Mission

Mission

Roland Joffés Mission war seinerzeit für nicht weniger als sieben Oscars nominiert, gewann immerhin hochverdient  in der Kategorie für die beste Kamera und wurde im gleichen Jahr mit der goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet. Vielerorts waren sich die Kritikerstimmen einig, es mit einem herausragenden Film zu tun zu haben und dennoch plagt das Historiendrama heutzutage ein Problem: Es läuft Gefahr, trotz großer Namen wie Jeremy Irons und Robert de Niro mehr und mehr in der Versenkung zu verschwinden. Höchste Zeit also, diesem inzwischen wenig beachteten Werk, einen Text zu widmen.

Die im 18. Jahrhundert spielende Handlung dreht sich um den Jesuitenpater Gabriel (Jeremy Irons), dem es gelingt, in Südamerika die indigenen Guaraní an den christlichen Glauben heranzuführen, und den ehemaligen Sklavenhändler Rodrigo Mendoza (Robert De Niro), der nach einem tödlichen Disput mit seinem Bruder Buße tut und sich der Jesuitenmission anschließt. Als es 1750 zur gemeinsamen Unterzeichnung des Vertrags von Madrid zwischen Spanien und Portugal kommt, der die Grenzen der südamerikanischen Kolonialgebiete beider Länder neu definiert, fallen die Jesuitenreduktionen fortan unter portugiesisches Herrschaftsgebiet, in dem es noch nicht zur Abschaffung der Sklaverei kam. Wegen der strengen Ablehnung der Versklavung von Ureinwohnern seitens der Jesuiten und damit es nicht zu Spannungen zwischen der Regierung und dem Orden in Portugal kommt, weist die Kirche an, die Siedlungen aufzugeben, die Ordensbrüder aus den entsprechenden Gebieten abzuziehen und die Guaraní ihrem Schicksal zu überlassen. Weder Pater Gabriel, noch Mendoza sind mit dieser Entscheidung einverstanden. Während ersterer sich für einen friedlichen Widerstand entscheidet, trommelt letzterer Verbündete für einen Guerillakrieg gegen die drohenden spanisch-portugiesischen Truppen zusammen.

Dass Mission in ganzen sieben verschiedenen Kategorien Oscarnominierungen erhielt, lässt die hohe Qualität der einzelnen inhaltlichen und formalen Bestandteile bereits erahnen. Das beginnt nicht zuletzt bei der unvergleichlichen Kameraarbeit von Chris Menges, der den Regenwald rund um die beeindruckenden Iguazú-Wasserfälle in kraftvollen Bildern festhält. Von der Stärke der Aufnahmen ist Roland Joffé zu Recht überzeugt, wenn er in seiner Inszenierung von besonders markanten Momenten auf Dialoge verzichtet, wie etwa beim Erklimmen des Wasserfalls durch Pater Gabriel und seinem anschließenden ersten Kontakt mit den Guaraní, denen er sich über das Spielen auf einer Oboe annähert. Es sind Augenblicke wie diese, in denen uns der Regisseur in seinen Bann zieht und eine Reise in eine fremdartige Welt tief in den südamerikanischen Dschungel erleben lässt.

Im Zusammenspiel mit der mehr als überzeugenden Darstellerleistung von Irons und De Niro und der einmal mehr wunderbaren Musik von Komponistenlegende Ennio Morricone entsteht fast schon ein Gefühl von Erhabenheit. Etwas Majestätisches, das allerdings der Natur und dem Menschsein im Rahmen der tragischen Geschichte entspringt und nicht etwa der thematisierten Religion; diese kommt nämlich nicht gerade glimpflich davon. Der Film hat allerdings nicht nur Superlative zu bieten, sondern schafft es aufgrund seines manchmal zu behäbigen Erzähltempos nicht alle Längen zu umgehen. Eine vorherige Kenntnis der historischen Ereignisse nimmt dem Ganzen letztlich auch ein wenig Spannung, aber das muss Joffé bei dieser Thematik in Kauf nehmen. Sein Fokus liegt ohnehin auf der Darstellung des tragischen Schicksals der Guaraní und als solche weist Mission selbstredend eine weit höhere Intensität auf als die Einträge und Statistiken in Geschichtsbüchern. Wer sich diesen Film entgehen lässt, ist selbst schuld. Selbst Menschen, die Historiendramen prinzipiell eher abgeneigt sind und dem ein oder anderen Film dieses Genres Trockenheit und Langeweile unterstellen, sollten einen Blick riskieren, denn schlussendlich lässt Roland Joffés Mission niemanden unberührt.

