Tokyo Tribe

Tokyo Tribe - FilmplakatNormalerweise läuft ein Künstler mit hohem Output Gefahr, für seine Quantität einiges an Qualität einzubüßen, nicht so jedoch bei Sion Sono, bei dem die Abstände zwischen zwei Filmen exponentiell zu schrumpfen scheinen, ohne dass man ihm vorwerfen könnte, nur noch lieblos seine Pflicht zu erfüllen. Im Gegenteil, inzwischen tobt er sich richtig aus. War Why Don’t You Play in Hell? (2013) noch sein ultimativer Film über Film, widmet er sich ein Jahr später mit Tokyo Tribe in völlig abgedrehter Manier der Musik, genauer der HipHop-Szene eines alternativen Japans. Weiterlesen „Tokyo Tribe“

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Why Don’t You Play in Hell?

Why dont you play in Hell?

Seit Love Exposure (2008) sind inzwischen sechs Jahre vergangen. Regisseur Sion Sono, Japans radikalster Filmemacher der Gegenwart, drehte seitdem zahlreiche starke Filme wie Be Sure to Share (2009), Cold Fish (2010), Guilty of Romance (2011), Himizu (2011), und Land of Hope (2012), doch keiner davon erreichte die gleiche Verspieltheit wie sein vierstündiges Epos. Bis jetzt.
Denn mit seinem neuesten Streich Why Don’t You Play in Hell? treibt er einmal mehr alles auf die absolute Spitze. Wie entfesselt lässt Sono seine Figuren aufeinander los, um den Zuschauer mit der wahnsinnigsten und brutalsten Actionkomödie der vergangenen Jahre zu konfrontieren.

Der Film handelt von den zwei verfeindeten Gangsterbossen Muto (Jun Kunimura) und Ikegami (Shinichi Tsutsumi). Während Ikegami heimlich in Mutos Tochter Michiko (Fumi Nikaidō) verliebt ist, versucht Muto seiner im Gefängnis sitzenden Frau den Traum zu erfüllen, Michiko in einem Film mitspielen zu sehen. Geld spielt dabei keine Rolle. Und wie wäre es wohl, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und gleichzeitig seinen Rivalen ein für allemal zu erledigen? Der zufällig in die Geschichte geratene Koji (Gen Hoshino) wird fälschlicherweise für den zuständigen Regisseur gehalten und soll den Film inszenieren, obwohl er von der Materie nicht die geringste Ahnung hat. Zum Glück stößt er auf eine erfolglose Gruppe Amateurfilmer um den enthusiastischen, zum Wahnsinn neigenden Hirata (Hiroki Hasegawa). Dieser hat auch bereits konkrete Vorstellungen, wie er zwei Yakuzabanden im ultimativen, nie da gewesenen Showdown aufeinander treffen lässt.

Ultimativ und nie da gewesen trifft letztlich auch auf die Inszenierung Sonos zu, was die eigentliche Thematik von Why Don’t You Play in Hell? angeht. Es ist eine irrwitzige Komödie, oh ja, aber vor allem ein Film über das Medium an sich und über die Leidenschaft als Filmemacher. Die Grenzen zwischen Film und Wirklichkeit verschwimmen, wenn sich Yakuza als Filmcrew betätigen und das brutale gegenseitige Gemetzel zu jedem Zeitpunkt immer auch filmisch festhalten. In vollkommen absurder, aber gleichermaßen ehrlicher Weise bedingen sich der Film und das Leben gegenseitig, wenn der Dreh echte Handlungen und Emotionen lenkt, die grausamen Auseinandersetzungen jedoch im selben Augenblick Opfer bei allen Beteiligten, sowohl vor, als auch hinter der Kamera fordern. Wenn der junge Regisseur Hirata und seine Freunde dieses groteske Szenario voller Elan als letzte große Chance begreifen, sich unsterblich in der Filmgeschichte zu verewigen, steckt darin eine Anerkennung des Mediums, wie sie in solchen Ausmaßen nur in einem Metafilm wie diesem zum Vorschein kommen konnte. Spürt man das zwar ebenso bei den Klassikern eines Federico Fellini oder eines François Truffaut, verkörpert die Figur des Hirata als Sonos Alter Ego, hier die radikale Hingabe, mit welcher der Japaner immer wieder Grenzen einreißt, um seinen wilden Ideen freien Lauf zu lassen. Darin steckt bewusst keine Subtilität. Ob die extreme Abgedrehtheit jedem Filmfan schmeckt, darauf kann und darf Sono selbstverständlich keine Rücksicht nehmen.

