Lost River

Lost River - FilmplakatNach ansehnlicher Rollenauswahl in den letzten Jahren mit Drive (Nicolas Winding Refn, 2011), The Place Beyond the Pines (Derek Cianfrance, 2012) und Only God Forgives (Nicolas Winding Refn, 2013), wagt sich Schauspieler Ryan Gosling nun an sein Regiedebüt, das keinen Hehl daraus macht, sich vor seinen ästehtischen Vorbildern zu verbeugen. Lost River nennt sich seine erste Regiearbeit und zielt auf geschmackliche Überschneidungen mit Fans von Filmemachern wie Lynch, Refn und Noé ab. Weiterlesen „Lost River“

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Grand Budapest Hotel

Grand Budapest Hotel

Wenn ein großes Starensemble zusammenkommt, um als irrwitzige Figuren vor bunter Kulisse gefilmt zu werden, ist es mal wieder soweit: Wes Anderson dreht einen neuen Film! Mit illustren Darstellern wie unter anderem Ralph Fiennes, Jeff Goldblum, Willem Dafoe, Saoirse Ronan, Edward Norton und Tilda Swinton verwirklichte er eine wundersame Kriminalkomödie über einen Mord im ruhmreichen Grand Budapest Hotel, in der fiktiven südosteuropäischen Alpenrepublik Zubrowka.

Wir schreiben das Jahr 1932. Flüchtlingsjunge Zéro (Tony Revolori) ist der neue Lobby Boy im Grand Budapest Hotel und als solcher dem exzentrischen Concierge Monsieur Gustave (Ralph Fiennes), seines Zeichens galanter Charmeur älterer wohlhabender Damen, unterstellt. Eine von M. Gustaves liebsten Stammgästen, die 84-jährige Witwe Céline Villeneuve Desgoffe und Taxis (Tilda Swinton), verstirbt jedoch nur wenige Tage nachdem sie mit dem Concierge die Nacht verbracht und anschließend das Hotel verlassen hat, unter mysteriösen Umständen. Sie hat ihm das unbezahlbare Gemälde Junge mit Apfel des niederländischen Renaissancemalers Johannes von Hoytl vererbt, was den Zorn ihrer Familie, insbesondere den ihres Sohnes Dmitri (Adrien Brody) und seines mordlustigen Gefährten J. G. Jopling (Willem Dafoe) auf sich zieht. Währenddessen ermittelt die Polizei um Inspector Henckels (Edward Norton) den Todesfall, vermutet Mord und verdächtigt M. Gustave. Da bleibt einem treuen Lobby Boy wie Zéro nichts anderes übrig, als seinen Vorgesetzten und Mentor, dabei zu unterstützen, den Gefahren von allen Seiten aus dem Weg zu gehen und dieses unsägliche Missverständnis aufzuklären. Dass im Übrigen für die friedliche Republik Zubrowka in Bälde ein Krieg mit einem faschistischen Staat bevorsteht, gerät dabei beinahe zur Nebensache.

Fans des Regisseurs dürfen sich auf eine gewohnt verrückte Geschichte mit großem Cast und verrücktem Allerlei einstellen. Hört man den Namen Wes Anderson, assoziiert man damit sein Faible für farbenfrohe und enorm detailreiche Kulissen, symmetrische Kameraarbeit und bekloppt liebenswerte Charaktere. Ging es in seinem vorherigen Film Moonrise Kingdom noch um die junge Liebe zweier ausreißender Kinder, steht dieses Mal ein Kriminalfall im Mittelpunkt dessen Opfer der unschuldige M. Gustave werden könnte. So geht es letztlich darum, die Unschuld zu beweisen, das teure Gemälde in Sicherheit zu bringen, nicht von Dmitris Handlanger ermordet und nicht von der Polizei verhaftet zu werden. Ein scheinbar wirres Hin- und Her mit einem Concierge und seinem Lobby Boy, aus dessen Perspektive das Geschehen erzählt wird, in steter Bewegung. Der Film gewinnt dadurch eine erfrischende Dynamik, die bis zum Schluss zu unterhalten weiß.

Formal scheint alles wie gehabt zu sein: Zentrale Fluchtpunkte, typische 90°-Kameraschwenks und Charaktere, die sich dem Bild unterordnen – nie umgekehrt. Tatsächlich aber ist Grand Budapest Hotel stilistisch sogar noch weit strenger als bisher; eine Entwicklung, die sich bereits seit Der fantastische Mr. Fox abgezeichnet hatte, wenngleich dort auch aus technischen Gründen, aufgrund seiner Beschaffenheit als reiner Stop-Motion-Film. Fakt ist jedoch, dass Anderson sich immer weniger Ausbrüche aus seiner ästhetischen Gestaltung erlaubt. Solange dies im Zusammenspiel mit dem Inhalt noch so hervorragend funktioniert wie hier, braucht man nicht von einer selbstauferlegten Einengung zu sprechen, doch Abweichungen von dieser formalen Homogenität wären eine willkommene Abwechslung, bevor Andersons Stil zur langweiligen Gewohnheit wird.

Natürlich spielt auch immer die Erwartungshaltung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Weiß man diese einzigartige, bisweilen künstliche Anderson-Ästhetik sehr zu schätzen, dauert es möglicherweise noch eine ganze Weile, bis dessen Filme die ersten Ermüdungserscheinungen hervorrufen. Andererseits werden die Menschen, denen die, zugegeben, sehr eigene Regie noch nie so recht gefallen hat, auch mit Grand Budapest Hotel wenig anfangen können, denn diese herrlich verrückte Komödie ist Wes Anderson durch und durch. Gut so!

