Fell

Fell

Eine Fotografin, die sich in einen derart behaarten Menschen verliebt, dass er glatt als Bruder von Chewbacca durchgehen könnte? Was sich wie eine absurde Komödie anhört, ist in Wahrheit sowohl ein nicht zu unterschätzendes Drama über eine ungewöhnliche Liebe, als auch eine Frage nach Norm und Ästhetik im New York der späten 50er Jahre.

Diane Arbus (Nicole Kidman) gehört als Tochter eines Modezaren und Ehefrau des gefragten Fotografen Allan Arbus (Ty Burrell) zum angesehenen Kreis der New Yorker High Society. In ihrem gepflegten Apartment, das zugleich auch als Fotostudio dient, assistiert sie ihrem Mann bei kommerziell vielversprechenden Aufträgen wie den beispielsweise typischen Hausfrauenwerbefotos dieser Zeit. Doch irgendwie fühlt sich Diane fehl am Platz. In ihr herrscht ein unbeschreibliches Verlangen nach dem Außergewöhnlichen, nach dem Verbotenen; ein Gefühl, das sie gleichermaßen verängstigt und fasziniert.
Als im Apartment unter dem Dach ein vollständig behaarter Mann namens Lionel (Robert Downey Jr.) einzieht, lässt sich Diane von ihrer Neugier und ihrem unerklärbarem Trieb leiten und entwickelt eine immer stärkerer Bindung zum an Hypertrichose erkrankten neuen Nachbarn, der sie schließlich ermutigt, ihren eigenen Weg als Künstlerin zu beschreiten, fernab vom ästhetischen Ideal der Gesellschaft.

Die Figur der Diane Arbus war tatsächlich eine real existierende Fotografin, die vor allem für ihre experimentellen Porträtfotos von gesellschaftlichen Außenseitern (darunter eben auch deformierte oder anderweitig äußerlich auffällig erkrankte Menschen). Steven Shainbergs Film bezeichnet sich im Originaltitel als imaginäres Porträt und weist bereits im Vorspann darauf hin, dass die Filmhandlung keine wirkliche Episode aus Diane Arbus‘ Leben wiedergibt, sondern vielmehr eine mögliche innere Erfahrung zeigt, die sie als Künstlerin zu ihren außergewöhnlichen Werken motiviert haben könnte. Zentral ist hierbei vor allem nicht nur auf filminhaltlicher Ebene, wie sich ein Wandel vom Ästhetikbegriff in Diane Arbus‘ Leben und somit auch in ihrer Arbeit vollzieht, sondern eben naheliegenderweise auch im Visuellen von Shainbergs Film selbst. Am Auffallendsten äußert sich dies im Kontrast der verschiedenen Beleuchtungen und Kulissen. Auf der einen Seite lebt Dianes Musterfamilie in ihrem perfekten, aufgeräumten Apartment, auf der anderen Seite Lionel im zwielichtigen Dachgeschoss, das mit all den kleinen Details seinen ganz eigenen Charme versprüht. Das endgültige Eindringen der Fremdartigkeit in die heile Arbuswelt nimmt der Regisseur schließlich so wörtlich, dass er Lionels illustre Freunde – ebenfalls Randfiguren der Gesellschaft – über eine Dachluke munter in die Wohnung der Familie spazieren lässt.

Fell muss sich sicherlich vorwerfen lassen, die reale Person Diane Arbus eher unzureichend zu charakterisieren und auf ihre Fotografien selbst so gut wie gar nicht einzugehen. Dianes Ausbruch aus den gesellschaftlichen Normen und den bürgerlichen Vorurteilen mag die Verbindung zu den Fakten sein, doch Steven Shainberg konzentriert sich in seinem Film ebenfalls überaus deutlich auf das Kuriosum des haarigen Lionel und die entstehende Liebe zwischen den Protagonisten. Trotz der surrealen Ansätze, bleibt die Handlung erstaunlich bodenständig und driftet nie in den Bereich der Phantastik ab, obwohl man Steven Shainberg sicher keinen Vorwurf machen würde, wenn er sein Stichwort „innere Reise“ voll ausgeschöpft hätte.
So serviert er dem Zuschauer ein ordentliches Drama, das sich handwerklich gut und unaufdringlich präsentiert, aber vermutlich auch ohne den Namen Diane Arbus funktioniert hätte.

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A Scanner Darkly

A Scanner Darkly

Philip K. Dick gehört auch heute noch zu den beliebtesten Science-Fiction-Autoren überhaupt, kein Wunder also, dass inzwischen nicht wenige seiner Werke für die große Leinwand adaptiert wurden. Zu den gelungenen Verfilmungen gehören vor allem Blade Runner (Ridley Scott, 1982) und Minority Report (Steven Spielberg, 2002). Seit 2006 kann man auch Richard Linklaters A Scanner Darkly dazuzählen, eine düstere Zukunftsvision über Identität, Täuschung, Sucht und Kontrolle.

