Kamikaze Girls

Kamikaze Girls

Der Originaltitel Shimotsuma monogatari heißt wörtlich übersetzt „Shimotsuma-Geschichte“, wobei Shimotsuma ein kleines ländliches Kaff unweit von Tokyo ist. Der internationale Titel lautet allerdings – wohl der Einfachheit halber – Kamikaze Girls, was zwar wesentlich prägnanter klingt, unglücklicherweise aber nun den selben Namen wie eine japanische Filmreihe mit pornographischem Inhalt trägt. Wer jedoch nicht gerade die obskursten Importshops aufsucht, sollte eine Verwechslung vermeiden können und bekommt eine quietschbunte Komödie von Tetsuya Nakashima serviert, inklusive Rokoko-Kleidchen und Bikergangs.

Versailles im 18. Jahrhundert, dorthin verschlägt es die 17-jährige Momoko (Kyôko Fukada) in ihren Tagträumereien. Die dekadente Mode des französischen Rokoko-Adels hat es ihr derart angetan, dass sie sich in Tokyo stets die neuesten Kleider kauft und tagein tagaus nichts anderes trägt. Momokos Mutter, eine ehemalige Prostituierte, hat die Familie längst verlassen, ihr Vater, ein Ex-Yakuza, verdient sich seine Brötchen mit dem Verkauf gefälschter Designermode. Als der Betrug auffliegt, sind er und Momoko gezwungen, die Stadt zu verlassen und aufs Land, nach Shimotsuma, zur etwas wirren Großmutter zu ziehen. Um sich weiterhin aufputzen und in teure Kleider hüllen zu können, braucht Momoko allerdings dringend das nötige Kleingeld. Kurzerhand beschließt sie, die Restbestände der falschen Markenkleidung zu verschleudern. Dabei lernt sie die rebellische Ichigo (Anna Tsuchiya) kennen, die ihr immer wieder völlig begeistert große Klamottenmengen für sich selbst und ihre Frauen-Bikergang abkauft. Obwohl keine der beiden es zugeben würde, werden sie schnell unzertrennliche Freunde. Und schon bald kommt Momoko nicht umhin, ihre neugewonnene und nun einzige Freundin auf eine Mission nach Tokyo zu begleiten, um eine legendäre Stickerin zu finden, denn Ichigo plant für die abdankende Anführerin ihrer Gang eine ganz besondere Stickarbeit…

So skurril der Plot bis hierhin auch ist, ist er zugleich eine wunderbare, stilisierte Veranschaulichung japanischer Pop- und Jugendkulktur. Die Charaktere sind mit ihrem auffälligen Äußeren und ihren seltsamen Eigenheiten letztlich nicht schlecht getroffene – wenngleich überzeichnete – Abbilder realer Phänomene. Momokos Hang zur sogenannten Lolita-Mode ist in Japan zwar nicht allgegenwärtig, aber weder selten, noch eigenartig. Im Film kauft sie ihre Kleider bei einem Label namens Baby, The Stars Shine Bright, einer übrigens tatsächlich existierenden Marke für derartige Modewünsche. Auf der anderen Seite passt die aufmüpfige, toughe Ichigo genau ins Bild der in den 80ern aufkommenden Subkultur, die man in Japan gemeinhin als Yankī bezeichnet: Rebellische Jugendliche, die ihrer kriminellen Ader freien Lauf lassen und der Obrigkeit entgegenwirken, wo sie nur können. Präziser definiert man Mädchen wie Ichigo sogar als Teil der Bōsōzoku. Unter diesem Namen fasst man vor allem jugendliche Gangs zusammen, die mit illegal aufgerüsteten Motorrädern und -rollern die Straßen unsicher machen und sich vornehmlich in Pilotenoveralls oder bestickte Mäntel kleiden.

Nakashimas Film ist zum einen zwar eine spaßige Komödie, die in schrillen Farben daherkommt, andererseits aber auch eine Kritik am Trendwahn und Gruppenzwang der Japaner, der die tatsächlichen Bedürfnisse eines Individuums leugnet und ihm stattdessen ein falsches Glück vorgaukelt, wie Momoko und Ichigo am eigenen Leib erfahren müssen.
Während einiger animierter Sequenzen und einer visuell äußerst ansprechenden Collage aus Renaissance-Gemälden versucht Momoko dem Zuschauer bereits zu Beginn des Filmes weiszumachen, dass sie nichts als ihre hübschen Kleider brauche, dass sie Freunde als überflüssig und unnötig erachte. Ichigo hingegen ist der Meinung, dass man nur weit kommt, wenn man hart ist und dass eine Frau ohnehin niemals weint. Im Laufe ihres gemeinsamen Abenteuers werden beide Mädchen natürlich eines besseren belehrt, doch Kamikaze Girls kommt dabei glücklicherweise ohne aufgesetzten Kitsch aus und setzt in einer ungewöhnlichen Freundschaft in einer Welt aus falschen Markenprodukten und falschen Idealen auf echte Emotionen.

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2 Gedanken zu “Kamikaze Girls

  1. Hm, würde ich mir ansehen. Aber momentan habe ich nur etwas für Sachen wie Funky Forest oder Donju übrig.
    An sich ist ja die eigentliche Popkultur in Japan in diesem Film ja sehr oberflächlich behandelt worden. Ich meine eine Lolita und ein Bōsōzoku Mädchen sind ja nicht gerade DIE Vorzeige Gruppen in Japan. Da hätte ich eher die Gyaru genommen oder halt die ganzen Fujoshis weil die doch eher da vertreten sind. Ich denke mal „Trendwahn und Gruppenzwang der Japaner“ passt schon. xD

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    1. Natürlich geht der Film nicht allzu sehr in die Tiefe, will er doch schließlich auch immer noch lockere und lustige Unterhaltung sein, aber das tut dem Ganzen ja keinen Abbruch. Und ich halte die Wahl von Lolita und Bōsōzoku eigentlich für ziemlich gut, weil der Plot ja gerade um diese stark ausgeprägte Gegensätzlichkeit der beiden funktioniert. Da hätten Gyaru und Fujoshi sicher weniger gepasst.

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