Boogie Nights

Boogie Nights

Mit Boogie Nights erschien 1997 zwar erst Paul Thomas Andersons zweiter Spielfilm, doch sein Hang zur filmischen Perfektion, die bei aller technischen Brillanz nie die Charaktere vernachlässigt, war bereits deutlich spürbar. Für sein Ensemble-Drama epischer Proportionen versammelte er eine Garde hervorragender Schauspieler um Hauptdarsteller Mark Wahlberg, um über eine Laufzeit von zweieinhalb Stunden einen Blick hinter die Kulissen der Pornoindustrie in den 70er und 80er Jahren zu werfen.

Eddie Adams (Mark Wahlberg) ist 17, geht nicht zur Schule, sondern arbeitet in einem Nachtclub und lässt sein Leben ziellos dahintreiben. Eigentlich kann er nichts besonders gut, doch Pornoregisseur Jack Horner (Burt Reynolds) ist sich sicher, dass sich in der Hose des jungen Mannes großes Potential verbirgt. Und so wird aus Eddie, der sein Elternhaus im Streit verlässt, der nächste große Stern am Himmel der Erwachsenenunterhaltung. Sex vor der Kamera, ein prall gefülltes Konto und endlose Partys in Jacks Villa: Eddie – inzwischen Fans und Kollegen unter seinem Künstlernamen Dirk Diggler bekannt – hat endlich ein Zuhause gefunden, eine Familie. Doch mit der Zeit kommt unausweichlich die Erkenntnis, dass die Karriere als Pornostar nicht nur Ruhm und Reichtum mit sich bringt, denn wo Licht ist, ist auch Schatten…

Anderson nimmt sich viel Zeit, um seine Geschichte von Aufstieg und Fall zu erzählen. Dirk Diggler steigt zunächst immer weiter auf, vom Neuankömmling zum gefeierten Star, der jährlich seine Auszeichnungen entgegennimmt, schnelle Autos fährt und dabei gar nicht merkt, wie ihm der Erfolg zu Kopf steigt. Nimmt man dann noch den strukturellen Wandel hinzu, mit dem sich die Industrie in den aufkommenden 80er Jahren zwangsläufig konfrontiert sieht, wenn sich allmählich die Produktion auf Video statt auf Film durchsetzt, ist man in einem Moment noch der unersetzbare Big Player im Business und im nächsten ein gescheiterter Ex-Star, der Handjobs auf dem Parkplatz für 10 Dollar anbeiten muss, um sich über Wasser zu halten.

Natürlich steckt in Boogie Nights auch eine unausweichliche Kritik an den Mechanismen der Pornoindustrie, doch Anderson ging es weniger darum, dem ganzen System einen Spiegel vorzuhalten, als viel mehr tragische Einzelschicksale in den Mittelpunkt zu stellen; Menschen, die eben trotz ihrer Arbeit in einem verpöhnten Geschäft eben das sind: Keine Freaks, sondern ganz gewöhnliche Menschen, mit ihren Ambitionen und Leidenschaften, mit ihren Schwächen und Fehlern. Obwohl Mark Wahlberg als Dirk Diggler zweifelsohne den Mittelpunkt der Geschichte definiert, räumt Anderson seinen Figuren genug Raum ein, um jeder einzelnen Tiefe zu verleihen und ihre ganz eigenen Probleme zu beleuchten, sei es Philip Seymour Hoffman als homosexueller Kabelträger am Set, der sich zum unnahbaren Dirk hingezogen fühlt; Julianne Moore als Amber Waves, deren zweifelhafter Beruf als Darstellerin ihrem Kampf um das Sorgerecht ihres Kindes im Weg steht, oder Don Cheadle, dessen Bank ihm mitteilt, dass sie Personen aus der Pornoindustrie keine Kredite gewähren kann. So erfüllend dieser Zusammenhalt. dieses familiäre Gefühl im gleichermaßen geschäftlichen wie freundlichen Miteinander auch sein mag, die Arbeit an der Pornografie hinterlässt alle Beteiligten gesellschaftlich isoliert ohne Chance auf einen Neuanfang.

Neben den inhaltlichen Stärken, bewegt sich der Film auch handwerklich auf ganz hohem Niveau. Allein sein Anfang, der uns in einer minutenlangen, tadellos durchchoreografierten Plansequenz jene zahlreichen Charaktere präsentiert, die wir im weiteren Handlungsverlauf kennenlernen werden, zeigt Andersons stets ambitionierte Kameraarbeit. Erstaunlich wie früh in seiner Karriere der Regisseur bereits seine präzise Handschrift erkennen lässt, die auch seine nachfolgenden Werke wie unter anderem Magnolia (1999) oder There Will Be Blood (2007) prägen sollte.

Zwischen Charakterdrama und Milieustudie, als ausuferndes, mit Hollywoodstars gespicktes Ensemblewerk, das nicht zufällig an den Stil eines Martin Scorsese erinnert, ist Paul Thomas Andersons Boogie Nights ein denkwürdiger Meilenstein jüngerer Filmgeschichte, der sich einem ungewöhnlichen Thema so authentisch und gefühlvoll widmet wie kein zweiter.

