Immortal

Immortal

Wenn der renommierte Comicautor Enki Bilal seinen Stift beiseite legt, setzt er sich gerne auf den Regiestuhl und dreht Filme. Dass das nicht immer eine gute Idee ist, beweist der 2004 erschienene Immortal, ein mystischer Sci-Fi-Thriller im New York der Zukunft.

Die Filmhandlung dreht sich zum einen um den ägyptischen Gott Horus (Thomas M. Pollard), der im Jahr 2095 zusammen mit Anubis und Bastet in einer gigantischen Pyramide über New York schwebt. Die Zeit seiner Unsterblichkeit ist fast abgelaufen und so bleiben ihm lediglich sieben Tage, um die Stadt nach einer geeigneten Frau abzusuchen, mit der er sich vereinen kann. Diese scheint er in der außergewöhnlichen Jill (Linda Hardy) gefunden zu haben. Die junge Frau mit der weißen Haut und dem blauen Haar unterzieht sich derweil einigen Experimenten bei der zwielichtigen Ärztin Dr. Elma Turner (Charlotte Rampling), die für die Eugenics Corporation arbeitet, einer Organisation, die die gesamte Bevölkerung unter einer Medizindiktatur unter Kontrolle hat. Künstliche Körperteile sind nämlich mittlerweile alltäglich geworden. Menschen oder Mutanten ohne irgendwelche Ersatzteile gibt es eigentlich kaum. Doch Jill ist anders. Ihre Organstruktur ist von Natur aus äußerst merkwürdig, zudem verfügt sie über die Kraft, Gedanken zu lesen und eine Art Energiebälle aus ihren Händen schießen zu können. Horus allerdings benötigt in seinem unstofflichen Dasein einen Wirtskörper, um die sexuelle Vereinigung mit der auserwählten Frau zu vollziehen. Da kommt es ihm ganz gelegen, dass mit Nikopol (Thomas Kretschmann), seines Zeichens Gründer einer Widerstandsbewegung gegen Eugenics und berüchtigter Staatsfeind, zufällig aus dem 30-jährigen Kälteschlaf erwacht, weil sich seine Schlafkapsel von einer Gefängnisplattform löst und in die Tiefe stürzt. Beim Aufprall verliert er allerdings ein Bein und droht zu verbluten. Horus rettet sein Leben und schmiedet ihm ein künstliches Bein unter der Bedingung, dass ihm Nikopol von nun an als Wirtskörper diene.

Abseits des Haupthandlungsstrangs gibt es noch einen ambitionierten Inspektor, der eine Mordserie aufklärt, die mit Horus in Verbindung steht und letztlich zu Nikopol führt. Außerdem trifft sich Jill immer wieder mit einem vermummten Freund und Drogendealer namens John, der ihr Pillen verabreicht, die ihr helfen sollen, ihre undurchsichtige Vergangenheit zu vergessen und sie nach und nach zu einer menschlichen Frau werden lassen. John bezeichnet sich selbst als Wanderer, der schon bald die Erde verlassen wird. Möglich sei dies durch den als verbotene Zone gekennzeichneten Central Park, in dem es Risse zu geben scheint, mit deren Hilfe man in der Lage sein soll, Raum und Zeit überwinden.
Enki Bilals Ideen sind grundsätzlich nicht unbedingt schlecht, aber Weiterführung und Verknüpfung lassen zu wünschen übrig. Viele Handlungselemente werfen Fragen auf, von denen am Ende nur wenige geklärt werden. Nikopols Vergangenheit wird beispielsweise nur durch leuchtende Hologrammtafeln angedeutet, auf denen Parolen gegen Eugenics zu finden und mit „The Spirit Of Nikpol“ unterzeichnet sind. Der Zuschauer erfährt, dass Nikopol Auslöser einer Widerstandsbewegung ist, doch weiter wird darauf nicht eingegangen. Ebenso bleibt das ganze Mysterium um den Central Park völlig im Dunkeln. Jills Vergangeneit bleibt dem Zuschauer genauso verborgen wie Dr. Elma Turners Beweggründe. Die Ärztin betont außerdem mehrmals mit dem Widerstand zu sympathisieren, doch Taten lässt sie den Worten nicht folgen und zu einem Kontakt mit Nikopol kommt es gar nicht erst. Den Schwerpunkt legt Bilal also auf die Geschichte um Jill und Nikopol (inklusive Horus). Zuerst handelt Nikopol natürlich ausschließlich im Sinne Horus‘, doch nach und nach beginnt er, etwas für die junge Frau zu empfinden und die Ansichten des Gottes, für den Menschen nur Werkzeuge sind, zu hinterfragen. Tatsächlich aber bietet der Handlungsstrang, wenn man ihn isoliert betrachtet, ausgesprochen wenig und ist im Grunde sogar der spannungsärmste. Als Zuschauer gewinnt man stellenweise den Eindruck, Enki Bilal habe die weiteren Charaktere mit ihren nur angerissenen Geschichten und Mysterien lediglich eingebaut, um die Filmzeit auf eine angemessene Länge zu bringen.

