Prinzessin Mononoke

Prinzessin Mononoke

Ein ganz Großer verabschiedet sich: Im September hatte der zweifellos bekannteste Anime-Regisseur der Welt, Hayao Miyazaki, bekannt gegeben, mit seinem aktuellen Film The Wind Rises, der in diesem Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig anlief, sein letztes Werk vollbracht zu haben. „Mein Zeitalter der langen Filme ist endgültig beendet“, verkündete der Mann, der den japanischen Trickfilm geprägt hat, wie kein zweiter. Zauberhafte Geschichten wie Mein Nachbar Totoro (1988), Nausicaä aus dem Tal der Winde (1984) und Das wandelnde Schloss (2004) begeistern ein weltweites Publikum jeden Alters. Mit Chihiros Reise ins Zauberland (2001) gewann er sogar einen Oscar für den besten Animationsfilm. 1997 erschien mit Prinzessin Monoke ein Film, der seinerzeit der erfolgreichste japanische Kinofilm aller Zeiten war und auch heute noch immer wieder als eines der wichtigsten Werke Miyazakis bezeichnet wird.

Die Film greift eines der zentralen Motive in Miyazakis Schaffen auf, den Konflikt zwischen dem Leben in Einklang mit der Natur und dem rücksichtslosen Fortschritt der Industrialisierung. Dem jungen Prinz Ashitaka (Yôji Matsuda) gelingt es sein Dorf vor einem Dämon zu beschützen, wird jedoch während des Kampfes mit einem Fluch belegt, der sich langsam in seinem Körper ausbreitet und tödlich enden wird. In der Hoffnung, diesem Schicksal entgehen zu können, reist er auf seinem Reittier Yakul, einer Mischung aus Hirsch und Yak gen Westen, um den großen Waldgott aufzusuchen. Allerdings ist er erstens nicht der einzige auf der Suche nach der geheimnisvollen Gottheit und zweitens droht ein unerbittlicher Krieg zwischen den Tiergöttern des Waldes, angeführt vom tapferen Wolfsmädchen San (Yuriko Ishida), und den mit Feuerwaffen ausgestatteten Menschen in ihren Eisenwerken, die die Wälder abholzen.

Bei einer nicht gerade seltenen Thematik mit gewissermaßen klarer Ökobotschaft, läuft man Gefahr, dass dabei die Geschichte zu einer plakativen Phrasendrescherei verkommt. Doch Miyazaki beherrscht nicht nur sein Lieblingsthema, sondern eben auch sein Handwerk als großartiger Geschichtenerzähler. In seinem Film gewährt er dem Zuschauer Einblicke in alle beteiligten Parteien und sämtliche Aspekte des Konflikts. Die Charaktere sind facettenreich, ihre Konstellationen vielschichtig. Man kommt nicht umhin, anzuerkennen, dass Prinzessin Monoke in den Auseinandersetzungen kein simples Schwarz-Weiß-Bild zeichnet. Und da polare Begriffe wie Gut und Böse nicht ohne weiteres angewendet werden können, stellt sich – nicht nur für Prinz Ashitaka – die Frage, ob nicht statt eines brutalen Krieges auch eine friedliche Koexistenz denkbar sei. Möglich? Vielleicht, aber keine einfache Lösung zwischen Fronten, die sich immer weiter in Hass und Rachegefühle steigern und dabei den Blick für das Wesentliche verlieren.

Prinzessin Monoke ist in der Hinsicht natürlich ein Appell an das gegenseitige Verständnis, an umsichtiges Handeln, der Weg dorthin allerdings mehr als steinig. Um uns die grausamen Auswirkungen des Konfliktes vor Augen zu führen, hält sich Miyazaki dieses Mal ausnahmsweise nicht zurück und lässt intensive Bilder sprechen. Es ist einer der wenigen seiner Filme, die in Deutschland erst ab 12 Jahren freigegeben sind, für jüngere Kinder definitiv zu brutal. Die visuelle Kraft schöpft der Film aber selbstverständlich nicht nur aus der Rohheit seiner Kampfszenen, sondern auch aus wunderschön gezeichneten Hintergründen und detailreichen Figurendesigns. Wenn Tausende putziger Waldgeister mit unschuldiger Miene aus den Baumwipfeln starren oder wenn eine Gottheit nach Sonnenuntergang eine funkelnde Metamorphose durchmacht, lässt uns der Animegroßmeister einfach magische Momente miterleben, die uns seine zauberhafte Märchenwelt näher bringen.

Prinzessin Monoke stammt aus einer Zeit, in der noch der größte Teil eines Zeichentrickfilms handgezeichnet wurde. Das ist auch hier der Fall und zwar mit einer Qualität, die sich selbst heute und in Zukunft noch sehen lassen kann. Hayao Miyazaki gelang ein zeitloser Klassiker seines Genres, der immer wieder einen Blick wert ist, ganz egal, ob man nun Animeliebhaber ist oder (noch) nicht.

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Nausicaä aus dem Tal der Winde

Nausicaä aus dem Tal der Winde

Hayao Miyazaki kann heute zweifelsohne als einer der bedeutendsten und wichtigsten Vertreter des japanischen Zeichentricks bezeichnet werden. Mit seinem berühmten Animationsstudio Ghibli schuf er weltweit gefeierte und preisgekrönte Werke wie Prinzessin Mononoke (1997) und Chihiros Reise ins Zauberland (2001). Der 1984 erschienene Nausicaä aus dem Tal der Winde wird gerne als erster Ghibli-Film angeführt, tatsächlich aber wurde das Studio im Jahr 1985 gegründet. Der große Erfolg des Filmes machte es erst möglich.

