Dante 01

Dante 01

Im Gegensatz zu den Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts aufkommenden Space Operas in den USA, wird die Science-Fiction in Frankreich damals wie heute viel mehr als philosophisch, mystisch und experimentell verstanden. Sie ist aber vor allem eines: Literarisch. Die wichtigste Bühne für außergewöhnliche Zukunftsvisionen ist gegenwärtig der Comic, beziehungsweise die Graphic Novel. Dagegen ist das Genre im Film, dem kulturellen Schoßkind Frankreichs, geradezu unterrepräsentiert, was nicht selten an der Budgetierung liegt. Die wenigen realisierten Science-Fiction-Filme haben daher oftmals mit knappen Finanzierungen zu kämpfen. Einer dieser Filme ist Dante 01, gedreht von Marc Caro.

Der Plot dreht sich um eine Gruppe Menschen auf der Raumstation Dante 01, einer Art psychiatrischem Gefängnis, das um einen Vulkanplaneten kreist und in dem mental instabile Gefangene durch psychologische Behandlungsmethoden geheilt werden sollen. Über zahlreiche Kameras haben der Stationsaufseher Charon (Gérald Laroche), zwei Wachmänner, sowie die Wissenschaftlerin Perséphone (Simona Maicanescu) die Inhaftierten rund um die Uhr im Blick. Als mit Elisa (Linh Dan Pham) eine Medizinerin mit verwerflicher Moral und ungetesteter, gefährlicher Nanotechnologie als neues Besatzungsmitglied auf die Station kommt, ändert sich die Lage. Mitgebracht hat sie außerdem einen weiteren Gefangenen (Lambert Wilson). Der mysteriöse Neuankömmling, der wegen einer entprechenden Tättowierung bald darauf Saint Georges genannt wird, ist nicht nur ein schweigsamer Unbekannter, sondern entpuppt sich auch als Mensch mit besonderen Fähigkeiten. So gelingt es ihm, seine Mitgefangenen vor Elisas tödlichen Nanomaschinen zu retten. Als jedoch César einen Mordanschlag plant, der Gefangene Attila das Computersystem unter seine Kontrolle bringt und die Raumstation droht, auf die Planetenoberfläche zu stürzen, eskaliert die Situation.

Dante 01 ist das Langfilmdebüt Marc Caros, der sich bisher durch seine Regie-Partnerschaft mit Jean-Pierre Jeunet einen Namen gemacht hatte. Gemeinsam schufen sie die Endzeitgroteske Delicatessen (1991) und die düstere Fantasy Die Stadt der verlorenen Kinder (1995). Bereits dort zeichnete sich Caros Gespür für Ästhetik ab. Langsame Kamerafahrten durch die gelungene Innenarchitektur der Raumstation sorgen für eine passende, unbehagliche Atmosphäre. Die Sektionen der beiden Gruppen sind dabei sogar durch unterschiedliche Farbpaletten distinkt hervorgehoben. Während die Räumlichkeiten der Gefangenen in Grün- und Brauntönen gehalten sind, verfolgen die Wissenschaftler das Geschehen in einem matten violetten Licht. Visuell gibt es – auch angesichts des Budgets, das nur im siebenstelligen Bereich liegen soll – nichts zu bemängeln.

