Adams Äpfel

Adams Äpfel

Der Däne Anders Thomas Jensen ist eigentlich Drehbuchautor, aber so manches Mal hat er darüber hinaus selbst Regie geführt. Über sein Heimatland hinaus bekannt wurde er dabei vor allem durch seine skurrile Komödie Dänische Delikatessen (2003). Zwei Jahre später folgte mit Adams Äpfel seine nächste Regiearbeit, nicht minder ausgefallen und ebenso unterhaltsam.

Im Zentrum der Handlung stehen Pfarrer Ivan (Mads Mikkelsen), der sich mitten im dänischen Nirgendwo um die Resozialisierung Straffälliger kümmert, und der Neuzugang seiner illustren Gruppe, Neonazi Adam (Ulrich Thomsen). Vor der kleinen Kirche, in der Ivan mit unendlicher Gutmütigkeit die verirrten Seelen zurück auf den richtigen Pfad führen will, wächst ein prächtiger Apfelbaum. Wie jeder Neuankömmling im Gotteshaus muss sich auch Adam eine Aufgabe stellen, auf die er seine Aufmerksamkeit lenken kann. Seine Entscheidung: Einen Apfelkuchen backen.
Während Ivan von seinen Methoden absolut überzeugt ist, sind die weiteren Bewohner seines Horts der Nächstenliebe in Wahrheit nicht so resozialisiert, wie er glaubt. Dazu gehören der insgeheim rückfällige Triebtäter Gunnar (Nicolas Bro), der arabischstämmige Tankstellenräuber Khalid (Ali Kazim) und die Alkoholikerin Sarah (Paprika Steen). Als hielte dieses verrückte Ensemble, in das sich Pfarrer Ivan problemlos einreihen lässt, Adam nicht schon genug auf Trab, lässt sich eines Tages ein Schwarm Krähen im Apfelbaum nieder. Für Ivan ein ganz klares Zeichen, dass eine höhere Macht versucht, Adam an der Erfüllung seiner Aufgabe zu hindern.

Adams Äpfel setzt natürlich auf den schwarzen Humor durch die Interaktion seiner abgedrehten Charaktere. Interessanterweise ist es Neonazi Adam, der dem Zuschauer am normalsten erscheint. Trotz seiner rechten Vergangenheit ist es besonders die rationale Herangehensweise, die ihn womöglich zur stärksten Identifikationsfigur macht. Ivan hingegen ist das krasse Gegenteil. Seine Weltsicht ist vom Glauben an Gott und an das Gute im Menschen auf nahezu fanatische Weise geprägt. Kein Wunder also, dass der Pfarrer und der Neonazi immer wieder aneinander geraten. Beachtlich ist, dass es gerade dieses blinde Folgen einer Lebenseinstellung ist, die Adam so an Ivan stört, obwohl rechtsgerichtete Menschen nicht gerade für das Infragestellen dogmatischer Prinzipien bekannt sind. Das ist aber auch das schöne daran: Anders Thomas Jensen gibt sich nicht mit flachen Klischees zufrieden. Stattdessen zeigt er auf, dass Neonazis ebenfalls Menschen mit ihren individuellen Stärken und Schwächen und vor allem der Fähigkeit zur Veränderung sind. So treibt Ivan auf ganz andere Art als er es beabsichtigt einen Resozialisierungsprozess an, der ohne äußeren Druck auskommt, sondern aus Adam selbst herorgeht. Auf der anderen Seite muss sich auch der Pfarrer der Welt stellen. So sehr er unweigerlich von seinem Menschenbild überzeugt ist, so schmerzhaft, aber auch überaus wichtig ist es für ihn, von Adam davon überzeugt zu werden, dass die Welt eben nicht ausschließlich gut ist.

Doch aus Ivans Verschließen vor der Realität resultiert letztlich sogar die meiste Komik. Der Widerspruch zwischen Ivans Wahrnehmung und dem tatsächlichen Verhalten seiner scheinbar geheilten Ex-Straftäter sorgt ein ums andere Mal für Lacher. Allerdings gelingt Jensen mit Adams Äpfel auch in den entscheidenden Szenen der an sich schwierige Spagat zwischen Witz und Ernst. Sein Film ist eine mit biblischen Verweisen gespickte Parabel über Gut und Böse, Versuchung und Erlösung, sowie ein Aufeinandertreffen von ungebrochenem Glauben und schonungsloser Realität in einem humoristischen, rabenschwarzen Gewand.

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Reconstruction

Reconstruction

Christoffer Boe macht in Reconstruction kein Geheimnis daraus, dass unter anderem Godard und Lynch wichtige Inspirationsquellen seiner Arbeit sind. Der Däne legt mit seinem Film ein vertracktes, urbanes Werk über die Liebesschicksale von vier Menschen vor, das sich selbst als Konstrukt versteht und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb erstaunlich gut funktioniert.