Die Handlung spielt in einer postapokalyptischen Zukunft. Ein giftiger Pilzwald umspannt große Teile des Planeten und macht ein dauerhaftes Überleben in der unwirtlichen Umgebung voll von toxischen Gasen und gefährlichen Rieseninsekten unmöglich. Lediglich vereinzelte Siedlungen und Städte sind noch nicht vom sich immer weiter ausdehnenden „Meer der Fäulnis“ befallen. Einer dieser Orte ist das Tal der Winde, die Heimat von Prinzessin Nausicaä (Sumi Shimamoto). Die Aufwinde vom Ozean halten die Pilzsporen fern und ermöglichen ein Leben mit frischer Luft und grünen Wiesen.
Eines Tages entdeckt Nausicaä auf einem ihrer zahlreichen Ausflüge in die verseuchten Gebiete, dass in den Pflanzen das Geheimnis zu einer selbstreinigenden Kraft steckt, mittels der man in der Lage wäre, die geschädigte Natur zu durchdringen und gesundes, ungiftiges Wachstum zum Vorschein zu bringen. Doch noch bevor aus dieser Entdeckung Nutzen gezogen werden kann, sieht sich das Tal der Winde bereits mit einem Krieg konfrontiert. Das Königreich Torumekia fällt in das Tal ein, tötet Nausicaäs Vater, den König, und bemächtigt sich der Überreste einer mechanischen Kriegsmaschine, um die Fäulnis mit technologischen Mitteln aus längst vergangenen Zeiten zurückzudrängen. Als das torumekische Reich anfängt, von Menschen bewohnte Territorien, die sich ihnen entgegenstellen, zu vernichten, muss Nausicaä ihr Volk in den Kampf zu führen, bevor das Tal der Winde vom gleichen Schicksal heimgesucht wird.

Bereits in diesem Frühwerk legt Miyazaki den Grundstein für sein wiederkehrendes Leitmotiv vom Konflikt zwischen Mensch und Natur, das sich durch zahlreiche seiner Filme zieht. Nicht selten fungiert in seinem Konzept die Hauptfigur als unschuldige Seele und Vermittler zwischen den Fronten. Auf der einen Seite steht das Organische und Ursprüngliche, das beispielsweise in Prinzessin Mononoke in Form eines Waldgeistes seine Personifizierung erhält. Die Gegenseite ist der rücksichtslose technologische Fortschritt; machthungrig und ignorant. Nun kann man natürlich einerseits auf den Gedanken kommen, dass die Tatsache, dass Miyazaki diese Idee immer und immer wieder aufgreift und in seinen Filmen verarbeitet, abgeschmackt sei. Schließlich kleidet er scheinbar lediglich den Grundgedanken wiederholt in ein neues Gewand. Doch tatsächlich bleibt diese Thematik angesichts unserer Realität stets hochaktuell, sodass man eigentlich gar nicht oft genug darauf hingewiesen werden kann.
Im Gegensatz zu seinen späteren Werken, präsentiert der Regisseur den ewigen Konflikt in Nausicaä aus dem Tal der Winde in einer abenteuerlichen Rohheit und durch das postapokalyptische Setting mit einer feindlicheren, trostloseren Grundstimmung. Um diesen intensiven Bedingungen entgegen zu wirken, ist die Protagonistin, ein starker, autonomer Charakter. Nausicaä ist die Heldin einer Geschichte, die sie aufgrund ihrer Entschlossenheit selbst viel stärker formt und in die richtigen Bahnen lenkt als einige der späteren Miyazaki-Hauptfiguren. Kein Wunder also, dass die tapfere Prinzessin auch heute noch zu den beliebtesten Zeichentrickfiguren Japans gezählt wird. Sie vereint kindliche Neugier, ein optimistisches Gemüt und – wenn es darauf ankommt – klassischen Heldenmut.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist bei Animefilmen natürlich das Visuelle. Im Kontext seiner Entstehungszeit weist Nausicaä aus dem Tal der Winde eine hohe Zeichen- und Animationsqualität auf. Die Hintergründe sind liebevoll gezeichnet und geizen nicht mit kleinen Details. Das ästhetisch Faszinierendste ist in der Hinsicht sicherlich die Flora und Fauna der verseuchten Natur. Selbstverständlich sieht man dem Film heute sein Alter an, aber er bewahrt sich dennoch eine zeitlose Schönheit.

Mit diesem Film schien Hayao Miyazaki ein Erfolgsrezept gefunden zu haben, das nicht nur die Massen in seiner Heimat zu begeistern wusste, sondern auch als Fundament zu einer neuen Form des Anime verstanden werden kann, die sich trotz Familientauglichkeit erwachsenen Themen widmet, die uns alle angehen. Die internationale Anerkennung gibt ihm Recht und zeigt, dass in seinen Werken immer etwas universelles steckt: Ein Anspruch, die moralische Komponente dessen zu ergründen, was es heißt, Mensch als Teil der Natur zu sein.