Dogville

Dogville

Ein Blick entlang Lars von Triers Filmografie offenbart: Von Konventionen hielt der dänische Regisseur noch nie sonderlich viel. Sie sind allenfalls dazu da, verändert oder gar vollständig gebrochen zu werden. Als besonderes Beispiel dient das fast dreistündige Drama Dogville, ein Film wie ein Bühnenstück; auf Minimalkulisse reduziert wird die tragische Geschichte zu einer Herausforderung der Sehgewohnheiten.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine kleine Dorfgemeinschaft in den Rocky Mountains zur Zeit der großen Depression in den Vereinigten Staaten, ein zurückgezogener Ort, in dem jeder jeden kennt. Die Menschen haben nicht viel, doch akzeptieren ihr Schicksal. Lediglich der enthusiastische Idealist Tom (Paul Bettany) ist bestrebt, durch seine allabendlichen Zusammenkünfte in der Kirche die Dorfbewohner zur Verbesserung ihrer selbst zu ermuntern.
Eines Tages jedoch kommt die schöne Grace in den abgelegenen Ort. Sie ist auf der Flucht vor zwielichtigen Gangstern und erbittet Unterschlupf, der ihr schließlich unter der Bedingung, den Dorfbewohnern bei täglichen Arbeiten auszuhelfen, gewährt wird. So muss Grace fortan Kinder unterrichten, einem blinden Mann Gesellschaft leisten, sich um Kranke und Stachelbeersträucher kümmern und noch weitere Hilfsdienste erledigen. Schnell lebt sich Grace ein, erhält sogar ein kleines Einkommen und schließt Freundschaften.
Doch immer wieder taucht die Polizei im Dorf auf, stellt Fragen und hängt Plakate auf, aus denen hervorgeht, dass Grace gesucht wird. Bisher wurde sie zwar immer gedeckt, doch das steigende Risiko setzt die Bewohner unter Druck. Nach und nach wird die einstige Zuflucht zu einem Gefängnis: Grace wird zunächst mit mehr und mehr Aufgaben belangt, ihrer Besitztümer beraubt und schon bald zur Sklavin des gesamten Dorfs. Vorbei ist der höfliche Umgang,  ersetzt von Verachtung und Schuldzuweisungen. An ein schweres Mühlrad gekettet, wird sie zum wehrlosen Opfer von Machtdemonstrationen in Form von Vergewaltigungen.

Hier zeigt sich Dogville dann von seiner finsteren Seite. Mit den Bewohnern des idyllischen Bergdorfes zeichnet Lars von Trier ein Menschenbild voller Feigheit und Opportunismus. Grace ist das Symbol des ausgebeuteten, hilfsbedürftigen Einzelnen durch eine in ihrem innersten verkommene Gesellschaft und zugleich auch ein Stück weit Abrechnung mit dem amerikanischen Traum. Gerade dann nämlich, wenn man glaubt, das anfängliche Misstrauen der Dorfgemeinschaft sei endgültig überwunden und Grace als vollwertiges Mitglied akzeptiert, wird sie am Tag des Dorffestes am 4. Juli zur Fahndung ausgeschrieben. Die Stimmung kippt schlagartig. Statt die junge Frau jedoch aus dem Dorf zu verjagen oder der Polizei auszuliefern, erliegt die kleine Gemeinschaft der Illusion einer moralischen Überlegenheit, sollte man schließlich allen Widrigkeiten zum Trotz eine mögliche Verbrecherin vor dem Gesetz verstecken. Die Gegenleistungen unter dem Vorwand der Güte und Menschlichkeit könnten allerdings kaum unmoralischer sein: Elitär, heuchlerisch, triebgesteuert und absolut gnadenlos unter der bizarren Vorstellung, richtig zu handeln und Grace selbst für ihre Misere verantwortlich machen zu können.

Die scheußliche Doppelmoral wird in Anbetracht der kargen Kulisse umso deutlicher: Wenn Grace vergewaltigt wird und der Zuschauer durch die bloß auf dem Boden eingezeichneten Wände weiterhin das geschäftige Dorftreiben im Hintergrund beobachten kann, zeigt sich, dass von Trier mit der visuellen Reduktion auf die richtigen Mittel zurückgegriffen hat. Häuser, Straßen, Bäume und sogar der Hund sind nur Kreideskizzen. Das Setdesign beschränkt sich darüber hinaus lediglich auf ein paar vereinzelte Möbel und Gebrauchsgegenstände. Der Fokus richtet sich dadurch unweigerlich auf die Menschen und das ausgezeichnete Schauspiel des gesamten Casts. Auf minimale Akzente beschränkt, soll nichts Audiovisuelles von der intensiven Handlung ablenken.

Gesellschaftliche Abgründe zwischen Selbstsucht und Ohnmacht, jede Schuld von sich weisend, mit einem Moralbegriff, der hier als leere Worthülle entlarvt wird. Dogville ist ein filmisches Experiment über den Menschen als Rudeltier, stark inszeniert und nachhaltig wirkungsvoll.

