Deadlock

Deadlock

Deutsches Kino und das Westerngenre? Zugegeben, eine abenteuerliche Kombination von enormer Seltenheit und wenn, dann oft nur in vernachlässigbarer Form wie der Karl-May-Verfilmungen. Doch 1970 ließ Roland Klick Deadlock auf die Welt los, einen deutschen Italo-Western, seinerzeit von der Kritik verpöhnt und von Cannes-Lobbyisten wegen seiner Actionszenen aus dem Wettbewerb verbannt.

Nach einem Bankraub schafft es der Bandit Kid (Marquard Bohm) mit einer Schusswunde gerade so in die Nähe des fast ausgestorbenen mexikanischen Bergarbeiterdorfes Deadlock irgendwo in Mexiko. Aufseher Charles Dump (Mario Adorf), seine Tochter Jessy (Mascha Rabben) und ihre Mutter, die Prostituierte Corinna (Betty Segal), sind die einzigen Bewohner der stillgelegten Minensiedlung. Der einfältige Dump hat es auf den Geldkoffer Kids abgesehen, bringt es aber nicht zustande, den schwerverletzten Mann zu töten. Stattdessen nimmt er ihn bei sich auf und versucht einen Weg zu finden, seine Feigheit zu überwinden und sich doch noch an der Beute des Fremden zu bereichern. Allerdings war Kid bei dem Bankraub nicht allein; sein Partner Sunshine (Anthony Dawson), der hinter seinem Lächeln eine sadistische Grausamkeit verbirgt, kommt bald darauf in das Dorf und hat es auf mehr als nur seinen Anteil abgesehen.

‚Deadlock‘ bedeuteut so etwas wie eine ausweglose Pattsituation. Hier ergibt sie sich durch die große Spannung zwischen den gierigen Männern, die ihre Finger nach einer Menge Geld ausstrecken, sich aber zugleich nicht den geringsten Fehler erlauben können. Die Waffen sind aufeinander gerichtet, eine Zwickmühle, der man nur auf zwei Arten entkommen kann: Töten oder getötet werden.

Und genau diese dichte, beklemmende Atmosphäre, die ein Film mit so einer Handlung benötigt, inszeniert Regisseur Klick mit Bravour. Licht- und Kameraarbeit sind hervorragend, Dreck und Schweiß sind beinahe spürbar, das isolierte Dorf wird zur staubigen Todesfalle. Die gesamte Ästhetik von Deadlock ist fiebrig und psychedelisch. Großen Anteil daran hat auch der treibende Soundtrack der Kölner Krautrocker Can.
Die Darsteller wissen durchgehend zu überzeugen. Mario Adorf als naiver, trotteliger Charles Dump sorgt für die wenigen lockeren Momente, hat aber als Figur in seiner Einsam- und Ausweglosigkeit auch etwas tragisches. Marquard Bohm kommt als junger und gewiefter Gangster Kid authentisch rüber, doch sobald die Figur des Sunshine auftritt, überkommt den Zuschauer dank Anthony Dawson ein Gefühl von alles einnehmender, erdrückender Bosheit. Die charmante Fassade mag ja zunächst Einfaltspinsel Dump täuschen, doch über die Leinwand hinaus transportiert Dawson direkt Autorität und Bedrohlichkeit, sodass spätestens jetzt jedem klar sein sollte, dass Klick in Deadlock keine Kompromisse macht.

Inzwischen sind mehr als 40 Jahre seit dem Erscheinen von Deadlock vergangen. Mit etwas Distanz kommt Klicks Film heutzutage eher die verdiente Anerkennung der Kritiker zu als damals. Der Regisseur war stets ein Gegner der Bewegung Neuer Deutscher Film, der wir einige der bedeutendsten deutschen Filmemacher wie Kluge, Herzog, Schroeter und Fassbinder zuordnen, und warf ihr Selbstverliebtheit und Publikumsfeindlichkeit vor. Ein Wind, der heutzutage übrigens nicht völlig zu Unrecht auch aus der ein oder anderen Richtung der Berliner Schule entgegenweht. Die Lösung für Gleichgesinnte ist – damals wie heute – gut gemachter Genrefilm. Deadlock gehört definitiv dazu und sei, trotz des für einen Western ungewöhnlichen Herkunftslandes, Fans wärmstens empfohlen.

