Goyas Geister

Goyas Geister

Wenn es eine Sache gibt, der sich der in Tschechien geborene Amerikaner Miloš Forman stets mit besonderer Hingabe widmet, dann ist es der Kampf des Individuums gegen eine mächtige Institution, um ihre Falschheit zu entlarven. Das war bereits in seinem preisgekrönten Drama Einer flog über das Kuckucksnest (1975) der Fall und setzt sich auch in seinen späteren Werken wie beispielsweise Larry Flynt – Die nackte Wahrheit(1996) und dem 2006 produzierten Goyas Geister fort.

Spanien, 1792. Francisco de Goya (Stellan Skarsgård) hat sich einen Namen als Künstler gemacht und ist mittlerweile als Hofmaler für den spanischen König tätig. Seine Muse Inés (Natalie Portman), die Tochter des befreundeten Kaufmanns Tomás Bilbatúa (José Luis Gómez), findet sich sowohl auf einzelnen Gemälden, als auch als Teil seiner Fresken wieder. Eines Tages wird sie jedoch fälschlicherweise der Häresie angeklagt, die sie der Inquisition unter Folter gestehen muss. Pater Lorenzo (Javier Bardem), der, inspiriert durch kirchenfeindliche Zeichnungen Goyas, diese eigentlich nicht mehr zeitgemäßen Inquisitionsmethoden erst wieder eingeführt hatte, vergewaltigt die im Verlies dahinvegetierende junge Frau mehrfach. Nachdem Lorenzo von Inés‘ Vater unter einem Vorwand zu sich nach Hause eingeladen und anschließend ebenfalls unter Folter ein absurdes Geständnis unterzeichnen muss, wird er von der Kirche zum Ketzer erklärt und muss aus Spanien fliehen. 15 Jahre später kehrt er zurück und bringt die gewaltsamen Auswirkungen der französischen Revolution mit sich, als Napoléons Truppen in das Land einmarschieren.

Miloš Forman teilt die Handlung seines Filmes in zwei wesentliche Abschnitte: Die erste Hälfte beschäftigt sich mit den unmenschlichen Prinzipien und der moralischen Verwerflichkeit der Kirche, während sich die zweite Hälfte dem gewaltsamen Umsturz der Machtverhältnisse widmet. Über all dem steht allerdings nicht – wie man vielleicht vermuten würde – die persönliche Geschichte des Künstlers Francisco de Goya, sondern die Wandlung des Geistlichen Lorenzo vom gläubigen Mönch zum revolutionären Atheisten. Dahinter steckt eine allgegenwärtige Kritik an der Institution Kirche. Die Figur des Tomás, der zunächst verzweifelt versucht, die Freilassung seiner Tochter zu erbitten, zeigt mit seiner anschließenden Folterung Lorenzos auf, wie irrsinnig es ist, Geständnissen, die unter der sogenannten peinlichen Befragung in einem Inquisitionsprozess gemacht wurden, einen Wahrheitsgehalt zuzusprechen. Zudem liegt es dem Regisseur am Herzen, die widerliche Doppelmoral der Kirchenmitglieder zum Vorschein zu bringen, indem er Lorenzo als Charakter präsentiert, der seine Machtverhältnisse ausnutzt, seine Menschlichkeit ablegt und sich an der gefangenen Inés vergeht. Dieser erste Abschnitt ist spannend inszeniert und hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf.
Der Vergeltungsplot und die Systemkritik, die die Geschichte bis hierhin so stark gemacht haben, würden sogar abgetrennt vom zweiten großen Handlungsabschnitt funktionieren. Danach geht dem Film ein wenig die Luft aus. Zwar ist es interessant, zu sehen, wie sich Lorenzo unter dem Druck der politischen Verhältnisse zum Befürworter atheistischer Ideen und revolutionärer Gedanken gewandelt hat, doch die persönlichen Schicksale von Goya und Inés verlieren an Bedeutsamkeit, obwohl ihnen auch hier nicht wenige Szenen gewidmet sind. Positiv ist zu bemerken, dass Forman eine einseitige Betrachtungsweise der Geschehnisse ablehnt und in kompromisslosen Bildern zeigt, dass die Revolution nicht nur Gutes mit sich bringt, sondern erst einmal Gewalt und Leid gegenüber hilflosen und auch unschuldigen Menschen, um ihre Prinzipien durchzusetzen und eine neue Geisteshaltung zu etablieren. Abgesehen davon fehlt dem Schlussdrittel etwas die Kraft, ganz so wie Goya, der mittlerweile taub und altersschwach hinkend, mit den Geschehnissen nicht mehr mithalten kann.

Wer bei Goyas Geister ein filmisches Porträt über Francisco de Goya erwartet, wird enttäuscht; eine Sache, die sich dem Film vorwerfen lässt. Forman drehte ein sehenswertes historisches Drama, doch der Name Goya führt in die Irre, ist die Figur selbst schließlich weitgehend nur Zuschauer der Handlung und nicht etwa Protagonist, der maßgeblichen Einfluss darauf nimmt. Dabei böte gerade Goyas Konflikt mit der Kirche einiges an Potential, um Formans Intentionen zu stärken und dem Charakter etwas an Passivität zu nehmen. Dass sich der Maler beispielsweise für seine kritischen Bilder persönlich vor der Inquisition verantworten musste, lässt der Film völlig außer Acht.
Nichtsdestotrotz gelingt dem Regisseur ein guter Historienfilm über die menschenverachtenden Methoden der spanischen Inquisition und ihre Vertreter, der zwar den titelgebenden Francisco de Goya zu sehr vernachlässigt, aber den Kampf des Indivuums gegen die Institution von innen heraus annimmt, indem er einen souverän aufspielenden Javier Bardem in der Rolle des Lorenzo in den Mittelpunkt rückt.

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