Goyas Geister

Goyas Geister

Wenn es eine Sache gibt, der sich der in Tschechien geborene Amerikaner Miloš Forman stets mit besonderer Hingabe widmet, dann ist es der Kampf des Individuums gegen eine mächtige Institution, um ihre Falschheit zu entlarven. Das war bereits in seinem preisgekrönten Drama Einer flog über das Kuckucksnest (1975) der Fall und setzt sich auch in seinen späteren Werken wie beispielsweise Larry Flynt – Die nackte Wahrheit(1996) und dem 2006 produzierten Goyas Geister fort.

Spanien, 1792. Francisco de Goya (Stellan Skarsgård) hat sich einen Namen als Künstler gemacht und ist mittlerweile als Hofmaler für den spanischen König tätig. Seine Muse Inés (Natalie Portman), die Tochter des befreundeten Kaufmanns Tomás Bilbatúa (José Luis Gómez), findet sich sowohl auf einzelnen Gemälden, als auch als Teil seiner Fresken wieder. Eines Tages wird sie jedoch fälschlicherweise der Häresie angeklagt, die sie der Inquisition unter Folter gestehen muss. Pater Lorenzo (Javier Bardem), der, inspiriert durch kirchenfeindliche Zeichnungen Goyas, diese eigentlich nicht mehr zeitgemäßen Inquisitionsmethoden erst wieder eingeführt hatte, vergewaltigt die im Verlies dahinvegetierende junge Frau mehrfach. Nachdem Lorenzo von Inés‘ Vater unter einem Vorwand zu sich nach Hause eingeladen und anschließend ebenfalls unter Folter ein absurdes Geständnis unterzeichnen muss, wird er von der Kirche zum Ketzer erklärt und muss aus Spanien fliehen. 15 Jahre später kehrt er zurück und bringt die gewaltsamen Auswirkungen der französischen Revolution mit sich, als Napoléons Truppen in das Land einmarschieren.

Miloš Forman teilt die Handlung seines Filmes in zwei wesentliche Abschnitte: Die erste Hälfte beschäftigt sich mit den unmenschlichen Prinzipien und der moralischen Verwerflichkeit der Kirche, während sich die zweite Hälfte dem gewaltsamen Umsturz der Machtverhältnisse widmet. Über all dem steht allerdings nicht – wie man vielleicht vermuten würde – die persönliche Geschichte des Künstlers Francisco de Goya, sondern die Wandlung des Geistlichen Lorenzo vom gläubigen Mönch zum revolutionären Atheisten. Dahinter steckt eine allgegenwärtige Kritik an der Institution Kirche. Die Figur des Tomás, der zunächst verzweifelt versucht, die Freilassung seiner Tochter zu erbitten, zeigt mit seiner anschließenden Folterung Lorenzos auf, wie irrsinnig es ist, Geständnissen, die unter der sogenannten peinlichen Befragung in einem Inquisitionsprozess gemacht wurden, einen Wahrheitsgehalt zuzusprechen. Zudem liegt es dem Regisseur am Herzen, die widerliche Doppelmoral der Kirchenmitglieder zum Vorschein zu bringen, indem er Lorenzo als Charakter präsentiert, der seine Machtverhältnisse ausnutzt, seine Menschlichkeit ablegt und sich an der gefangenen Inés vergeht. Dieser erste Abschnitt ist spannend inszeniert und hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf.
Der Vergeltungsplot und die Systemkritik, die die Geschichte bis hierhin so stark gemacht haben, würden sogar abgetrennt vom zweiten großen Handlungsabschnitt funktionieren. Danach geht dem Film ein wenig die Luft aus. Zwar ist es interessant, zu sehen, wie sich Lorenzo unter dem Druck der politischen Verhältnisse zum Befürworter atheistischer Ideen und revolutionärer Gedanken gewandelt hat, doch die persönlichen Schicksale von Goya und Inés verlieren an Bedeutsamkeit, obwohl ihnen auch hier nicht wenige Szenen gewidmet sind. Positiv ist zu bemerken, dass Forman eine einseitige Betrachtungsweise der Geschehnisse ablehnt und in kompromisslosen Bildern zeigt, dass die Revolution nicht nur Gutes mit sich bringt, sondern erst einmal Gewalt und Leid gegenüber hilflosen und auch unschuldigen Menschen, um ihre Prinzipien durchzusetzen und eine neue Geisteshaltung zu etablieren. Abgesehen davon fehlt dem Schlussdrittel etwas die Kraft, ganz so wie Goya, der mittlerweile taub und altersschwach hinkend, mit den Geschehnissen nicht mehr mithalten kann.