Die Handlung des Films spielt in den USA der nicht allzu weit entfernten Zukunft. Der Kampf gegen die Drogen scheint verloren, die Regierung weiß sich nur noch mit einem weit verzweigten Netzwerk aus Video- und Audioüberwachung, sowie zahlreichen Informanten und Undercoverfahndern zu helfen, mit deren Hilfe man an die hohen Tiere hinter dem illegalen und gefährlichen Halluzinogen Substance D gelangen will.
Fred (Keanu Reeves) ist einer dieser Fahnder und wird unter dem Namen Robert Arctor in die nicht ungefährliche Szene eingeschleust. Doch auch umgekehrt operieren Dealer verdeckt in den Behörden. Um also seine Identität zu schützen und nicht als Arctor erkannt zu werden, trägt Fred – wie viele andere Fahnder  auch – auf dem Revier einen Hightech-Tarnanzug, einen sogenannten „Jedermann-Anzug“, der individuelle Merkmale von Gesicht und Körper unkenntlich macht. Auf der einen Seite wertet er Videoaufnahmen aus und observiert einen kleinen Haushalt Drogensüchtiger, andererseits ist er als Robert Arctor gleichzeitig Teil dieser kleinen Gruppe, um Informationen zu sammeln. Zu seinem alltäglichen Umgang gehören dort der redselige, paranoide James Barris (Robert Downey Jr.), der lethargische, leicht dümlich wirkende Ernie Luckman (Woody Harrelson) und die körperkontaktscheue Donna Hawthorne (Winona Ryder), die Arctor Substance D beschafft.
Als es durch die Anschuldigungen eines anonymen Informanten dazu kommt, dass Arctor verdächtigt wird, einer terroristischen Organisation anzugehören, wird die Überwachung verschärft und Fred ist gezwungen, sich selbst zu überwachen. Zur gleichen Zeit wird er immer abhängiger von der psychoaktiven Substance D, obwohl er ursprünglich undercover nur vorgeben sollte, Drogenkonsument zu sein. Die Kommunikation zwischen seinen beiden Gehirnhälften ist geschädigt und Freds Wahrnehmungsvermögen gestört. Er beginnt, nicht mehr unterscheiden zu können, wann er in welcher Rolle agiert.

Diese Verwirrung und Paranoia, die den Protagonisten immer stärker befällt, soll auf gewisse Weise ebenso auf uns, die Zuschauer, einwirken. Die wichtigsten Plot Points wurden um die Frage nach der wahren Identität und Absicht der Charaktere gestaltet. So wie sich die Polizei weder über Freds wahre Identität im Klaren ist, noch die Motivationen der einzelnen Mitglieder des überwachten Haushaltes durchschaut, stellen sich auch dem Zuschauer einige Fragen. Durch die eingeschränkte Wahrnehmung Freds bzw. Robert Arctors bleibt zudem der Realitätsgehalt einiger Sequenzen fraglich. Eine permanente Unsicherheit macht sich breit, bis einem der finale Twist einen Schlag in die Magengrube verpasst.

Neben den Wendungen zeichnet sich der Plot vor allem durch lange, aber ungemein amüsante Dialogpassagen aus. Besonders Robert Downey Jr. blüht dabei als abgedrehter James Barris auf, der hinter allen Ereignissen groß angelegte Verschwörungen vermutet, die den gemeinsamen Drogenkonsum auffliegen lassen wollen. Sein Verfolgungswahn verleitet ihn zu abstrusen Annahmen gefährlichen Behauptungen. Ernie Luckman wirkt stellenweise als gelassenerer Gegenpol, lässt sich in seiner Naivität allerdings auch nur allzu leicht von den paranoiden Emotionen mitreißen.
So humorvoll diese Gespräche auch in Szene gesetzt sind, zeigen sie jedoch zugleich die ernstzunehmenden Auswirkungen von Substance D auf das Wahrnehmungsvermögen seiner Konsumenten. Dass es real existierende Halluzinogene mit ähnlichen Effekten gibt, ist selbstverständlich kein Zufall. Die viel wichtigere Kritik äußert Philip K. Dick in seiner Geschichte allerdings an dem wachsenden Verlangen des Staates nach absoluter Kontrolle, nach allgegenwärtiger Transparenz und sei es auch mit skrupellosen Mitteln. War diese Vorstellung bei Erscheinen der Romanvorlage im Jahr 1977 noch stärker der Gedanke einer Science-Fiction, so scheint sie heute gegenwärtiger denn je.

Visuell verpackt Richard Linklater die Satire in einen aufwändigen Animationsstil. Der Film wurde zunächst ganz konventionell mit den Darstellern gedreht, aber anschließend per Rotoskopieverfahren animiert, sozusagen digital „übermalt“. Diese Entscheidung erscheint auf den ersten Blick eigenwillig, veranschaulicht im Endeffekt aber wunderbar die verquere Wahrnehmung der Drogensüchtigen, sowie den ansonsten  nur schwer vorstellbaren Jedermann-Anzug. Linklater hatte die Rotoskopietechnik bereits bei Waking Life (2001) angewandt und nun für A Scanner Darkly noch weiter perfektioniert, obwohl sich die Post-Produktion des Filmes ziemlich in die Länge zog. Doch die Zeit hat sich gelohnt, denn herausgekommen ist eine gelungene Philip-K.-Dick-Adaption, ein Blick auf eine beängstigende Zukunftsgesellschaft, deren Parallelen zur Gegenwart unverkennbar sind und ein unterhaltsamer Animationsfilm für Erwachsene.