenseele mehr. In einigen Straßenzügen jagen phantomhafte Gestalten körperlosen Schattenfischen hinterher, die im Vorbeiziehen die Fassaden verdunkeln, aber ansonsten bleibt die Stadt ruhig, einsam und ausgestorben. Das Mädchen und ihr Begleiter wechseln nur wenige Worte. Die längste Dialogpassage bezieht sich hauptsächlich auf Bibelstellen. Der Rest der Handlung erklärt sich (oder auch nicht) aus den Bildern. Was die gezeigten Geschehnisse tatsächlich zu bedeuten haben, bleibt letzten Endes dem Zuschauer selbst überlassen.

Trotz einer weitgehend einseitigen Farbpalette aus Grau- und Blautönen, sind die Hintergründe detailreich gestaltet und hübsch anzusehen. Der Zeichenstil von Yoshitaka Amano ist zwar vor allem bei den Figuren zunächst gewöhnungsbedürftig, aber von hoher Qualität; Fans der FinalFantasy-Spielereihe dürften seine Artworks bereits bekannt sein. Der Soundtrack gibt sich über weite Strecken zurückhaltend, verwandelt sich aber in seinen Höhepunkten zu treibenden sakralen Chorälen, die die merkwürdige Atmosphäre ergänzen. Handwerklich gibt es an diesem Film nichts zu bemängeln, außer möglicherweise dem langsamen – und für manche Personen unerträglich zähen – Erzähltempo, das dem Zuschauer in manchen Szenen einiges abverlangen kann. Die gesamte Laufzeit hingegen ist mit 71 Minuten eher kurz ausgefallen.

Auf der inhaltlichen Ebene ist Angel’s Egg eine vielfach deutbare Reihe an Szenen, die zwar eine zusammenhängende Geschichte zeigen, aber nicht auf den ersten Blick begreiflich machen. Die Grundhaltung des Films kann ohne Zweifel als existentialistisch bezeichnet werden. Dazu streut Oshii dann noch ein paar seltsame Szenen ein, die an Gemälde Salvador Dalís erinnern. Das Ganze wird in den ohnehin spärlichen Gesprächen weiterhin mit Bibelzitaten und Arche-Noah-Bezügen ergänzt. Auf welchen Schluss man am Ende als Zuschauer auch kommen mag, Angel’s Egg ist vor allem eines: Eine visuelle Erfahrung der besonderen Art. Mamoru Oshii erweitert die Grenzen des Mediums Anime für ein Kunstwerk, das vielleicht genial ist, vielleicht aber auch prätentiös – oder eventuell beides.

The Red Spectacles

The Red Spectacles

The Red Spectacles ist der erste Film in einer langen Reihe aus Radiodramen, Real- und Animationsfilmen und Comics, die sich um eine Elitepolizeieinheit namens Kerberos dreht und entsprechend als „Kerberos Saga“ betitelt ist. Zugleich ist er auch der erste Realfilm von Mamoru Oshii, der zuvor als Animator und Regisseur ausschließlich im Animebereich arbeitete. Herausgekommen ist eine Art Sci-Fi-Thriller, der sich jedoch mit zunehmender Laufzeit einer allzu genauen Genreeinteilung verweigert und mit der Wahrnehmung von Protagonist und Zuschauer experimentiert.

Die korrupte Polizeieinheit Kerberos wurde von der Regierung entwaffnet und aufgelöst. Doch drei ihrer Mitglieder sind nicht gewillt, sich zu ergeben. Zu Beginn des Films sind die zum Abschuss Freigegebenen auf der Flucht vor und liefern sich actionreiche Schusswechsel gegen Horden von Kopfgeldjägern. Dabei werden allerdings zwei der Ex-Polizisten verwundet und nur dem unverletzten Koichi (Shigeru Chiba) gelingt die Flucht per Helikopter. Drei Jahre später kehrt er zurück, um seine Kameraden zu retten, wie er es ihnen, kurz bevor sie getrennt wurden,  verspochen hatte.

Sowohl stilistisch als auch inhaltlich ist das Land, das Koichi einst kannte, nicht mehr das selbe. Der Film ist von nun an nicht mehr bunt, sondern kontrastreich ausgeleuchtet und in Sepiatöne getaucht. Die Straßen scheinen verwaist und unsicher. Koichis wachsende Paranoia bestätigt sich, als er von den Leuten eines Mannes mit Namen Bunmei (Tesshô Genda) verfolgt und in einem Hotel attackiert wird. Während Koichi seine zahlreichen Angreifer einen nach dem anderen ausschaltet, zeigt sich ein weiteres Gesicht von Oshiis Film: Die Kampfeinlagen sind überzeichnet und slapstickartig, als seien sie eher einem nicht ganz ernsten Manga entsprungen. Plötzlich mischen sich vermehrt humoristische Szenen in den im Grundton nach wie vor spannenden Film. Ein Running-Gag ist beispielsweise Koichis immer wieder auftauchender Durchfall, der ihn zur Flucht in die nächstgelegene Toilette zwingt. Allerdings verwandelt sich The Red Spectacles nicht auf einmal in eine Komödie, denn genügend Szenen sind ernst, düster und vor allem mysteriös. Spätestens dann, wenn Koichi von Bunmei geschnappt und gefoltert wird, lässt Oshii sein Werk in traumähnliche, surreale Ebenen gleiten.

