Wicked City

Wicked City
© SP Vision

Die ausgehenden 80er und die frühen 90er Jahre waren die Glanzzeit des Yoshiaki Kawajiri. Der Regisseur, der sich vor allem durch seine Anime-Verfilmungen von Hideyuki Kikuchis Romanen einen Namen machte, ist für seinen finsteren, monströsen und sexualisierten Stil bekannt, wenn auch leider nie so sehr wie die ganz großen Namen des Japanischen Zeichentricks. Auch Wicked City ist eine Adaption nach Kikuchis gleichnamiger Vorlage und macht bereits als zweiter abendfüllender Spielfilm Kawajiris deutlich, was man als Zuschauer in seinem Schaffen zu erwarten hat.

Die Ausgangssituation ist relativ schnell erzählt: Ein alternatives Tokyo in der nahen Zukunft. Der Jahrhunderte alte Friedensvertrag zwischen der Welt der Menschen und den Anderen, den Dämonen, aus einer dunklen Paralleldimension steht vor der Erneuerung. Essentiell für diesen Prozess ist der Botschafter Guiseppe Mayart (Ichirō Nagai). Um ihn vor radikalen Gegnern des Friedens zwischen den Welten zu beschützen, werden der menschliche black guard Taki (Yūsaku Yara) und seine ihm zugewiesene dämonische Partnerin Makie (Toshiko Fujita) damit beuaftragt, dem alten Mann auf Schritt und Tritt zu begleiten, bis der Vertrag einmal mehr unterschrieben ist. Ein ganz und gar gefährliches Unterfangen!

Als actionreicher Horrorthriller inszeniert, überrascht es bei dieser Handlungsprämisse wenig, dass es für Taki und Makie vor allem darum geht, stets neue dämonische Widersacher zu erledigen, bevor sie Mayart ausschalten können. Jener so wichtige, aber gleichermaßen nervige Charakter tendiert allerdings ganz von selbst dazu, sich aufgrund seiner perversen Neigungen immer wieder in Gefahr zu bringen, wenn er beispielsweise ungefragt sein Hotelzimmer verlässt und sich in der Stadt einer Prostituierten hingibt, die sich als succubusartiger Dämon entpuppt und sich den Alten – ganz wörtlich – einverleiben will. Diese Szene, in der Mayart wider Willen in den nackten Körper der vermeintlichen eintaucht, steht sinnbildlich für das in Wicked City immer wieder aufkommende Wechselspiel zwischen Horror und Erotik.

Auch zu Beginn des Filmes, sehen sich Protagonist und Zuschauer bereits mit männlichen Urängsten und den surreal verzerrten Verführungen des weiblichen Körpers konfrontiert, wenn sich Takis Barbekanntschaft, als spinnenhafte Dämonenfrau mit bezahnter Vagina offenbart. Der Übergang zwischen vermeintlicher Sinnlichkeit und verstörendem Body Horror verläuft dabei fließend, wenngleich sich so manche Szene gefährlich nah am Hentai bewegt. Im Gegensatz zu pornografischen Animefilmen, geht es Kawajiri allerdings nie um offensichtlich sexuelle Stimulation, die sich mit einem fadenscheinigen Plot zu rechtfertigen versucht. Exploitativ ist Wicked City zwar, doch stets auf seine dichte Atmosphäre als Gesamtwerk bedacht. Wie auch in seinen späteren Filmen, legt der Regisseur viel Wert auf die visuelle Gestaltung seines Settings und seiner brutalen Actionsequenzen, ganz im Sinne seiner dynamischen Handlung und ihrer Wirkung. Dass dabei öfters die Figurentiefe auf der Strecke bleibt, ist, wenn man an diesem ästhetischen Neo-Noir-Alptraum seinen Gefallen findet, nicht so tragisch. Dafür bekommt man spannende, kompromisslose Animeunterhaltung geboten. Ein höllischer Spaß – jedoch nicht für die ganze Familie!

