Sicario

Sicario - FilmplakatDer derzeit vielleicht gefragteste kanadische Regisseur Denis Villeneuve fügt seinem Œuvre nach seinen 2013 produzierten Thrillern Prisoners und Enemy ein neues, hochspannendes Werk hinzu, in dem er Emily Blunt, Josh Brolin und Benicio del Toro nach Mexiko in den unaufhörlichen, unmenschlichen Drogenkrieg schickt: Sicario. Weiterlesen „Sicario“

Werbeanzeigen

Prisoners

Prisoners

Nach dem herausragenden und für einen Academy Award nominierten Film Die Frau, die singt (2010) war es nur eine Frage der Zeit, bis Denis Villeneuve mit dem Dreh einer Hollywoodproduktion betraut würde. Dieses Jahr erschien also mit Prisoners der erste US-Film des frankofonen Kanadiers und konnte Kritiker, sowie Publikum gleichermaßen überzeugen.

Keller Dover (Hugh Jackman) ist mit Frau und Kindern bei der befreundeten Nachbarsfamilie, den Birchs zum Thanksgiving eingeladen. Nach dem Essen verschwinden die jungen Töchter der Familien, Anna Dover und Joy Birch spurlos. Die lokale Polizei um Detective Loki (Jake Gyllenhaal) macht kurze Zeit später einen verdächtigen Wohnwagen ausfindig, dessen Fahrer Alex (Paul Dano) zu fliehen versucht. Nach einem Unfall gelingt es Loki zwar, Alex zu fassen und anschließend zu verhören, muss den geistig unterentwickelten Mann allerdings mangels Beweisen laufen lassen. Dover hingegen ist von Alex‘ Schuld weiterhin überzeugt. Kurzerhand entführt er ihn und hält ihn in einem heruntergekommenen Haus gefangen, wo er unter Folter den Aufenthaltsort der verschwundenen Mädchen preisgeben soll.

Vorweg, die komplexe gesellschaftspolitische Tragweite von Die Frau, die singt hat Prisoners zwar nicht, doch was die emotionale Spannung angeht, agiert Villeneuve erneut auf ausgesprochen hohem Niveau. Den wichtigsten Beitrag dazu leistet Hugh Jackmans intensives Schauspiel. Sein von Wut und Verzweiflung getriebener Charakter bleibt auch dann der Ansatzpunkt für den Zuschauer, nachdem er längst jegliche Moral abgelegt und das Gesetz in die eigene Hand genommen hat. Ohnehin verzichtet das Drehbuch von Aaron Guzikowski auf eine zu klare Einordnung der Figuren, was ihre Gesinnung anbelangt. Selbstverständlich ist es die Liebe zu seiner Tochter, die Dover derart handeln lässt, dennoch begeht er ein nicht minder schweres Verbrechen als der Täter. Auf der anderen Seite agiert mit Loki ein scheinbar gelassener Polizist, kühl und rational an der Oberfläche, auf der Suche nach dem wahren Entführer. Doch seine geheimnisvollen Tattoos und sein nervöses Augenzucken verstärken nur den Eindruck, dass er mit ganz eigenen Ängsten und Dämonen zu kämpfen hat. Die Verzweiflung wächst auch in ihm, doch im Gegensatz zu Jackmans hasserfüllter Leinwandpräsenz, schlägt Gyllenhaals Darstellung ruhigere Töne an.

Prisoners ist ein waschechter Crime-Thriller, im Suspense-Schatten großer Vorbilder wie Das Schweigen der Lämmer (Jonathan Demme, 1991). In seiner klaren Bildsprache bei tristem Herbstwetter und düster-realistischer Ästhetik, erinnert er an die Meisterwerke David Finchers. Und auch wenn er zwar nicht ganz die Qualitäten eines Sieben (1995) oder Zodiac (2007) erreicht, bietet er dennoch Spannung bis zum Schluss. Das bedeutet auch, dass Prisoners Villeneuves massentauglichster Film ist, nichtsdestotrotz eine sehenswerte Erfahrung. Hier werden vielleicht die ein oder anderen Versatzstücke des Thrillergenres lediglich neu angeordnet, doch solange ein starker Film dabei herauskommt, ist das völlig akzeptabel.