Byzantium

Byzantium

Der Vampirfilm ist heutzutage sicherlich ein pikantes Thema, schließlich machen die Blutsauger in unseren popkulturellen Erzeugnissen derzeit überwiegend als Objekt der Begierde in übernatürlichen Romanzen auf sich aufmerksam, deren Zielgruppe jugendliche Mädchen sind. Das einstige Bild der kultivierten, aber mächtig gefährlichen Kreaturen der Nacht scheint auf den ersten Blick verwässert zu sein. Doch bei genauem Hinsehen stellt man fest, dass es nach wie vor gute Filme über Vampire gibt. Perlen wie So finster die Nacht (Tomas Alfredsson, 2008) und Durst (Park Chan-wook, 2009) beweisen, dass das Thema noch längst nicht ausgelutscht ist und man dem Genre noch neue Aspekte abgewinnen kann, ohne den eigentlichen Fans dieser Geschöpfe vor den Kopf zu stoßen. Nun schickt sich Neil Jordan, Regisseur von Interview mit einem Vampir (1994), an, den zeitgenössischen Vampirfilm um ein weiteres Qualitätswerk zu ergänzen: Byzantium.

Clara (Gemma Arterton) und ihre Tochter Eleanor (Saoirse Ronan) leben seit über 200 Jahren als Vampire und erkaufen sich ihre Unsterblichkeit mit Menschenblut. Um nicht entdeckt zu werden, ziehen sie durch England von Stadt zu Stadt. Nahezu mittellos lassen sie sich in einem kleinen Küstenort im heruntergekommenen Hotel Byzantium nieder, das Clara kurzerhand zum Bordell umfunktioniert. Gleichzeitig verliebt sich Eleanor in den an Leukämie erkrankten Studenten Frank (Caleb Landry Jones) und bricht die einzige Regel, die das Überleben des blutsaugenden Duos sichert: Sie verrät ihr düsteres Geheimnis. Die Lage spitzt sich zu, denn eine mysteriöse Bruderschaft ist den Vampirinnen bereits auf der Spur, um sie zur Strecke zu bringen.

Zwar gibt es Thriller-Anleihen und auch so manche Horrorsequenz wie beispielsweise den Ritus der Vampirwerdung, bei dem das Blut in Sturzbächen fließt, doch im Kern ist Byzantium ein Figurendrama. Der Fokus der Handlung richtet sich auf zwei Vampire, die mit sich und ihrem Platz in der Welt auf vollkommen verschiedene Weise umgehen und den Geschehnissen durch diesen Kontrast eine ganz eigene Dynamik verleihen. Clara ist eine um kein Wort verlegene Prostituierte, die in ihrem Blutdurst aufgeht und mit ihrer direkten, provokanten Art den dominanten Pol in der Mutter-Tochter-Beziehung markiert. Eleanor hingegen ist still, introvertiert und der ewigen Flucht müde. Sie sehnt sich nach einem anderen Leben. Obwohl sie dem fragilen Menschen Frank so viele Jahre an finsterer Lebenserfahrung voraus hat, teilt die ewig Sechzehnjährige mit ihm ein gemeinsames Schicksal: Sie sind zwei Außenseiter auf der Suche nach Verbundenheit; eine behutsam erzählte Vampir-Mensch-Beziehung, die ein wenig an Eli und Oskar aus So finster die Nacht erinnert.

Ist Eleanors Geschichte auf dem hoffnungsvollen Weg in eine Gegenwart der Ruhe und Stabilität, folgt Claras stete Unruhe ihrer Vergangenheit, der sie nicht entkommen kann und die sie ihrer Tochter verschweigt. Abseits des heutigen Englands, erzählt der Regisseur die Anfänge von Claras vampirischem Dasein im viktorianischen Zeitalter mit einer Scheineleganz in schönen Aufnahmen, hinter denen die gleichen Mechanismen von unmenschlichen Gelüsten stecken, die die attraktive Frau schon damals in die Verzweiflung getrieben haben. Es ist also keine Überraschung, dass Clara in ihrem Gewerbe seit mehr als zwei Jahrhunderten tätig ist.

Zwischen dem unaufhaltsamen Schatten der Vergangenheit und der blassen Hoffnung auf eine Zukunft, die das zyklische Schicksal der beiden Vampirdamen durchbrechen könnte, kleidet Jordan seinen Film dank Sean Bobbitts hochwertiger Kameraarbeit in überaus elegante Bilder. Sachte Kamerabewegungen und klassische Montage definieren eine Ästhetik fern des populären Drangs nach dokumentarischem Realismus. Obwohl es einige äußerst brutale Momente gibt, wirkt das blutdürstige Gebaren nur bedingt wie ein Fremdkörper. Jordan versteht es, auch diese Tötungsszenen kunstvoll in Szene zu setzen. Unterstrichen wird die zeitlose visuelle Gestaltung von einem zurückhaltenden, melancholischen Soundtrack, der sich dem Zuschauer nie aufdrängt.

Byzantium ist ein Vampirfilm, der sich zwar einiger Genreversatzstücke bedient, sie jedoch neu anordnet, vertieft und in eine unheimlich stimmungsvolle Geschichte verpackt, die sich schön langsam entblättert, um im Schlussdrittel schließlich an Fahrt aufzunehmen. Ein sensibles Drama, das fasziniert und von Anfang bis Ende nicht mehr loslässt.