Warhnehmung und Realität driften mehr und mehr auseinander. Ab welchem Zeitpunkt sich die Handlung möglicherweise nur in Kiochis Kopf abspielt, ist nicht unmittelbar ersichtlich. Möglicherweise nachdem er in Bunmeis Verhörsaal das Bewusstsein verlor oder möglicherweise auch an einem geheimen Untergrund-Nudelstand, an dem er von einem alten Bekannten betäubt wurde. Im späteren Verlauf des Films reißt Oshii die Wahrnehmungsgrenzen wörtlich noch radikaler ein, wenn er Koichi ganze Teile der Kulisse und der Beleuchtung wütend zerstören lässt. Sowohl an diesem Punkt, als auch bei den Geständnissen seiner ehemaligen Kameraden, die sich Koichi von Bunmei gezwungen in einem Kinosaal anhören muss, wird klar, dass Oshii eine Auseinandersetzung mit dem Medium Film an sich wichtiger erschien, als die Immersion seines Werks. Hier zeigt sich auch der Einfluss von Oshiis Lieblingsregisseuren wie beispielsweise Godard und Fellini, die sich ihrerseits nicht selten mit der Kunstform Film und ihrem Einfluss als solche auf die Realitätswahrnehmung des Zuschauers beschäftigten.

Was sich wie ein wirrer, weitgehend sepiafarbener Mix aus spannendem Thriller, blödelndem Slapstick und irrationaler Avantgarde anhört, funktioniert interessanterweise erstaunlich gut. In stilvoller Ästhetik zeigt sich The Red Spectacles als schattenhaftes Experiment mit den Grenzen der Wahrnehmung und kann durchaus als gelungener – wenngleich nicht immer leicht verdaulicher – Realfilmeinstand von Mamoru Oshii bezeichnet werden.

Ghost in the Shell

Ghost in the Shell

Der 1989 erschienene und mehrfach ausgezeichnete Manga Ghost in the Shell von Masamune Shirō wurde zur Vorlage eines außergewöhnlichen Films, der maßgeblich dazu beitrug, dass sich Anime im internationalen Markt etablieren konnten. Mamoru Oshii drehte damit sein wohl erfolgreichstes Werk im Jahr 1995 und machte sich dadurch einen Namen als Regisseur, der im Animebereich vor allem eher das erwachsene Publikum bedient.

Das Jahr 2029: Ein Großteil der Menschen ist teilweise oder nahezu vollständig mit künstlichen Körperteilen versehen. Während der Körper eines jeden Cyborgs komplett ersetzt werden kann, ist dessen Geist (Ghost) ein menschliches Gehirn, isoliert in seiner Schale (Shell).
Als ein unbekannter Hacker namens Puppetmaster (Iemasa Kayumi) auftaucht, sämtliche Sicherheitsbarrieren der Shell überwindet und dadurch die Kontrolle über Cyborgs erlangt, um diese für seine kriminellen Handlungen einzusetzen, sieht das Innenministerium Handlungsbedarf. Die geheime Sektion 9 des Ministeriums beauftragt ihre Mitarbeiter Major Kusanagi Motoko (Atsuko Tanaka), deren Shell vollständig künstlich ist, und Batō (Akio Ôtsuka) mit der Jagd nach dem gefährlichen Hacker. Da alle gehackten Cyborgs anschließend keine Erinnerungen an das Geschehene aufweisen, erweist sich die Suche jedoch als schwerer als gedacht.

Diese Suche nach dem Puppetmaster ist allerdings zugleich eine Suche nach der Antwort auf essentielle Fragen des Menschseins. In langen Einstellungen porträtiert Oshii ein urbanes Zukunftsszenario, dessen Gesellschaft der unseren bisweilen gar nicht so fern zu sein scheint. Die rasante Dynamik einiger gut inszenierter Actionszenen wird immer wieder von philosophischen Betrachtungen des Lebens unterbrochen, die den Grundtenor des Animes als sehr nachdenklich bestimmen. Die Überlegungen gehen dabei in die Richtung eines Blade Runner (Ridley Scott, 1982) und widmen sich vor allem der Problematik, wann man aufhört ein Mensch zu sein. Auf visueller Ebene ist Ghost in the Shell ein zeitloses Meisterwerk. Das bereits 1995 unheimlich tolle und detailreiche Design kann sich auch heute noch sehen lassen.

Dem Erfolg von Ghost in the Shell folgten schließlich weitere Filme, TV-Serien und Specials, die das Universum erweitern und abrunden, die Qualität und Originalität des ersten Films jedoch nie ganz erreichen. Mamoru Oshiis Film ist außerdem nicht nur für den Animemarkt richtungsweisend, sondern auch für das gesamte Genre des Science-Fiction-Films; besonders im Kassenschlager Matrix (Andy & Lana Wachowski, 1999) werden einige Elemente aus Ghost in the Shell aufgegriffen. Auch Regisseur James Cameron zeigte sich von Oshiis Werk begeistert und jedem Liebhaber von guter Science-Fiction wird es garantiert ähnlich ergehen.