Only God Forgives

Only God Forgives

In Cannes schlugen ihm Buh-Rufe entgegen, die Kritiker spaltet er und Fans, die erst über seinen vorherigen Film auf ihn aufmerksam wurden, fühlen sich nun teilweise vor den Kopf gestoßen. Die Rede ist von Nicolas Winding Refn und seinem neuesten Streich Only God Forgives. Eine Art Drive in Thailand wurde von einigen befürchtet und von anderen sogar erhofft. Stattdessen gelingt dem Dänen mit seinem stilisierten Rachedrama ein sperriges Werk, das in seiner ruhigen, symbolhaften Inszenierung noch am ehesten an Walhalla Rising aus Refns Schaffen erinnert.

Hinter der Fassade eines Thai-Boxclubs betreiben Julian (Ryan Gosling) und sein Bruder Billy (Tom Burke) ein schmutziges Drogengeschäft unter der Leitung ihrer dominanten Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas). Als Billy ein sechszehnjähriges Mädchen vergewaltigt und tötet, wird er vom Polizisten Chang (Vithaya Pansringarm) hingerichtet. Von seiner skrupellosen Mutter aufgefordert, begibt sich Julian auf die Suche nach dem Mörder seines Bruders, um Rache zu nehmen.

Sein Weg führt ihn dabei durch das nächtliche Moloch Bangkoks in dessen Neonfarben Regisseur Refn eine Geschichte um Emanzipation, Impotenz und die Illusion der Maskulinität erzählt. Der Rhythmus des Erzählten ist allerdings von einer bedrohlichen Langsamkeit geprägt. Gemeinsam mit der extrem statischen Kameraführung und dem tieffrequenten Dröhnen auf der Tonebene, erschafft er einen Sog in eine durch all die künstlichen – rot dominierten – Lichter widernatürlich wirkende Zwischenwelt, aus der es kein Entkommen gibt. Die Dialoge sind knapp und beschränken sich in ihrer Gesamtheit auf das nötigste, denn der Fokus liegt klar in der audiovisuellen Gestaltung, die bisweilen Erinnerungen an Gaspar Noés meisterhaften Trip Enter the Void (2009) hervorruft und oft so viel mehr mitzuteilen weiß, als es Worte könnten.
Eine weitere essentielle Basis für die dichte Atmosphäre ist definitiv die Musik. Hierfür zeichnete Komponist Cliff Martinez verwantwortlich und wer gedacht hatte, er könne sich nach seinem hervorragenden Soundtrack für Drive nicht noch weiter steigern, wird eines besseren belehrt. Pumpende Synthiebeats reihen sich an exotische Thai-Schlager zu einem außergewöhnlichen Klangbild, das seinesgleichen sucht.

Das Geschehen ist unheimlich faszinierend, aber eben auch kryptisch, metaphorisch aufgeladen und mit symbolischen Augenblicken versehen, die einer eigenständigen Deutung durch den Zuschauer erfordern. Wie im Taumel fließt er dabei von Sequenz zu Sequenz mit der einzigen Gewissheit, dass es in Refns Film keine Vergebung gibt. Das macht der Regisseur durch die dargestellte Gewalt überdeutlich, die immer wieder aus der ruhigen, spirituellen Inszenierung explosionsartig hervortritt. In den expliziten Bildern steckt jedoch nichts glorreiches, sondern eine Leere, die auch keiner der Charaktere für sich endgültig zu füllen vermag. Zweifel an der Sinnhaftigkeit solcher Taten, sowie die Infragestellung klassisch-maskuliner Strukturen schwingen bei jedem Hieb mit der Faust und bei jedem Schwung mit dem Schwert unweigerlich mit.
Julian ist mehr Werkzeug, denn Rächer; trotzdem treibt ihn ein sehnsüchtiges Streben voran, ein Wunsch nach Anerkennung und Loslösung zugleich, die ihm seine erbarmungslose, wunderbar monströs von Kristin Scott Thomas gespielte Mutter verweigert. Über all dem hängt die unaufhaltsame Klinge Changs, dem Racheengel mit ganz eigener Moral, der wie eine gottgleiche Naturgewalt durch die nächtlichen Straßen zieht und Sünder bestraft.

Only God Forgives ist eine ästhetische Pracht, die einen Blick hinter den bunten Schleier in die Abgründe der menschlichen Seele gewährt. Refns jüngster Film ist sein vielleicht unzugänglichstes Werk: Gewalttätig, abweisend und metaphorisch; der Konventionalität widerstrebend und ein Abgesang auf das Macho-Kino. Der Zuschauer wird mitunter ein wenig orientierungslos zurückgelassen, doch wenn man von der ersten Minute an gepackt wird, lässt einen Refns fiebriger Rausch so schnell nicht wieder los.

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5 Gedanken zu “Only God Forgives

  1. Ah, und ich dachte schon ich wäre der einzige dem der Film gefällt. Hervorragende Kritik, aufmerksam beobachtet und gut geschrieben.

    Insgesamt ein sehr schöner Blog, mit ner Menge Filmen die sonst nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen zusteht. Hab auch definitiv noch zu wenige von ihnen gesehen, müsste ich mal dran arbeiten… aber die Seite hier eignet sich ganz gut als Liste :) ich packe dich auf jeden Fall mal in unsere Blogroll, wenns recht ist…

    Ach so, hier ist meine Kritik, falls es wen interessiert ^^ http://diemedienkritiker.com/2013/07/17/filmkritik-only-god-forgives/

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    1. Och, es gibt noch ein paar mehr, denen der Film zusagt. Er polarisiert ja ziemlich, aber stimmt schon, die Negativstimmen sind leider ein wenig in der Überzahl, befürchte ich. Danke für das Lob!
      Ich habe mir mal deine Kritik durchgelesen. Sehr schön, stimme mit deiner Meinung weitgehend überein. :)

      Danke für die Aufnahme in eure Blogroll. Ich kann euch im Gegenzug natürlich auch verlinken. Die Seite macht jedenfalls bereits einen guten Eindruck, auch wenn ich mir jetzt erst einmal nur einen groben Überblick verschaffen konnte.

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