Der Fluss war einst ein Mensch

Der Fluss war einst ein Mensch

Der Fluss war einst ein Mensch ist, kommt man auf seine Produktionsbedingungen zu sprechen, ein verrücktes Wagnis: Mit seinem Darsteller Alexander Fehling und ohne ausformuliertes Drehbuch begibt sich Regisseur Jan Zabeil nach Afrika auf eine Reise ins Ungewisse und realisiert mit seinem Debütfilm ein halbdokumentarisches Abenteuer für alle Beteiligten.

Ein junger deutscher Schauspieler (Alexander Fehling), dessen Namen wir nie erfahren, reist durch Botswana. Seine Motivation und seine Ziele bleiben im Verborgenen. Mithilfe eines einheimischen Fischers (Sariqo Sakega) macht er sich per Kanu auf in die Wildnis, immer den Fluß entlang, fernab von jeglicher Zivilisation und den üblichen Touristenrouten. Als sie am Abend vor der Rückfahrt rasten, gibt alte Mann die Machtlosigkeit des Menschen zu verstehen. Das Land gehöre den Tieren, meint er. Am nächsten Morgen ist er tot, im Schlaf gestorben. Der Schauspieler, der seinem Begleiter noch wenige Stunden zuvor versucht hatte, seine Profession zu erklären, findet sich allein, orientierungslos und isoliert in der ihm unbekannten, menschenleeren Natur wieder, die ihm im weiteren Verlauf seiner Reise die eigenen Grenzen vor Augen führen wird.

Wie eingangs erwähnt, ist der Film beim folgenden Weg, den der junge Mann einschlägt, erfrischend authentisch. Mit nur groben Themen und Ideen im Gepäck, erlauben sich Jan Zabeil und Alexander Fehling eine ungewöhnliche Offenheit. Das Stichwort Improvisation dient als wesentliches Prinzip. Ebenso wie der Protagonist, den er verkörpert, ist Fehling auf sich gestellt, ohne textuelle Vorgaben und Hilfestellungen. Die Einheimischen, auf die er später trifft, sind tatsächlich die Bewohner ihres Dorfes. Ihre Riten und Bräuche ließ Zabeil dabei ganz natürlich in seine Filmhandlung mit einfließen, um eine andere Wahrnehmung auf die Dinge zu erzeugen. Der Totenkult, der Naturmystizismus; diese Elemente sind essentielle Bestandteile des Films. Aus dieser enormen Einflussnahme auf das Projekt, schöpft Der Fluss war einst ein Mensch letztlich seine dokumentarische Kraft.

Mit einem Gespür für ausdrucksstarke, doch nie überbordende Bilder verliert sich der Filmemacher ganz bewusst in der afrikanischen Einöde. Das fordernde Schauspiel Alexander Fehlings und die oft assoziativ angeordneten Naturaufnahmen erinnern an die Dschungelfilme eines Werner Herzog. Besonders Aguirre, der Zorn Gottes (1972) kommt dem geneigten Zuschauer in den Sinn, doch Zabeils Film ist weit ruhiger, langsamer und weniger symbolträchtig. Wie bei Herzog spielt zwar auch hier die Wahrnehmung eine wichtige Rolle, allerdings nicht die Verzerrung hin zum Größenwahn, sondern das Überdenken kulturell geprägter Grundvorstellungen, die in einer neuen, fremdartigen Umgebung eine entsprechende Neuausrichtung erfordern. Es ist eine Reise in das Unbekannte, nicht nur physisch, sondern auch psychologisch; das Ergründen einer neuen Denk- und Lebensweise in einer abenteuerlichen Mischung aus Realität und Fiktion. Jan Zabeils beachtliches Spielfilmdebüt zeigt einmal mehr, wie viel Potential im deutschen Kino steckt, wenn man es denn zur Entfaltung kommen lässt.

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2 Gedanken zu “Der Fluss war einst ein Mensch

    1. Danke für deinen Kommentar. Freut mich. :)
      Ich bin, ehrlich gesagt, nicht der größte Fan von Filmen der Berliner Schule, weshalb ich Petzold auch immer wieder aufschiebe. Meine bisherigen Ausflüge in die Richung mit Arslan, Köhler, usw. konnten mich nicht begeistern. Diese Art der Inszenierung ist mir oft zu dröge. Deshalb findet man, was deutsche Filme angeht, auf meinem Blog halt eher sowas wie eben „Der Fluss war einst ein Mensch“, „Felidae“, „Masks“, „Die tödliche Maria“, „Deadlock“, usw. Meist also Versuche in Richtung Genrekino statt den tristen, grauen Arthausfilmen, die irgendwie versuchen ein bisschen wie Nouvelle Vague oder Neorealismus zu sein, es aber nicht schaffen…
      Grafs Namen habe ich nur öfter mal in Verbindung mit diversen Krimis gehört, aber gesehen habe ich von ihm auch noch nichts.

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