Why Don’t You Play in Hell? ist somit die Liebeserklärung an das Kino schlechthin, eine Ode an 35mm, eine Abhandlung über die japanische Filmkultur und eine Persiflage auf ihre populärsten Genres, den Samurai- und den Yakuza-Film. Er ist zugleich auch eine Geschichte über Träume, über Liebe, über Ambitionen; ein Statement zum Verhältnis zwischen Macher und Werk, die Inszenierung eines unvergleichen Lebensgefühls und purer, filmgewordener Wahnsinn.

Cold Fish

Cold Fish

Cold Fish ist der zweite Teil von Sion Sonos Hass-Trilogie, die mit Love Exposure (2008) ihren Anfang nahm und mit Guilty Of Romance (2011) abschließt. Die Handlungen der drei Filme sind jedoch nicht miteinander verknüpft, sondern stehen für sich allein. Stattdessen sind es gemeinsame Motive, die die Geschichten verbinden. Hass mag da ein zentraler Aspekt sein, aber wenn es eine Sache gibt, die diese und weitere Filme des Regisseurs gemeinsam haben, dann sind es dysfunktionale Familien.

Dieses Mal steht der überforderte Ehemann und Vater Nobuyuki Syamoto (Mitsuru Fukikoshi) im Mittelpunkt. Sein Leben könnte kaum trüber sein: Er ist Inhaber eines recht erfolglosen Ladens für tropische Fische und daheim hat er seiner zweiten Frau Taeko (Megumi Kagurazaka) nicht das Geringste entgegenzusetzen; Probleme werden gar nicht erst konfrontiert. Seine pubertierende Tochter Mitsuko (Hikari Kajiwara) erreicht er schon gar nicht mehr. Doch Nobuyuki bringt die Probleme nicht zur Sprache und so geht das beschädigte, aber trotzdem halbwegs funktionierende Leben seinen gewohnten Gang, bis die Familie auf den Geschäftsmann Murata (Denden) trifft. Als nämlich Mitsuko eines Tages beim Ladendiebstahl erwischt wird, ist es Murata, der ihr aus der Klemme hilft und sie anschließend als Praktikantin in seinem eigenen, weit imposanteren Fischgeschäft anstellt. Außerdem hat es der so freundlich erscheinende ältere Herr auf ihre Mutter abgesehen, die seiner zunächst gewaltsamen Annäherung schließlich nachgibt. Als wäre es nicht genug, dass Nobuyuki auf diese Weise Frau und Tochter noch mehr entgleiten als ohnehin schon, lässt er sich naiverweise darauf ein, Murata als Zierfischexperte bei Geschäftsverhandlungen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Dabei stellt sich heraus, dass sich hinter Muratas sympathischem Lächeln ein skrupelloser Fischmogul verbirgt, der – gemeinsam mit seiner nymphomanischen Ehefrau und seinem zwielichtigen Geschäftspartner – auch den Mord an seinen finanzstarken Kunden nicht scheut, um das große Geld zu machen. Als Nobuyuki zum unfreiwilligen Zeuge dieser Gräueltaten wird, bleibt ihm nichts anderes übrig, als den brutalen Killern bei der Leichenentsorgung zur Hand zu gehen und ja nichts davon an die Öffentlichkeit dringen zu lassen, um nicht selbst als Fischfutter zu enden.

