A Scanner Darkly

A Scanner Darkly

Philip K. Dick gehört auch heute noch zu den beliebtesten Science-Fiction-Autoren überhaupt, kein Wunder also, dass inzwischen nicht wenige seiner Werke für die große Leinwand adaptiert wurden. Zu den gelungenen Verfilmungen gehören vor allem Blade Runner (Ridley Scott, 1982) und Minority Report (Steven Spielberg, 2002). Seit 2006 kann man auch Richard Linklaters A Scanner Darkly dazuzählen, eine düstere Zukunftsvision über Identität, Täuschung, Sucht und Kontrolle.

Die Handlung des Films spielt in den USA der nicht allzu weit entfernten Zukunft. Der Kampf gegen die Drogen scheint verloren, die Regierung weiß sich nur noch mit einem weit verzweigten Netzwerk aus Video- und Audioüberwachung, sowie zahlreichen Informanten und Undercoverfahndern zu helfen, mit deren Hilfe man an die hohen Tiere hinter dem illegalen und gefährlichen Halluzinogen Substance D gelangen will.
Fred (Keanu Reeves) ist einer dieser Fahnder und wird unter dem Namen Robert Arctor in die nicht ungefährliche Szene eingeschleust. Doch auch umgekehrt operieren Dealer verdeckt in den Behörden. Um also seine Identität zu schützen und nicht als Arctor erkannt zu werden, trägt Fred – wie viele andere Fahnder  auch – auf dem Revier einen Hightech-Tarnanzug, einen sogenannten „Jedermann-Anzug“, der individuelle Merkmale von Gesicht und Körper unkenntlich macht. Auf der einen Seite wertet er Videoaufnahmen aus und observiert einen kleinen Haushalt Drogensüchtiger, andererseits ist er als Robert Arctor gleichzeitig Teil dieser kleinen Gruppe, um Informationen zu sammeln. Zu seinem alltäglichen Umgang gehören dort der redselige, paranoide James Barris (Robert Downey Jr.), der lethargische, leicht dümlich wirkende Ernie Luckman (Woody Harrelson) und die körperkontaktscheue Donna Hawthorne (Winona Ryder), die Arctor Substance D beschafft.
Als es durch die Anschuldigungen eines anonymen Informanten dazu kommt, dass Arctor verdächtigt wird, einer terroristischen Organisation anzugehören, wird die Überwachung verschärft und Fred ist gezwungen, sich selbst zu überwachen. Zur gleichen Zeit wird er immer abhängiger von der psychoaktiven Substance D, obwohl er ursprünglich undercover nur vorgeben sollte, Drogenkonsument zu sein. Die Kommunikation zwischen seinen beiden Gehirnhälften ist geschädigt und Freds Wahrnehmungsvermögen gestört. Er beginnt, nicht mehr unterscheiden zu können, wann er in welcher Rolle agiert.

Diese Verwirrung und Paranoia, die den Protagonisten immer stärker befällt, soll auf gewisse Weise ebenso auf uns, die Zuschauer, einwirken. Die wichtigsten Plot Points wurden um die Frage nach der wahren Identität und Absicht der Charaktere gestaltet. So wie sich die Polizei weder über Freds wahre Identität im Klaren ist, noch die Motivationen der einzelnen Mitglieder des überwachten Haushaltes durchschaut, stellen sich auch dem Zuschauer einige Fragen. Durch die eingeschränkte Wahrnehmung Freds bzw. Robert Arctors bleibt zudem der Realitätsgehalt einiger Sequenzen fraglich. Eine permanente Unsicherheit macht sich breit, bis einem der finale Twist einen Schlag in die Magengrube verpasst.