Demon City Shinjuku

Demon City Shinjuku

Die 80er Jahre bezeichnet man auch gerne als das „Goldene Zeitalter“ des Anime. In Japan wurden viele der heute großen Animationsstudios gegründet, eine neue Fan-Subkultur bildete sich und über Veröffentlichungen auf Videokassetten gewann der japanische Zeichentrickfilm auch in der westlichen Welt an Popularität. Filme wie Akira (Katsuhiro Ōtomo, 1988) und Serien wie Dragonball (1986, Akira Toriyama) entstanden zu dieser Zeit und gelten heute als Anime-Meilensteine. Auch Yoshiaki Kawajiris Demon City Shinjuku ist ein Film dieses Jahrzehnts, wenngleich er eher zur weniger bekannten, oftmals übersehenen Sorte gehört.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Hideyuki Kikuchi, behandelt der Anime die Geschichte eines jungen Mannes namens Kyouya (Hideyuki Hori), der sich gemeinsam mit der Präsidententochter Sayaka (Hiromi Tsuru) in das von Dämonen befallene Tokyo begibt, um den Urheber der Katastrophe und Mörder seines Vaters, Rebi Ra (Kiyoshi Kobayashi) zu vernichten. Dabei stößt er auf zweifelhafte Menschen und groteske Monstrositäten, die sein Vorhaben erschweren.

Wer nun der Meinung ist, die Handlung klinge recht banal, der hat vollkommen Recht. Demon City Shinjuku verlässt sich plottechnisch auf ein simples Schema. Als Actionfilm mit Horrorelementen gleichen die Geschehnisse in ihrer Struktur am ehesten einem Videospiel, in dem ein Bosskampf auf den nächsten folgt. Auch die Charaktere fügen sich von Anfang an in ihre vorgesehenen Rollen und machen bis zum Schluss keine Entwicklung durch. Kyouya ist der tapfere Held, Sayaka das mehr oder weniger hilflose Mädchen und Rebi Ra ist unzweifelhaft der gewissenlose Oberschurke.

Die Stärken des Films stecken also gar nicht im Inhalt per se, sondern mehr in seiner Präsentation. Das postapokalyptische Tokyo mit seinen in Ruinen liegenden Wolkenkratzern, umherirrenden Seelen und finsteren Gefahren ist als Setting ganz besonders gelungen. Als isolierte, geheimnisvolle, nihilistische Umgebung wird die Dämonenstadt zum eigentlichen Star dieses Films. Das Herzstück sind natürlich die titelgebenden Dämonen selbst. Immer wenn Kyouya auf eines dieser Monster trifft, entfaltet sich die surreale Kraft des Films. Eine Abscheulichkeit folgt auf die nächste und kommt mit ihrem ganz eigenen, furchteinflößenden Design daher. Die daraufhin unvermeidbaren Kämpfe sind gekonnt inszeniert, denn die detailreichen, handgezeichneten Bilder können sich absolut sehen lassen. Aufgrund der schaurig homogenen Ästhetik einer gottverlassenen, hoffnungslosen Welt, in der Kreaturen des Bösen regieren, übt Demon City Shinjuku in Sachen Atmosphäre einen ganz besonderen Reiz aus. Da ist es auch ein Stück weit verzeihlich, dass die Handlung in ihrer Einfachheit zur bloßen Basis für die actionreichen Auseinandersetzungen verkommt und dass der Soundtrack an manchen Stellen ein wenig unpassend erscheint.

Lässt man sich also auf die Dämonenstadt als faszinierendes Setting ein, bekommt man einen ordentlichen Actionfilm geboten, dessen visuelle Gestaltung in der Lage ist, inhaltliche Schwächen auszugleichen. Dennoch hätte etwas mehr Tiefe selbstverständlich nicht geschadet, im Gegenteil, angesichts der interessanten Welt, die hier erschaffen wurde, ist es bedauerlich, dass das Potential nicht vollends genutzt wurde. Nichtsdestotrotz ist Demon City Shinjuku ein stimmungsvoller, kurzweiliger Film für Animefans.