Welt am Draht

Welt am Draht

Auf der Suche nach mehr Bedeutung, künstlerischem Anspruch und Qualität im Medium Film bildete sich in Frankreich in den späten Fünfziger Jahren die Nouvelle Vague. Nur wenige Jahre später folgte darauf das entsprechende Äquivalent aus Deutschland: Der Neue Deutsche Film. Einer der wichtigsten Vertreter dieser Bewegung war Rainer Werner Fassbinder, ein Filmliebhaber und außerordentlicher Autorenfilmer. Kein Wunder also, dass sein überlanger Science-Fiction Welt am Draht bedenklos als einer der Höhepunkte deutscher TV-Produktionen bezeichnet werden kann.

Die Handlung der Romanadaption dreht sich um Fred Stiller (Klaus Löwitsch), einen Mitarbeiter des Instituts für Kybernetik und Zukunfstforschung (KIZ), der nach dem unerklärlichen Tod des Institutsdirektors Professor Vollmer, dessen Amt übernimmt. Der Verstorbene hatte jedoch kurz vor seinem Ableben eine wichtige Entdeckung gemacht, die unmittelbar im Zusammenhang mit dem aktuellen Projekt des Instituts zu stehen schien: Der Simulation einer virtuellen Realität. Die Rechner des KIZ laufen Tag und Nacht, um eine Kleinstadt mit etwa zehntausend sogenannten Simulationseinheiten zu simulieren. Diese Simulationseinheiten sind zwar nichts weiter als bloße elektronische Impulse, doch wurden sie mit einem Bewusstsein ausgestattet, sodass sie in ihrer virtuellen Umgebung ein Leben  wahrnehmen und führen, genau so wie die Menschen der realen Welt. Bis auf eine einzige Kontaktperson, die vom Institut installiert werden musste, sind sich die Simulationseinheiten ihrer Künstlichkeit nicht gewahr. Die äußerst wichtigen Informationen, die er herausgefunden hatte, teilte Professor Vollmer einem Mitarbeiter namens Günther Lause mit. Doch bevor es Lause gelingt, diese Informationen an Fred Stiller weiterzuleiten, verschwindet er auf einer Party von Stillers Vorgesetztem Siskins (Karl-Heinz Vosgerau) spurlos. Stiller versucht der Sache nachzugehen, herauszufinden, wohin Lause verschwand und was er so wichtiges zu sagen hatte. Allerdings scheint sich wenige Tage später niemand im Institut mehr an einen Mitarbeiter namens Günther Lause zu erinnern. Stattdessen empfiehlt man Stiller, eine kurze Auszeit vom Arbeitsstress zu nehmen. Möglicherweise sei er nur überarbeitet und daher ein wenig verwirrt und paranoid. Nach und nach ist sich auch Stiller nicht mehr sicher, ob er seinem eigenen Geisteszustand trauen kann, bis er auf einmal eine Simulationseinheit mit dem Namen und dem Aussehen Günther Lauses in der virtuellen Realität entdeckt…

Fassbinder nimmt sich für seinen Film viel Zeit. In den gut 205 Minuten lässt er seinen Charakteren aber auch genug Raum, sich zu entfalten. Besonders die Entwicklung Stillers, der tatsächlich einer erschreckenden Wahrheit auf der Spur ist, ist glaubwürdig in Szene gesetzt; nicht zuletzt liegt das auch an der starken Präsenz eines Klaus Löwitsch. Die Dialoge sind lang und zahlreich, erscheinen aber trotz des verbalen Overactings, einem Überbleibsel aus Fassbinders Theaterzeit, zu dem der Regisseur seine Darsteller ganz bewusst treibt, nie abgedroschen oder lächerlich. Tatsächlich geht es nicht selten um viel mehr als um ein bloßes Forschungsprojekt. Philosophische Gedankenexperimente und existentialistische Überlegungen legt Fassbinder seinen Figuren in den Mund, ohne, dass es allzu aufgesetzt wirkt.

Optisch geben sich vor allem die Szenen innerhalb des KIZ kühl, teilweise steril. Auffallend ist vor allem der Einsatz von Spiegeln in zahlreichen Szenen, die metaphorisch auf das zu Grunde liegende Konzept des Filmes hinweisen. Die Musik ist bisweilen ziemlich prägnant; speziell in den Szenen, in denen neue plotrelevante Informationen sowohl Stiller als auch den Zuschauer übermannen, bohrt sie sich passenderweise mit dröhnenden Klängen in den Schädel.

Fassbinders breit angelegte Science-Fiction ist im Übrigen eine Romanadaption von Daniel Galouyes „Simulacron-3“. Im Jahr 1999 drehte Josef Rusnak eine weitere Verfilmung des selben Stoffes namens The 13th Floor, der ob seiner deutlich kürzeren Laufzeit und weniger dialoglastigen Gestaltung zwar massenkompatibler sein mag, Fassbinders Welt am Draht jedoch in Sachen Komplexität unterliegt.