Bedevilled

Bedevilled

Bedevilled ist der Debütfilm von Jang Chul-soo, der zuvor als Regieassistent für Kim Ki-duk gearbeitet hatte. Ein unbekannter Regisseur, der seine Erfahrungen ausschließlich im Arthausbereich gemacht hatte, war den Geldgebern allerdings zu riskant. Und auch wenn Jang es trotzdem geschafft hatte, die Schnittversion, die seiner Vorstellung als Filmemacher entsprach, durchzusetzen, wird die reißerische Vermarktung seinem Film nicht ganz gerecht. Er wird in Trailern und auf DVD-Hüllen fast schon plump als brutaler Horrorfilm beworben, von dem man annehmen könnte, dass er sein Publikum von Anfang bis Ende mit expliziter Gewalt schocken soll. Tatsächlich aber handelt es sich um ein ruhig erzähltes Drama über Misshandlung, Unterdrückung und Zivilcourage, dessen psychische Unerträglichkeit sich erst im Schlussdrittel in radikale Körperlichkeit entlädt.

Professionalität ist das Credo der alleinstehenden Hae-won (Ji Seong-won). Die junge Frau arbeitet bei der Bank und führt ein einsames, berufsorientiertes Leben. Auf verzweifelte Kunden reagiert sie alles andere als empathisch, sondern kühl und abweisend. Als es im Streit mit einer Kollegin zu Handgreiflichkeiten kommt, nimmt sie sich erst einmal eine Auszeit und beschließt, für ein paar Tage ihre Kindheitsfreundin Bok-nam (Seo Yeong-hie) auf der kleinen Insel Moodo zu besuchen. Dort ist sie jedoch kein willkommener Gast. Lediglich ihre Freundin freut sich über das Wiedersehen, der Rest der kleinen Dorfgemeinschaft bleibt gern unter sich und tritt Fremden mehr als skeptisch gegenüber.
Sich unerwünscht zu fühlen ist die eine Sache, doch Hae-won wird täglich Zeuge von Bok-nams Dasein als misshandelte und vergewaltigte Ehefrau, als hilflose Mutter und als schuftende Sklavin der alten Frauen, die auf der Insel das Sagen haben. Die unterdrückte Frau bittet Hae-won schließlich um Hilfe, aber statt einzugreifen, bleibt sie zögerlich, zurückhaltend, passiv. Irgendwann ist der Zeitpunkt erreicht, and dem Bok-nam die Tortur nicht mehr ertragen kann und beginnt, sich an ihren Peinigern zu vergelten.

Der eingangs erwähnte Genrebegriff ‚Horror‘ lässt nicht im klassischen Sinn auf Bedevilled anwenden, aber in gewisser Weise findet sich das Erschreckende natürlich im Verhalten der grausamen Dorfbewohner wieder, die durch ihr Handeln Bok-nam mit einer schockierenden Selbstverständlichkeit jeglichen Wert als Mensch absprechen. Daraus macht Regisseur Jang auch keinen Hehl. Es gibt keine heuchlerische Fassade, die nach und nach bröckelt, sondern von Anfang bis Ende menschenverachtendes Verhalten seitens der Inselbevölkerung. Die Gefühle des Zuschauers erleben in der Hinsicht keine graduelle Wandlung: Von Beginn an richten sich sein Unverständnis, sein Zorn und sein Hass auf die hinterwäldlerischen Monster, die Bok-nams Leben zerstören.
Der Kniff liegt in der Figur der Hae-won, die dem Zuschauer als Protagonistin vorgestellt wird. Die Handlung folgt ihr in ihrem Berufsalltag bis in den Urlaub auf Moodo hinein. Erst dort wächst die Distanz und das Geschehen fokussiert sich mehr und mehr Bok-nam, die als Nebenfigur eingeführt wird, sich aber nach und nach als neue Bezugsfigur etabliert und deren finaler Racheakt trotz seiner explizit brutalen Darstellung auf eine befreiende Wirkung abzielt. Und doch sind wir am Ende wieder ganz nah bei der feigen Hae-won mit einem unguten Gefühl und der Frage, ob wir trotz der Antipathie, die wir ihr inzwischen entgegenbringen, nicht vielleicht sogar ähnlich gehandelt hätten.

Damit diese Ambivalenz entsteht, hält Jang das Erzähltempo niedrig und gibt seinen Charakteren genug Zeit, das unerträgliche Gefühl beim Zuschauer immer weiter zu steigern, bis er gemeinsam mit Bok-nam eine Grenze erreicht, die zur blutigen Eskalation führt. Der eigentliche Akt der Vergeltung ist zwar wichtig, aber die stete Hinführung von noch weit größerer Bedeutung. Damit untrennbar verknüft ist über den gesamten Zeitraum Hae-won, die eine Rolle als Zeugin, als passiver Zuschauer einnimmt und beim Publikum unbequeme Fragen über die Loyalität von Freundschaft, Einfühlungsvermögen und Hilfsbereitschaft aufwirft. Bedevilled ist in seiner emotionalen Komplexität ein beeindruckendes und schwerverdauliches Spielfilmdebüt über menschliches Miteinander in seiner unmenschlichsten Ausprägung.

The Chaser

The Chaser

Mit The Chaser schuf der zuvor unbekannte Regisseur Na Hong-jin einen bemerkenswerten Thriller, der sich vor koreanischen Genregrößen wie Oldboy (Park Chan-wook, 2003) und Memories of Murder (Bong Joon-ho, 2003) nicht zu verstecken braucht, bricht er doch schließlich ebenso gekonnt wie kompromisslos mit einigen nur allzu  gut bekannten Strukturen.