Es geht mal wieder um Familie, um den Alltag und um finstere Abgründe, die sich auftun, wenn man die oberflächliche Fassade durchdringt. Und doch ist Sonos Film – mal wieder – völlig anders inszeniert als seine Vorgänger. Cold Fish beginnt recht gemächlich, ohne langweilig zu sein. Subtil und nur ganz allmählich sehen wir, wie sich Nobuyuki Syamotos eigenes Leben von ihm entfremdet, um dann im Verlauf der zweiten Filmhälfte einen verzweifelten Protagonisten zu erleben, dessen Ausweg aus einer fatalen Zwickmühle nur über drastische Mittel führen kann. Das Drama eines in jeglicher Hinsicht schwachen Mannes, der unter der Dominanz eines arroganten, unmoralischen Widersachers zu leiden hat, nimmt gegen Ende an Fahrt auf und wird zu einem perversen Thriller, der nicht mit Körperteilen und Blutlachen spart.
Für radikale Umschwünge im Plot oder Veränderungen der Machtverhältnisse in der Figurenkonstellation setzt der Regisseur regelmäßig auf emotionale Ausbrüche seiner Charaktere. Das funktioniert in diesem Fall sogar ausgesprochen gut, weil sich Sono genug Zeit lässt, um dem Zuschauer eine nachvollziehbare Entwicklung zu präsentieren; eine Sache, die ihm in der Vergangenheit nicht immer gelungen ist und auch mal zu unfreiwilliger Komik oder irritiertem Unverständnis führen konnte.

Im Gegensatz zur visuellen Überzeichnung seines Kollegen Tetsuya Nakashima, bleibt Sion Sono immer recht bodenständig und nah am Leben. Von einem überstilisierten Rachedrama mit perfektionistischer Arbeit an Kamera und Beleuchtung, wie es besonders gern in Südkorea praktiziert wird, ist sein Film noch ein Stück entfernt. Zwar ist Cold Fish das höhere Budget im Vergleich zu Suicide Circle (2001) oder Noriko’s Dinner Table (2005) selbstverständlich anzusehen, aber Sono ist stets darum bemüht, immer dann, wenn seine Szenen nicht ins Groteske oder Surreale driften, einen natürlichen, lebensnahen Stil mit zurückhaltenden, fast schon dokumentarischen Bildern zu schaffen. Sobald aber das schockierende Element zum Vorschein kommen soll, hält sich der Regisseur alles andere als zurück. Gewaltdarstellungen sind bei Sion Sono gewohnt explizit und fallen alles andere als zimperlich aus, zeigen sich aber auch oft auf gewisse Weise schwarzhumorig. Da Cold Fish weit weniger komödiantisch als Love Exposure daherkommt, tritt der bitterböse Humor allerdings etwas hintergründiger auf.

Die schauspielerischen Leistungen, alle voran Denden als Murata, stehen der Intensität der sich zuspitzenden Handlung  im Übrigen in nichts nach. Muratas Eindringlichkeit transportiert eine kalte Grausamkeit und in Anbetracht von Nobuyukis Ohnmacht eine Hoffnungslosigkeit, die den Film so stark machen. Statt eines surrealen Horrorfilms oder eines pervertierten vierstündigen Liebesepos, serviert Sion Sono seinen Zuschauern dieses Mal ein düsteres, kraftvolles Drama über einen ordinären Zierfischverkäufer, der in einem Strudel der Gewalt zu ertrinken droht.

Love Exposure

Love Exposure

Regisseur Sion Sono hält sich zwar für gewöhnlich ohnehin nicht an filmische Konventionen, was er bereits in Filmen wie Strange Circus (2005) und Noriko’s Dinner Table (2005) eindrucksvoll unter Beweis stellte; mit Love Exposure allerdings, einem vierstündigen Wahnsinn zwischen Perversion, Katholizismus, Liebe und Gewalt, beschert er nicht nur seinem persönlichen Œuvre, sondern auch dem japanischen Kino einen Meilenstein von ganz besonderer Art.