Wer bei Goyas Geister ein filmisches Porträt über Francisco de Goya erwartet, wird enttäuscht; eine Sache, die sich dem Film vorwerfen lässt. Forman drehte ein sehenswertes historisches Drama, doch der Name Goya führt in die Irre, ist die Figur selbst schließlich weitgehend nur Zuschauer der Handlung und nicht etwa Protagonist, der maßgeblichen Einfluss darauf nimmt. Dabei böte gerade Goyas Konflikt mit der Kirche einiges an Potential, um Formans Intentionen zu stärken und dem Charakter etwas an Passivität zu nehmen. Dass sich der Maler beispielsweise für seine kritischen Bilder persönlich vor der Inquisition verantworten musste, lässt der Film völlig außer Acht.
Nichtsdestotrotz gelingt dem Regisseur ein guter Historienfilm über die menschenverachtenden Methoden der spanischen Inquisition und ihre Vertreter, der zwar den titelgebenden Francisco de Goya zu sehr vernachlässigt, aber den Kampf des Indivuums gegen die Institution von innen heraus annimmt, indem er einen souverän aufspielenden Javier Bardem in der Rolle des Lorenzo in den Mittelpunkt rückt.

King of Devil’s Island

King of Devil's Island

Heute sind Gefängnisfilme wahrlich keine Seltenheit mehr. Es erweist sich dadurch als immer schwieriger, den Klischees zu entkommen und das Genre mit frischen Ideen zu bereichern. Trotzdem begeistert das europäische Kino in den letzten Jahren durch packende, stark inszenierte Dramen, deren Setting die Haftanstalt ist. Filme wie Hunger (Steve McQueen, 2008)  und Ein Prophet (Jacques Audiard, 2009) machen vor, wie moderne Dramen über Gefangenschaft aussehen können. Der erst in diesem Jahr in Deutschland angelaufene Kongen av Bastøy, der international auch als King of Devil’s Island bekannt ist, soll nun die norwegische Antwort darauf sein und gehört dort zu den meistbesuchten Kinofilmen der jüngeren Vergangenheit.

Norwegen, 1905: Etwa 75 Kilometer südlich von der norwegischen Hauptstadt, mitten im Oslofjord, liegt die kleine Insel Bastøy. Auf dem sehr überschaubaren Eiland befindet sich ein Jugendgefängnis für straffällige Jungen, das ganz ohne meterhohe Mauern und bewaffnete Wächter auskommt. Stattdessen verrichten die Häftlinge Tag für Tag harte Arbeit, bevor sie in ihre Schlafbaracken zurückkehren dürfen. Anstaltsleiter Håkon (Stellan Skarsgård) ist davon überzeugt, die Jungen mit strenger Hand zurück zur christlichen Vernunft zu bringen. Als jedoch der rebellische Erling (Benjamin Helstad) nach Bastøy geschickt wird und in seinen Mitgefangenen den Gedanken an Widerstand wachsen lässt, ändert sich die Lage beträchtlich. Eine Revolte liegt in der Luft…

Regisseur Marius Holst inszeniert die Geschichte in kühlen, klaren Bildern. Besonders in den winterlichen Außenszenen besticht der Film durch eine frostige Farbarmut, die außerordentlich dazu beiträgt, dem Zuschauer ein Gefühl von klirrender Kälte zu vermitteln. Kamera und Schnitt sind hervorragend; Holst verzichtet auf aufdringliche, formalistische Spielereien, vergisst aber zugleich nicht, jeder Szene – allein was bereits die Bildkomposition angeht – eine gewisse Grundspannung zu verleihen. King of Devil’s Island ist technisch hochwertig produziert und spricht handwerklich durch seine ausgewogene Dynamik sowohl Mainstream- , als auch Arthousepublikum an.

Da der Film darum bemüht ist, die realen Zustände auf Bastøy im frühen zwanzigsten Jahrhundert wiederzugeben, ist er unzweifelhaft auch ein historisches Drama. Die Demütigung und die Erniedrigung, die die Gefangenen am eigenen Leib erfahren müssen, ist erschreckend und wirkt umso intensiver, wenn man ihre Authentizität bedenkt. Obwohl es sich nicht um eine klassische Haftanstalt handelt, ist die physische und psychische Gewalt gnadenlos. Räumlich ein Stück weit von der restlichen Gesellschaft abgeschottet, kann der Leiter unter dem Vorwand christlicher Erziehung sein unmenschliches Regime führen.
Untrennbar mit der sozialkritischen Wirkung verknüpft, ist natürlich der emotionale Impakt auf den Zuschauer. Wir sind stets nah dran am Geschehen, erfahren die Missstände, aber auch den wachsenden Zusammenhalt der Jungen. Damit das so funktioniert, wie von Holst beabsichtigt, ist glaubwürdiges Schauspiel vonnöten. Diese Aufgabe meistern die jungen Darsteller mit Bravour, allen voran Benjamin Helstad als Erling und Trond Nilssen als sein neuer bester Freund Olav. Selbstverständlich sorgen die klaren Rollenverteilungen bereits dafür, dass sich der Zuschauer zweifellos auf die Seite der Jungen schlägt, doch Holst versäumt es glücklicherweise nicht, seinen Protagonisten genug Profil zu geben, sodass man auch auf menschlicher Ebene zu ihnen stösst und nicht nur bloß durch die Handlungsprämisse.

King of Devil’s Island ist eine Perle des norwegischen Films, ein historisches Gefängnisdrama über fragwürdige Ethik und berührende Einzelschicksale, das auf stilsichere Art Klischees umschifft und sich mit den Genregrößen messen kann.