Die Frau, die singt

Die Frau die singt

Die kanadische Filmlandschaft steht traditionell immer ein wenig im Schatten Hollywoods, doch Regisseure wie Denis Villeneuve müssen sich mittlerweile vor niemandem mehr verstecken. Mit seinem jüngsten Film Die Frau, die singt gewann er bereits zum dritten Mal die Auszeichnung für den besten Film beim kanadischen Filmpreis Genie Award, dieses Mal wurden ihm allerdings auch noch Preise in sieben weiteren Kategorien verliehen. Darüber hinaus war sein Film oscarnominiert in der Kategorie für den besten ausländischen Film. Spätestens seit dem vergangenen Jahr also ist Villeneuve eine der Speerspitzen des kanadischen Films. Mit seiner bildgewaltigen Theateradaption hat er sich diesen Erfolg aber auch redlich verdient.

Incendies basiert auf dem gleichnamigen Stück von Wajdi Mouawad und ist die Suche zweier Geschwister nach einem nie gekannten Vater und einem mysteriösen Bruder, die sie immer tiefer in die bewegte Vergangenheit ihrer Mutter und in den mittleren Osten der Gegenwart führt.
Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon Marwan (Maxim Gaudette) bekommen vom Notar Jean Lebel (Rémy Girard) den letzten Willen ihrer kürzlich verstorbenen Mutter Nawal (Lubna Azabal) sowie zwei Briefe ausgehändigt. Einer davon soll dem Vater überreicht werden, den die beiden jedoch nie kennengelernt hatten und der andere einem weiteren Bruder, von dessen Existenz bisher niemand wusste. So machen sich Jeanne und Simon auf in die arabische Heimat ihrer Mutter, die sie vor vielen Jahren in Richtung Kanada verlassen hatte. Die Handlung springt dabei von der Suche in der Gegenwart immer wieder in längeren Flashbacks in das vergangene Leben Nawals, in ein zerrissenes Land im Bürgerkrieg zwischen muslimischen Fanatisten und einer christlichen Minderheit.

Obwohl das Land im mittleren Osten namenlos bleibt und die Städtenamen der Fantasie entsprungen sind, tut das der Authentizität von Villeneuves Inszenierung keinen Abbruch. Die Angst, der Hass und die Gewalt schwingen in nahezu jeder Szene mit, die Nawals Kampf ums Überleben und die Suche nach einem Sohn, von dem sie früh getrennt wurde, zeigt. Dass die Geschehnisse an den libanesischen Bürgerkrieg in den 70er Jahren erinnern, ist kein Zufall. Forciert und zu einem tragischen Höhepunkt gebracht wird diese Parallele in einer Sequenz, die das grausame Abschlachten unschuldiger Insassen eines Busses – darunter Frauen und Kinder – zeigt und damit unzweifelhaft eine Reminiszenz an das sogenannte Bus-Massaker, das seinerzeit den Krieg auslöste.

Während es an den gesellschaftlich-politischen Konflikten und ihrer Nachvollziehbarkeit nichts auszusetzen gibt, wirkt das Familienschicksal um Nawal in der Vergangenheit und ihren Kindern in der Gegenwart mitunter konstruiert. Zwar ist es spannend und interessant, als Zuschauer nach und nach mehr über die Protagonistin herauszufinden, und die finalen Enthüllungen der Handlung sind wuchtig, aber eben auch von einer gewissen Zufälligkeit bedingt, die nicht jeden zufriedenstellen wird. Ohne Frage, die Geschichte Nawals ist packend bis zum Schluss, aber die Stärken des Films liegen noch mehr in den Bildern, die ein zerrüttetes Land, einen brutalen Glaubenskrieg und die schwindende Hoffnung auf Frieden und Freiheit in das Gedächtnis des Zuschauers brennen ohne sich unkritisch auf eine Seite zu schlagen oder gar den moralischen Zeigefinger zu heben.

Auch wenn ein großer Teil des Films in einer Zeit spielt, die mehr als 30 Jahre zurückliegt, haben die dargestellten Geschehnisse kaum an Aktualität verloren. Mit der bewussten Anonymität des Handlungsortes erscheint Die Frau, die singt wie ein Dokument, das Vergangenheit und Gegenwart, Bedingungen und Möglichkeiten eines Landes aufarbeitet, das letztendlich nur als Beispiel für die große Region steht, die wir als mittleren Osten bezeichnen ohne wirklich eine Ahnung davon zu haben. Villeneuve bringt uns mit seinem Drama in nächste Nähe und auf eine zutiefst menschliche Ebene, um uns vor Augen zu führen, was die bloßen Statistiken von Opferzahlen in den Nachrichten eigentlich bedeuten und welche Tragweite sie haben können.