Im Mittelpunkt der überaschend kurzweiligen vier Stunden Filmhandlung stehen zwei junge Menschen, die ganz offensichtlich füreinander bestimmt sind, obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Zum einen ist da Yû (Takahiro Nishijima), ein nach seiner wahren Liebe – seiner „Maria“ – suchender Pastorensohn mit absolut reinem Gewissen, der nie auch nur die geringste Sünde begangen hat. Dennoch wird er tagein, tagaus von seinem Vater zur Beichte beordert, seitdem dieser nach seiner letzten gescheiterten Beziehung sein Heil noch intensiver und fanatischer im Glauben sucht. Dass Yû allerdings keine Sünden vorzuweisen hat, enttäuscht und verärgert seinen Vater nur umso mehr. So schließt sich der brave Schüler einigen Jugendlichen an, mit denen er gemeinsam von einem erfahrenen Meister im Fotografieren von Frauenunterhosen unterrichtet wird. Fortan entwickelt die Bande immer neuere und effektivere Techniken, mit denen sie ihre Kameras unbemerkt unter die Röcke zahlreicher junger Frauen huschen lassen, um am Ende der Woche stets voller Enthusiasmus das beste geschossene Bild zu küren. Innerhalb kürzester Zeit wird Yû zum Experten, zum Helden aller Perversen, doch die Liebe hat für ihn seine „Maria“ vorgesehen, die er schließlich in der rebellischen Yôko (Hikari Mitsushima) gefunden zu haben scheint.
Wäre er jedoch aufgrund einer verlorenen Wette nicht in jenem entscheidenden Moment in Frauenkleidern unterwegs, dann hätte sich Yôko auch nicht in die mysteriöse, in schwarz gewandete Frau verliebt, die sie vor sich zu sehen glaubt. Als wäre das Liebeskonstrukt damit nicht kompliziert genug, verlieben sich kurioserweise Yûs Vater und Yôkos Mutter ineinander. Sympathien hat Yôko für ihren neugewonnenen „Bruder“ allerdings keine übrig. Zu diesem Protagonistenduo, das immer wieder zwischen Liebe, Hass und Geschlechterverwechslung hin- und hergeworfen wird, gesellt sich dann auch noch die manipulative Koike (Sakura Andô), für die das Aufeinandertreffen von Yû und Yôko zu ihren ganz eigenen wahnsinnigen Plänen gehört.

Dass ein überlanger Plot mit 60-minütigem Prolog, sowie zahlreichen angerissenen Genres und Motiven derart gut funktioniert, ist eine starke Leistung. Sono neigt ja ohnehin schon immer gern zu plötzlichen Wechseln von Erzähltempo, -tenor und -inhalt, aber in Love Exposure perfektioniert er diese Radikalität auf eine solche Weise, dass man als Zuschauer nicht jede Minute aufs Neue irritiert wird, sondern trotzdem alles als homogene Einheit wahrnimmt. Geht es in einem Augenblick noch um witzig inszenierte Liebesprobleme, bekommt man nur wenig später bereits eine blutige Kastrationsszene zu sehen. Diese Stimmungswechsel von heiter-romantisch zu verstörend-düster inszeniert Sono mit einer außerordentlichen Stilsicherheit, die auch notwendig ist, um das verrückte Feuerwerk an Ideen und Gegensätzen über 237 Minuten Laufzeit nicht zu einer langweiligen Aneinanderreihung von verschiedenartigen Eindrücken werden zu lassen und in der Komödie, Drama, Action, Splatter und Romantik mühelos ineinander überfließen, als gehörten sie schon immer zusammen.
Was die Motive selbst anbelangt, so darf man bei Sono nicht auf Subtilität hoffen. Ob religiöser Fanatismus gegen sektenartiges Götzentum oder reine unschuldige Liebe gegen lüsterne Sünderei, Parallelitäten und Gegensätze werden dem Zuschauer förmlich ins Gesicht gedrückt. Davon muss man sich allerdings nicht zwingend in seinem Seherlebnis gestört fühlen, wenn man sieht, wie sich die Charaktere von einer irrwitzigen Situation zur nächsten durch den abgedrehten Plot hangeln. Wenn auf der Leinwand ein Mustersohn über eine solche enorme Filmlaufzeit erst zum perversen Sünder, dann zur Drag Queen und schließlich zum verzweifelten Liebenden wird, der dabei seine erste Erektion erlebt und letzlich alles für die Liebe seines Lebens auf Spiel setzt, dann kann man gar nicht anders als mitfiebern.

Love Exposure ist auf der einen Seite mitreißendes Liebesdrama und bizarre Komödie zugleich, andererseits aber auch ein Film, der alle nötigen Klischees und Vorurteile über die japanische Gesellschaft karikiert. Hinzu kommt der radikale Stil von Sion Sono, der sich ohne Zurückhaltung austobt und zusammen mit der starken Leistung seiner drei jungen Hauptdarsteller ein herausragendes Werk geschaffen hat, das in keiner Filmsammlung fehlen sollte.