Schade nur, dass das Schreiben allem Anschein nach nicht wirklich zu Marc Caros Talenten gehört. Dante 01 sieht zwar gut aus, erzählt aber eine lückenhafte, kryptische Geschichte, bei der speziell die Dialoge banal und die Symbolik übertrieben sind. Letzteres beginnt beim Titel und den als „Kreise“ bezeichneten Handlungsabschnitten, was sich unzweifelhaft auf Dante Alighieri und seine Divina Commedia bezieht, geht über die christliche Erlösersymbolik im unbekannten Gefangenen und der kreuzförmigen Form der Raumstation weiter und hört bei den Personennamen nicht auf, die allesamt nach berühmten historischen und mystischen Figuren benannt sind, nach Caros Aussage hinduistischen Chakren  zugeordnet sind und darüber hinaus noch die verschiedenen Todsünden symbolisieren. Das Ganze scheint ambitioniert, wirkt aber zu krampfhaft intellektuell und dadurch plump. Auch das farbenreiche Finale des Films wirkt mehr wie eine schlechte Kubrick-Kopie als ein bedeutsamer, zum Nachdenken anregender Abschluss.
Dabei war mit Pierre Bordage immerhin noch ein renommierter Bestsellerautor aus der Science-Fiction am Drehbuch beteiligt. Leider vermochte auch er nicht, dem Film einen vernünftigen Spannungsbogen zu verpassen. Die Charaktere wurden zwar mit unterscheidbaren Charakterzügen versehen, aber bleiben letztlich allesamt blass. Möglicherweise hätte die Handlung eine gute halbe Stunde länger sein müssen, um Platz für Entfaltung zu bieten. So aber bleibt ein fader Nachgeschmack.

Es ist nicht so, dass Dante 01 ein völliger Reinfall wäre; das visuelle Konzept ist sehr gut umgesetzt worden, aber die Handlung hätte weit mehr Feinschliff vertragen können. Letztlich bleibt der Film für Genrefans nach wie vor interessant, aber auch stets mit dem Bewusstsein, dass es bessere Alternativen gibt.

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Die Stadt der verlorenen Kinder

Die Stadt der verlorenen Kinder

Immer dann, wenn Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro gemeinsam einen Film machen, darf man mit einem extraordinären Art Design und einer eher unkonventionellen Ästhetik rechnen. Das war bereits bei der morbiden Endzeitkomödie Delicatessen (1991) so und das ist auch bei Die Stadt der verlorenen Kinder der Fall.

Der verrückte Wissenschaftler Krank (Daniel Emilfork) lässt von seinen Lakaien sämtliche Kinder der Stadt entführen, um ihnen mittels einer großen Maschine die Träume zu stehlen. Ein Plan, der ihn vor dem Altern bewahren soll. Als jedoch auch der kleine Junge, den der bärenstarke und liebesvolle One (Ron Perlman) bei sich aufgenommen hat, verschleppt wird, macht dieser sich zusammen mit der jungen Miette (Judith Vittet) auf, seinen „kleinen Bruder“ aus den Fängen Kranks zu retten. Doch der ist kein zu unterschätzender Gegner, denn seine sektenartigen Kinderfänger agieren in der gesamten Stadt und sein Labor ist von zahlreichen Seeminen umgeben.

Die Stadt der verlorenen Kinder gestaltet sich als stellenweise amüsantes, jedoch weitgehend düsteres Abenteuer in einer surrealen Stadt voller Kanäle, Treppen und Gassen. Das bereits angesprochene Art Design ist herausragend; seinerzeit auch von Terry Gilliam gelobt. Ein leichter Hauch von Art Déco findet sich in einigen Inneneinrichtungen und Kostümen, aber ebenfalls sind immer wieder Ventile, Schläuche und viktorianisch anmutende Maschinerien im Bild zu sehen. Die Stadt ist ein beklemmender, dreckiger Ort in Braun- und Grüntönen, die für eine stimmungsvolle Atmosphäre sorgen.
One und Miette begegnen bei ihrer Rettungsmission außerdem seltsamen Charakteren wie skrupellosen siamesischen Schwestern oder Kranks geklonten Gehilfen (Dominique Pinon), deren Original seine ganz eigenen Rachepläne verfolgt und eine tragende Rolle im Plot spielt.

Jeunet und Caro schufen mit Die Stadt der verlorenen Kinder ein fantastisches Abenteuer voller düsterer Gestalten, einen kleinen makabren Alptraum für jedes Alter. Es ist eine unterhaltsame Reise durch eine zwielichtige, feuchte Stadt, die der Zuschauer auf alle Fälle einmal wagen sollte. Und vor allem Liebhaber von Jeunets unverkennbarer Handschrift werden mal wieder voll und ganz auf ihre Kosten kommen.