Neben den Wendungen zeichnet sich der Plot vor allem durch lange, aber ungemein amüsante Dialogpassagen aus. Besonders Robert Downey Jr. blüht dabei als abgedrehter James Barris auf, der hinter allen Ereignissen groß angelegte Verschwörungen vermutet, die den gemeinsamen Drogenkonsum auffliegen lassen wollen. Sein Verfolgungswahn verleitet ihn zu abstrusen Annahmen gefährlichen Behauptungen. Ernie Luckman wirkt stellenweise als gelassenerer Gegenpol, lässt sich in seiner Naivität allerdings auch nur allzu leicht von den paranoiden Emotionen mitreißen.
So humorvoll diese Gespräche auch in Szene gesetzt sind, zeigen sie jedoch zugleich die ernstzunehmenden Auswirkungen von Substance D auf das Wahrnehmungsvermögen seiner Konsumenten. Dass es real existierende Halluzinogene mit ähnlichen Effekten gibt, ist selbstverständlich kein Zufall. Die viel wichtigere Kritik äußert Philip K. Dick in seiner Geschichte allerdings an dem wachsenden Verlangen des Staates nach absoluter Kontrolle, nach allgegenwärtiger Transparenz und sei es auch mit skrupellosen Mitteln. War diese Vorstellung bei Erscheinen der Romanvorlage im Jahr 1977 noch stärker der Gedanke einer Science-Fiction, so scheint sie heute gegenwärtiger denn je.

Visuell verpackt Richard Linklater die Satire in einen aufwändigen Animationsstil. Der Film wurde zunächst ganz konventionell mit den Darstellern gedreht, aber anschließend per Rotoskopieverfahren animiert, sozusagen digital „übermalt“. Diese Entscheidung erscheint auf den ersten Blick eigenwillig, veranschaulicht im Endeffekt aber wunderbar die verquere Wahrnehmung der Drogensüchtigen, sowie den ansonsten  nur schwer vorstellbaren Jedermann-Anzug. Linklater hatte die Rotoskopietechnik bereits bei Waking Life (2001) angewandt und nun für A Scanner Darkly noch weiter perfektioniert, obwohl sich die Post-Produktion des Filmes ziemlich in die Länge zog. Doch die Zeit hat sich gelohnt, denn herausgekommen ist eine gelungene Philip-K.-Dick-Adaption, ein Blick auf eine beängstigende Zukunftsgesellschaft, deren Parallelen zur Gegenwart unverkennbar sind und ein unterhaltsamer Animationsfilm für Erwachsene.

Advertisements

4 Gedanken zu “A Scanner Darkly

  1. Linklaters Dick-Verfilmung unterscheidet sich in meinen Augen erheblich von den bisherigen Versuchen in dieser Richtung . Es ist die erste Verfilmung, die versucht, einem Roman von Dick wirklich gerecht zu werden und ihn nicht nur als Steinbruch fürs Drehbuch zu nützen. Zudem nimmt Linklater nicht einen der erfolgreichen Genreromane Dicks aus den Sechzigern, sondern eins der sperrigen, weitaus weniger kassenwirksamen Spätwerke des Autors.
    Gut finde ich deinen Hinweis auf den Sinn der Rotoskopie, die dem Geschehen ja erst seinen unwirklichen Anstrich gibt und auf der anderen Seite die phantastischen Elemente, wie den Jedermann-Anzug, völlig selbstverständlich wirken lässt .
    Etwas modernisiert hat Linklater den Roman zu Beginn aber doch: Der Vortrag über den „Krieg gegen die Drogen“ ist eine Hinzufügung, eine Anspielung auf die Gegenwart, die Drogenpolitik der amerikanischen Regierung zur Zeit von Bush jr.
    Schade, dass dieser interessante Film etwas untergegangen ist. Schön, dass er hier wieder gewürdigt wird.

    Gefällt mir

    1. Die Rotoskopie war es damals, die mich so fasziniert hatte. Dass es hier aber nicht bloßes „style over substance“ ist, ist dann umso besser. Gebe dir in allen Punkten Recht, vor allem, dass dieser Film weniger Beachtung geschenkt bekommt, als er verdient. Dabei ist er, meiner Meinung nach, sogar DVD-Abendtauglich, was vor allem an den ausgesprochen unterhaltsamen Dialogen liegt.

      Gefällt mir

Kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s