Brazil

Brazil
© 20th Century Fox

Dieser seltsame Terry Gilliam, notorisch vom Pech verfolgt, springen ihm Produzenten ab, werden Projekte eingestampft und müssen Darsteller ersetzt werden, doch sein anti-utopisches Kunstwerk Brazil zeigt einmal mehr, warum der britische Regisseur aus der Filmkultur nicht mehr wegzudenken ist. Seine kafkaeske Bürokratensatire ist eine der humorvollsten, aber auch düstersten Zukunftsvisionen der Filmgeschichte.

Der unauffällige Archivarbeiter Sam Lowry (Jonathan Pryce) ist für das mächtige Ministry Of Information (M.O.I.) in einer technisierten und bürokratisierten Welt tätig. Während er seine kleine Rolle im großen Informationsbearbeitungsapparat wunschlos akzeptiert und sogar eine von seiner einflussreichen Mutter (Katherine Helmond) arrangierte Beförderung ablehnt, ist er in seinen surrealen Träumen ein großer Held in prachtvoller Rüstung, der immer wieder gegen ungewöhnliche Feinde antreten muss und nach einer mysteriösen blonden Schönheit strebt.
Als es im Ministerium durch einen Druckfehler zu einer Verwechslung kommt, wird statt dem illegalerweise freischaffenden Heizungsingenieur Tuttle (Robert De Niro), der als systemfeindlicher Terrorist gilt, der unschuldige Familienvater namens Buttle verhaftet und getötet. Um die ordnungsgemäße Nachbearbeitung dieses bürokratischen Irrtums soll sich nun Sam Lowry kümmern. Bei dem Überbringen eines Rückvergütungsschecks, entdeckt er die blonde Frau, die er schon so oft in seinen Träumen gesehen hat. Fortan tut er alles daran, die junge Lastwagenfahrerin namens Jill Layton (Kim Greist) vor dem verqueren System zu bewahren, dass es auf sie, aber gleichfalls auch auf ihn selbst abgesehen hat.

Beklemmende Bürokomplexe, düstere Häuserschluchten und jede Menge Rohre und Schläuche zeichnen das großartige Art Design von Brazil aus, das lediglich in den Tagträumen Sams einen Hauch von Trashcharakter erhält, wenngleich man diesen Szenen einen gewissen Charme und Einfallsreichtum nicht absprechen kann.
Die – für Gilliam typisch – zur Eigenartigkeit überzeichneten Charaktere sind weitgehend gut gespielt und wissen zu überzeugen, vor allem der für freie Gewerbe kämpfende Heizungsingenieur Tuttle, den De Niro einfach auf liebenswürdig verwegene Weise verkörpert oder der stets so freundlich aufgelegte Jack Lint (Michael Palin), der dem wohl zweifelhaftesten Job im Ministerium nachgeht.
Musikalisch wird Brazil von einem beschwingten Sambatitel namens „Aquarela do Brasil“ getragen, der ursprünglich von Ary Barroso 1939 komponiert und für den Film in einer neuen Version von Geoff Muldaur eingespielt wurde. Dieses fröhliche Maintheme illustriert passend den Kontrast zwischen der tristen Anti-Utopie und den Gedanken an schönere, ferne Orte, mit denen auch Sam Lowry seinem Umfeld zu entkommen versucht. Dies ist mit ein Grund, warum Terry Gilliam für seinen Film diesen zuerst zusammenhangslos erscheinenden Titel gewählt hat.

Brazil ist einer von Gilliams stärksten Filmen. Er schuf mit diesem Werk einen finsteren Science-Fiction-Film, der es zum Glück nicht lassen kann, immer wieder ins Satirische und Groteske zu driften. Ein bizarrer Verwaltungswahnsinn. Eine gekonnte Mischung aus humorvollen und verstörenden Szenen mit einem beeindruckenden Finale, das es in sich hat.