Ex-Cop Joong-ho (Kim Yun-seok) ist ein mürrischer Misanthrop und verdingt sich nach seiner Suspendierung inzwischen als Zuhälter. Seit einiger zeit verschwinden allerdings seine Mädchen und schon bald stellt er fest, dass bei allen verschwundenen Prostituierten die selbe Kundentelefonnummer eingetragen ist. Joong-hos Ermittlungen lassen ihn darauf schließen, dass es sich hierbei nicht um einen mysteriösen Zufall handeln kann. Tatsächlich ist der Kunde ein psychopathischen Killer (Ha Jungwoo), der auf seine ganz eigene Art Spaß mit den Damen hat. Joong-ho steht derweil unter Zeitdruck, denn sein letztes Mädchen Mi-jin ist bereits auf dem Weg zu eben jenem besonderen Kunden.

Die ersten Minuten von The Chaser beginnen bereits spannungsgeladen, doch im Gegensatz zum üblichen Muster, bei dem der Antagonist erst gegen Filmende gestellt wird, trifft hier Joong-ho eher zufällig auf den Killer Young-min, der nach seiner Tat mit blutbespritztem Hemd  beinahe genau dort auftaucht, wo der lauernde Ex-Cop kurz davor ist, seine Suche nach dem Wohnsitz des Kunden abzubrechen. Nach einer kurzen Verfolgungsjagd durch Gassen und Hinterhöfe kann Joong-ho den Flüchtenden stellen und auf das Polizeirevier bringen. Ein ungewöhnlich frühes Ende, wenn nicht die wirkliche Jagd erst ab diesem Zeitpunkt beginnen würde. Young-min gesteht auf dem Revier sogar die Morde an den Mädchen, doch mangels Beweisen ist die Polizei nicht in der Lage, ihn länger als zwölf Stunden zu arrestieren. Als er darüber hinaus noch zugibt, dass sein letztes Opfer, Mi-jin, noch am Leben sein könnte, beginnt für Joong-ho ein Spiel auf Zeit, in dem es darum geht, die verletzte und irgendwo eingesperrte Frau zu finden, bevor der Täter wieder auf freiem Fuß ist und sich aufmacht, sein grausames Werk zu vollenden.

Die weitere Handlung des Films bietet noch so einige unkonventionelle und gerade deswegen schockierende Wendungen, bevor sie in ein abgründiges Finale kulminiert. Neben dem starken Plot und der deutlichen Kritik an der koreanischen Polizei bietet Nas Debütfilm aber auch die nötige Charaktertiefe, die im Thrillergenre leider zu oft auf der Strecke bleibt. Protagonist  Joong-ho ist alles andere als ein glänzender Held. Durch eine Korruptionsaffäre verlor er seinen Job bei der Polizei und schlägt sich nun als Zuhälter durchs Leben. Von den Problemen seiner Mitmenschen hält er nicht viel. Seinen Gehilfen behandelt er wie Dreck und seine Prostituierten schickt er zum Dienst, selbst wenn sie krank und erschöpft sind. Er legt ein egozentrisches, menschenverachtendes Verhalten an den Tag. Erst als er der kleinen Tochter der sich in Lebensgefahr befindlichen Mi-jin begegnet, erkennt er, dass es auch noch andere Werte im Leben gibt, als Geld. Glücklicherweise vermeidet Regisseur Na es, Joong-ho eine komplette Kehrtwende machen zu lassen. Stattdessen beginnt der Zuhälter allmählich, sich tatsächlich zu sorgen und entdeckt so fast schon verloren gegangene Gefühle wieder.
Auf der anderen Seite ist Young-min kein intellektuelles Genie, das einen Masterplan verfolgt und ebenso wenig ein Gesellschaftskritiker und Prophet seiner eigenen verqueren Moral. Viel mehr ist er bloß ein gestörter Mensch, mit äußerst verwerflichem Drang zu Töten. Es geht ihm nicht darum, irgendetwas zu beweisen oder sich selbst ein Denkmal zu errichten. Wären da nicht diese Morde, so könnte man sein Auftreten als zwar leicht zögerlich, doch fast schon normal bezeichnen. In seinem Gesicht liegt kein manisches Lächeln, seine Augen zeigen keinen Hass. Young-min ist ein merkwürdiger Mensch, aber ein überaus interessanter Charakter.

Auf visueller Ebene kann man The Chaser nichts vorwerfen. Während in so einigen großen Hollywoodproduktionen eher Blau- und Orangetöne vorherrschen, sind hier die dominanten Farben in den nächtlichen Szenen kaltes, weißes Licht und sanftes, zurückhaltendes Gelb. Die actionreicheren Szenen sind gut in Szene gesetzt und die Gewaltdarstellung in ihrer Rohheit beachtlich, um die ganz eigene Bosheit der Charaktere zu unterstreichen. In den USA sind die Macher von Departed (Martin Scorsese, 2006) bereits an einem Remake dran, kommen aber wahrscheinlich nicht umhin, das knallharte Ende zu ändern, um es hollywoodtauglich weichzuspülen. Es bleibt abzuwarten, ob und wie den Amerikanern eine Neuverfilmung des Stoffes gelingt. Sicher ist jedoch, dass das Original von Na Hong-jin ein eindrucksvolles Debüt und ein packend ungewöhnlicher Thriller ist, der die stellenweise enorme Qualität des zeitgenössischen koreanischen Kinos ein weiteres Mal aufzeigt.