Stalker

Stalker

Wie verwehrt man sich eigentlich gängigen Genrekonventionen mit Erfolg? Stanley Kubrick wusste in der Hinsicht natürlich genau, was er tat. Sein Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum (1968) begeistert mit seinen zeitlosen Qualitäten noch heute Unmengen an Filmliebhabern. Wenn wir uns aber im Bereich der Science-Fiction bewegen, kommen wir auch am sowjetischen Regisseur Andrej Tarkowskij nicht vorbei. Seinem finanziell ausgesprochen erfolgreichen Solaris (1972) ließ er sieben Jahre später einen sehr außergewöhnlichen, erneut überlangen, sperrigen und meditativen Film folgen: Stalker.

Der Film basiert lose auf der Novelle „Piknik na obochine“ („Picknick am Wegesrand“) von Arkadi und Boris Strugazki, die schließlich auch gemeinsam mit Tarkowskij das Drehbuch erarbeiteten. Die Handlung ist in einem ehemals bewohnten Gebiet angesiedelt, das gemeinhin nur als die Zone bezeichnet wird. Vor vielen Jahren fand in jener Zone eine Katastrophe statt, die alles menschliche Leben auslöschte. Die genauen Gründe sind unbekannt; Vermutungen reichen von einem Meteoriteneinschlag bis hin zu einem außerirdischen Angriff. Tatsache ist jedoch, dass keiner der Erkundungstrupps je zurückkehrte und die Zone infolgedessen militärisch abgeriegelt wurde.
Doch es gibt einen Mann, den sie den Stalker (Alexander Kaidanowski) nennen. Er führt interessierte Leute gegen Bezahlung verbotenerweise in und durch die Zone, denn es heißt, dort gebe es ein geheimnisvolles Haus mit einem Zimmer, das die geheimsten Sehnsüchte und innersten Wünsche eines jeden Menschen wahr werden lassen kann. Ein entsprechend großes Verlangen, diesen Ort zu sehen, haben ein Schriftsteller (Anatoli Solonizyn) auf der Suche nach Inspiration und ein Professor (Nikolai Grinko) auf der Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis. So liegt es am Stalker, die beiden Männer durch den Sperrgürtel in die Zone zu führen und auf einer Reise in eine sonderbare Welt zu begleiten, in der die Stabilität der Naturgesetze durch gefährliche Anomalien ins Wanken gerät.

Ursprünglich war die Grundlage des Drehbuchs zu Stalker das dritte Kapitel von „Piknik na obochine“, doch das Endprodukt übernimmt davon nur noch einige grundsätzliche Elemente und nach zahlreichen Drehbuchfassungen durch die Brüder Strugatzki entstand letztendlich eine ziemlich eigenständige Filmhandlung. Der Kern derselben ist selbstverständlich die Zone. Wenn der Zuschauer mit den Protagonisten das erste Mal dieses geheimnisumwobene Gebiet  betritt, wird seine Besonderheit bereits optisch mehr als deutlich im Kontrast zur Außenwelt. Tarkowskij grenzt die beiden Welten nämlich klar voneinander ab: Außerhalb der Zone ist alles in monochromen Farben gehalten; ein tristes Braun liegt über allem. Lediglich in der Zone, zeigt sich Stalker als kompletter Farbfilm. Abgesehen davon liegt die ganz eigene urbane Ästhetik des Films auch in den Bildkompositionen, die vor allem in vielen, langen Einstellungen zur Geltung kommen. Die Zone ist ein Gebiet mit heruntergekommenen Häusern und Industrieanlagen, mit Gras überwuchert und teilweise überschwemmt. Tarkowskij zeichnet den Verfall mit eigenartiger Schönheit. Ob alte, verrostete Rohre oder Wände, von denen der Putz rieselt, all solchen fast schon banal hässlichen Dingen wird überaus viel Zeit gewidmet, damit die Bilder in ihren Einzelteilen und in ihrer Gesamtheit mächtiger werden und den Zuschauer auf ganz eigenartige Weise faszinieren.

Es sind aber nicht nur die visuellen Stärken des Films hervorzuheben, sondern auch sein philosophischer Gehalt. Tarkowskij verzichtet darauf, seinen Charakteren Namen zu geben; stattdessen sind sie viel mehr Symbole statt Subjekte und rücken das Allgemeine in den Vordergrund. Es sind also gar nicht so sehr die Einzelschicksale auf ihrer äußeren und inneren Reise entscheidend, sondern die Weltbilder, die in Gestalt der drei Männer aufeinandertreffen: Der Schriftsteller vertritt das Intuitive und Kulturelle, den Glauben an die Kunst und die Verachtung der Wissenschaft; der Professor hingegen ist die rationale Komponente, die aufgeklärte Vernunft; der Stalker vervollständigt das Ganze durch seinen naturmystischen, emotionalen Blick auf die Zone mit nahezu religiöser Ehrfurcht. Trotz dieser recht deutlich präsentierten Aspekte des Menschseins, bleibt Stalker ein rätselhafter Film, der grundsätzlich zu äußerst subjektiven Interpretationen einlädt.

Man sollte sich jedenfalls darauf einstellen, dass Tarkowskij keine Lösungen auf dem Präsentierteller anbietet. Sein Film ist intelligente Science-Ficton in kraftvollen Bildern. In Kombination mit den Dialogen ergibt sich ein Zeit und Aufmerksamkeit forderndes, mitunter kryptisches Werk zwischen philosophischem Diskurs und meditativem, symbolbehaftetem Erleben.

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2 Gedanken zu “Stalker

    1. Danke. :)
      Ja, das ist einer dieser Filme, bei denen es nicht leicht ist, für das Gesehene die richtigen Worte zu finden. Aber das ist irgendwie auch das schöne daran.

      Gefällt mir

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