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Mystery Men

Mystery Men

Heutzutage sind Superheldenfilme und deren Parodien in beinahe ermüdender Regelmäßigkeit auf der Kinoleinwand zu sehen, doch bereits 1999 schuf Kinka Usher mit seinem ersten und einzigen Spielfilm Mystery Men eine Komödie, die durch die gekonnte Karikatur gängiger Superheldenklischees auch heute noch zu überzeugen weiß.

Die Handlung beginnt mit einem schurkischen Angriff auf ein Seniorentreffen, das die eher wenig erfolgreichen Superhelden Mr. Furious (Ben Stiller), Shoveler (William H. Macy) und Blue Raja (Hank Azaria) versuchen zu verhindern. Als das selbst von Polizisten verspottete Trio daran scheitert, liegt es an keinem geringeren als dem stadtbekannten und überaus beliebten Superhelden Captain Amazing (Greg Kinnear), die Angreifer zu überwältigen. Der schmierige Vorzeigeheld hat allerdings ein kleines Problem: Es gibt keine wirklichen Superschurken mehr in der Stadt, die seinen rapide sinkenden Werbeeinnahmen entgegenwirken könnten. Also wird kurzerhand Captain Amazings Erzfeind Casanova Frankenstein nach 20 Jahren aus der Irrenanstalt entlassen, doch der hat nicht die geringste Lust, dem Superhelden in die Hände zu spielen. Er sprengt die Anstalt in die Luft und nimmt den überheblichen Captain Amazing gefangen.
Zeit also für die zweitklassigen Superhelden, sich zu beweisen, die Stadt zu retten und Captain Amazing zu befreien. Doch zuvor soll ein Casting helfen, weitere Unterstützung gegen das Böse zu gewinnen, denn momentan sind Mr. Furious, Shoveler und Blue Raja den Schergen von Casanova Frankenstein noch deutlich unterlegen.

Zwei Jahre vor dem Erscheinen von Kinka Ushers Superheldenparodie sorgte Joel Schumachers filmisches Debakel Batman & Robin für einen vorläufigen Knockout des Superheldengenres. Dementsprechend war Mystery Men kein besonderer Erfolg beschert und erwies sich als Flop. Mehr Anerkennung hätte der Film jedoch verdient gehabt, denn trotz stellenweise übertriebener Albernheit und äußerst eindimensionaler Charaktere zünden dennoch die meisten der zahlreichen Gags und Seitenhiebe. Die Figuren werden hauptsächlich auf ihre Heldenfähigkeit reduziert; so wird Mr. Furious ausgesprochen wütend, der Shoveler kämpft mit Bergarbeiterhelm und Schaufel für Gerechtigkeit und Blue Raja wirft mit Besteck auf seine Gegner. Es gibt unter anderem noch absurde Gestalten wie den Invisible Guy, der behauptet, unsichtbar werden zu können, aber nur dann, wenn gerade niemand hinsieht oder den Spleen, dessen Fürze eine betäubende Intensität aufweisen. Mit einer charmant-skurrilen, aber eigentlich überaus ineffektiven Superheldentruppe stellt Kinka Usher das Genre auf den Kopf. Das Ganze ist zwar simpel gestrickt, aber die Darsteller – allen voran Ben Stiller und William H. Macy – überzeugen dafür auf ganzer Linie.
Auch Elemente wie der nicht ganz so strahlende Captain Amazing, dessen Moral den eigenen Vorteil an die höchste Stelle setzt oder das kuriose Casting, bei dem allerlei selbsternannte Superhelden auftauchen und das in zahlreichen Comics praktizierte Heldentum endgültig ins Lächerliche ziehen, rauben dem Genre auf geschickte Weise die letzte Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit.

Wenn Helden auf Schurken treffen, ist natürlich Ärger vorprogrammiert. Die entsprechenden Actionszenen sind solide inszeniert und witzig anzusehen. Die Farbgebung des Films ist wie erwartet ziemlich bunt, von den verrückten Kostümen bis hin zur Beleuchtung und Ausstattung der Handlungsorte. Stilistisch hat man es hier mit einem noch überzeichneteren Setting als dem Gotham City aus Tim Burtons ohnehin schon stark comicartigen Batman (1989). Während heutige Superheldenfilme einen authentischeren, realistischeren Look anstreben, steckt Mystery Men noch voll und ganz in den 90ern.

Die Geschichte von trotteligen Loser-Helden, die letzten Endes doch erfolgreich den Kampf gegen das Böse aufnehmen ist aus heutiger Sicht sicherlich weit weniger einfallsreich als noch damals, funktioniert in Mystery Men aber trotzdem ganz gut. Kinka Ushers leider einziger Film ist zwar ein finanzieller Reinfall, was das Aus für den Regisseur bedeutete, aber nichtsdestotrotz ein fulminanter Spaß, der mit einigen lustigen Einfällen zu unterhalten weiß.