Ist Immortal was die Handlung angeht bereits überladen und unbefriedigend, kann der Film die eklatanten Drehbuchschwächen auch nicht über seine Optik wettmachen. Zugegeben, die am Computer entstandenen Hintergründe des ziemlich vertikalen New Yorks mit seinen Oberleitungen für die „schwebenden“ Autos sehen äußerst gut aus. Die Atmosphäre der Stadt erinnert zeitweise positiv an Blade Runner (Ridley Scott, 1982), aber erreicht dessen Qualität zu keinem Zeitpunkt. Trotzdem sind es nicht die Umgebungen, sondern die Figuren, die das Gesamtbild erheblich stören. Zunächst fragt man sich, warum Enki Bilal überhaupt die Entscheidung traf, drei Charaktere (Jill, Nikopol, Dr. Turner) mit realen Schauspielern zu besetzen, während der Rest aus CGI-Modellen besteht. Es gibt visuell wirklich gelungene Szenen, aber die meiste Zeit wirken die Darsteller vor dem virtuellen Hintergrund und neben den computeranimierten Charakteren wie Fremdkörper. Bei den ägyptischen Göttern ist es noch verschmerzlich, dass dort auf CGI gesetzt wurde und Horus und Co. sind durchaus gelungen, aber die zahlreichen Bewohner der Stadt verdeutlichen, dass ein Budget von 23 Mio. $, aber vor allem die damalige Technik einfach nicht ausreichten, um Bilals Vision zufriedenstellend auf die Leinwand zu zaubern. Die Figuren können nicht gerade mit nahezu realistischen Animationen aufwarten und detailreche Texturen sind ebenfalls Mangelware. Zu keinem Zeitpunkt erreichen die CGI die Qualität von Pixar oder Dreamworks.
Während die Ästhetik des Films manchmal nicht übel, aber gößtenteils irritierend ist, kann dafür wenigstens der Soundtrack punkten. Die Tracks unterlegen die Szenen zu jeder Zeit passend. Unter anderem finden sich Stücke von Bands wie Sigur Rós, die mit ihrer stimmungsvollen Musik stark zur von Bilal beabsichtigten Atmosphäre beitragen.

Alles in allem bleibt Immortal aber höchstens Mittelmaß. Die angerissenen Handlungselemente und das Grundkonzept deuten das Potential von Bilals Ideen zwar an, aber scheitern letztlich an der Ausführung. Im visuellen Bereich muss sich der Regisseur vorwerfen lassen, nicht konsequent genug gewesen zu sein, entweder einen komplett animierten Spielfilm zu drehen oder auf CGI-Figuren weitgehend zu verzichten. Seine merkwürdige Mischung wird so zu einem gescheiterten Experiment. Wer sich jedoch vom Setting angesprochen fühlt, ist wahrscheinlich mit Bilals Comics der Nikopol-Trilogie besser bedient, auf welcher der Film ohnehin nur äußerst lose basieren soll.

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