Eine Erzählstimme leitet den Film ein. Wir begleiten einen jungen Mann namens Alex (Nikolaj Lie Kaas) auf dem Weg in eine Kneipe in Kopenhagen. Als er sie betritt, erspäht er eine attraktive blonde Schwedin (Maria Bonnevie)  an der Theke, zu der er sich auch anschließend hinzugesellt. Die beiden kennen sich nicht, heißt es, und doch erkennen sie etwas im jeweils anderen wieder, spüren ein Gefühl von Vetrautheit. Der Erzähler fragt uns, ob dies der Anfang oder das Ende sei. Es ist beides zugleich.
Und tatsächlich verläuft die Handlung alles andere als linear. Einige Dinge sind gegeben, wie beispielsweise die Tatsache, dass Alex eine Beziehung mit Simone (erneut Maria Bonnevie) hat, doch die Frau aus der Kneipe, Aimee, lässt ihn irgendwie nicht mehr los; immer wieder zieht es ihn zu ihr hin. Und so beginnt Alex eine Affäre mit Aimee, die ihn vor folgenschwere Entscheidungen stellt. Eine der möglichen Handlungslinien endet in einer Situation, in der seine Freundin Simone, seine Nachbarin, sein bester Freund und sogar sein Vater nichts mehr von Alex‘ Existenz wissen. Es scheint nur noch Aimee zu geben, die ihn kennt, doch wie lange geht das gut? Dann wechselt der Film wieder in andere Richtungen. Es gibt verschiedene Handlungsansätze und alternative Resultate. Doch trotzdem sind alle irgendwie miteinander verknüpft. Bestimmte Dialoge überlagern sich in den verschiedenen Realitätsebenen und wiederkehrende Muster tauchen auf. Außerdem gibt es da noch Aimees Mann August (Krister Henriksson), ein Autor, der an einem Buch schreibt, in dem interessanterweise Teile der Filmhandlung von „Reconstruction“ selbst mit Charakteren namens Alex und Aimee in den Hauptrollen vorkommen.

Kristoffer Boe macht es dem Zuschauer tatsächlich nicht einfach. Reconstruction ist ein non-lineares Werk mit zusätzlichen Meta-Ebenen und einzelnen Handlungsbrocken, die einem nach und nach serviert werden. Diese verschiedenen sich überlagernden Realitätsebenen und das Doppelgängermotiv kamen bereits in Filmen David Lynchs vor, doch anstelle eines müden Abklatschs, ist Reconstruction ein eigenständiger und guter Film. Begleitet von subtiler, aber düsterer und depressiver Musik beobachten wir das Drama um Alex in einem Kopenhagen, das einen kalten und einsamen Eindruck macht. Trotz aller sonst so typisch post-mordernen Vertracktheit nach dem Motto „Je komplizierter die Narrationsstruktur, desto künstlerisch anspruchsvoller ist der Film.“, kann man Boe nicht vorwerfen, die emotionale Ebene völlig außer Acht zu lassen. Das Innenleben der Charaktere wird zwar nicht allzu detailliert preisgegeben, doch sind es die schmerzhaften Momente, wenn sich ihre Schicksale verknüpfen, um an anderen Stellen wieder auseinander zu reißen und Wunden zu hinterlassen, die einem zeigen, wie schwer der Umgang mit Liebe für einzelne Individuen sein kann.

Der Film, so auch letzten Endes vom Erzähler betont, ist natürlich nur ein Film. Eine Konstruktion aus Szenen und Bildern. Aber genau darin liegt auch die Stärke des Werks und die Rechtfertigung für die Narrationsstruktur, die auf den ersten Blick als unnötig prätentiös erscheinen könnte. Denn Boe verdeutlicht mit Reconstruction, dass es keine stringente Handlung braucht, um eine Liebesgeschichte zu erzählen. Genau so irrational und schwer greifbar wie die Liebe selbst präsentiert sich die fragmentarische Filmhandlung. Gemäß dem Filmtitel rekonstruieren wir Alex‘ vergangenes, gegenwärtiges und mögliches zukünftiges Leben anhand von kleinen Szenen und Handlungsverläufen, um die emotionale Ebene zu erfassen, die uns ansonsten nämlich auch nur in einigen wenigen, aber dafür umso intensiveren Schüben vermittelt wird.

Ist Reconstruction letzten Endes nur die in Augusts Kopf gesponnene Handlung seines neuen Romans, bei der er die Affäre seiner Frau zum Vorbild nahm? Haben wir es mit es mit dem realen Leben eines jungen Mannes zu tun, der durch göttliche Intervention die Folgen seines beabsichtigten Handelns gezeigt bekommt? Oder sind Alex und Aimee eigentlich nur Platzhalter, um zu zeigen, dass ihre schmerzhaften Erfahrungen ganz und gar nicht besonders sondern realer und alltäglicher sind, als wir es eventuell wahrhaben wollen? Wie auch immer die Antwort ausfällt – wenn man sich dabei überhaupt festlegen kann oder möchte – Reconstruction ist ein interessantes, ästhetisches und bewegendes Drama, das einmal mehr beweist, dass der dänische Film nicht zu unterschätzen ist und auch abseits der Dogme95-Bewegung hervorragende Kunstwerke hervorbringt.